Tag 744: Herzensschwestern

von Heiko Gärtner
15.01.2016 17:24 Uhr

Cropalati lag direkt am Rande eines großen Canyons. Normalerweise war dieser ausgetrocknet und das Bett war nichts weiter als eine breite Geröllpiste. Heute aber, strömten die Wassermassen des gestrigen Regens in Richtung Meer.

Um weiter in Richtung Sizilien zu gelangen, mussten wir komplett hinunter in den Canyon wandern und anschließend auf der anderen Seite wieder nach oben steigen. Ab- und Aufstieg waren jeweils etwa 4km lang und überbrückten dabei mehr als 450 Höhenmeter. Wir waren so froh und so kaputt, als wir es nach oben geschafft hatten, dass wir unsere Reisepläne änderten und gleich hier im Ort nach einer Unterkunft fragten.

Auf dem Dorfplatz traf ich einige Anwohner, die mir den Weg zur Kirche zeigten. Ein junger Mann mit einer leichten, geistigen Behinderung begleitete mich um mir das Haus des Pfarrers zu zeigen.

„Ohje!“ rief er, als wir die Tür des Pfarrhauses erreichten, „er wohnt hier nicht mehr! Er wohnt jetzt woanders! Wo wohnt er denn? Ich weiß nicht wo er wohnt! Was machen wir jetzt? Wir fragen die Nonnen!“

Er war so aufgeregt, dass ich ihn erst einmal ein bisschen beruhigen musste.

„Komm mit!“ rief er dann und lief voraus eine steile, enge Straße hinab. Immer tiefer und tiefer schlängelten wir uns im Ort nach unten und ich fürchtete mich bereits davor, alles wieder hinaufsteigen zu müssen. Da blieb es plötzlich vor einer Tür stehen, auf der „Ave Maria“ stand und klingelte. Eine junge Frau mit asiatischen Gesichtszügen öffnete uns. Aufgeregt erzählte der Junge, dass er mich eigentlich zum Pfarrer hatte bringen wollen, mit dieser Aufgabe aber gescheitert war und daher ihre Hilfe brauchte.

Die junge Frau bat uns herein und forderte uns auf, es uns bequem zu machen.

„Emilie!“ schrie sie dann die Treppe hinauf nach oben und erklärte mir anschließend: „Unsere Superiore spricht sehr gut Englisch. Sie wird dir sicher weiterhelfen können.“

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Kurz darauf erschien eine weitere junge Frau im Treppenhaus. Auch sie hatte ein asiatisches Gesicht und war sogar noch ein bisschen kleiner als ihre Ordensschwester. Mit ihrer schwarzen Nonnenkutte und den pinken Hausschlappen war sie eine so niedliche Erscheinung, dass man sie sofort gernhaben musste. Emilie sprach wirklich fließend Englisch und hörte sich meine Geschichte in Ruhe an.

„Ok, dann statten wir dem Pfarrer doch mal einen Besuch ab!“ sagte sie schließlich und kam die Treppe herunter. Ihre Schwester warf einen skeptischen Blick auf die pinken Pantoffeln.

„Oh!“ machte Emilie, „mit diesen Schuhen kann ich natürlich nicht losgehen! Ich bin gleich wieder da!“

In Windeseile trippelte sie die Treppe wieder hinauf und verschwand in ihrem Zimmer. Solange wir warteten erzählte mir ihre Schwester, dass sie Linda hieß und aus Indonesien stammte. Sie lebten hier zu dritt und stammten alle aus Asien. Emilie war Philippinin und Beatrice stammte ebenfalls aus Indonesien.

Emilie kehrte zurück und war nun ausgehbereit. Wir bedankten uns bei dem Jungen, der bis jetzt auf uns gewartet hatte und gingen zum neuen Pfarrhaus. Als wir dort eintrafen war der Pfarrer gerade mitten in ein Telefongespräch vertieft. Trotzdem war ich mir von der ersten Sekunde an sicher, dass er uns helfen würde. Es war schon spannend, wie schnell man erkennen konnte, wer offen und hilfsbereit war und wer nicht. Dieser Pfarrer hier war ebenso schüchtern und freundlich wie die Nonnen. Sie waren ein perfektes Gespann, das sicher gut miteinander auskam.

Nachdem der Pfarrer sein Gespräch beendet hatte, bat er uns am Tisch Platz zu nehmen und hörte sich dann meine Bitte an.

„Du musst Englisch mit ihm sprechen!“ forderte mich Emilie auf, „Don Massimo ist nämlich gerade dabei Englisch zu lernen, aber er drückt sich, wo er nur kann.“

Verlegen schaute mich der Pfarrer an und sprach trotzdem weiter auf Italienisch. Später raunte er mir zu: „Wir machen einfach einen Deal! Du sprichst mit mir auf Englisch und ich antworte auf Italienisch, ok?“

Ich lachte und nickte.

Wir bekamen das alte Pfarrhaus, also das Haus zu dem mich der Junge als erstes geführt hatte. Bis vor zwei Wochen hatte der Pfarrer noch selbst hier gewohnt, doch die zunehmenden Probleme mit Feuchtigkeit und Schimmel hatten ihn zum Umzug gezwungen. Jetzt wartete das Raus darauf renoviert zu werden, doch für ein, zwei Nächte konnten wir ohne weiteres darin übernachten.

Zum Mittagessen wurden wir wieder ins Nonnenkloster eingeladen. Jetzt lernten wir auch Beatrice kennen. Sie war die jüngste der drei und war erst vor einem knappen Jahr hier in das Kloster gekommen. Erst mit ihrem Eintreffen hatte sie begonnen Italienisch zu lernen und sie war noch immer am Üben. Jedes Mal bevor sie etwas sagte, ging sie leise im Kopf die Konjunktionen der Verben durch, um auch ja keinen Fehler zu machen. Wir konnten sie jedoch beruhigen. Unser Italienisch reichte zwar aus um einfache Gespräche zu führen, doch von Verben hatten wir noch immer keine Ahnung. Von ihrer grammatikalischen Richtigkeit ganz zu schweigen.

Die drei Nonnen hatten es sich in dem alten Haus gemütlich eingerichtet und es war das erste Mal, dass wir uns in Italien in einer Wohnung richtig wohl fühlten. Im Wohnzimmer prasselte ein Kaminfeuer und wärmte unsere kalten Hände. Wie sehr so ein Feuer doch ein Gefühl von Heimat vermittelte.

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Zum Essen gab es zunächst die obligatorischen, italienischen Nudeln mit einer zuckersüßen Sauce. Linda war heute mit dem Kochen an der Reihe gewesen und sie entpuppte sich als kleiner Zuckerjunkie. Sie hatte trotz ihres geringen Alters bereits viele gesundheitliche Probleme und wurde von ihren Schwestern daher immer wieder auf Diät gesetzt. Als zweiten Hauptgang gab es dann selbstgemachte Pommes und Hühnchen-Steaks mit Knoblauch, was schon deutlich mehr unser Fall war. Heiko richtete ein paar diagnostische Fragen an unsere zuckerliebende Köchin und schon entstand ein ausführliches Therapiegespräch. Auch für Linda stellten wir dabei eine Liste mit lauter Dingen auf, die sie aus ihrem Speiseplan streichen sollte und je länger diese wurde, desto grimmiger wurde auch der Gesichtsausdruck der jungen Frau. Ihre Schwestern hatten sie bereits oft mit ihrer Zuckersucht aufgezogen und gerade weil sie wusste, dass sie damit Recht hatten, hasste sie es, darüber zu sprechen. Doch es half ihr nichts. Das Thema war auf dem Tisch und nun musste sie auch durch.

Auch wenn sie aussah als wäre sie keine dreißig Jahre alt, war Emilie bereits 41 und war für die beiden jüngeren Mädchen gleichzeitig eine gute Freundin und eine Art Mutterersatz. Sie war bereits am längsten hier in diesem Ort und hatte zuvor lange Zeit in einem Kloster in Rom gelebt. Ihr Institut war früher eine Grundschule gewesen, die bereits lange leer gestanden hatte, bevor die Stadt sie den Nonnen überlassen hatte. Die Schwestern waren hier seither die Mädchen für alles und waren überall im Ort gern gesehen. Ihr Orden schrieb ihnen jedoch vor, dass sie alle vier bis sechs Jahre in ein anderes Kloster versetzt wurden. Dieses konnte überall auf der Welt sein, von Indien, über Europa, Afrika und Australien bis hin zu Kanada. Einen Einfluss hatten die Schwestern selbst nicht darauf. Wenn ihnen die Ordensleiterin befahl, dass sie nach Kanada mussten, dann zogen sie nach Kanada, egal ob es ihnen passte oder nicht. Das eigentlich fatale an dieser Regelung war jedoch gar nicht der erzwungene Wohnortwechsel, sondern die Tatsache, dass die Schwestern jedes Mal auch von ihren Bezugspersonen getrennt wurden. Denn niemand wurde mit seinen Schwestern gemeinsam versetzt, jeder kam wieder in ein neues Umfeld. Auf diese Weise wurde automatisch verhindert, dass sich zu enge Beziehungen ergaben, durch die die Ordensstruktur vielleicht in Frage gestellt werden konnte. Emilie war nun fast fünf Jahre hier und hatte seither schon einige Schwestern kommen und gehen gesehen. Lange würde es nicht mehr dauern, bevor auch ihre Versetzung bevorstand.

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Den Nachmittag verbrachten wir dann für uns alleine im alten Pfarrhaus, nutzten die Heizkörper um unseren Raum zu erwärmen und setzten uns wieder an unsere Texte. Um 19:00 Uhr sollten wir dann noch einmal zu den Nonnen zurückkehren, um mit ihnen zu Abend zu essen. Emilie hatte eine Kirchenversammlung und konnte daher nicht am Essen teilnehmen. Die anderen beiden waren noch etwas schüchterner als ihre Klosterleiterin und so dauerte es einen Moment, bis sie sich für ein Gespräch öffnen konnten. Dann aber wurde es ein richtig lustiger Abend, an dem wir viele Geschichten über die unterschiedlichsten Klöster auspackten. Die beiden waren fasziniert und schockiert zugleich, wie unterschiedlich die Klöster und Orden sein konnten. Außer ihrem eigenen hatten sie bislang noch keinen kennengelernt und auch von diesem wussten sie nur das, was sie wissen sollten. Vor allem als wir auf das Thema Zölibat zu sprechen kamen und darauf, wie die meisten Mönche und Pfarrer damit umgingen, vielen sie fast aus dem Häuschen. Es war ihnen peinlich, die Geschichten zu hören, doch gleichzeitig waren sie auch fasziniert und überrascht von dem Gedanken, dass es sich beim Zölibat nur um eine menschliche Regel handelte, an die man sich nicht zwingend binden musste, wenn man es nicht wollte.

Spruch des Tages: Es gibt also auch nette Nonnen!

Höhenmeter: 390 m

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 13.248,27 km

Wetter: Bewölkt mit gelegentlichen Regenschauern, viel Wind und Eiseskälte

Etappenziel: Pfadfinderheim, 87010 Sartano, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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