Tag 771: Tollpatschigkeit – Teil 1

von Heiko Gärtner
13.02.2016 02:12 Uhr

07.01.

Die Wege sind nun wieder deutlich angenehmer und schöner als im Süden. Große Straßen mit starkem Verkehr müssen wir nur noch selten einschlagen und somit macht auch das Wandern wieder deutlich mehr spaß. Die Landschaft wirkt herbstlich und heute war es sogar wieder einigermaßen trocken. Erst als wir uns in unserem Schlafsaal zurückgezogen haben, begann es zu regnen. Das einzige, was die Wanderung ein bisschen trübte, war die Autobahn, die man auf der anderen Talseite wie mit einem Lineal durch die Berge gezogen hatte. Sie folgte keiner natürlich Führung sondern war entweder als Tunnel in den Berg gefräst oder auf hohen Stelzen über das Tal gestellt worden. Obwohl die bestimmt 10 Kilometer von uns entfernt lag, hörte man doch permanent das Rauschen der LKWs. So musste es in ein paar Jahren auch in dem idyllischen Gebirge in Montenegro sein. Beim Wandern störte es im Vergleich zu dem Verkehr, den wir vor Weihnachten hatten nur wenig, aber trotzdem war es traurig zu sehen, wie viel Land man mit so einer Straße in Unfrieden stürzen Konnte. Italien war an dieser Stelle nicht einmal 100km breit. Und rund 20km davon waren allein durch diese Autobahn zerstört worden. An Lärm kann man sich nicht gewöhnen. Man kann versuchen ihn auszublenden und man kann abstumpfen, aber der Stress den er verursacht, der bleibt. Sowohl für die Menschen als auch für die Tiere.

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08.01.

Heute kam sogar hin und wieder die Sonne raus, so ass wir eine kleine Picknickpause machen konnten, ohne direkt zu erfrieren. Von einer Bäckerei hatten wir frisches, noch warmes Brot bekommen. Dazu gab es Parmaschinken, Parmesankäse, Walnüsse und Mandarinen. Es war ein Moment zum genießen und sich gut gehen lassen. Vor uns liegt nun die Stadt Cosenza, die größte Stadt im Umkreis. Morgen oder Übermorgen werden wir sie durchqueren müssen, doch bis dahin folgen wir den kleinen Bergstraßen in die Umliegenden Dörfer. In unserem Zielort wurden wie dieses Mal von einem indischen Pfarrer aufgenommen, der seinen Glauben rund zweihundertmal ernster nimmt, als die meisten italienischen. Spannend war, dass er uns nicht gefragt hat, ob wir an Gott glauben, sondern nur, ob wir an Jesus Christus glauben. Warum ist gerade das für die Menschen so wichtig?

Unser Gastgeber hat die Pfarrei vor rund 11 Jahren übernommen, weil sie außer ihm niemand haben wollte. Die Gemeinde umfasst nicht einmal 900 Einwohner und ist bettelarm. Wenn er an einer Sonntagsmesse 20€ in der Kollekte hat, dann ist das viel. Doch seine Gemeinde ist komplett unabhängig, das heißt er bekommt keine Zuschüsse von irgend einer anderen Seite. Die 80€ im Monat müssen also ausreichen, um alles in Schuss zu halten und zu renovieren. So viel Ergeiz er auch in seine Gläubigkeit steckt, ein handwerkliches Genie ist der Pater leider nicht und außerdem steht er mit seinen Aufgaben ganz alleine dar. Vor langer Zeit hat er einmal versucht, das Oratorio wieder in Schuss zu bekommen. Er hat sogar Basketball- und Tischtennistourniere organisiert. Zum Spielen kamen die Leute, aber anpacken wollte keiner. Am Ende sahen de Gebäude schlimmer aus als zuvor und so gab er es schließlich auf. Seither hängt ein dickes Vorhängeschloss vor dem Jugendhaus. Aktivitten gibt es hier nicht mehr. Doch auch wenn es verdreckt, kalt und heruntergekommen ist und Wasserhähne hat, die eine giftig braune Brühe ausspucken, als Schlafplatz für eine Nacht tut es seinen Zweck.

Am Abend kam es zu einer Panne, die ich wieder einmal durch reine Unaufmerksamkeit verursacht habe. Ich wollte Reis aufsetzen, stellte den Topf auf die Herdplatte und hengte unseren kleinen Tauchsieder hinein. Dann fiel uns auf, dass wir gar keinen Reis brauchten, weil wir bereits genug andere Zutaten hatten. Also nahm ich das Wasser vom Herd, goss es zurück in die Flasche und merkte erst dann, dass ich den Tauchsieder noch immer in der Steckdose gelassen hatte. Er war vollkommen heiß gelaufen. Schnell zog ich ihn aus der Steckdose und hoffte, dass nichts passiert sei. Doch das war es. Der Tauchsieder war kaputt und tat keinen Mucks mehr. Doch ich hatte so eine Angst davor, genau dieses Ergebnis herauszufinden, dass ich ihn zur Seite legte, keinen Ton sagte und hoffte, dass alles gutgegangen war.

Natürlich war es das nicht. Erst als Heiko später seine Wärmflasche erhitzen wollte, wurde das deutlich und berechtigter Weise war er sowohl enttäuscht als auch sauer. Ich hatte nicht nur aus reiner Unachtsamkeit eine unserer wichtigsten Winterwärmequellen zerstört, ich hatte auch noch versucht, es zu verheimlichen. Heiko tobte und ich saß wie ein armseliges Häufchen Elend in der Ecke und schämte mich zu tode. In diesem Moment hasste ich mich wie schon lange nicht mehr und es wollte mir einfach nicht gelingen, irgendetwas positives in diesem Ereignis zu sehen. Doch genau darum ging es. Denn meine Unachtsamkeit hatte ein langes Gespräch ausgelöst, bei dem viele Fragen aufgeworfen wurden, die längst mitten im Raum standen, die ich mir aber nicht anzuschauen wagte. Das Thema war, dass ich kurz zuvor eine Mail von meiner Mutter bekommen hatte, die mich sehr stark aufwühlte, weil ich das Gefühl hatte, irgendetwas darauf antworten zu müssen. Ich habe mich dafür entschieden, keinen Kontakt zu meinen Eltern mehr zuzulassen, wenn er nicht herzlich ist. Das war er nicht und doch glaubte ich schon wieder, dass es meine Pflicht sei, eine Harmonie wieder herzustellen, die eigentlich nicht existieren konnte. Ich wollte noch immer nicht loslassen und hielt am alten Schmerz und an meinen alten Egokonzepten fest. Denn wenn ich ehrlich war, dann ging es mir gerade nicht darum, einen herzlichen Kontakt wieder aufzunehmen, sondern viel mehr, meine Eltern dazu zu bringen, mich und meinen Lebensweg zu akzeptieren. Ich wollte sie bekehren. Ich habe recht und ihr nicht, dass müsst ihr doch langsam mal einsehen. Wieder schwebte ich also in einer Situation der Nicht-Entscheidung, wie ich sie bei Paulina bereits viele Male beobachtet hatte. Wollte ich mir selbst treu bleiben oder sollte ich meiner Harmoniesucht nachgeben und mich bei meinen Eltern wieder einschleimen? Diese Frage schob ich nun schon seit ein paar Tagen vor mir her und je länger ich mit der Entscheidung wartete, desto tiefer versank ich in einer Zwischenwelt aus Wut, Gedankenkonversationen, Trauer, Egobewusstsein, Versönungsgedanken und allem möglichen anderen Kauderwelsch. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich soweit abdriftete, dass ich wieder etwas kaputt machen würde. Nun war es passiert und dies waren die Fragen und Gedanken, die dabei aufkamen:

Warum brauche ich jemanden, der mich kontrolliert?

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Warum tue ich nichts für mich, sondern immer nur für andere? Ich schreibe die Artikel nicht, so dass ich damit zufrieden bin, sondern hoffe dass sie anderen gefallen. Ich achte nicht auf meine Sachen weil sie mir wichtig sind und einen persönlichen Wert für mich haben, sondern weil ich weiß, dass es anderen wichtig ist, dass ich pfleglich damit umgehe. Ich achte nicht auf mich, weil ich mir selbst etwas wert bin, sondern weil ich weiß, dass man auf sich achten sollte. Warum mache ich das?

Warum habe ich das Gefühl, nichts wert zu sein? Warum vertraue ich mir und dem Leben nicht? Ich habe Angst davor, nicht gut genug zu sein, nicht geliebt zu werden, verlassen zu werden. Warum habe ich solche Versagensängste? Warum glaube ich, dass ich nicht liebenswert bin? Die Tatsache, dass ich kein Geld habe und dass Heiko fast meine ganze Ausrüstung finanziert hat, macht mich fertig. Aber warum? Warum kann ich die Geschenke nicht mit vollem Herzen annehmen und sie ehren? Ich fühle mich stattdessen als Schmarotzer, der auf Kosten anderer lebt, fühle mich selbst schlecht und mache auch die Geschenke damit schlecht. Innerlich lehne ich sie ab und kann darum nicht auf sie achten. So wie ich mir selbst keinen Wert zuschreibe, schenke ich auch den Dingen um mich herum keinen Wert. Ich fühle mich ihnen verpflichtet, genau wie meinen Mitmenschen. Ich fühle mich verpflichtet, meiner Mutter zu antworten wenn wie mir schreibt, doch ich mache es nicht mit Liebe, sondern mit Ablehnung. Warum habe ich ständig das Gefühl, anders sein zu müssen? Ich sollte schon weiter in meiner Entwicklung sein! Ich sollte mehr Geld und mehr Erfolg haben! Ich sollte ein besserer Sohn, ein besserer Freund, ein besserer Reisegefährte sein! Ich sollte achtsamer, aufmerksamer, stärker, konzentrierter, schlagfertiger, offener, flexibler, fröhlicher, lustiger, schöner sein. Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich einen Menschen voller nerfiger Fehler. Einen Menschen, den ich nicht wirklich attraktiv finde und den ich auch nicht wirklich mag. Warum ist das so? Ich erwarte Liebe und Anerkennung von anderen, die ich mir selbst nicht geben kann. Und gleichzeitig verstecke ich mich hinter diesen Makeln. Wenn etwas schief geht, dann stecke ich meine Tollpatschigkeit, mein Schusselsein vor, stelle mich wie einen Idioten da und suhle mich in Selbstmitleid. Ich habe ein freies Leben, kann täglich tun und lassen was ich will, bin kerngesund, habe mit 30 Jahren schon mehr von der Welt gesehen, als manch einer in seinem ganzen Leben und halte mich trotzdem für einen armen Wicht! Warum tue ich das? Warum bemitleide ich mich selbst und verurteile mich gleichzeitig für das was ich bin? Warum kann ich nicht stolz darauf sein? Warum kann ich nicht zu mir stehen? Zu meinen Schwächen und zu meinen Fähigkeiten? Warum habe ich das Gefühl, dass ich überhaupt keine Fähigkeiten besitze? Und vor allem: Warum lüge ich mich immer wieder selbst an?

Als ich entdeckte, dass ich den Tauchsieder in der Steckdose gelassen hatte, war mein erster Gedanke nicht: "Oh Scheiße, was hab ich da gemacht! Hoffentlich ist ihm nichts passiert!" Mein Gedanke lautete: "Scheiße, hoffentlich geht er noch, denn sonst wird Heiko sauer!" Statt laut aufzuschreien und mich über das Missgeschick zu ärgern, vertuschte ich es und hoffte, dass nichts passiert war, damit Heiko überhaupt nichts mitbekam. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich Scheiße gebaut hatte. Ich wollte kein Trottel sein, obwohl ich wusste, dass ich mich genau so verhalten hatte. Warum konnte ich nicht ehrlich zu mir und zu Heiko sein und offen dazu stehen, dass ich das Gerät zerstört hatte? Das gleiche Muster passierte ja nicht nur dieses Mal. Es zog sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Wenn ich einen Fehler machte, dann suchte ich eine Ausrede oder einen Grund, durch den ich mir selbst nicht eingestehen musste, dass ich Mist gebaut hatte. Wieso? Ich wusste es doch eh! Irgendetwas in mit wollte um jeden Preis verhindern, dass ich mich so sah, wie ich wirklich war. Deswegen versuchte ich jeden Fehler vor mir selbst zu verheimlichen und zu verdrängen. Er sollte nicht da sein und wenn ich ihn nicht wahrnahm, dann verschwand er vielleicht. Doch das passierte nicht. Nicht einmal das Gefühl verschwand. Es wurde nur stärker und langsam war es ein Normalzustand geworden, dass ich mich selbst verurteilte und kleinhielt.

Fortsetzung folgt...

Spruch des Tages: Ich liebe mich selbst mit all meinen Schwächen

Höhenmeter: 180 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 13.701,27 km

Wetter: sonnig aber frisch

Etappenziel: leerstehendes Privathaus, 82021 Apice, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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