Tag 752: Aussiedler

von Heiko Gärtner
21.01.2016 18:05 Uhr

Um unser nächstes Etappenziel zu erreichen mussten wir wieder einmal fast bis in den Himmel aufsteigen. Es lag auf etwas mehr als 1000m Höhe. Hier merkte man bereits deutlich, dass wir Winter hatten, denn es wurde nun so kalt, dass man den eigenen Atem sehen konnte.

In der Kirche trafen wir zwei Männer, die gerade an einigen Statuen herumdokterten. Sie erklärten mir, dass Don Giorgio, der örtliche Pfarrer in einem Haus oberhalb der Stadt wohnte, das nur sehr schwer zu erreichen war. Zunächst versuchten sie, mir den Weg dorthin zu beschreiben, doch dann beschloss einer von ihnen, mich einfach kurz mit dem Auto hinzufahren. Die Gassen der Stadt waren eng und steil, so dass es meist schon für ein einzelnes Auto schwer war, durch sie hindurch zu kommen. Wie man hier mit Gegenverkehr umging war mir ein Rätsel, aber irgendwie schien es zu funktionieren.

„Da ist er ja!“ rief mein Fahrer plötzlich und hielt neben einem Auto an, das gerade vom Berg heruntergefahren kam. Die Fahrerin war eine Frau um die Vierzig und der Beifahrer war offensichtlich der Pfarrer. Da wir das komplette Straßensystem verstopften verlegten wir das Gespräch wieder nach unten zur Kirche. Hier durften wir unsere Wagen in das alte, leerstehende Pfarrhaus stellen und fuhren dann gemeinsam mit der Frau und Don Giorgio wieder den Berg hinauf.

Die Aussage „etwas oberhalb der Ortschaft“ war bei weitem untertrieben gewesen. Die schmale Straße schlängelte sich immer weiter den Berg hinauf und bald schon konnte man nicht einmal mehr erahnen, dass sich hier in der Nähe irgendeine Form von Zivilisation befinden könnte. Dichter Nebel zog herauf und hüllte die Herbstwälder in ein geheimnisvolles Grau. Hinter einer engen Kurve tauchte aus dem Nebel ein hölzernes Kreuz auf. Davor befand sich eine kleine Einfahrt, in die wir nun einbogen. Weiter ging es nun auf einem schmalen Sandweg, der über einen steilen Hügel führte. Dann hielten wir zwischen mehreren Gebäuden.

„Als wir hier vor einigen Jahren ankamen“, erklärte Don Giorgio, „war das alles hier ein Dschungel. Man konnte nicht gehen, ohne sich den Weg mit der Machete freizuschlagen. Wir haben dann angefangen das Grundstück freizulegen und die Gebäude zu renovieren.“

Wir stiegen aus und gingen auf ein altes Steinhaus mit einem geräumigen Wintergarten zu. Die meisten anderen Gebäude waren noch immer Ruinen. Dieses hier aber war gerade erst renoviert worden. In seinem inneren prasselte ein Kaminfeuer, das uns sofort in seinen Bann zog.

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Don Giorgio hatte stammte eigentlich aus Norditalien, war aber vor einigen Jahren hier her gekommen. Er hatte eine Weile als Mönch gelebt, war jedoch stets etwas zu rebellisch gewesen, um sich den strengen Regeln seines Ordens einfach kommentarlos unterzuordnen. Nach einem heftigen Streit mit dem Ordensvater, über den er sich nicht weiter auslassen wollte, hatte er das Kloster verlassen und war der hiesigen Diözese als Pfarrer beigetreten. Er hatte dann zunächst unten im Ort in dem Haus gelebt, in dem wir unsere Wagen untergestellt hatten. Später hatte er dann die Familie kennengelernt, mit der gemeinsam er dieses Haus hier oben auf dem Berg renoviert hatte. Wie die anderen Gebäude war auch das heutige Wohnhaus eine Ruine gewesen, von der nur noch zwei Wände aufrecht gestanden hatten. Die Originalwände waren restauriert und der Rest neu errichtet worden. Das Ergebnis war ein gemütliches und wirklich stilvolles Berghaus, in dem man sich sofort wohlfühlen musste.

Außer dem Pfarrer und der Frau, die uns gefahren hatte, waren noch ihre beiden Töchter und ihr Mann, sowie der Freund der jüngeren Tochter anwesend. Der Mann kümmerte sich um das Feuer, die Frauen um das Mittagessen und der Pfarrer gab uns eine Hausführung. Er erzählte uns, dass er viel Zeit in Afrika, vor allem im Kongo verbracht und dort mehrere Projekte für Kinder aufgezogen hatte. Auf seinem Schreibtisch lagen verschiedene Zeitungsartikel und Reportagen über ihn und seine Arbeit, die er uns mit berechtigtem Stolz zeigte. Wir hatten auf unserer Reise nun bereits wirklich viele Pfarrer und Geistliche kennengelernt, die alle recht unterschiedliche Lebenswege bestritten hatten. Dieser hier war jedoch auf seine Art vollkommen einzigartig. Viele kämpften mit dem Problem der Einsamkeit und auch der Mann der uns am Vortag eingeladen hatte, fühlte sich in seinem großen Anwesen sichtbar alleine. Don Giorgio hatte jedoch einen Weg gefunden, dieser Einsamkeit zu entgehen und gleichzeitig dem Stress und dem Lärm der italienischen Dörfer zu entkommen.

„Was ich hier oben am meisten liebe“, sagte er, „ist die unglaubliche Ruhe und die Abgeschiedenheit!“

Wir konnten seine Begeisterung dafür sofort nachvollziehen. Es gab hier keine Autos außer ihren eigenen und keinen Zivilisationslärm, außer sie erzeugten ihn selbst. Er war noch immer gut erreichbar für seine Gemeinde und konnte sich um die Belange seiner Schäfchen kümmern. Doch sein Haus war so abgeschieden, dass man nicht wegen jeder Kleinigkeit zu ihm gerannt kam. Man überlegte sich zuvor, ob es wirklich wichtig war, und ob man sich mit dieser Sache wirklich am Besten an den Pfarrer wendete. Damit ersparte er sich schon einmal 90% des Dauerstresses, dem die meisten seiner Kollegen tagtäglich ausgesetzt waren, wenn sie es zuließen, dass man sie rund um die Uhr erreichen konnte.

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Nach dem Essen fuhr uns der Pfarrer wieder in die Stadt zurück, wo wir im Pfarrhaus arbeiten konnten. Auch das Pfarrhaus war stilvoll eingerichtet und von Don Giorgio astrein renoviert worden. Es war sogar eines der wenigen Häuser hier im Lande, das so etwas wie Türdichtungen besaß. Das einzige Manko war die Zentralheizung. Das Haus wurde bereits seit zwei Jahren nicht mehr benutzt, den Don Giorgio lebte ja oben auf dem Berg. Dementsprechend waren die Räume auf eine Temperatur herunter gekühlt die nahe über dem Gefrierpunkt lag. Theoretisch hätte das nicht schlimm sein dürfen, denn das Haus verfügte über eine Zentralheizung mit Heizkörpern in jedem Raum. In Deutschland hätten wir und daher einfach den kleinsten Raum ausgesucht, die Heizung auf volle Leistung gedreht und gewartet bis es warm wurde. Doch so einfach waren die Dinge hier nicht. Denn die Heizkörper ließen sich nicht einzeln ansteuern. Man konnte entweder das ganze Haus heizen oder gar nichts. Um die Heizung zu steuern gab es im Wohnzimmer ein zentrales Steuerungsgerät, mit dem man Tag- und Nachttemperatur sowie unterschiedliche Zeitintervalle einstellen konnte. Das Problem an diesem Bedienungselement war jedoch, dass es mit Batterien funktionierte und diese waren nach zwei Jahren natürlich leer. Da Sonntag war konnten wir jedoch auch nicht einfach irgendwo neue kaufen. War es nicht vollkommen absurd, eine solche Technik einzubauen, bei der man das komplette Heizsystem verlor, wenn einem der Saft in einer Batterie ausging? Don Giorgio setzte alles daran, neue Batterien aufzutreiben und das Heizungssystem irgendwie zum Laufen zu bringen, doch der Erfolg war mäßig. Mit den Ersatzakkus, die er in den Tiefen der Vorratsschränke fand funktionierte die Heizung zwar für eine Weile, doch nach gut 20 Minuten war es mit der Wärme wieder vorbei. Die kalten Wände übernahmen nun wieder die Führung und innerhalb kürzester Zeit bibberten wir wieder genau wie am Anfang. Noch immer war es uns ein Rätsel, was die Italiener gegen funktionierende Heizungssysteme hatten. Klar, die meiste Zeit des Jahres war es hier warm und man brauchte die Heizungen nicht. Doch mindestens zwei Monate im Jahr wurde es auch hier so kalt, dass man in den Häusern einfach erbärmlich fror. Wenn tagsüber die Sonne schien, dann konnte man freilich noch immer im T-Shirt und in kurzer Hose herumlaufen, doch sobald sie untergegangen oder auch nur hinter einer Wolke verschwunden war wurde es kalt. Wie konnte es sein, dass eine ganze Nation kein Interesse daran hatte, es sich zumindest im eigenen Haus an solchen Tagen ein bisschen gemütlich zu machen? Fest installierte Heizkörper, wie diese hier waren eher die Ausnahme. In den meisten Häusern gab es stattdessen Elektroheizer oder kleine Gasöfen, die zum einen sehr viel teurer waren und zum anderen Häufig sehr unangenehme Geräusche machten, so dass schon wieder keine Gemütlichkeit entstand. Doch nicht nur die Menschen selbst litten unter den mangelnden Heizmöglichkeiten. Es schadete vor allem auch den Gebäuden. Seit Wochen schon hatten wir fast keinen Raum mehr betreten, der nicht feucht oder bereits schimmelig war. Die Farbe blätterte vielerorts von den Wänden und die gesamte Baustruktur zerfiel in ihre Bestandteile. Viele der kleinen Bergdörfer könnten wirklich idyllische Kulissen sein, wenn die einzelnen Häuser nicht zu so großen Teilen schäbig und verfallen aussehen würden. Überall blätterte der Putz ab, die Steine zerbröckelten und der Beton löste sich so weit auf, dass man das rostige Stahlskelett darunter sehen konnte. All das musste nicht sein. Es war nicht wie im Balkan ein Produkt von Armut und Geldmangel sondern einfach das Ergebnis einer unüberlegten Lebensweise.

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Bis zum Abend waren wir so ausgekühlt, dass wir schon blaue Lippen hatten. Die Türklingel war daher fast wie eine Erlösung. Wir sprinteten die Treppe nach unten, hechteten in das Auto des Pfarrers und hockten nur Minuten später vor dem heißen Kamin im Haus oben auf dem Berg. Die Finger tauten langsam wieder auf und das Leben kehrte in unsere kalten, zombieartigen Körper zurück.

Dieses Mal lernten wir nun auch die älteste Tochter, ihren Mann und ihre kleine Tochter kennen, die wir zuvor nur als Biene verkleidet auf einem Kalender gesehen hatten. Es wurde wieder eine gesellige Runde und auch das Essen war wieder hervorragend. Wir aßen im Wintergarten und konnten so die kalte, dunkle Welt außerhalb des Hauses beobachten, während wir selbst im Warmen saßen. Dies war vielleicht das schönste Gefühl, was der Herbst zu bieten hatte.

Spruch des Tages: Zu viel Technik ist auch wieder nichts.

Höhenmeter: 260 m

Tagesetappe: 22 km

Gesamtstrecke: 13.361,27 km

Wetter: bewölkt, kalt, regnerisch und ungemütlich

Etappenziel: Hotel Pino, 85040 Castelluccio Inferiore, Italien

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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