Tag 759: Der Überfall – Teil 2

von Heiko Gärtner
29.01.2016 23:26 Uhr

Fortsetzung von Tag 758:

Genau in diesem Moment hielten hinter uns zwei weitere Autos am Straßenrand. Heiko rannte auf den ersten der beiden Fahrer zu und rief: „Bitte rufen Sie die Polizei! Der Mann hier ist komplett verrückt und greift uns an!“

Was dann jedoch geschah, hätte keiner von uns je für Möglich gehalten. Der Fahrer des zweiten Wagens stieg aus, doch anstatt die Polizei zu rufen oder den Aggressionsbolzen zu beruhigen, ging nun auch er auf uns los. Genau wie der Fahrer des dritten Wagens. Beide waren wesentlich kleiner und der dritte war sogar so unauffällig, dass ich mich nicht einmal im Geringsten an ihn erinnern kann. Der zweite war ein dickbäuchiger Kerl mit einer Halbglatze, der sich kaum selbst auf den Beinen halten konnte. Sie waren in etwa wie die beiden kleinen Hunde, die dem großen aggressiven gefolgt waren. Der große Mann wandte sich nun wieder Heiko zu, während die beiden Schoßhunde auf mich losgingen. Ich hatte insgesamt erst drei Kampftrainings absolviert und beide waren schon wieder recht lange her. Es reichte bei weitem nicht, um irgendjemanden davon abzubringen, mich anzugreifen, doch ich erinnerte mich noch an genug, um eine funktionierende Deckung aufzubauen. Ein Schlag traf mich seitlich am Brustkorb, ein weiterer am Hinterkopf. Alle anderen landeten auf meinen Armen oder meinem Rucksack, wo sie keinen Schaden anrichten konnten. Nur unser kleiner Gewürzsteuer ging dabei zu Bruch. In diesem Moment wurde es mir nicht so ganz klar, da alles recht schnell ging und ich in dem Gemenge natürlich wieder einmal meine Brille verloren hatte, doch später wurde mir bewusst, dass die beiden Angreifer echte Waschlappen gewesen sein mussten, wenn sie es zu zweit nicht einmal geschafft hatten, mir auch nur einen blauen Fleck zuzufügen.

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Während ich damit beschäftigt war, die Übersicht zu behalten, nicht zu stürzen und darauf zu achten, dass niemand auf meine Brille trat, hatte Heiko mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Meine Gedanken waren: „Wie schaffe ich es, heil aus dieser Situation herauszukommen?“ Seine Gedanken lauteten eher: „Soll ich diesen Arsch heil aus dieser Situation entkommen lassen oder soll ich ihn wirklich verdreschen? Doch wenn ja, wie geht die Situation dann aus? Je stärker ich ihn verletze, desto wütender wird er werden. Er hat jedoch ein Auto und es gibt keine Möglichkeit, hier von der Straße abzugehen. Ich würde die Situation also nur noch gefährlicher machen. Es sei denn natürlich, ich gebe meiner Wut soweit nach, dass er am Ende nicht mehr in der Lage ist, sein Auto zu benutzen. Aber auch das ist keine wirklich gute Ausgangssituation für eine stressfreie Weiterreise. Was machen wir mit den anderen beiden? Wir können nicht drei Männer verprügeln und dann hier liegen lassen!“

Denn schon allein rechtlich betrachtet, brachten wir uns damit weit mehr in die Bredouille, als wenn wir uns einfach selbst verprügeln ließen. Dies war noch so eine Besonderheit unserer Gesellschaft. Das Recht ist im Ernstfall meist auf der Seite des Angreifers. Es ist uns von Gesetz her verboten, uns selbst wirklich zu verteidigen und zu schützen. Wenn ein Hausbesitzer einen Einbrecher auf frischer Tat erwischt, ihn überwältigt und bis zur Ankunft der Polizei in seinem Haus festhält, dann ist das keine Heldentat, sondern Freiheitsberaubung. Natürlich kann der Hausbesitzer den Einbrecher später wegen des Einbruchs verklagen, doch er muss selbst auch mit einer Anklage rechnen, die wahrscheinlich sogar härter bestraft wird, als die des Kriminellen. Vor einiger Zeit war Heiko einmal auf ein ähnliches Beispiel gestoßen. Zwei türkische Frauen, die an einem Kampfsportwettbewerb teilnahmen, wurden nach dem Wettkampf am Abend von fünf Männern überfallen, die sie verschleppen und vergewaltigen wollten. Die Frauen hielten ihre innere Wut nicht zurück und ließen sich gehen, was für die fünf Vergewaltiger böse endete. Die Männer mussten anschließend ins Krankenhaus eingeliefert werden und die Frauen wurden wegen schwerer Körperverletzung angeklagt und verurteilt. Trotz der Tatsache, dass die Männer zu fünft über zwei Frauen hergefallen waren und sie, wenn alles nach Plan gelaufen wäre, im günstigsten Fall für immer traumatisiert und im schlimmsten Fall sogar ermordet hätten, gingen sie am Ende als Opfer aus der Geschichte hervor. Es ist einem Menschen erlaubt, sich zu verteidigen, um einen Schaden abzuwenden, doch es ist eine Straftat, ein klares Ende zu setzen. Überlegt euch einmal, was dieser Fall für eine abschreckende Wirkung auf potentielle Vergewaltiger gehabt hätte, wenn die Richter für die Frauen entschieden hätten. So wurde nur das bestätigt, das ohnehin jeder spürte. Man kann machen, was man will und kommt am Ende doch mit einem blauen Auge davon. Es ist doch paradox, dass ein Vergewaltiger nicht selten mit einer geringeren Strafe davon kommt, als jemand, der seine Steuern hinterzieht oder einen Ausweis fälscht.

Heiko beschloss daher, sich im Zaum zu halten und den Angreifer nicht durch einen Gegenangriff außer Gefecht zu setzten. Stattdessen blockte er dessen Schläge ab, bis sie aufhörten. Mit seiner rechten Faust erwischte der Fremde dabei genau Heikos Unterarmknochen und fügte sich so selbst einen stechenden Schmerz zu. Danach war er erst einmal kuriert und beruhigte sich wieder. Auch die anderen beiden hatten ihre Attacke inzwischen eingestellt und wichen zurück zu ihren Autos. Sie blieben auf Abrufbereitschaft, waren aber selbst eigentlich nicht mehr auf eine Schlägerei eingestellt. Sie taten das, war ihr Anführer machte. Wenn er wütend wurde, gingen auch sie wieder los, beruhigte er sich, wurden auch sie ruhig.

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Warum der Mann uns angegriffen hatte blieb uns weitgehend unklar. Wir verstanden nur, dass der eigentliche Grund für seinen Wutausbruch und seinen Angriff auf uns, nichts mit uns persönlich hatte zu tun. Er war in einer so grundaggressiven Stimmung, dass er nur einen Auslöser brauchte, irgendein Ventil, an dem er sich austoben konnte. Normalerweise waren dies wohl seine Hunde, die er so sehr misshandelt hatte, dass sie zu den verhaltensgestörten Tölen wurden, die wir kurz zuvor kennengelernt hatten. Als wir sein Grundstück passiert hatten, mussten wir durch irgendetwas seine Aufmerksamkeit erregt hatten. Vielleicht, weil wir mit einigen lauten Rufen versucht hatten, seine Hunde zum Schweigen zu bringen. Vielleicht auch nur, weil er uns als Ausländer und erkannt hatte oder uns für Landstreicher hielt. Auf dem Weg zu uns, hatte er dann wohl seine beiden Kumpel angerufen, um etwas Rückendeckung zu bekommen. Doch selbst mit dieser Rückendeckung war sein Angriff noch immer ein unüberlegtes Risiko gewesen, das fast schon an Dummheit grenzte. Er kannte uns nicht und hatte keine Ahnung, wer wir waren oder was wir schon alles erlebt hatten. Das einzige, was er sehen konnte war, dass wir bereits sehr weit gereist waren und so musste er damit rechnen, dass wir seine Aggressivität wohl möglich erwidern würden. Allein die beiden Stahlflaschen, die wir jederzeit griffbereit an unseren Wagen angebracht hatten, hätten in einem solchen Moment zu ernsthaften Waffen werden können. Außerdem konnte er ja nicht ahnen, dass ich vor lauter Aufregung vergessen würde, dass ich ein Pfefferspray besaß, mit dem ich die drei ebenfalls hätte ausschalten können. Das wurde mir leider erst wieder im Nachhinein bewusst, was zugegebenermaßen auch nicht besonders schlau war. Schließlich riefen sie uns noch einige Verwünschungen hinterher und befahlen uns, möglichst schnell weiter zu ziehen. Dann verschwanden sie mit ihren Autos in die entgegengesetzte Richtung.

Heiko baute unser Handy wieder zusammen. Es funktionierte noch, doch das Glas des Bildschirms war an mehreren Stellen gebrochen. Bluetooth und w-LAN ließen sich nicht mehr einschalten. Ich hoffe, dass man noch telefonieren kann, das haben wir bislang noch nicht getestet. Doch früher oder später werden wir auf jeden Fall ein neues brauchen. Wenn nicht zum Telefonieren, dann wenigstens zum Navigieren. Für den Fall, das irgendjemand von euch noch ein altes Smarthpone hat, das er nicht mehr braucht, weil es inzwischen bessere gibt, dann wären wir unendlich dankbar, wenn ihr uns eines zukommen lassen könntet.

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Doch die Situation beschäftigte uns auch noch aus anderen Gründen. Sicher war es kein Zufall, dass wir genau jetzt in eine zwar harmlose aber doch erwähnenswerte Schlägerei gerieten. Der Mann mit dem grünen Panda war zweifellos ein aggressives Arschloch, dass nur darauf wartete, eine Möglichkeit zum Prügeln zu finden. Wir waren auch nicht die ersten, mit denen er sich angelegt hatte. Er wirkte viel mehr so, als wären diese Art der Handgemenge eine Art Hobby von ihm. Er war zwar nicht gut darin, doch er wirkte auch nicht, als wäre es Neuland. Er war also eine tickende Zeitbombe, die in regelmäßigen Abständen explodierte. Wirklich wundern konnten wir uns darüber nicht, denn die unterschwellige Aggression, die in den Menschen steckte, war nahezu immer präsent. Man spürte sie nicht nur bei diesem Schläger, sondern in fast allen Menschen. Man spürte sie in der Art wie sie Auto fuhren, wie sie bei der Olivenernte auf ihre Bäume einprügelten, wie sie einander ansprachen und dabei jedes Mal eher schrien als redeten. Man spürte sie sogar in der Art, mit der sie einen grüßten oder einem eine gute Reise wünschten. Es lag eine tiefe, grundlegende Unzufriedenheit in den Menschen, die sie zwar unterdrückten, aber nicht bewältigten und die dann an vollkommen fehlgeleiteten Stellen ausbrach. Hinzu kam, dass sich in diesem Land einfach jeder alles erlauben konnte, was er wollte. Wenn in Deutschland ein Mensch einen Hund mit einem solchen Aggressionspotential halten würde, wie dieser Mann, dann hätte er bereits nach kurzer Zeit den Tierschutz auf dem Hals, der sich nach Hinweisen für eine Misshandlung umsah. Ihr erinnert euch vielleicht noch an die Skandalmeldungen über die Kampfhunde, die einmal ein Kind angefallen haben. Es waren nur ein, zwei, vielleicht drei Fälle in ganz Deutschland, bei denen es Übergriffe dieser extrem gewalttätigen Hunde auf Menschen gab und doch ging es sofort durch alle Medien und es wurden strenge Maßregelungen für die Hundehalter eingeführt. Wer seinen Hund in eine Kampfmaschine verwandelt hatte, die nicht mehr kontrollierbar war, musste damit rechnen, dass das Tier eingeschläfert wurde. Hier war jedoch alles egal. Niemand war verpflichtet seinen Hund zu erziehen oder dafür zu sorgen, dass er keinen Menschen angriff oder einschüchterte. Und dieses Prinzip galt nicht nur für Hunde. Es galt für alles. Wenn ein Mensch auf die Idee kam, Stundenland mit einem Quad mitten durch einen Ort zu heizen und damit 2000 Anwohner in einen Dauerstress zu versetzen, dann war das Ok. Wenn jemand am Sonntag Mittag auf die Idee kam, sein Grundstück mit einem Freischneider zu bearbeiten, der lauter war als ein startender Düsenjet, dann sagte kein Mensch etwas dagegen. Wenn Kinder im Kommunionsunterricht so unerträglich wurden, dass ihre Lehrer nicht einmal mehr den Versuch starteten, ihnen etwas beizubringen, dann war das nicht mehr wert als ein Achselzucken. Warfen die Kinder mit Steinen an eine Kirchentür oder rammten sie beim Rangeln den Priester in seiner eigenen Kirche um, dann hieß es nur: „Jaja, die Kinder!“ Es gab hier einfach kein Gefühl von Zumutbarkeit oder Menschlichkeit. Es gab keine Grenzen, keinen Punkt an dem man sagte: „so kann es nicht weitergehen!“ Wie aber sollte es weiter gehen? Die alten lebten bereits in einer permanenten Angst, die sie dazu brachte, Wanderpriester verhaften zu lassen und Pilger in der Kälte verrotten zu lassen, während sie von ihren eigenen Kindern terrorisiert wurden. Langsam hatten wir immer mehr das Gefühl, dass sich Italien in einer Art Anarchie befand. Jedoch keiner positiven Anarchie im Sinne von Freiheit so dass jeder selbstbestimmt leben und seinem Herzen folgen kann, sondern viel mehr im Sinne von Chaos und Strukturlosigkeit. Um Frei zu sein und um Leben zu können, ohne in Gewalt zu versinken, braucht man ein Gefühl. Man muss spüren, was für einen selbst und für andere das richtige ist. Wenn das nicht der Fall ist, dann geht man unbewusst über jede Grenze.

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Und diese vollkommene Gefühlslosigkeit ist es, die die Menschheit so viel gefährlicher macht, als jede andere Spezies auf diesem Planeten. Wir glauben, dass wir den Tieren überlegen sind und nennen sie deshalb wild und unberechenbar, während wir uns selbst für kultiviert halten. Doch wenn zwei Tiere miteinander Kämpfen, dann läuft dieser Kampf stets in einem Rahmen ab, der beiden Kontrahenten eine gewisse Sicherheit gibt. Steinböcke, Antilopen und Gazellen haben tödliche Waffen an ihren Köpfen, mit denen sie einen Rivalen sofort ins jenseits befördern könnten. Trotzdem kämpfen sie nie bis zum Tod, sondern immer nur so lange, bis klarsteht, wer der Stärkere von beiden ist. Dann trennen sich ihre Wege und jeder akzeptiert das Ergebnis und die Rolle, die ihm dadurch zufällt. Das gleiche passiert auch bei einem Kampf unter Löwen, unter Wölfen, Bären, sibirischen Tigern oder Stabheuschrecken. Wenn Entenmännchen um ein Weibchen kämpfen, dann schütteln sie sich nach dem Kampf, so als wollten sie das Geschehene aus ihrem Gefieder schleudern. Anschließend ist jede Feindseligkeit vergessen und sie können wieder ruhig und entspannt nebeneinander herschwimmen. Wie aber läuft es beim Menschen ab? Wir sind rachsüchtig, hinterhältig und nachtragend. Selbst wenn ein Kampf mit einem klaren Ergebnis beendet wird, heißt das nicht, dass dadurch wieder Frieden einkehrt. Der Untergebene gibt sich nicht geschlagen, akzeptiert seine Niederlage und respektiert den Sieger für sein Können. Er hasst den Sieger für den Knick, den sein Ego davongetragen hat und sinnt auf Rache. Wenn man einen Faustkampf klar und fair gewinnt, heißt das nicht, dass man nun sicher seiner Wege gehen kann. Im Gegenteil, man muss noch mehr auf der Hut sein als zuvor, denn es kann sein, dass einem der Verlierer aus einem Hinterhalt ein Messer in den Rücken rammt. Wir kennen keine Grenzen! Wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, dann schrecken wir nicht davor zurück, uns selbst in den Ruin zu treiben, nur um einen anderen leiden zu sehen. Und so etwas nennen wir dann gesunden Menschenverstand?

Fortsetzung folgt...

Spruch des Tages: Tiere kämpfen fair, Menschen meist leider nicht.

Höhenmeter: 160 m

Tagesetappe: 15 km

Gesamtstrecke: 13.496,27 km

Wetter: kalt aber sonnig

Etappenziel: Seminarraum unter der Kirche, 84031 Auletta, Italien

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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