Tag 741: Die Priesterschule

von Heiko Gärtner
15.01.2016 16:32 Uhr

In den letzten Tagen hatte es sich bereits gut bezahlt gemacht, wenn wir unsere Gastgeber darum baten, dem Pfarrer im Zielort schon einmal Bescheid zu geben. Deshalb versuchten wir diese Taktik auch heute wieder. Der Pfarrer überredete uns dabei, im Priesterseminar anzurufen. Es gab zwar auch reichlich Kirchen zur Auswahl, doch dort würden wir den schönsten Platz mit richtigen Betten, einem vollwertigen Badezimmer und eine Vollverpflegung von einem talentierten Koch bekommen. Das hörte sich soweit nicht schlecht an, hatte jedoch einen Haken, den wir zunächst nicht bemerkten. Cassana lag an einem steilen Berghang und das Priesterseminar befand sich am aller höchsten Punkt. Soviel also zu der Information „Keine Angst, so hoch ist das nicht!“

Auf dem Weg zum Seminar nieselte es immer wieder und der Himmel hatte sich mit einer dichten Wolkendecke zugezogen. Es war das perfekte Wetter um in die Sauna zu gehen und ausgerechnet jetzt kamen wir sogar noch an einer vorbei. Denn Cassana hatte nicht nur eine Priesterschule sondern auch ein Thermalbad. Als wir die Pfarrer später danach fragten, zerschlugen sie unsere Hoffnungen jedoch.

„Es ist ein Kurbad, für das man einen Termin braucht und es ist nur für alte Damen gedacht. Pilger haben dort leider nichts verloren!“

Dennoch wurde es ein recht komfortabler Tag. Wir bekamen jeder ein Einzelzimmer und was noch wichtiger war, wir hatten Heizungen. Langsam wurden diese Luxusartikel immer wichtiger, denn die Nächte wurden nun zunehmend kälter.

Um ein Uhr wurden wir zum Mittagessen gerufen. Den Koch kannten wir bereits, denn er hatte uns zuvor hereingelassen. Außer ihm waren zunächst zwei Pfarrer anwesend, einen von ihnen kannten wir bereits, wenn auch nur übers Telefon. Er war der Pfarrer von Stella Maris, von der Seesternkirche, in der wir zwei Tage zuvor übernachtet hatten. Gerade als wir uns setzen wollten, kam noch ein dritter Pfarrer hinzu. Wir staunten nicht schlecht, als wir ihn wieder erkannten. Es war der Mann, der uns zu dem großartigen Meeresfrüchte-Essen eingeladen hatte. Auch er war überrascht uns wieder zu sehen und freute sich mindestens so sehr wie wir.

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Normalerweise kam auch der Bischof zum Mittagessen ins Seminar, doch heute war er leider verhindert. Wir selbst waren deswegen nicht übermäßig traurig, aber die anderen hätten ihn uns schon gerne vorgestellt. Die Pfarrer erzählten uns, dass es sich bei diesem Seminar um eine Art Grundschule für angehende Priester handelte. Es waren die Jungen, die hier herkamen, meist in einem alter von etwa 13-15 Jahren. Später wechselten sie dann auf eine weitergehende Schule. Zurzeit gab es insgesamt drei Schüler, die hier ausgebildet wurden.

Vor etwa einem Jahr hatte sogar der Papst der Schule einmal einen Besuch abgestattet. Cassana war eine Kleinstadt mit rund 11.000 Menschen doch am Tag des Papstbesuches kamen mehr als 250.000 Menschen aus der gesamten Region, die sich hier versammelten. Die Straßen waren vollgestopft mit Menschen und der Papst hatte wahrscheinlich Mühe, die Stadt wieder zu verlassen, ohne erdrückt zu werden.

Den Nachmittag nutzten wir auf unseren Zimmern, um uns endlich einmal um die Projekte zu kümmern, die wir bereits seit fast zwei Jahren für unser Hilfsprojekt auswählen wollten. Unsere Ursprungsidee war es damals gewesen, ein Regenwaldschutzprojekt zu finden, für das wir Spenden sammeln können, so dass für jeden unserer Schritte ein bisschen Regenwald geschützt wird. Leider mussten wir feststellen, dass sich alle Hilfsorganisationen, die wir zum Thema Regenwaldschutz finden konnten als alles andere als vertrauenserweckend herausgestellt haben. Und das ist wirklich milde ausgedrückt. Wir werden demnächst aber noch einmal ausführlicher darüber schreiben, deswegen erwähne ich es hier nur kurz am Rande.

Fakt war jedoch, dass wir uns ein neues Konzept überlegen mussten und dies entwickelten wir nun an diesem Nachmittag. Es wird noch ein paar Tage dauern, bis wir alles eingerichtet haben, aber dann sind wir bereit, unsere kleine Reise zu etwas wirklich großem werden zu lassen.

Um das Abendessen sollten wir uns eigentlich alleine kümmern. Die Küche stand uns offen und man sagte uns, dass wir uns einfach bedienen sollten. Als wir es jedoch versuchten, kam gerade der Koch herein, gemeinsam mit dem Pfarrer aus Stella Maris. Der Pfarrer wollte ebenfalls zu Abend essen und so setzten wir uns doch wieder zusammen. Es gab einen Linseneintopf mit Gemüse und einige andere kleine Gerichte, die der Koch auf die Schnelle zauberte. Wie auch am Mittag aß er dabei selbst nicht direkt mit, sondern wartete, bis wir aufgegessen hatten. Es war irgendwie eine sonderbare Absprache, die hier zwischen Pfarrern und Koch herrschte und sie wirkte auf uns ein bisschen antiquiert. So als sei der Koch als Hauspersonal ein minderes Lebewesen im Vergleich zu den Herren der Kirche.

„Oh,“ sagte er schließlich, als auch er sich einen Teller Linsen gegönnt hatte, „jetzt muss ich aber wirklich los, sonst denkt meine Frau noch ich hätte eine Affäre!“

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Der nächste Tag überraschte uns mit dem stärksten Gegenwind, den wir auf unserer ganzen bisherigen Reise mitbekamen. Selbs der Sturm in Albanien war ein müdes Lüftchen gewesen, im Vergleich zu dem was uns hier nun entgegenpustete. Der Wind war so stark, dass er uns ausbremste. Wir gingen fast die ganze Zeit bergab oder eben und trotzdem war es so anstrengend, als müssten wie eine sechsprozentige Steigung bewältigen. Hin und wieder kamen sogar Böen, die so stark waren, dass wir in Taumeln gerieten und ein paar Mal wurden wir regelrecht aus der Bahn geworfen. Die nagelneue Plastikfolie, mit denen die Gewächshäuser frisch eingedeckt worden waren, hing bereits wieder in Fetzen vom Metallgestänge herab. Sand wurde aufgewirbelt und prasselte in unsere Augen, Nasen und Münder. Es war ein Sturm, der sich gewaschen hatte und uns war klar, dass wir ihm nicht ewig standhalten würden. Er würde uns wahrscheinlich nicht von der Straße pusten, aber mürbe machte er uns auf jeden Fall.

Die letzten Tage hatte sich unser Weg stets gekringelt wie ein gemobbter Regenwurm, doch ausgerechnet heute verlief die Straße natürlich schnurgrade und führte genau in die Richtung, aus der der Wind kam.

Doch Rettung nahte. Wie aus dem Nichts tauchte vor uns eine Kirche auf, vor der sich gerade eine Menschenmasse versammelte. Es gab hier nicht einmal ein Dorf, nur eine Kreuzung von zwei großen Straßen und trotzdem hatte man hier ein komplettes Kirchenzentrum mit Aufenthaltsräumen und Sportplatz errichtet. Besser hätte es für uns gar nicht kommen können.

In der Kirche wurde gerade die Messe vorbereitet. Der Pfarrer war ein stämmiger Afrikaner in einer creme-weißen Kutte, der uns bereits am Vortag im Seminar einmal kurz über den Weg gelaufen war. An seiner Seite hatte er zwei Messdiener im Alter von etwa 13 oder 14 Jahren. Auf meine Bitte reagierte der Pfarrer zunächst mit großer Vorsicht. Es war ihm nicht geheuer fremde in sein Haus zu lassen und er schlug vor, dass wir die Messe abwarten sollen, damit er im Anschluss mit dem Bischof telefonieren konnte. Dieser sollte dann eine Entscheidung treffen. Erst als ich ihm erzählte, dass wir gestern beinahe mit dem Bischof zum Mittag gegessen hatten und dass wir das Vertrauen des Priesterseminars genossen, erinnerte er sich an unsere Gesichter und warf seine Skepsis über Bord. Gleich nach der Messe würde er uns einen Platz zur Verfügung stellen, an dem wir es uns gemütlich machen konnten.

Dummerweise hatte ich so über unsere guten Verbindungen zur Kirche geschwärmt, dass wir nun keine Ausrede mehr hatten, um die Messe zu schwänzen. Es hätte uns aber ohnehin keinen Vorteil gebracht, denn wir hatten ja nur die Wahl zwischen einer einstündigen Wartezeit im Sturm oder dem Besuch des Gottesdienstes.

Der Pfarrer begann seine Predigt mit einer formellen Ankündigung unserer Personen.

„Heute haben wir zwei ganz besondere Menschen zu gast,“ eröffnete er seine Rede, „Es sind zwei Pilger aus Deutschland, die einmal um die ganze Welt wandern um Naturheiler zu werden und um ihre Verbindung zu Gott zu stärken.“

Alle drehten sich zu uns um und schauten uns neugierig an. Wir taten das, was man in solchen Situationen am Besten immer macht: Lächeln und Winken.

Dann begann die eigentliche Messe. Zur Feier des Tages war ein Chor anwesend, der von einem Orgelspieler begleitet wurde. Ich glaube, dass die Sänger unter anderen Umständen gar nicht mal so schlecht gewesen wären, doch die Kirche war ein Modernes, sechseckiges Gebäude mit einer immensen Deckenhöhe und einer Akustik in der wirklich alles nach rostiger Gießkanne klang. Heiko stopfte sich unvermittelt die Ohropax in die Ohren und sorgte so für seine ganz private Stille. Viel half es zwar nicht, aber es dämpfte die hohen Töne ein bisschen ab.

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Die Predigt des Pfarrers drehte sich um allerlei aktuelle, politische Themen. Ich glaube es war sogar eine recht gute Rede, doch sie war auf Italienisch und so verstanden wir fast nichts von dem war er sagte. Es dauerte keine zwei Minuten und seine Stimme war nur noch ein Hintergrundrauschen dem wir keine Beachtung mehr schenkten. Dafür gab es jedoch einige andere interessante Dinge, die man hier beobachten konnte, wenn man gerade nichts besseres zu tun hatte. Da war zum Beispiel die Chorleiterin. Sie war eine kleine, dicke Frau, die sich selbst nur sehr wenig zutraute und ihren Chor deshalb mit einer Mischung aus Unsicherheit und Trotz dirigierte. Sie bewegte ihre Hände so, als versuche sie dabei überzeugend und selbstbewusst gleichzeitig aber auch möglichst unauffällig zu wirken. Ein bisschen so, als wolle sie sich vor dem Chor verstecken, weil sie Angst hatte, sich zu verdirigieren.

Dann war da noch der alte Mann mit der Halbglatze, der wahrscheinlich auf der Straße oder aber zumindest mit sehr wenig Geld lebte. Er schien der einzige zu sein, der wirklich gerne hier war und schaute der Messe mit einem verschmitzten Halblächeln zu.

Und schließlich gab es noch die beiden Messdiener, die sich links und rechts vom Pfarrer positioniert hatten. Der Jüngere machte seinen Job vor allem deshalb, weil seine Mutter in der Messe saß und ihn dazu nötigte. Er gab sich keine große Mühe, seine Unlust zu verstecken. Immer wieder schweifte er mit den Gedanken ab, verlor seine anmutige Haltung oder vergaß vollkommen, dass er vor einem Publikum stand. Dann schaute ihn jedes Mal seine Mutter mit einem strafenden Blick an, den er sogar spürte, wenn er gar nicht hinsah. Sofort nahm er seine Haltung wieder ein und bemühte sich für einen kurzen, dem Bild zu entsprechen, das man von ihm erwartete. Der Ältere hingegen hatte eine gänzlich andere Motivation. Er war ein schüchterner, zurückhaltender Typ, der in der Schule sicher viele Probleme mit seinen Mitschülern hatte. Für ihn war das Beiwohnen in der Messe keine Pflichtveranstaltung, sondern ein Ausweg aus seiner Unsicherheit. Er war der Typ, der später selbst einmal Pfarrer werden wollte. Unsicher schaute er immer wieder zum Prediger hinüber und kopierte dessen Haltung. Wie die Dirigentin war auch er voller Unsicherheit und er wusste nie, was er mit seinen Händen machen sollte. Doch gleichzeitig genoss er es, dass er dort oben im Rampenlicht stand und dass die Leute zu ihm aufblickten. Hier war er nicht der gehänselte, sondern derjenige, zu dem man aufblickte, dem man zuhörte und dessen Ratschläge und Anweisungen man befolgte. Jedenfalls würde er es einmal sein. Im Moment stand er ja nur neben dem Pfarrer und hatte überhaupt nichts zu sagen.

Es dauerte jedoch nicht lange, da wurde unsere Aufmerksamkeit auf einen vollkommen anderen Kirchenbesucher gelenkt. Es war ein kleines Fliegewesen, das seine Runden durch den Saal drehte und sich alles einmal genau anschaute. Klein ist dabei jedoch sehr relativ zu bewerten. Wäre er ein Vogel gewesen, hätte man ihn tatsächlich als wahren Winzling durchgehen lassen. Doch er war ein Insekt und als solches war er riesig. Allein sein Körper war etwa 5 bis 6 Zentimeter lang und seine Flügelspannweite kam sogar an die 10cm heran. Er war wie eine gigantische Hummel, die mit einer Mischung aus Plumpheit und Eleganz umherflog und dann immer wieder in der Luft stehen blieb, um sich umzusehen. Der ältere Ministrant schaute ihn argwöhnisch an. Es war deutlich zu erkennen, dass er Angst vor dem Fliegewesen hatte und er versuchte so gut es ging, das Tier von sich fernzuhalten, ohne dabei komplett auszurasten und um sich zuschlagen. Auch das kleine Wesen spürte seine Angst und machte sich einen riesigen Spaß daraus, den jungen immer wieder aufs Neue zu Ärgern und an der Nase herumzuführen. Das Schicksal war schon auch ein Arschloch mit seinen Spiegelgesetzen. Nicht einmal hinter dem Altar blieb man von Mobbingattacken verschont, wenn man die passende Ausstrahlung dafür hatte.

Nach der Messe mussten wir dann doch erst noch einmal eine Weile im kalten Wind warten, bis alles soweit geklärt war, dass wir unseren Raum beziehen konnten. Der Sturm hatte irgendwo im Umkreis einen Strommasten umgeknickt, was zur Folge hatte, dass in der ganzen Umgebung der Strom ausfiel. Bei den Leitungen und der mehr als wackligen Art, ihre Strommasten zu befestigen, hatte sich der Sturm dafür wohl nicht einmal besonders anstrengen müssen.

Nachdem die Messebesucher und der Pfarrer verschwunden waren, zogen wir uns in unsere Schlafsäcke zurück. In den Räumen war es eiskalt und der Wind pfiff durch die vielen Spalten zwischen Türen und Fenstern als würde er dafür bezahlt. Wir hatten zwar einen Elektroheizer bekommen, doch ohne Strom half er uns wenig. Erst als es bereits Stockdunkel war, sprang die Stromversorgung wieder an, so dass wir das Licht und auch den Heizer nutzen konnten.

Spruch des Tages: Das Schwimmbad ist nichts für Pilger, sondern nur für alte Frauen!

Höhenmeter: 350 m

Tagesetappe: 11 km

Gesamtstrecke: 13.199,27 km

Wetter: Bewölkt mit gelegentlichen Sonnenstrahlen und Schauern im Wechsel

Etappenziel: Ehemaliges Pfarrhaus, 87036 Rende, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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