Tag 711: Wie wir beinahe nicht nach Italien übergesetzt hätten - Teil 1

von Heiko Gärtner
21.12.2015 00:30 Uhr

Je mehr wir uns nun der Küste nährten, desto mehr verschwand die Idylle des einsamen Hinterlandes. Die Straßen waren nun stärker befahren und die Orte verloren mehr und mehr von ihrem ursprünglichen Reiz. Als ob es eine Art Verpflichtung wäre, dass Küste immer auch Lautstärke bedeutet, kamen nun auch wieder die üblichen Störgeräusche wie Kettensägen, Freischneider und dergleichen hinzu. Aus der Ferne hörten wir ein wildes Glockenleuten, so als würden gleich zehn Kirchtürme auf einmal darum kämpfen, wer von ihnen dem größten Lärm verursachen konnte. Als wir jedoch näher kamen stellten wir fest, dass es sich nicht um Kirchenglocken sondern um Kuhglocken handelte. Besser gesagt um Schafs- und Ziegenglocken. Vor uns befand sich eine schier unendlich große Herde mit Schafen und Ziegen, die über die Straße getrieben wurde. Mehrere Autos stauten sich dahinter und warteten mehr oder weniger geduldig darauf, irgendwie vorbeikommen zu können. Auch wir mussten uns in die Schlange mit einreihen, konnten uns aber langsam vorarbeiten und wurden so selbst ein Teil der Herde. Ein Teil, der von den Hütehunden jedoch nicht akzeptiert wurde, denn diese drehten förmlich durch vor lauter bellen.

Einer der Hirten erzählte uns, dass er aus Albanien stammte und hier zum Arbeiten hergekommen war. Die Herde, die er hier betreute umfasste seiner eigenen Schätzung nach rund 700 Tiere. Vielleicht waren es auch mehr. Genau wusste er es nicht.

Angeführt wurde die Kolonne von einer kleinen Gruppe großer Ziegen, die neben einem weiteren Hirten herlief. Jede von ihnen trug eine besonders große Glocke um den Hals, die noch lauter bimmelten, als die aller anderen Herdenmitglieder. Es war für uns unbegreiflich, wie der Hirte, der diese Ziegen begleitete, ihnen und sich selbst so etwas antun konnte. Wir jedenfalls waren heilfroh, als wir die Herde hinter uns gelassen und einiges an Abstand gewonnen hatten.

Vom Canyon aus gab es nur noch eine große Straße, die bis hinunter ans Meer führte. Wenn wir also einigermaßen ruhig schlafen wollten, dann mussten wir versuchen, so weit wie möglich von dieser Straße abzubiegen und uns irgendwo in die Orangenfelder zu schlagen. Wir fanden schließlich einen Platz unter ein paar Olivenbäumen, die mitten in den Orangenplantagen standen. Morgen würden wir nun die Küste erreichen. Dann würde sich zeigen, ob wir weiter in Griechenland bleiben oder nach Italien übersetzen würden. Noch ahnten wir nicht, was durch diese kleine Idee alles auf uns zukommen würde.

Als wir am Morgen erwachten war noch immer nichts entschieden. Beide Pläne standen im Raum und für beide waren wir offen. Doch das Wetter schien eindeutig dafür zu sein, dass wir ausreisten, denn wieder einmal regnete es in strömen und es schien fast, als wollte uns der Wettergott aus Griechenland herausspülen. Ganz so leicht ließen wir uns dann aber doch nicht beeindrucken und begannen den Tag erst einmal mit einem Frühstück im Bett. Vielleicht hörte es ja auch einfach wieder auf. Vielleicht!

Aber nein, es regnete weiter und so blieb uns schließlich nichts anderes übrig, als im Regen abzubauen und loszuziehen. Die regennasse Fahrbahn machte das Wandern auf der inzwischen stark befahrenen Straße nicht unbedingt angenehmer. Noch ein Argument um überzusetzen, denn gerade verschwanden auch noch die Vorteile, mit denen uns Griechenland bislang bestochen hatte.

Gegen Mittag erreichten wir Igoumenitsa, die Hafenstadt von der aus die Fähren nach Korfu, Kreta und Italien abgingen. Es war eine unangenehme Stadt voller Verkehr und hässlichen Häusern. Wieder fragten wir uns, warum gerade die Küste bei Urlaubern so beliebt war, wo doch das Hinterland so viel schöner war.

In einem Supermarkt schauten wir uns nach etwas zum Essen um. Wenn wir übersetzen wollten, dann waren einige Leckereien nicht verkehrt und wenn nicht, dann konnte es nicht schaden, sich zumindest ein bisschen über die Preise zu informieren. Sie waren gelinde gesagt schockierend und sprachen ebenfalls für eine Überfahrt. Selbst so banale Dinge wie ein Päckchen Reis kosteten bereits mehr als 3€. Wenn wir also nicht rein von dem leben konnten, was uns die Menschen schenkten, dann würden wir in diesem Land finanziell ausbluten. Das stand nun fest. Andererseits war aber natürlich auch die Überfahrt wahrscheinlich nicht billig und man konnte sicher eine Menge überteuerten Reis kaufen, um wieder beim gleichen Stand herauszukommen.

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Vom Supermarkt aus schlängelten wir uns auf Nebenstraßen durch die Stadt, bis wir schließlich das Meer erreichten. Das Meer selbst zu sehen erfreute uns dann doch wieder. Es war schon verständlich, warum es die Menschen so faszinierte. Nur warum sie es immer so verschandeln mussten, konnten wir nicht verstehen. So schön das Meer auch war, wir hatten bislang nur wenige Plätze gefunden, an denen man es wirklich genießen konnte. Igoumenitsa gehörte leider nicht dazu.

Als wir den Hafen erreichten regnete es noch immer wie aus Gießkannen.

Wo fahren die Fähren nach Italien ab?" fragte ich die Dame an einem der Informationsschalter.

Vom Neuen Hafen’", antwortete sie, das ist der Hafen am anderen Ende der Stadt. Hier gibt es nur Fähren nach Korfu!"

Wir mussten also noch ein gutes Stück weiter. Dabei verließen wir den Teil, der für gewöhnliche Touristen offensichtlich der angenehme hätte sein sollen und kamen in den eigentlichen Hafenbereich, also die Ecke, die niemand mehr mögen konnte.

Nach einigen hundert Metern leuchtete links der Straße ein großes Werbeschild auf, das Fahrten nach Italien ankündigte. Es gehörte zu einem Reisebüro in dem wir uns nun nach näheren Informationen umhören wollten.

Klatschnass betraten wir das Büro. Der Tresen war leer aber weiter hinten im Raum standen drei Männer, die sich unterhielten. Eine von ihnen kam auf mich zu, schickte mir dann jedoch einen Kollegen, als er erfuhr worum es mir ging.

Ich habe ein paar Fragen zur Fähre nach Brindisi, Italien ", sagte ich.

Der Mann nickte nur und machte eine Geste, die mir zeigen sollte, dass er mir zuhörte.

Was kostet die Fährverbindung für zwei Personen und wann fährt die Fähre von hier ab?" fragte ich.

Der Berater sagte nichts sondern gab nur einige röchelnde Laute von sich. Erst jetzt fiel mir auf, dass er keinen Kehlkopf hatte und daher überhaupt nicht sprechen konnte. Irritiert schaute ich ihn an und er blickte etwas hilflos zurück. Warum stellte man einen Menschen als Berater ein, der fast nicht sprechen konnte? War das nicht vollkommen paradox? Es gab sicher tausende von Tätigkeiten, die dieser Mann hervorragend ausführen konnte, aber eine Beratertätigkeit bei der er einen direkten, verbalen Austausch mit Kunden hatte, gehörte sicher nicht dazu. Man kam doch auch nicht auf die Idee, einen Blinden als Fotodesigner einzustellen oder einen Tauben als Tontechniker.

Einen Moment lang herrschte ein peinliches Schweigen. Dann versuchte der Mann mir wirklich ein paar Informationen zu vermitteln. Das Röcheln, das aus seinem Hals kam formte sich tatsächlich zu einzelnen Worten, doch es reichte leider nicht aus, um etwas zu verstehen. Mir tat der Mann leid und dem Mann tat es leid, dass er mir nichts verständlich machen konnte. Für uns beide war die Situation unangenehm und noch immer verstand ich nicht, warum uns sein Chef überhaupt in diese Lage gebracht hatte.

Kann ich mit dem Chef sprechen?" fragte ich, Ich habe eine etwas spezielle Frage."

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Erleichtert nickte er und holte den Filialleiter. Ich erklärte ihm wer wir waren und fragte, ob es sich eine Sponsor-Partnerschaft mit uns vorstellen könne. Er erklärte mir jedoch, dass er die Karten nur weiterverkaufte und selbst keinen Einfluss auf die Preise hatte. Wenn wir einen Deal aushandeln wollten, dann mussten wir uns an das Hauptbüro der Schiffslinie wenden und das war direkt im Haupthafen angesiedelt. Er konnte mit lediglich einige Informationen über die Fährfahrt geben. Die Überfahrt kostete 49€ pro Person, wenn man dabei auf jegliche Form des Komforts verzichtete. Wer eine Kabine wollte, musste 129€ auf den Tisch legen. Die Fahrt an sich dauerte rund 8 Stunden und das Schiff legte um 01:30 Uhr in der Nacht ab. Warum gerade diese unmögliche Uhrzeit gewählt wurde, wusste er auch nicht.

Etwas ernüchtert verließen wir das Büro wieder. So hatten wir uns die Überfahrt eigentlich nicht vorgestellt. Von Igoumenitsa bis nach Brindisi waren es gerade einmal 200km. Das wir dafür volle acht Stunden brauchen würden hatten wir nicht gedacht. Auch waren wir nicht davon ausgegangen, dass die Angelegenheit so teuer werden würde. Hundert Euro für acht Stunden Hölle an Deck eines lauten, menschenvollen Schiffes, an dem man wahrscheinlich kein Aug zubringen würde? Das klang noch nicht nach dem Abenteuer, das wir uns vorgestellt hatten. Doch noch gab es Hoffnung. Vielleicht konnten wir ja im Hauptbüro noch etwas aushandeln. Einen vergünstigten Tarif für eine Kabine zum Beispiel. Damit würde die Fahrt bedeutend angenehmer werden.

Der Schalter der Fährlinie im Haupthafen wurde von zwei hübschen und beeindruckend inkompetenten jungen Damen betreut. Ich erklärte ihnen unser Anliegen und bat darum, mit dem Manager zu sprechen.

Kein Problem! Warten Sie einen Moment!" sagte die hübschere von beiden und ging in den hinteren Teil des Büros. Hinter einer Glaswand saß ein pummeliger Mann mit Halbglatze und spielte mit einem Kugelschreiber. Die junge Frau sprach kurz mit ihm und kam dann wieder zu mir zurück.

Der Manager ist gerade sehr beschäftigt", sagte sie, Warten Sie bitte einen Moment, er kommt in fünf Minuten zu Ihnen!"

Ich zeigte auf eine Bank in der Wartehalle und bat sie, ihrem Chef zu sagen, dass wir dort auf ihn warteten. Fünf Minuten verstrichen. Dann zehn. Nichts geschah. Unsere Kleider waren durchnässt und in der Halle herrschte eine erfrischende Kühle, die sich langsam immer weiter in unsere inneres ausbreitete. Nach zwölf Minuten war noch immer kein Manager zu sehen, dafür hatten wir aber blaue Lippen und meine Hände begannen zu zittern. Irgendwie überzeugte uns die ganze Sache noch nicht. War es wirklich eine gute Idee überzusetzen, wenn es mit so viel Aufwand, Kosten, Stress, Kälte und Unannehmlichkeit verbunden war? Sollten wir die ganze Sache einfach vergessen und doch hier bleiben?

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Nach einer Viertelstunde kam der Manager auf uns zu. Er gab mir die Hand und sagte dann: Ich kann nichts entscheiden, da ich nur diesen Schalter hier leite. Wenn Sie einen Deal haben wollen, dann müssen sie sich an die Marketingabteilung unserer Hauptfiliale in Athen wenden. Meine Mitarbeiterin gibt Ihnen die Nummer! Schönen Tag noch!"

Dann biss er kräftig in ein Käsebrötchen und verschwand. Warum wir auf diese Information fünfzehn Minuten in der Kälte hatten warten müssen wird wohl immer ein ungelöstes Rätsel bleiben.

Fortsetzung folgt...

Spruch des Tages: Wer hätte gedacht, dass es so kompliziert ist, mit einer Fähre zu fahren...

Höhenmeter: 390 m

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 12.674,27 km

Wetter: teilweise sonnig, teilweise bewölkt

Etappenziel: Pilgerherberge, 88060 Torre di Ruggiero, Italien

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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