Tag 743: Kein Platz für Pilger

von Heiko Gärtner
15.01.2016 17:08 Uhr

Der Regen, der uns am Abend überrascht hatte, begleitete uns auch am Morgen noch. Es regnete Bindfäden und wir konnten endlich einmal unsere neuen Regenjacken testen.

Bergans begleitete uns und unsere Projekte nun bereits seit mehr als drei Jahren. Das erste Mal waren sie unsere Sponsoren bei der Blindentour, für die sie uns mit Ausrüstung für die Besteigung der Zugspitze ausstatteten. Seit diesem Zeitpunkt haben wir unterschiedliche Softshell- und Regenjacken, T-Shirts, Hosen, Regenhosen, Rucksäcke, Packsäcke und Schlafsäcke testen können. Grundsätzlich waren wir mit allen Produkten immer sehr zufrieden, vor allem was ihre Langlebigkeit anbelangt. Unsere ersten Softshelljacken haben wir über ein Jahr zu hause und dann noch einmal 16 Monate auf unserer Reise getragen und sie haben uns bis zum Schluss sehr gute Dienste geleistet. Auch die Regenhosen haben uns immer wieder überzeugt. Kürzere Regenschauer überstanden sie stets, ohne dass ein Tropfen Wasser nach innen durchdringen konnte. Erst nach mehreren Stunden gab der Stoff dem Wasser nach, so dass auch unsere Beine langsam nass wurden. Durch die Winddichtigkeit schützten sie uns außerdem an manch ungemütlichem Tag vor der Kälte. Extrem niedrigen Temperaturen können sie natürlich nichts entgegen setzten, doch dafür sind sie ja auch nicht gedacht. Bei nasskaltem Herbstwetter mit realen Temperaturen über zehn Grad, die sich durch den Windchill-Effekt aber deutlich kälter anfühlen, tragen sie hingegen einiges zum Komfort bei.

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Nachdem wir bei der letzten Tauschaktion unsere alten Regenjacken gegen neue getauscht hatten, war heute nun auch Premiere um unsere wasserdichte Oberbekleidung auf ihre Funktionalität zu testen. Es wurde gleich eine Feuerprobe, denn der Regen Prasselte nur so auf uns herab und forderte vollen Einsatz von jedem Material, das ihm Widerstand leisten sollte. Die Jacken hielten fast überraschend gut. Sie bestehen aus einem ultraleichten Gewebe und fühlen sich extrem dünn an, hielten aber dennoch für viele Stunden dicht. Die wasserabweisende Beschichtung ließ die Regentropfen einfach abperlen, so dass man sich nur kurz schütteln musste, und schon sah man aus, als käme man aus dem Trockenen. Ewig konnten sie der permanenten Bewässerung aber natürlich trotzdem nicht standhalten. Nach etwa vier Stunden extremen Dauerregens drang die Nässe an den Schultern und an den Stellen, an denen der Hüftgurt unserer Wagen auf das Material drückte, nach innen durch.

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Doch es war auch kein Wunder. Der regen war so stark, dass die Straßen wieder einmal vollkommen überflutet waren. Unser Weg führte uns aus der Stadt heraus und für mehrere Kilometer direkt am Meer entlang. Hier kam noch ein heftiger Wind zum Regen hinzu, der die Tropfen zu kleinen, flüssigen Geschossen werden ließ, die uns nun von oben und von der Seite trafen. Für einige Kilometer konnten wir auf einer Strandpromenade spazieren gehen. Sie war an ganz neu errichtet worden und an vielen Stellen noch immer nicht fertiggestellt. An anderen Stellen war sie jedoch bereits wieder abgesackt, vom Meer mitgerissen oder von Flüssen und Bächen weggespült worden. Nach etwa drei Kilometern endete die Promenade und wir mussten wieder auf die Straße wechseln. Nur hatte sich diese bereits in einen Fluss verwandelt, in dem kaum noch ein durchkommen möglich war. Die einzige Möglichkeit war, auf eine niedrige Steinmauer zu klettern, auf ihr entlang zu balancieren und die Wagen seitlich durch das Wasser zu führen. Die Fluten reichen bereits über die Achsenhöhe. Das waren gute 30cm Wasser, die dort auf der Straße standen. Es war ja auch kein Wunder. Die Straßen waren wie dafür geschaffen, überflutet zu werden. Es gab keine Abläufe, kein Gefälle, nichts, wo das Wasser hätte verschwinden können. Und dazu waren die Straßen an allen Seiten von Mauern umgeben. Hätte man einen Swimmingpool errichten wollen, wäre man bei der Konstruktion nicht anders vorgegangen.

Wir mussten zurück an die kleinen Bergdörfer denken. Wie mochte es dort jetzt wohl aussehen? Auch ihre Straßen waren ohne jeden Wasserablauf gebaut worden. Es waren Schluchten aus Beton und Asphalt, die sich bei Regen in Bobbahnen oder Wildwasserrutschen verwandeln mussten.

Um zu unserer Zielstadt zu gelangen mussten wir noch mehrere Male zur Küste und wieder ins Inland wechseln. Große Strecken mussten wir außerdem an einer Schnellstraße entlangwandern, da es keine andere Möglichkeit gab. Dann unterquerten wir eine Zugbrücke und landeten in der Innenstadt. Sie war sogar noch etwas grässlicher als die Stadt aus der wir gekommen waren. Das Problem in dieser Gegend war folgendes: Die eigentlichen Ortschaften, die schon vor hunderten von Jahren gebaut worden waren, befanden sie wie üblich oben auf den Berggipfeln. Da die Verkehrsanbindungstechnisch jedoch äußerst ungünstig lagen, hatte man die Neustädte in den flachen Küstengebieten errichtet. Hier waren nun an Autobahn, Hauptstraßen und Zugstrecken lauter Städte entstanden, die keinen gewachsenen Ortskern mehr besaßen sondern rein pragmatisch ausgerichtet waren. Alles, was in einer gewöhnlichen Stadt als schön und sehenswert betrachtet wurde, befand sich also oben auf dem Berg. Alles was laut, hässlich und unwohnlich war, der Stadt aber Arbeit und Geld brachte, befand sich hier unten am Meer.

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Laut meiner Karte sollte es hier auch mehrere Kirchen geben, die wir nun so schnell wie möglich absuchten, um endlich aus den Nasskälte heraus ins Trockene zu kommen. Doch das war leider nicht so einfach. Es war nicht das erste Mal, dass wir feststellen mussten, dass Menschen ihre Gastfreundschaft vor allem an den Tagen verloren, an denen sie am wichtigsten war. So war es auch heute.

Die größte Kirche im Ort gehörte zu einer Art Kloster, in dem ich mich mit dem Superior unterhielt. Er war ein skeptischer und misstrauischer Mann, der mir sogar noch verschlossener begegnete, als der junge Mann vom Oratorio, der uns gestern hatte abweisen wollten. Dieses Mal hatte ich leider keine junge Dolmetscherin dabei, die sich für uns einsetzte und so wurde das Gespräch ein reines Verhör, bei dem es keine Aussicht auf Erfolg gab. Der Mann befragte mich wie einen Schwerverbrecher den er des Mordes bezichtigte und was immer ich ihm antwortete, war nicht in seinen Augen nicht gut genug. Aus irgendeinem Grund hatte der Mann Angst vor Fremden und er versuchte sich selbst und mir mit allen Mitteln zu beweisen, dass ich nicht vertrauenswürdig war. Ich erzählte vom Priesterseminar, von unserem letzten Kloster und von all den Menschen, die uns bereits kannten und die er gerne nach unserer Integrität fragen konnte. Doch nichts war ihm gut genug. Sogar unsere Personalausweise zweifelte er an und am Ende blieb mir nichts anderes übrig, als wieder hinaus in die Nasskälte zu gehen. Ich konnte ihn nicht verstehen. Wie kaltherzig musste man sein, wenn man einen Wanderer, der einen um nichts weiter als einen einfachen, leeren Raum bat, bei diesem Wetter vor die Tür setzte.

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Für die nächsten zwei Stunden wanderten wir kreuz und quer in der Stadt herum um sämtliche Kirchen abzuklappern, die es irgendwo geben konnte. Eine Basis einzurichten und irgendwo zu warten, was bei dem Wetter nicht möglich, denn dann wäre Heiko zweifelsfrei erfroren. So mussten wir alles mit uns herumschleppen, was die Suche natürlich deutlich schwerer machte. Doch wohin wir auch kamen, ein Pfarrer oder eine andere hilfreiche Person war einfach nicht aufzutreiben. Das einzige, was wir fanden, war eine Handynummer an einer Kirchentür, doch auch dort hob niemand ab.

Bevor es dunkel wurde verließen wir die Stadt und fanden uns damit ab, dass wir die Nacht wahrscheinlich im Zelt verbringen mussten. Die einzige Hoffnung, die wir noch hatten, war eine Kirche in einem kleinen Ort hinter der Stadt, in der es angeblich auch noch einmal einen Pfarrer geben sollte. Doch als wir dort eintrafen erfuhren wir, dass sie von eben jenem Pfarrer betreut wurde, der uns zuvor so eiskalt abserviert hatte. Wenige Meter weiter bekamen wir einen Rückruf von dem Pfarrer, der seine Nummer an die Kirchentür geschrieben hatte. Er hörte sich unsere Geschichte an, meinte dann aber nur, dass er nicht im Haus wäre und wir sicher eine andere Lösung finden würden.

„Warten Sie!“ rief ich ins Telefon und wollte ihm unsere Lage schildern. Doch er hatte bereits aufgelegt.

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Mit dem letzten bisschen Tageslicht schafften wir es gerade noch einen Olivenhain zu erreichen, der nicht vollkommen überflutet war und dort unser Zelt zu errichten. Der Regen hatte nun zum Glück etwas nachgelassen, sodass wir zumindest noch ein Abendessen kochen konnten. Dann zogen wir uns in unser mobiles Haus zurück und genossen zum ersten Mal an diesem Tag das Gefühl von Trockenheit auf unserer Haut.

In der Früh wurden wir von den wütenden Rufen einer Frau geweckt. Schlaftrunken versuchte ich mich aufzurichten, doch mein Kreuz fühlte sich an wie ein Nagelbrett. Der Boden war ein einziges Wellenmuster gewesen und mein Hintern hatte die komplette Nacht gut zehn Zentimeter höher gelegen als mein unterer Rücken und meine beine. Dafür hatte es dann aber wieder einen Hügel gegeben, der mir in die Schultern drückte, während mein Kopf wiederum in einer Kule lag. Heikos Seite war vergleichbar gewesen, nur dass die Hügel bei ihm auf jeweils andere Körperstellen gedrückt hatten. Bei all den Nächten die wir auf dieser Reise nun schon im Zelt verbracht hatten, war dies trotzdem die ungemütlichste gewesen.

Noch immer schrie die Frau vor unserem Zelt. Heiko schaute nach draußen und begann mit ihr zu reden. Am Anfang war das Wort „Polizei“ eines der häufigsten, das aus ihrem Mund kam, doch mit der Zeit beruhigte sie sich immer mehr. Am Ende schenkte sie uns sogar noch eine große Tüte mit Orangen für den Weg.

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Nach dem Desaster an der Küste ging es heute nun wieder hinauf in die Berge. Das Ziel war ein kleines Dorf direkt an einem steilen Hang, in dem wir sofort auf einen freundlichen Pfarrer stießen. Er war bedeutend entspannter als der sonderbare Kerl vom Vorabend. Anstatt uns zu verhören nahm er uns mit in eine Bar und gab jedem von uns eine Pizza aus. Dazu gab es eine Art Hotdog, ein Brötchen mit einem Würstchen und einer Portion, kalter, fader, labbriger Pommes darin. Es sollte wohl so eine Art Spezialität sein, doch es schmeckte furchtbar. Genaugenommen war es sogar so schlimm, dass wir es nur hinunterwürgten, weil wir dem Pfarrer gegenüber nicht unhöflich sein wollten. Während wir aßen unterhielten wir uns mit ihm. Es war ein lockeres Gespräch und er erfuhr dabei weit mehr über uns, als es der andere mit seinem Verhör je gekonnt hätte. Dann gab er uns einen kleinen Raum mit einem riesigen Gasheizer, vor dem wir uns aufwärmen konnten. Abends verwandelte sich die Kirche dann in einen Jugendtreffpunkt. Der Pfarrer war offenbar ein angesehenes Mitglied der örtlichen Party-Jugend und blieb bis etwa Mitternacht mit den Kids zusammen, die vor der Kirchentür tranken und feierten.

Spruch des Tages: Wieder eine Nacht im Freien!

Höhenmeter: 230 m

Tagesetappe: 12 km

Gesamtstrecke: 13.229,27 km

Wetter: Bewölkt mit gelegentlichen Sonnenstrahlen, viel Wind und Eiseskälte

Etappenziel: Frühstückspension, 87010 Lattarico, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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