Tag 709: Überwinterungspläne

von Heiko Gärtner
20.12.2015 22:48 Uhr
Von Aristi aus ging es am Morgen gleich wieder steil bergauf. Wir hatten am Vortag all unsere Vorräte verbraucht und mussten daher nun ohne ein Frühstück in den Tag starten. Bei der Steigung war das keine leichte Sache und wir hatten ein bisschen Angst, dass wir mit unserem Magenknurren ein paar Bären anlocken würden.

Doch die hatten sich wahrscheinlich noch immer tief in ihren Höhlen verkrochen, denn das Wetter lud auch heute nicht unbedingt zum rausgehen ein. Es wechselte seinen Zustand alle paar Minuten. Über uns rasten die Wolken dahin als seien sie auf Speed und mit ihnen zogen auch die Regengüsse über uns hinweg. In einer Sekunde prasselten die dicken Tropfen auf uns herab und im nächsten Moment kam die Sonne hervor um uns wieder zu trocknen. Dann folgte sofort der nächste Regenguss und alles ging wieder von vorne los. Hin und wieder kam es sogar vor, dass wir gleichzeitig vom Regen begossen und von der Sonne getrocknet wurden. Das muss ziemlich verwirrend gewesen sein, für das Wasser auf unserer Kleidung. Später erfuhr ich, dass das Wetter in der letzten Zeit auch hier ziemlich verrückt spielte. Früher war es um diese Jahreszeit deutlich trockener und wärmer. In den letzten fünf Jahren war noch alles in Ordnung gewesen doch dann war plötzlich eine Wetterveränderung eingetreten, die sich hier niemand erklären konnte. Zuvor hatte es einen sanften, fließenden Übergang zwischen Sommer und Winter gegeben, nun kühlte es plötzlich rapide ab und dazu kamen diese kräftigen Regengüsse, die bis dahin auch vollkommen unbekannt waren. Daraus ergaben sich natürlich ernste Probleme für die Landwirtschaft und auch für den Tourismus. Die beiden Standbeine also, auf die Griechenlands Wirtschaft hauptsächlich aufgebaut war. Ob es ein Zufall ist, dass diese Wetterveränderungen zeitgleich mit der Bankenkrise eingetroffen waren? Dass sie nicht natürlich waren ließ sich jedenfalls nicht anzweifeln, denn dazu wurde der Himmel einfach viel zu sehr mit Chemtrail übersäht.

Nach unserem Marathon-Aufstieg umrundeten wir einen kleinen Pass und folgten dann der Straße wieder in ein Tal hinab. Für zwei Tage würde es nun erst einmal ein bisschen Flacher weitergehen. Dann kamen einige weitere Gebirgsketten bevor wir schließlich aufs Meer treffen würden.

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In unserem Hotel in Aristi hatten wir einen neuen Plan geschmiedet, der unsere Stimmung wieder aufhellen ließ. Wir wollten ans Meer wandern und gaben uns selbst die Zeit bis zur Küste als eine Art Probezeit. Wenn sie uns nicht überzeugte, dann nahmen wir eine Fähre um damit nach Italien überzusetzen. Wir hatten immerhin bislang nur den nördlichen Teil gesehen und der Süden, sowie die Insel Sizilien standen noch immer aus. Klar hatte es auch in Italien vieles gegeben, mit dem wir nicht immer einverstanden gewesen waren, doch vor allem im Winter hatte das schuhförmige Land einige unschlagbare Argumente. Nirgendwo sonst gab es eine so hohe Chance auf Indoorschlafplätze wie in Italien. Abgesehen von Deutschland und Frankreich vielleicht, aber die lagen außerhalb der Reichweite. In Italien hatten wir zwar auch keinen engeren Kontakt zu den Einheimischen gehabt als hier aber sobald wir dort auf einen Pfarrer gestoßen waren, war dies fast immer ein Garant dafür gewesen, dass wir alles bekamen was wir brauchten. Pfarrhäuser, Kommunions-Schulungsräume und Caritas-Stationen wirkten nun wie ein weit entfernter Traum auf uns. Vielleicht erwies sich Griechenland ja auch noch als solch ein Traumland, aber wenn nicht, dann hatten wir nun wieder eine Alternative vor Augen, die uns den Winter angenehm gestalten würde. Im Frühjahr konnten wir dann ja in aller Ruhe nach Griechenland zurückkehren und hier wieder im Zelt übernachten. Dann wurden die tage wieder länger, das Wetter wieder wärmer und die Nächte wieder trockener. Und wir waren wieder erholter und konnten uns nach der Winterpause auf ein neues Abenteuer in freier Wildbahn einlassen. Alles in allem schien es also eine gute Idee zu sein.

Unten im Tal kamen wir auf eine Hauptstraße, auf die erste große Straße im Land, die wirklich befahren war. Es war auch der erste Ort, an dem es so etwas wie Läden und Imbissbuden gab. Sogar ein großer Supermarkt befand sich in Reichweite, der jedoch geschlossen hatte, weil heute Sonntag war.

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Vor dem Supermarkt aber trafen wir drei Menschen, die uns auf Englisch ansprachen. Zunächst dachten wir, es handele sich bei ihnen um eine Familie, doch wie sich herausstellte waren es Freunde, die alle einem Bergsportverein angehörten. Sie stammten aus Athen und waren hier hergekommen, um für ihren Verein eine neue Wanderroute auszukundschaften. Einer von ihnen hieß Diamantis, was wir uns aus offensichtlichen Gründen sofort merken konnten. Die anderen trugen leider keine so einprägsamen Namen. Trotzdem luden sie uns ein, sie zu besuchen, wenn wir nach Athen kämen. Sie besaßen ein Vereinshaus etwas außerhalb der Stadt und wenn wir wollten, konnten wir dieses als Stützpunkt nutzen um die Griechische Hauptstadt zu erkunden. Ein großartiges Angebot und wenn wir im Frühjahr zurück nach Griechenland reisen, werden wir sicher darauf zurückkommen. Bevor wir uns verabschiedeten schenkten sie uns dann sogar noch 10€ als kleine Reiseunterstützung.

Leider gab es auch in diesem Ort keine Übernachtungsmöglichkeit. Die Kirche war zwar vorhanden und schien auch leerstehende Räume zu haben, doch wieder war sie verlassen und ein Pfarrer ließ sich nicht auftreiben. Auch einen Bürgermeister fanden wir nicht und so zogen wir weiter bis ins nächste Dorf. Nun kamen wir in eine Flachebene und wanderten durch einige Felder. Es wirkte fast ein bisschen, als müsste gleich vor uns schon das Meer kommen. Doch es kam nicht. Stattdessen tauchten hinter den Feldern wieder neue Berge auf. Hohe Berge. Ein bisschen zu hoch, um sie auch noch heute in Angriff zu nehmen. Leider lag auch das Dorf auf einem dieser Berge und so sahen wir von einem weiteren Versuch auf einen Indoorschlafplatz ab. Es lohnte sich einfach nicht, den ganzen Weg nach oben zu gehen um dann am Ende doch das Zelt im Tal aufzubauen. Außerdem wussten wir nicht, wie lange es noch trocken bleiben würde.

Wie sich später zeigte, war diese Taktik nicht verkehrt, denn das Dorf erwies sich nicht als das hilfreichste, das wir je besucht hatten. Als ich zum Essen sammeln hineinging war ich nach kurzer Zeit so frustriert wie schon lange nicht mehr. Fast jeder reagierte mit Hass und Ablehnung noch ehe ich überhaupt etwas sagen konnte. Einer jagte mich sogar von seinem Hof und drohte mir mit der Polizei. Ich hatte nur Hallo!" gesagt und gefragt, ob er vielleicht ein bisschen Englisch sprach, aber er war so erzürnt über meine bloße Anwesenheit, dass ich keine Chance hatte. Was war bloß los in diesem Dorf? Wovor hatten die Menschen so eine Angst? Ich war frustriert wie lange nicht mehr und sah uns bereits einen Fastentag einlegen, bevor ich dann doch noch einige Menschen traf, die mich nicht zu hassen schienen. Ich bekam ein bisschen Wasser und etwas Brot mit Feta, sowie ein bisschen Obst und Gemüse. Es reichte für den Abend und vielleicht sogar für den nächsten Morgen. Dennoch kehrte ich mit gemischten Gefühlen zum Zelt zurück, weil ich einfach nicht verstehen konnte, warum die Menschen hier so vollkommen anders reagiert hatten, als die im letzten Ort.

Am nächsten Morgen lag ein dichter Nebel über den Feldern. Wieder einmal war alles nass und allmählich begann es wirklich an unseren Kräften zu zehren. Die Idee von Italien erschien immer verlockender.

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Die Wanderung am Vormittag machte jedoch einiges wieder gut. Es war vollkommen still und alles war so friedlich und harmonisch, dass wir es kaum glauben konnten. Es war, als wanderten wir durch eine Traumwelt, die gerade aus den Nebelschwaden erschaffen worden war.

Nach einigen Kilometern in den Feldern ging es wieder in die Berge und erneut schraubte sich die Straße immer weiter in die Höhe. Ein Pick-Up voller Ziegen überholte uns. Die armen Tiere waren so dicht auf die Ladefläche gequetscht, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten. Kein Zentimeter Luft war zwischen ihnen. Selbst wenn sie bei der Fahr starben, würde man von außen keinen Unterschied sehen können. Mit der Tierliebe war es hier also wohl auch nicht allzu weit her.

Auf dem Weg durch die Berge kamen wir durch mehrere kleine Dörfer, die nun aber bei weitem nicht mehr so einladend waren, wie Aristi. Überall bellten wütende Hunde und an jeder Ecke ertönte Baustellenlärm. Auch die Schönheit der Häuser hatte etwas abgenommen, wobei dies von Ort zu Ort stark variierte.

Am meisten aber machte uns die unglaubliche Mücken- und Fliegenplage zu schaffen. Sie begleitete uns nun schon seit wir Griechenland betreten hatten und war eher schlimmer als besser geworden. Sobald man stehen blieb setzten sich hunderte von Fliegen auf einen. Überall dort, wo sie nicht saßen wurde man dann von Mücken zerstochen. Sogar während des Wanderns fielen sie über uns her, während es sich die Fliegen auf unseren Wagen bequem machten. Teilweise waren sie regelrecht schwarz vor den Insekten, die dicht an dicht auf der Oberfläche saßen.

In unserem Zieldorf trafen wir wieder auf einen Schäfer. Diesmal war es ein junger Mann, der uns freundlich grüßte und der uns empfahl, uns an seinen Bruder zu wenden. Dieser wohnte mit den Eltern mitten im Dorf gegenüber der alten Schule und konnte uns sicher einen Schlafplatz besorgen. Wie sich herausstellte war der Bruder leider nicht ganz so sympathisch wie der Schäfer und was die Schlafplatzvermittlung anbelangte, hielt er sich etwas zurück. Es gäbe zwar einen Raum, den wir bekommen könnten, doch da müsse erst der Bürgermeister zustimmen. Den konnte er jedoch nicht erreichen. Nach einigem Hin und Her einigten wir uns auf eine Zwischenlösung. Wir konnten die Wagen herholen und uns zum Arbeiten und Warten in die leere Schule setzen. Anschließend konnte dann der Bürgermeister entscheiden, ob wir auch dort schlafen durften oder nicht. Wenn nicht, dann hatten wir immerhin einige Zeit Strom und konnten dann unser Zelt noch immer aufbauen.

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Als wir jedoch mit dem Gepäck an der Schule ankamen, hatte der Mann seine Meinung bereits wieder geändert. Der Bürgermeister würde sich sicher betrinken und vielleicht mochte er es nicht, wenn fremde in der Schule saßen. Wir müssten also draußen warten und auch im Freien arbeiten, bis der Verantwortliche kam. Doch dies war unmöglich, da es bereits wieder zu regnen begonnen hatte. Wir kehrten also um, gingen den ganzen Weg zurück und bauten unser Zelt doch vor dem Ort auf. Später trafen wir dann doch noch auf den Bürgermeister. Er war zwar wirklich betrunken, war jedoch ein freundlicher und lockerer Kerl, der nicht das geringste gegen irgendetwas hatte. Als er erfuhr, dass wir im Zelt und nicht in seiner Schule schliefen, war er sogar traurig und sah es fast als Beleidigung an. Der ganze Aufwand war also umsonst gewesen. Wieder hatten wir dadurch Unmengen an Zeit verloren, die wir anders sinnvoller hätten nutzen können, als ein paar Mal im Kreis zu laufen. Immerhin durften wir aber trotzdem noch den Strom und das Internet von der Schule abzapfen und fanden bei dieser Gelegenheit heraus, dass uns Victorinox mit einem weiteren Multitool unterstützen wollte. So endete der Tag dann also doch noch mit einer richtig guten Nachricht.

Spruch des Tages: Sollen wir uns für den Winter doch wieder für einen Platz in Italien entscheiden?

Höhenmeter: 630 m

Tagesetappe: 42 km

Gesamtstrecke: 12.639,27 km

Wetter: teilweise sonnig, teilweise bewölkt, abends Regen

Etappenziel: Museum der Diözese, 88069 Squillace, Italien

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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