Tag 748: In der Kleiderkammer

von Heiko Gärtner
21.01.2016 16:55 Uhr

Um die Stadt zu verlassen nahmen wir wieder den gleichen Weg, auf dem wir sie betreten hatten. Dieses Mal war es jedoch etwas leichter, weil wir ihn schon kannten und weil er nun die meiste Zeit bergab führte. Auch der Rest der heutigen Tagesetappe führte uns fast immer leicht nach unten und so kamen wir recht entspannt an unserem Zielort an. Der Pfarrer war nicht da, doch ich traf den Bürgermeister, der sogar fließend Deutsch sprach. Er war begeistert von unserer Reise und schmiedete sogar gleich Pläne für eine Städtepartnerschaft zwischen Cerenzia und einer unserer Heimatstädte in Deutschland. Nachdem ihm der Pfarrer am Telefon eine Absage erteilt hatte, versprach er, sich selbst um eine Lösung zu kümmern.

„Ihr sollt Cerenzia auf jeden Fall in guter Erinnerung haben und nicht als eine Stadt, die euch abgewiesen hat“, meinte er und durchkämmte das Rathaus nach Mitarbeitern mit guten Ideen. Nach kurzer Zeit einigte man sich darauf, uns die alte Schule zur Verfügung zu stellen. Es war die Schule, in der der Bürgermeister selbst unterrichtet worden war. Doch vor einigen Jahren hatte man sie geschlossen, weil es nicht mehr genug Kinder im Ort gab. Es war das Los der meisten kleinen Ortschaften. Die großen Städte wurden immer größer und die Dörfer starben immer mehr aus.

Zwischen meiner Ankunft im Rathaus und der Zusage für den Raum vergingen etwa 6 Minuten. Von der Zusage bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich Heiko Bescheid sagen konnte, dass wir einen Raum bekommen hatten, verging jedoch noch einmal eine volle Stunde. Der Grund dafür war, wieder einmal die Angewohnheit, alles so umständlich wie möglich zu machen. Erst gingen wir alle gemeinsam zum Schulgebäude. Dann schloss ein Stadtangestellter das Eingangstor, ein Sicherheitsgitter vor der Tür und die Tür selbst auf, damit wir in das Gebäude kamen. Nun mussten wir uns jeden Raum einzeln anschauen und genau inspizieren, damit wir später auch eine gute Wahl treffen konnten, in welchem der Zimmer wir unser Nachtlager aufschlagen wollten. Dabei sollte man erwähnen, das alle Räume gleich aussahen und abgesehen von einigen alten Stühlen, Schränken und Tischen vollkommen leer waren. Nun ging es an tiefergreifende Probleme. Irgendwo musste ein Heizstrahler aufgetrieben werden. Dafür verließen wir das Gebäude wieder und der Stadtangestellte verriegelte es sorgfältig. Er schloss die Eingangstür, sperrte das Sicherheitsgitter davor und verschloss dann das Tor zum Grundstück. Wir gingen zur Hauptschule nebenan, die noch immer im Betrieb war. Hier sollte es sowohl einen Heizstrahler als auch eine Internetverbindung geben. Dummerweise wusste niemand wo sich der Heizstrahler befand und mit welchem Kennwort das Netzwerk gesichert war. Also wurden erst einmal wieder sämtliche Telefone heißgewählt, bis sich beides auftreiben ließ. Dann kehrten wir zur alten Schule zurück, schlossen alles auf, stellten den Heizstrahler hinein, schlossen alles wieder ab und machten uns auf die Suche nach einem kleinen Supermarkt, in dem wir noch etwas Brot bekommen konnten. Diese hatten jedoch gerade Siesta und so änderten wir die Pläne erneut, um den Rathausmitarbeiter zuhause zu besuchen, wo er uns ein bisschen von seinem Brot gab. Alles war natürlich unglaublich lieb und es half uns dabei, den Nachmittag angenehm und produktiv zu gestalten. Trotzdem war ich erstaunt darüber, wie umständlich man ein paar simple Schritte gestalten und wie sehr man sie in die Länge ziehen konnte.

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Nach den verhältnismäßig langen Etappen der Vortage hatten wir für den folgenden Tag eine kurze Entspannungsetappe von nur fünf Kilometern geplant. Doch wie so oft mit solchen Plänen wollte auch dieser nicht so ganz klappen. Im Rathaus bat man uns eine Stunde auf das Erscheinen des Bürgermeisters zu warten und der Pfarrer bot uns zwar einen Schlafplatz an, verlegte diesen jedoch auf einen Nachbarort, der noch einmal weitere zehn Kilometer entfernt war. Im Gespräch hatte der Pfarrer nicht besonders zuverlässig gewirkt, sondern eher so, als wollte er uns abwimmeln. Wenn wir seinem Rat also folgten, er jedoch aus irgendeinem Grund vergessen haben sollte, uns wirklich einen Schlafplatz zu organisieren, dann standen wir mitten in einem winzigen Dorf, in dem wir keine anderen Möglichkeiten mehr hatten. Warteten wir jedoch auf den Bürgermeister und der sagte uns am Ende ab, dann standen wir vor dem gleichen Problem, nur dass wir dann auch noch wertvolle Zeit verloren hatten. Wir entschieden uns dafür, das Risiko mit dem Pfarrer einzugehen und darauf zu vertrauen, dass er sein Wort halten würde. Er hatte mir weder einen Kontakt gegeben, noch hatte er mich gefragt, wann wir an der ausgemachten Kirche eintreffen würden. Es war mir also ein vollkommenes Rätsel, wie er es hinbekommen wollte, dass am Ende alles passte.

Die Lösung war jedoch beeindruckend simpel. Als wir den Ort erreicht hatten und ich mich auf den Weg zur Kirche machte, wurde ich von einer lauten Stimme aufgehalten, die von einem Balkon zu mir herunter schallte.

„Hallo Sie da! Sind Sie zufällig der Mann, der den Schlüssel für das Pfarrhaus braucht?“

Die Frau hatte offenbar den ganzen Nachmittag am Fenster gesessen und hinausgeschaut, um mitzubekommen, wenn ein Mann mit einem Rucksack oder einem Pilgerwagen an ihr vorbeikam. Sie warf mir den Schlüssel zu und beschrieb mir den Weg zum Pfarrhaus.

Das alte Pfarrhaus war ein verwirrend hohes Gebäude mit nur zwei Etagen, von denen jede für sich eine Deckenhöhe von rund vier Metern hatte. Die obere Etage war abgeschlossen, so dass wir nur die Wahl zwischen zwei Zimmern in der unteren hatten. Eines war ein riesiger Saal, der abgesehen von drei Kühlschränken, einem Wandschrank und einem kleinen Tisch mit einer darauf festgeklebten Stereoanlage, vollkommen leer war. Der zweite Raum war eine kleine Küche, die man bis zum Erbrechen mit Schultischen vollgestellt hatte. Da Wärme zur Zeit Mangelware war und sie sich besonders gerne nach oben hin verteilte, wählten wir den kleinen Raum und räumten seinen kompletten Inhalt in den großen um. Mit den beiden Heizstrahlern schafften wir es dann tatsächlich, nach ein paar Stunden, uns ein angenehmes Raumklima zu erzeugen. Die Wartezeit nutzten wir für einige Reparaturen an unseren Wagen, die ohnehin längst überfällig gewesen waren. Mein Wagen bekam eine Generalüberholung der Bremsen und Heikos bekam neue, stylisch weiße Handgriffe verpasst. Gerne hätte ich auch mein eines Rad repariert, das immer leicht schlackerte, doch daran konnten wir im Moment leider nichts ändern. Das Kugellager war leicht ausgeschlagen, ließ sich aber nicht aus dem Rad entfernen, ohne es vollständig zu zerstören. Es wird also wohl erst einmal so bleiben müssen.

Für unser Abendessen kehrte ich noch einmal zu der Dame zurück, die mir den Schlüssel zugeworfen hatte. Bei der Gelegenheit lernte ich gleich ihre ganze Familie kennen, darunter auch ihren Mann. Zu meiner Überraschung war er der Stadtangestellte, mit dem ich bereits im Rathaus gesprochen hatte. Er war etwas bestürzt, mich hier zu sehen, denn anders als wir war er bereits fest von einer Zusage des Bürgermeisters ausgegangen und hatte sich schon genauestens überlegt, wo und wie er uns unterbringen wollte.

Die Wanderung am folgenden Tag wurde nun etwas kürzer und entspannter, was im Endeffekt gar nicht verkehrt war, da es die meiste Zeit wieder fast nur bergauf ging. Es war ein ruhiger, sonniger Tag und wir hatten sogar auf weiten Strecken einen Handy-Empfang, was hier im Gebirge nur selten vorkam. Daher nutzten wir die Gelegenheit, um uns mal wieder bei einem unserer Hauptsponsoren zu melden.

Outdoorpacks ist ein kleiner und persönlicher Händler für alle Arten von wasserdichten Taschen, Rucksäcken, Packsäcken und anderen Materialien, der uns seit Beginn der Reise mit allem versorgt, was unsere Ausrüstung trocken hält. Ohne Outdoorpacks hätten wir nach vielen regennassen Tagen kein einziges trockenes Kleidungsstück und auch keine trockene Schlafausrüstung mehr gehabt. Die Packsäcke, die wir von diesem Unternehmen bekommen haben, sind diejenigen, die immer oben auf dem Wagen aufliegen und daher stets besonders harten Witterungsbedingungen ausgesetzt sind. Fast zwei Jahre haben sie uns nun bereits gute dienste geleistet. Bei der letzten Reparaturaktion vom Vortag hatten wir jedoch festgestellt, dass das Gewebe der Säcke an mehreren Stellen porös wurde, so dass sich kleine Risse ergaben. Es war also an der Zeit, zumindest einen der Säcke einmal erneuern zu lassen. Im Gespräch mit Holger, dem Chef von Outdoorpacks, erfuhren wir dabei einige interessante Fakten, die uns fast von der Straße fegten.

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Auch er hatte bei einigen Ausstellungsstücken, die den Sommer über stets im Freien vor dem Laden gestanden hatten und so einer permanenten Sonneneinstrahlung ausgesetzt waren, ähnliche Probleme festgestellt. Das Gewebe der Taschen wurde porös und brüchig, so dass die Wasserdichtigkeit verloren ging. Auch Overboard, dem Hersteller der Taschen war das Problem bekannt und die Firma hatte sich bereits erfolgreich daran gemacht, das Gewebe so zu verändern, dass es der Sonnenstrahlung stand hielt. Doch dies war nicht das eigentlich faszinierende. Viel bemerkenswerter war, dass dieses Problem mit dem ursprünglichen Material vor einigen Jahren noch nicht aufgetreten war. Es waren also nicht die Taschen, die das Problem verursacht hatten, sondern das Wetter. Irgendetwas hatte sich in den letzten Jahren im Bezug auf die Sonneneinstrahlung, die UV-Strahlen oder die Luft dramatisch verändert. Denn die Packsäcke waren nicht das einzige, was plötzlich porös wurde, obwohl es keinen erkennbaren Grund dafür gab. Holger hatte neben dem Handel für Wasserfeste Taschen noch ein weiteres Standbein, in Form eines Handels für Bote. Er hatte daher viel Kontakt zu Herstellern, Händlern und Betreiber von unterschiedlichen Wasserfahrzeugen und kannte sich auch selbst sehr gut mit der Materie aus. Daher wusste er aus erster Hand, dass es seit kurzem ein gewaltiges Problem unter Seglern gab, das es zuvor nicht gegeben hatte. Die Segelstoffe, die früher viele Jahre lang Wind und Wetter getrotzt hatten, wurden heute bereits nach einer einzigen Saison nicht selten so porös, dass man sie einfach mit der Hand zerreißen konnte. Gelegenheitssegler, die ihr Segel die meiste Zeit unter einer Plane versteckten und es nur hin und wieder am Wochenende auspackten, hatten dieses Problem nicht oder nur in geringem Maße. Wer sein Segel jedoch fast immer gesetzt hatte, der konnte es heute meist nach nur einer einzigen Saison wegwerfen. An der Ostsee war das Problem noch einigermaßen überschaubar. Hier wurden die Segel meist mit einer Chemikalie besprüht oder bestrichen, die als UV-Schutz diente. Die Sonnenstrahlen, die auf das Segel stießen, zerstörten nun nicht mehr das Gewebe, sondern den UV-Schutz, den man dann wieder erneut auftragen musste. Im Mittelmeer, wo die Sonneneinstrahlung bedeutend stärker und länger war, konnte man der Zerstörung der Segel durch die Sonne kaum noch Herr werden.

Viele vermuten den Klimawandel und das zunehmende Schrumpfen der Ozonschicht als Ursache. Heiko und ich sind uns da jedoch nicht ganz so sicher. Nach allem was wir bislang herausfinden können, ist unsere Ozonschicht bei weitem nicht so kaputt, wie wir allgemein annehmen. Dafür wird vor allem in den letzten Jahren immer stärker am Wetter herummanipuliert. Im Balkan war nach Chemtraileinsätzen die Belastung der Atmosphäre mit Aluminium-Nanopartikeln teilweise so hoch, dass unsere Solarsegel trotz direkter Sonneneinstrahlung kaum noch Strom produzieren konnten. Was ist, wenn sich diese Partikel in Verbindung mit anderen Chemikalien und der UV-Strahlung zu einem zerstörerischen Cocktail entwickelten, die weit mehr anrichteten, als nur Gewebe von Segeln oder Packsäcken zu zerstören?

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Oben auf dem Berg erreichten wir eine kleine Kirche, vor der rund zwei Dutzend alte Herren auf mehreren Bänken in der Sonne saßen. Der Pfarrer musste sich noch um einen Krankenbesuch kümmern, bevor er sich uns zuwenden konnte. Bis dahin taten wir es den alten Herren gleich und setzten uns ebenfalls in die Sonne. Dann kam der Priester zurück und führte uns in einen winzigen Raum voller Altkleider. Eigentlich war es der Raum der Caritas, in dem die Spenden gelagert werden konnte, aber zur Not konnte man hier auch kurzfristig zwei Pilger einlagern. Um Platz zum Schlafen zu schaffen, mussten wir erst einmal alles übereinander stapeln und in die Ecken verteilen. Dann hängten wir mehrere alte Mäntel vor die hauchdünne Eingangstür und stellten einige Pappkartons vor die zentimeterdicken Spalten am Türrahmen. So gelang es uns zumindest einigermaßen, den Straßenlärm und die Kälte auszusperren.

Später bat mich der Pfarrer noch einmal mitzukommen, damit er uns einige Sandwiches aus einem kleinen Minimarkt ausgeben konnte. Solange wir in der Schlange warteten, wurden wir von mehreren älteren Damen interviewt, die alles über die sonderbaren Gäste des Pfarrers wissen wollten. Nun war es ihm doch ein bisschen peinlich, dass er uns in die Abstellkammer gesteckt hatte, anstatt uns einen der größeren Räume zu geben.

„Oh! Du hast die Pilger zu dir nach Hause eingeladen?“ fragte eine der Damen und wollte den Pfarrer schon dafür loben.

„Nein!“ gestand er kleinlaut und fügte dann so unspezifisch wie möglich hinzu: „Ich habe ihnen einen Raum in der Kirche gegeben.“

Spruch des Tages: Man kann es sich überall gemütlich einrichten.

Höhenmeter: 250 m

Tagesetappe: 13 km

Gesamtstrecke: 13.291,27 km

Wetter: kalter Wind

Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 87010 Firmo, Italien

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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