Tag 745: Gruselkabinett

von Heiko Gärtner
15.01.2016 17:44 Uhr

Kurz nach acht Uhr in der Früh standen alle vier vor unserer Tür. Wir trugen noch unsere Winterpyjamas, bestehend aus T-Schirt, Woll-, bzw. Fleecepulli und langer Unterhose und waren damit nicht wirklich vorbereitet, um Besuch zu empfangen.

Emilie erzählte uns, dass sie alle zusammen auf eine Generalversammlung der Diözese mussten und daher leider keine Zeit hatten, um noch mit uns zu frühstücken. Dummerweise nahmen an dieser Versammlung auch alle anderen Pfarrer der Region teil, weswegen wir heute vor 13:00 Uhr niemanden antreffen würden. Sie bot mir jedoch an, mit den Pfarrern zu sprechen und ihnen von uns zu erzählen, damit wir später auf jeden Fall einen Platz bekommen würden. Dann versorgten uns die drei Schwestern noch mit Tüten voller Nüssen, Obst und Keksen. Vor allem Lina hatte wohl alles aussortiert, was sie gerne essen wollte, aber nicht mehr essen durfte. Dann verabschiedeten wir uns und die vier verließen das Haus. Wenig später waren auch wir abmarschbereit und machten uns auf den Weg in Richtung Süden.

Die Landschaft war wieder einmal herrlich und das Herbstlaub strahlte in allen Farben. Der Weg führte ständig in kleine Täler und dann wieder hinauf auf die Berggipfel. Immer wieder kamen wir dabei an einzigartigen Felsformationen vorbei, die der Wind aus den Sandsteinfelsen geschliffen hatte. Steile Klippen stiegen vor uns empor oder fielen neben uns hinab in die Tiefe. Heiko spürte seine Ohren heute wieder besonders stark und jedes laute Geräusch tat ihm in den Ohren weh. Deshalb entschieden wir uns auf eine schmale Nebenstraße auszuweichen, um selbst dem geringen Verkehr so gut es ging zu entgehen. Ganz ging der Plan jedoch nicht auf, denn erstaunlich viele Autofahrer entschieden sich ebenfalls für diesen Schleichweg, und das obwohl er auf halber Strecke zu einer Dirtroad und anschließend zu einem fast unpassierbaren Schlammweg wurde.

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Ein Auto hielt neben uns an und der Fahrer sprach uns auf Italienisch an. Wir befanden uns gerade direkt an der steilsten Stelle des Aufstieges und uns war ganz und gar nicht danach, anzuhalten um ein Smalltalkgespräch zu führen. Deshalb winkten wir nur kurz ab und gingen weiter. Doch der Mann ließ nicht locker. Er drehte um und fuhr nun auch noch neben uns her.

„Ihr sprecht Deutsch oder?“ fragte er, „Das ist ja toll! Wo wandert ihr denn hin?“

„Sorry, aber es ist extrem anstrengend die Wagen hier hochzuziehen und ich habe gerade kein Interesse an einem Gespräch!“ antwortete ich.

„Ok!“ sagte er, fuhr mit seinem brummenden Motor aber weiter direkt neben meinen Ohren her. „Wo geht ihr hin?“ wiederholte er dann seine Frage.

„Den Berg hinauf!“ antwortete ich genervt, „Aber ich brauche jetzt wirklich keine Unterhaltung!“

Dies war die dritte, deutliche Ansage die der Mann bekam und jeder halbwegs vernünftige Mensch hätte es damit gut sein lassen. Er jedoch nicht. Er überholte mich und fuhr nun neben Heiko her um ihn mit den gleichen Fragen zu nerven. Wieso kamen Menschen nur immer wieder auf die Idee, dass sich ein Wanderer darüber freuen könnte, wenn man ihn ständig fragte wohin er ging. In der Stadt machte man das doch auch nicht. Niemandem würde es einfallen, sich auf einen Marktplatz zu stellen, sich beliebige Passanten heraussuchen und dann neben ihnen herzulaufen und sie zu fragen wohin sie unterwegs waren. „Gehen Sie zur Bank oder in die Bücherei? Wollen Sie zufällig ins Einkaufszentrum? Das ist ja spannend! Erzählen Sie mir mehr davon!“ Vor allem aber würde niemand auf die Idee kommen, dass er sich mit einer solchen Idee Freunde machte. „Hallo du da, du mit dem Aktenkoffer, der du so hastig über die Straße gehst. Du siehst aus, als hättest du einen wichtigen Termin. Was ist denn das für einer? Wohin musst du denn?“ Könnt ihr euch vorstellen, dass das gut geht, ohne dass der Fragensteller sich dafür eine einfängt?

„Verdammt nochmal! Kapierst du es nicht?“ schrie Heiko die Nervensäge an, die den keuchen Motor nun auch direkt in seine Ohren brüllen ließ. „Wir wollen nicht mit dir sprechen, also lass uns gefälligst in Ruhe!“

„Ist ja gut!“ sagte der Mann, begann nun aber zu diskutieren, dass er doch eigentlich nichts Böses sondern nur ein bisschen plaudern wollte. Er brauchte noch einen weiteren Wutausbruch von Heiko, bis er endlich aufgab. Dann ließ er sich aber nicht etwa zurückfallen, sondern fuhr vor, wendete und fuhr ein weiteres Mal an uns vorbei.

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Kurz nach 13:00 Uhr rief mich Emilie an. Sie hatte mit zwei Pfarrern gesprochen und beide waren bereit, uns aufzunehmen. Dummerweise waren wir so schnell vorangekommen, dass beide Ortschaften bereits hinter uns lagen. Sie versprach aber, auch noch mit dem nächsten Pfarrer zu sprechen und wünschte uns dann viel Glück und eine gute Weiterreise.

Campana war ein langgezogenes Dorf, das sich wie eine Krake mit mehreren Armen auf mehreren Bergrücken ausbreitete. Im Zentrum fragten wir nach Don Francesco, dem Mann, den Emilie über unser Kommen informieren wollte. Der kleine Platz war die reinste Geisterbahn. An einer Bushaltestelle saßen zwei Männer. Einer wirkte noch relativ normal, zumindest für einen alten Mann mit fahlem, eingefallenen Gesicht. Der andere Jedoch hätte als Vorlage für das Kostüm eines neuen Horrorfilms im Stil von Scream dienen können. Seine unteren Augenlider waren mehrere Zentimeter herabgesackt und gaben den Blick auf eine leuchtend rote Unterhaut frei. Das gleiche war auch mit seinem Mund passiert. Die Unterlippe hing gute drei Zentimeter herab, so dass man direkt auf ein orangerotes Fleisch blicken konnte, das sich noch unterhalb seines Zahnfleisches befand. Passend dazu waren auch die Stellen seiner Augen, die eigentlich weiß sein sollten, in einen orange-roten Farbton verfallen, der jeden Hummer stolz gemacht hätte. Der Rest des Gesichtes hingegen war fahlgelb gefärbt und machte den Anschein, als wäre der Mann schon vor langer Zeit gestorben. Überhaupt gab es wenig, was dafür sprach, dass er noch am Leben war, abgesehen von der Tatsache natürlich, dass er mit auf meine Fragen antwortete. Ich glaube das war es auch, was mich am Meisten gruselte.

Sein hohes, zittriges Stimmchen führte mich auf die andere Straßenseite zu einem Auto mit zwei Männern darin. Der Fahrer erinnerte an den tendenziell normal-gruseligen Mann an der Bushaltestelle, doch sein Beifahrer hatte es wieder einmal in sich. Er füllte den kompletten Innenraum des Autos aus, einschließlich der Rückbank und des Kofferraums. Ich hatte nicht die leiseste Vorstellung, wie er es geschafft hatte in dieses Auto zu kommen. Noch mehr beindruckte es mich jedoch, als er plötzlich wieder auf der Straße stand. Neben ihm wirkte das Auto wie eine Keksdose. Rein physikalisch war es also absolut unmöglich gewesen, dass er seine Fettmassen durch die enge Tür hatte quetschen könnten. Er erklärte uns den Weg zur Kirche, doch weder Heiko noch ich waren in der Lage großartig auf seine Worte zu achten. Sein äußeres Nahm uns einfach zu sehr in den Bann. Er trug einen dunkelblauen Wollpulli, der größer war als unser Zelt und der trotzdem kaum seinen Bauch verdecken konnte. Seine Beine waren in eine Jogginghose gehüllt, die aus einem hochelastischen Material bestand. Trotzdem war sie vorne aufgerissen, so dass seine Unterhose darauf hervorleuchtete. Wie oft uns in letzter Zeit Männer begegnet waren, die ihre Unterhosen durch ihre zerrissenen Beinkleider präsentierten war schon fast ein Phänomen. Wenn man davon ausging, dass wir jede Begegnung selbst in unser Leben zogen, dann sollten wir uns deswegen vielleicht langsam Sorgen machen.

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Das gute an Italienern ist, dass sie alles was sie sagen fast immer mindestens drei Mal wiederholen. Wir hatten also noch zwei Versuche, um unsere Aufmerksamkeit von der kugelförmigen Gestalt mit der zerrissenen Hose auf die Worte zu lenken, die uns aus seiner Richtung entgegen kamen. Beim dritten Versuch gelang es uns und wir folgten seiner Beschreibung zur Kirche. Dort trafen wir auf einen Mann, der gerade dabei war eine aufwendige Weihnachtskrippe zu gestalten. Der Pfarrer sei bis vor wenigen Minuten bei ihm gewesen, doch dann war er losgefahren um ein paar Bodenbretter zurechtsägen zu lassen. Er käme aber sicher bald zurück.

Die Auskunft stimmte und es dauerte nicht lange, bis sich uns Don Francesco vorstellte. Emilie hatte ihn auf der Konferenz nicht mehr erreicht, aber er nahm uns trotzdem gerne auf, vor allem als er hörte, dass wir Don Massimo und sie kannten. Wir bekamen einen Raum im alten Pfarrhaus, das gerade renoviert wurde. Don Francesco war ein lieber Kerl, doch er hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, der stressigste Mensch der Welt zu werden. Es war schier unmöglich mit ihm zu sprechen, ohne dabei einen schnelleren Herzschlag zu bekommen. Außerdem liebte er es, aus allem ein riesiges Problem zu machen. Erst bekamen wir den Raum, dann sollten wir noch einmal umziehen, weil die Heizung nicht funktionierte. Dann funktionierte sie doch und wir sollten bleiben und dann sollten wir wieder umziehen, weil es nun ein Problem mit dem Wasser gab. Zum Glück war außer dem Pfarrer noch ein Handwerker anwesend, der erstaunlich ruhig und besonnen war. Wir brauchten nicht mehr als drei Sätze um das Problem mit dem Wasser zu regeln, so dass uns der Umzug erspart blieb. Einige Minuten später kam Don Francesco dann noch ein weiteres Mal zu uns. Dieses Mal hatte er einen Freund von der örtlichen Polizei dabei, der unsere Personalien aufnahm. Nur für den Fall, denn man weiß ja nie. Nicht dass wir in den leeren Räumen am Ende noch etwas kaputt machten oder gar die letzten Krümel Farbe von den Wänden kratzten.

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Am meisten beeindruckte uns jedoch das Badezimmer. Wenn die Menschen auf dem Dorfplatz die perfekte Besetzung für einen Horrorfilm waren, dann war unser Bad die perfekte Kulisse. Es sah aus wie eine Mischung aus Schlachthof und Irrenanstalt, mit lauter kalten Fliesen und abstrakten Konstruktionen aus Keramik, die viel mehr an Folterinstrumente als an Kloschüsseln und Waschbecken erinnerten.

Spruch des Tages: Nicht erschrecken!

Höhenmeter: 510 m

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 13.248,27 km

Wetter: Bewölkt mit gelegentlichen Regenschauern und Eiseskälte

Etappenziel: Priesterschule, 87018 San Marco Argentano, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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