Tag 712: Wie wir beinahe nicht nach Italien übergesetzt hätten - Teil 2

von Heiko Gärtner
21.12.2015 00:44 Uhr

Fortsetzung von Tag 711:

Ich kehrte zum Schalter zurück und wandte mich noch einmal an die hübsche Mitarbeiterin.

Ich weiß", sagte sie, der Manager hat mir schon Bescheid gegeben!"

Sie war bereits dabei, das Internet auf der offiziellen Homepage ihrer Firma nach der Nummer der Marketingabteilung zu durchforsten. Es dauerte weitere zehn Minuten, bis sie damit Erfolg hatte. Wahrscheinlich deshalb, weil sie sich dafür entschied, den Computer nicht mit geeigneten Suchbegriffen um diese Information zu bitten, sondern durch besonders angestrengtes Starren auf den Bildschirm, während ihre Finger regungslos auf der Tastatur verharrten. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass der Computer ihr die Nummer am Ende aus reinem Mitleid aufzeigte, weil er es selbst nicht mehr mit ansehen konnte.

Sie schnappte sich einen Zettel und schrieb mir eine Nummer und einen Namen darauf.

Dies ist die Verantwortliche für Sponsoringanfragen und Werbepartnerschaften. Bitte rufen Sie dort an!" sagte sie.

Ich schaute auf den Zettel und stellte fest, dass mir die Nummer so nicht weiterhalf.

Könnten Sie mir vielleicht noch die Landesvorwahl von Griechenland dazuschreiben?" fragte ich, Ich habe nur ein deutsches Telefon."

Sie schaute mich an als hätte ich sie gebeten auf dem Tresen ihres Schalters zu strippen und dabei laut ‚Alle meine Entchen’ zu singen. Etwa eine Minute lang starrte sie mir regungslos entgegen. Dann begann sie hilflos auf ihrer Tastatur herum zu tippen und schaute dabei immer wieder zu ihrer Kollegin hinüber. Ihre Kollegin war nicht ganz so hübsch wie sie, dafür aber etwas dicker und sie besaß diesen speziellen Gesichtsausdruck, der einem von der ersten Sekunde an klar machte, dass die Probleme anderer nicht ihre Sorge waren. Sie zuckte einmal ausdruckslos mit den Schultern und kümmerte sich dann wieder um ihr Facebook-Profil, an dem sie gerade arbeitete.

Versuchen Sie doch einmal die Begriffe Ländervorwahl’ und ‚Griechenland’ bei Google einzugeben", schlug ich vor, Vielleicht spuckt er dann ja etwas aus."

Grimmig schaute sie mich an, weil ich so dreist gewesen war, ihr ihre Arbeit zu erklären, obwohl sie doch genau wusste was sie machte. Dann öffnete sie ein neues Googlefenster, tippte die beiden Begriffe ein und kam sofort auf die gesuchte Nummer.

Danke sehr!" sagte ich und fügte mit leicht sarkastischem Unterton hinzu: War doch gar nicht so schwer!"

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Leider half mir die Nummer auch mit der Vorwahl nicht weiter, denn es hob niemand ab. Erst sehr viel später wurde mir klar, dass wir Freitag Nachmittag hatten und dass es von vornherein unwahrscheinlich war, dass überhaupt noch jemand im Büro saß. Bis dahin hatte ich mir aber noch unzählige Male die Finger wund gewählt.

Da wir hier nicht weiter kamen, versuchten wir noch einmal eine Alternative zu finden. Außer der Fährlinie nach Brindisi gab es noch zwei weitere Unternehmen, die nach Italien übersetzten. Beide fuhren jedoch andere Städte an, die noch weiter entfernt lagen, so dass die Fahrt noch länger dauern würde. Aber einen Versuch war es wert.

Am ersten Schalter verwies man mich auch nur wieder ans Hauptbüro in Athen. Hier bekam ich jedoch nur die Nummer eines Callcenters in dem ich mich dann nach der Marketingabteilung durchfragen sollte. Eine elektronische Stimmer in der Leitung, die mich auf eine Wartezeit von rund 5 Minuten hinwies, machte deutlich, dass dies ein Aussichtsloses unterfangen war. Am Informationsschalter der zweiten Alternativlinie saß eine Frau aus Deutschland, von der ich zum ersten Mal an diesem Tag eine echte Reaktion auf meine Anfrage bekam. Sie versprach mir, dass sie sich um die Sache kümmern und persönlich mit ihrem Chef sprechen wollte. Ich sollte ihr dafür nur etwa eine Stunde Zeit geben.

Was also sollten wir nun machen? Noch immer hatten wir keine Antworten und noch immer wussten wir nicht, ob es eine gute oder eine schlechte Idee war, auf die Fähre zu steigen. Die Aussicht auf eine achtstündige Fahrt, die wir komplett an Deck verbringen sollten, verlockte uns überhaupt nicht, vor allem, weil wir ja im Frühjahr wieder zurück mussten und so den ganzen Schlamassel gleich zwei Mal machen würden. Doch die Aussicht den kompletten Winter über hier im Zelt zu schlafen verlockte uns noch weniger. Wir entschieden uns dafür, mit der Entscheidung noch ein bisschen zu warten und uns in der Zwischenzeit nach einem Hotel umzusehen. Den ganzen Tag und die halbe Nacht hier in der kalten Wartehalle zu sitzen war jedenfalls keine Lösung. Wenn wir irgendwo ein warmes Plätzchen finden konnten, dann hätten wir zumindest eine angenehmere Ausgangssituation um uns die Sache noch einmal in Ruhe zu überlegen.

Ich machte mich also noch einmal auf um nach draußen zu gehen, während Heiko die Stellung hielt und weiter auf unsere Sachen aufpasste. Besonders viel Glück hatte ich allerdings nicht. Ein Hotel hatte im Winter geschlossen, zwei sagten mit der gleichen Begründung ab und im dritten traf ich nur einen Mann, der kein einziges Wort Englisch sprach. Was mich jedoch wirklich deprimierte waren nicht die Hotels, sondern die Frau vom roten Kreuz. Direkt in der Nähe des Hafens gab es eine kleine Rot-Kreuz-Station mit Schulungsräumen und einigen Büros. Dort traf ich eine Frau, die fließend Englisch sprach und der ich daher genau erklären konnte, wer wir waren und was wir brauchten. Sie erklärte mir, dass der Schulungsraum heute zwar ungenutzt blieb und dass sie theoretisch die Möglichkeit hatte, uns aufzunehmen, dass sie es aber dennoch nicht machen würde. Warum wusste sie selbst nicht, sie wollte eben einfach nicht. Mit dieser Aussage zerplatzte in mir der letzte Funken Hoffnung auf einen angenehmen Winter in Griechenland. Wenn nicht einmal das rote Kreuz bereit war, einen Pilger aufzunehmen, welche Chancen hatten wir dann?

Der einzige Erfolg den ich letztlich mit zurück in den Hafen brachte waren zwei trockene Brötchen, die ich von einem Schnellimbiss geschenkt bekommen hatte. Es war nicht gerade das ideale Frustessen, aber es war besser als nichts. Anschließend kehrte ich noch einmal zu der netten, deutschen Frau am Schalter zurück. Doch auch sie hatte leider keine guten Nachrichten. Ihr Chef war unerreichbar gewesen und so konnte sie nichts für uns tun. Noch einmal versuchte ich es unter der Telefonnummer, die mir die hübsche Informationsdame gegeben hatte. Wieder hob keiner ab.

Entschuldigung! Unter der Nummer, die Sie mir gegeben haben lässt sich leider niemand erreichen", erklärte ich der hübsch personifizierten Inkompetenz am Schalter meines Vertrauens.

Das kann nicht sein!" sagte sie empört, die muss funktionieren!"

Tut sie aber nicht!" antwortete ich, Haben Sie vielleicht noch eine andere Nummer!"

Nein, nein!" versicherte sie, die muss gehen! Das ist die richtige!"

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Sie nahm mir den Zettel aus der Hand und rief die Nummer selbst an. Gespannt lauschte sie in den Höher. Nach etwa einer Minute legte sie auf und sagte: Es geht keiner ran!"

Sag ich doch!" sagte ich, Haben Sie vielleicht eine andere Nummer?"

Sie überlegte einen Moment und gab mir dann einen Werbeflyer ihres Unternehmens.

Probieren sie diese Nummer hier!" dabei zeigte sie auf eine Zeile neben der Hotline stand.

Sieht mir nicht nach einer Durchwahl zur Marketingabteilung aus!" kommentierte ich.

Es ist die Nummer eines Callcenters, von dort aus können Sie sich dann weiterverbinden lassen", erklärte sie.

Und wo komme ich dann am Ende raus?" wollte ich wissen.

Natürlich in der Marketing-Abteilung, also bei der Frau, die ich Ihnen hier auf den Zettel geschrieben habe."

Ich wusste nicht ob ich amüsiert oder verärgert sein sollte und fragte lieber noch einmal nach, ob ich die Frau auch richtig verstanden hatte: Verstehe ich Sie richtig, dass ich mich im Callcenter in die Warteschleife hängen soll, damit ich dann irgendwann einmal zu der Nummer durchgestellt werde, die ich auch direkt anrufen könnte und von der ich jetzt schon weiß, das niemand drangehen wird?"

Ja, genau!" pflichtete mir die Dame bei und zwar in einem Tonfall, der deutlich machen sollte, dass sie dies tatsächlich für eine gute Idee hielt.

Enttäuscht und ratlos verließen wir den Hafen. Wir hatten nun etwas drei Stunden damit verbracht, genau an dem Punkt herauszukommen, an dem wir auch am Anfang gestanden hatten. Noch immer wussten wir nicht, ob wir fahren oder lieber im Land bleiben sollten. Was wir jedoch wussten war, dass wir irgendwo eine Möglichkeit zum Aufwärmen brauchten, denn sonst würden wir einfach erfrieren und damit hatte sich das Thema dann auch erledigt. Bei genauer Betrachtung vielleicht sogar eine denkbare Alternative. Aber Erfrieren war einfach nicht mein Ding.

Ziellos und Planlos irrten wir in der Stadt umher und versuchten zumindest noch einmal etwas Anständiges zum Essen zu bekommen. Auch das war nicht gerade von Erfolg gekrönt. Gab es hier nicht irgendwo ein ruhiges Plätzchen, an dem man zelten konnte, um sich dann in aller Ruhe im Schlafsack aufzuwärmen?

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Nein, es gab nur Wohnblocks, Autobahnen, Schnellstraßen, Baustellen, das Meer und jede Menge Hunde die einen von überallher ankläfften. Eines dieser vierbeinigen Biester verfolgte uns sogar ein gutes Stück und versuchte mehrmals uns in die Beine zu beißen. Sein Herrchen stand etwas entfernt und schaute sich die Sache an, ohne auch nur einen Finger krumm zu machen. Alles was man von ihm hörte war ein zaghaftes Pssst!" mit dem er den Hund wohl irgendwie beruhigen wollte. Doch den Hund interessierte das nicht die Bohne. Erst als wir ein paar kleine Steine vom Boden aufhoben und in seine Richtung warfen, ging er wieder auf Abstand. Jetzt reagierte auch das Herrchen und schrie uns mit einem laut vernehmbaren NO!" an.

Entschuldigung!" rief ich verärgert auf Deutsch zurück, aber wenn Sie ihren Hund nicht bändigen können, dann müssen wir es eben selbst machen!"

Eine knappe Stunde später hatten wir den kompletten östlichen Teil der Stadt durchkämmt, ohne etwas Sinnvolles zu finden. Nur ein paar weitere Brötchen konnten wir auftreiben und schließlich landeten wir wieder auf der Küstenstraße vor dem Hafen. Hier trafen wir ein Rentnerpärchen aus Gelsenkirchen, das mit einem Camper unterwegs war. Auch sie wollten nach Italien übersetzen, jedoch in eine Stadt, die deutlich weiter im Norden lag. Die Fahrt dorthin kostete sie insgesamt 220€ inklusive des Campers und das obwohl ihre Fahrt doppelt so lange dauerte wie unsere. So wirklich verständlich war die Preisgestaltung nicht.

Fortsetzung folgt...

Spruch des Tages: Fahren wir jetzt oder fahren wir nicht?

Höhenmeter: 310 m

Tagesetappe: 25 km

Gesamtstrecke: 12.699,27 km

Wetter: sonnig aber mit eisigem Wind

Etappenziel: Dominikaner-Kloster, 89831 Sorianello, Italien

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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