Tag 730: Exorzismus live

von Heiko Gärtner
05.01.2016 23:02 Uhr

Der Pfarrer den wir hier treffen wollten war leider krank und hatte sein Heimatdorf deswegen auf unbestimmte zeit verlassen. Ein älterer Herr, der seine Freizeit hauptsächlich damit verbrachte, vor einer Bar herumzustehen, Bier zu trinken und die Geschehnisse auf der Straße zu beobachten, erzählte mir jedoch, dass es im Ort noch einen weiteren Geistlichen gab. Mein Informant sprach erstaunlich gut Englisch und sein Hobby hatte anscheinend dazu geführt, dass er über so ziemlich alles Bescheid wusste, was in diesem Nest vor sich ging.

Also“, sagte er „wenn ich das richtig verstanden habe, dann seit ihr zwei Männer und braucht einen Platz für heute Nacht. Wir haben nun etwa 13:00Uhr und es ist ein normaler Wochentag. Dann ist Don Michele der richtige Mann für euch. Er wohnt oben in der Stadt, einfach hier die Treppen hinauf bis ganz ans Ende und dann neben dem Rundbogen die zweite Tür rechts. Um diese Zeit trefft ihr in dort auf jeden Fall und ich kann euch garantieren, dass er euch weiterhelfen wird!“

Ich folgte den Anweisungen des Mannes und es zeigte sich, dass er mit jedem Wort Recht gehabt hatte. Don Michele gab uns das alte Pfarrhaus, ein kleines Häuschen, das zwischen zwei anderen Häusern eingequetscht worden war. Wir hatten ein Schlafzimmer mit zwei Betten, ein voll ausgestattetes Badezimmer und sogar eine eigene Küche. Der einzige Haken war nur, dass diese kleine Wohnung wirklich am aller höchsten Punkt des Ortes lag.

Zum Mittagessen wurden wir jedoch erst einmal zu Don Michele nach hause eingeladen. Er wohnte direkt über dem Gemeindehaus, in dem gerade der Kommunionsunterricht stattfinden sollte. Es fand auch tatsächlich irgendetwas statt, nur würde ich es nicht gerade Unterricht nennen. Wie immer bei diesen Schulungsstunden war es ein heilloses Durcheinander, das sich nur ein einziges Mal für knapp dreißig Sekunden soweit beruhigte, dass man einzelne Wörter verstehen konnte. Diese dreißig Sekunden waren der Moment, den Don Michele brauchte um uns den Kindern vorzustellen und ihnen damit zu zeigen, dass Kirche auch etwas Lebendiges, Spannendes sein konnte. Wir nickten den Kindern einmal zum Gruß zu und beantworteten drei Fragen. Dann war das Zeitfenster der Aufmerksamkeit erschöpft und der Tumult begann erneut. Für uns alle drei war es das Stichwort um nach oben zu gehen und uns unserem Mittagessen zuzuwenden.

Vom Balkon in Don Micheles Wohnung aus hatte man einen unglaublichen Ausblick über das ganze Land.

Da vorne ist die Stadt, in der wir heute Morgen gestartet sind!“ meinte ich und zeigte auf ein paar Häuser in den Bergen.“

Genau!“ sagte der Pfarrer, „und dahinter kann man noch einiges mehr sehen. Die schemenhaften Silhouetten die ihr dort erkennt, das ist Brindisi. Heute ist es leider recht diesig, aber wenn die Sicht klar ist, kann man dahinter das Meer und dahinter die Berge von Kroatien sehen!“

Während der Pfarrer kochte schauten wir uns ein bisschen in seiner Küche um. Auf einem Regal über dem Tisch standen zwei Fotos von Männern in dunklen Kutten. Es waren wahrscheinlich Bischöfe oder andere hohe Amtsträger der Kirche.

Schau mal!“ meinte Heiko scherzhaft, „der hier sieht aus wie ein Exorzist!“

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Don Michele verstand nicht genau was Heiko sagte, doch das Wort ‚Exorzist’ stammt aus dem Lateinischen und klingt daher im Italienischen fast genauso wie im Deutschen.

Stimmt!“ sagte er deshalb vom Herd aus. „Die beiden Bischöfe, die ihr da seht, sind alte Mentoren von mir. Sie sind hervorragende Exorzisten und wir haben gemeinsam viele Exorzismen durchgeführt.“

Heiko und ich schauten uns verblüfft an. Er hatte eigentlich einen Witz machen wollen und nicht damit gerechnet, dass er damit voll ins Schwarze traf. Noch vor einem Jahr waren Geistesaustreibungen und Exorzismen für uns eine Sache, die in Märchenbücher und Horrorfilme gehörte. Wenn überhaupt dann konnte man sie als übernormale Phänomene ansehen und in eine Schublade mit Alien-Landungen oder Zeitreisen stecken. Dann hatten wir zum ersten Mal davon gehört, dass es im Vatikan eine offizielle Exorzismus-Schule gab, in denen die Priester in der Kunst der Dämonenaustreibung ausgebildet wurden. In Medjugorje hatten uns die Malteser dann die verschiedensten Berichte von Besetzungen geschildert, so dass auch wir begonnen hatten, uns näher damit zu befassen. Und jetzt war es etwas, das so natürlich war, dass man einfach beim Mittagessen darüber sprach. Es war nicht anders, als hätten wir uns über Zahnbehandlungen oder ein neues Hustenmittel gesprochen.

Wir hakten noch etwas genauer nach und wollten wissen, wie so eine Dämonenaustreibung abläuft. Darüber sagte er leider nicht allzu viel. Wir erfuhren nur, dass ein Exorzismus für die Geistlichen immer der letzte Ausweg war. Wenn jemand seelische Probleme hatte, dann wurde ihm als erstes empfohlen, regelmäßig zu beten und Buße zu tun. Wenn das nicht half, wurde genauer untersucht, ob es sich vielleicht um einen versteckten Dämon im Körper des Menschen handelte, der ausgetrieben werden musste. Auffällig war, dass es auch von Seiten der Pfarrer eine ganz klare Aufteilung zwischen Körper und Geist gab.

Für sämtliche körperliche Leiden sind die Ärzte zuständig“, erklärte uns Don Michele, „Wir Pfarrer kümmern uns rein um den Geist und die Seele!“

Im weiteren Gespräch wurde jedoch deutlich, dass er selbst durchaus davon überzeugt war, dass beides untrennbar miteinander verbunden war. Der Mensch besteht nicht zur Hälfte aus Geist und zur Hälfte aus Körper. Er ist eine Einheit aus beidem und beides ist immer eng miteinander verwoben. Die Einteilung in körperliche und seelische Probleme ist für den Patienten also nicht hilfreich. Sie hilft aber, damit Ärzte und Seelsorger nebeneinander Koexistieren können und sich gegenseitig keine Geschäfte kaputt machen.

Wie viele Menschen mit Besetzungen es gibt, konnte er uns leider nicht verraten. Offizielle Schätzungen gibt es nicht und es sei auch sehr schwer zu überprüfen, weil die Dämonen verhindern, dass der Betroffene die Besetzung bemerkt. Der Besetzer übernimmt die Kontrolle und verssteckt sich dabei so im Körper des Wirtes, dass man ihn nur in speziellen Fällen bemerkt. Wenn es soweit ist, dann wird ein Exorzismus durchgeführt. Es gibt nicht viele Menschen, die das können, auch unter den Pfarrern und Bischöfen nicht. Es bedarf einer speziellen Ausbildung und die bekommt man nur unter bestimmten Voraussetzungen.

Fast ebenso überraschend wie die Normalität der Geistesaustreibung in diesem Haus, war die Einstellung von Don Michele zu Medjugorje. Anders als der letzte Pfarrer mit dem wir darüber gesprochen hatten und der in der Marienerscheinung in Bosnien den Teufel persönlich gesehen hatte, war unser heutiger Gastgeber ein überzeugter Fan des Pilgerortes.

Medjugorje ist ein sehr wichtiger Ort für den Exorzismus!“ erklärte er. „Ich fahre selbst immer wieder dorthin und habe schon viele Geistesaustreibungen vor Ort miterlebt.“ Darüber, dass der Vatikan den Pilgerort nicht anerkennen würde oder dass es Zweifel an der Echtheit der Erscheinung gab, verlor er kein Wort. Für ihn war der Ort genauso heilig wie Fátima und Lourdes, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Und nicht nur für ihn, die Bischöfe, mit denen er zusammenarbeitete, sahen es genauso und sie waren immerhin von oberster Stelle in Rom ausgebildet und beordert worden.

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Im Laufe des Nachmittages erfuhren wir auch noch einige Details über die allgemeine Kirchenpraxis in Italien und die Unterschiede zu Deutschland. Die Verknüpfung des Alltagslebens mit der katholischen Kirche wurde hier bedeutend ernster genommen als bei uns. Allein wenn man kirchlich Heiraten wollte, wurde man vom Pfarrer seiner gemeinde ein volles Jahr lang auf die kirchliche Trauungszeremonie vorbereitet. Bei uns besteht diese Vorbereitung gerade einmal aus einem Wochenendkurs. Wenn überhaupt. Auch der Kommunionsunterricht ist hier nicht in so kurzer Zeit abgehandelt wie bei uns. Auf die erste Firmung werden die Kinder drei Jahre lang vorbereitet. Dann folgen ein oder zwei weitere Jahre für die zweite Kommunion und schließlich kommen noch einmal zwei oder drei Jahre für die dritte. Im Normalfall beginnt ein Kind den Kommunionsunterricht mit etwa 6 Jahren und ist mit dem zwölften Lebensjahr damit durch. Wenn man jedoch bedenkt, dass die meisten Unterrichtsstunden so ablaufen, wie die, die wir miterlebt haben, dann bekommen die italienischen Kinder in diesen sechs bis acht Jahren wahrscheinlich weniger mit auf den Weg, als unsere in einem einzigen.

Wie ihr euch vielleicht gedacht habt, endeten unsere Gespräche nicht mit dem Mittagessen. Wir verbrachten fast den ganzen Nachmittag bei unserem Gastgeber und nutzten unsere schöne kleine Wohnung eigentlich überhaupt nicht. Während der ganzen Zeit ging es für den Pfarrer zu wie auf dem Hauptbahnhof. Ständig klingelte sein Telefon und wenn dieses mal einen Moment schwieg dann surrte die Türglocke. Es vergingen kaum fünf Minuten, in denen nicht irgendjemand etwas von ihm wollte und als hilfsbereiter Mensch, der er nun einmal war, versuchte er jeden nach Leibeskräften zufrieden zu stellen. Langsam revidierten wir unsere Meinung über den Traumberuf ‚Pfarrer’ noch einmal. Wenn damit so ein Stress verbunden war, dann war es das ganze vielleicht doch nicht wert.

In einer der wenigen ruhigen Minuten sprachen wir ihn auf seinen Stress an.

Oh ja!“ sagte er, „das könnt ihr laut sagen!“

Auch er hatte schlimme Rückenschmerzen, an deren Beginn er sich kaum noch erinnern konnte. Wie der letzte Patient, den wir auf der Couch hatten, fehlte auch ihm die Distanz zu den Problemen der Menschen in seiner Gemeinde. Jedes Problem, das irgendwo auftauchte, machte er zu seinem eigenen und all der Ballast lagerte sich in seiner Seele und in seinem Körper ab. Bis zum Abend stellten wir ihm eine Liste von knapp einer Seite zusammen, auf der lauter Dinge standen, die er ändern, umstellen oder abschaffen sollte, wenn er seine Schmerzen und seinen Stress loswerden wollte.

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Als ich abends noch einmal durch den Ort ging, um uns ein Abendessen zusammenzusuchen kam ich in einem Landen ins Gespräch mit einigen Frauen. Sie waren begeistert, als ich erzählte, das wir Gäste von Don Michele waren und schwärmten nur so von dem tollen Pfarrer, den sie hatten. Ich hörte ihnen mit gemischten Gefühlen dabei zu. Auf der einen Seite freute es mich, wie viel Wertschätzung sie ihm entgegen brachten. Auf der anderen Seite fand ich es aber auch traurig, dass keine von ihnen auch nur eine Idee davon hatte, dass der Pfarrer selbst ebenfalls ein Mensch mit Gefühlen, Problemen und Schwächen war. Er war eine Sorgen-Vertreibungs-Maschine die gut funktionierte und mit der jeder zufrieden war. Doch niemand interessierte sich dafür, was er selbst für Sorgen hatte. Sie würden nur eines Tages bestürzt dastehen, wenn er den Druck nicht mehr aushielt und würden sich fragen, warum Gott es nicht besser mit ihm gemeint hat. „Er war doch so ein toller Mann!“ würden sie sagen, „warum erwischt es immer die guten?“ Wenn ich so darüber nachdachte, dann konnte ich plötzlich auch die unfreundlichen Pfarrer wieder besser verstehen. Diejenigen, die uns abgewiesen hatten und die auch sonst keinen feuchten Dreck auf die Probleme in ihrer Gemeinde gaben. Es war nicht hilfreich und sicher auch nicht der richtige Weg, aber gesünder war es auf jeden Fall.

Spruch des Tages: Für den einen ist es eine Phantasie aus einem Horrorfilm, für den anderen ein Arbeitsalltag, der so normal ist, wie Zähneputzen.

Höhenmeter: 180 m

Tagesetappe: 12 km

Gesamtstrecke: 13.038,27 km

Wetter: sonnig

Etappenziel: Tennisheim, 89843 Maierato, Italien
Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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