Tag 776: Der etwas andere Gastgeber – Teil 1

von Heiko Gärtner
16.02.2016 21:57 Uhr

Der Winter steht nun nicht mehr nur vor der Tür, er ist mit Sack und Pack eingebrochen. Heute war es sogar noch kälter als gestern und damit auch ungewöhnlich kalt für diese Region. Auf dem Marktplatz war sogar der Brunnen eingefroren. Wieder blies uns ein eisiger Wind entgegen, der ein fieses Kälteprickeln auf der Haut verursachte. Überall auf der Welt hätten wir mit einem solchen Wintereinbruch gerechnet, aber hier in Süditalien? Wir befanden uns run 3000km südlich von Neumarkt und auch noch rund 250 Höhenmeter tiefer. Wer hätte geacht, dass wie hier trotzdem fast das gleiche Wetter bekommen würden? Noch dazu in einer Region, die vom übrigen Teil Italiens leicht abwertend "Calafrika" genannt wird, also das Afrika Italiens. Das ist jedoch offensichtlich weniger auf das Wetter als mehr auf den Lebensstandart bezogen.

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In Saracena bekamen wir einen der kuriosesten Schlafplätze, die wir in Italien überhaupt je bekommen hatten. Und wir hatten hier schon wirklich viele seltsame Übernachtungsmöglichkeiten. Der Pfarrer hätte zwar einen Raum für nus gehabt, doch von fünf bis um neun wäre er wieder komplett mit Kindern überfüllt gewesen und aus unserer Erfahrung wussten wir bereits, dass das in diesem Land nichts gutes bedeuten konnte. Also wandten wir uns an den Bürgermeister, der zunächst nicht so recht verstehen konnte, warum uns ein Schlafplatz, den wir erst ab neun oder zehn Uhr in der Nacht nutzen konnten, nicht so wirklich zusagte. Aus dem Bürgermeisterbüro konnte man nur die strahlende Sonne sehen, während einem der eisige Wind und die Temperaturen von knapp fünf Grad verborgen blieben. Das trug wohl seinen Teil zum Unverständnis bei. Trotzdem überlegte er sich eine Alternativlösung und sorgte schließlich für einen Platz im Gästezimmer im Haus seiner Eltern. So wie ich es verstand, handelte es sich dabei um eine leerstehende Wohnung mit einem Zimmer, das zwar nicht geheizt wurde, dass man aber mit einem Heizstrahler bewohnbar machen konnte. Sein Vater und ein Freund würden gleich vorbeikommen, um uns abzuholen. Doch wie sich herausstellen sollte, hatte ich da wohl einiges falsch verstanden. Der Vater tauchte nicht auf und ist vermutlich auch gar nicht mehr am Leben. Die Wohnung von der der Bürgermeister gesprochen hatte, wurde an einen Freund und Kollegen aus dem Rathaus abgegeben, der nun hierin lebte. Er selbst hatte sowohl einen Hang zum Messitum als auch zur Erzeugung eines gigantischen Chaos. Das sage ich als großer Freund von Unordnung, der seit seiner Kindheit auf Kriegsfuß mit allem steht, das eine sinnvolle Struktur beinhalten könnte. Doch der Mann hier war mit da um Längen voraus. Er war sogar so dermaßen gegen jede Form der Struktur eingestellt, dass er zwei Schlafzimmer besaß, die er jedoch beide nicht nutzte, weil sie zu unordentlich waren. Stattdessen schlief er auf einem Bett im Wohnzimmer. In der Spüle stand das schwarzbraune Wasser bis zum Anschlag. Wenn man aus einem bestimmten Winkel hinein schaute, so dass sich das Licht richtig brach, dann konnte man darin die Teller und Töpfe der vergangenen sechs Wochen sehen. Aus allen anderen Perspektiven sah man nur eine undurchsichtige, braune Masse. Auf dem Herd köchelten zwei Töpfe mit Flüssigkeiten vor sich hin. In einem befanden sich Bohnen, bei dem anderen konnte man nichts feststellen. Vincenzo drückte mir eine Zwiebel in die Hand und bat mich, sie zu schneiden um sie dann in einen der Töpfe zu werfen. Er selbst nutzte die Zeit, um den Wohnzimmertisch soweit freizuräumen, dass wir daran Platz finden konnten. Die meisten Gegenstände, die er dafür beseitigen musste stellte er auf den Boden oder auf umliegende Stüle, Sofas oder Anrichten. Darunter befand sich auch der Pizzakarton, der vor mutmaßlich drei Wochen eine Pizza beherbergt hatte und nun immernoch als Unterlage für das Essen von vorvorgestern diente.

Doch trotz all dieser Unwegsamkeiten präsentierte und Vincenzo sein Heim wie einen Palast. "Die Tomaten sind klein, haben aber eine Top Qualität!" schwärmte er und hielt uns eine Schüssel mit Kirchtomaten hin. Vor drei Wochen war das sicher wahr gewesen, doch heute hatte man Mühe eine zu finden, die nur halb verschimmelt war, so dann man sich noch einen kleinen Teil runterschneiden konnte. Um die atmosphäre etwas gemütlicher zu gestalten zündete er drei Kerzen in einem goldenen Kerzenständer an, der auf dem Tisch stand. Eine von ihnen war jedoch so schief, dass wir sie ununterbrochen anstarren mussten, aus Angst, sie würde umkippen und die vielen Zettel in Brand setzen, die unter ihr verstreut lagen. Als Vincenzo für einige Minuten verschwand, nutzte Heiko seine Abwesenheit aus, um die Kerzen so schnell wie möglich wieder zu löschen. Sicher war einfach sicher.

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Unser Zimmer war eines der beiden Schlafzimmer, in dem ein großes Doppelbett stand. Wenn einen die vielen Unterhosen, die überall verteilt lagen nicht störten, dann konnte man es sich hier sogar ganz gemütlich machen. Dafür musste man nur, den alten, getragenen Schlafanzug aus dem Bett entfernen und die eigenen Schlafsäcke hinein legen. Vincenzo ist ein herzensguter Kerl, der sich leider ein bisschen sehr einsam fühlt. Obwohl er selbst nichts hat, hat er uns sofort angeboten, dass wie Tage, Wochen oder sogar Monate bleiben könnten, wenn wir es wollten. Er war fast ein bisschen enttäuscht, als wir sagten, dass wir schon morgen Früh weiterziehen wollten.

Unser Gastgeber mochte viele Qualitäten haben, die Fähigkeit zuzuhören oder sich in andere Einzufühlen gehörten jedoch nicht dazu. Er sprach ein paar Zeilen Deutsch, genug um damit prahlen zu können, aber zu wenig um wirklich etwas zu verstehen. Dies machte die Kommunikation mit ihm relativ schwierig, denn er begann immer wieder Sätze auf Deutsch, die weder wir noch er selbst verstand und so wusste man eigentlich nie worum es ging. Im Laufe des Abends verstanden wir immer mehr, warum der Mann so einsam war. Er war wirklich eine Seele von einem Menschen, doch er war auch eine Persönlichkeit mit der man unmöglich für längere Zeit zusammenbleiben konnte, ohne dabei wahnsinnig zu werden. Den Nachmittag konnten wir weitgehend in Ruhe in unserem Zimmer arbeiten, abgesehen von mehreren Unterbrechungen bei denen er durch die Tür gestürmt kam und fragte: "Wie lange noch arbeiten? Halbe Stunde? Dann Kaffee trinken!"

Jedes Mal erklärten wir ihm, dass wir keinen Kaffee tranken und dass wir durchaus noch länger beschäftigt waren. Dann verschwand er wieder und tauchte eine halbe Stunde später erneut auf. Um 19:00 Uhr bereiteten wir ein Abendessen vor. Vincenzos Kühlschrank war so leer, dass man darin sein eigenes Echo hören konnte, doch wir hatten zum Glück reichlich Vorräte vom Vortag mitbekommen, mit denen wir ein ganz passables Abendessen zaubern konnten. Dazu mussten wir es nur schaffen, Vincenzo immer wieder aus der winzigen Küche zu werfen und ihn ins Wohnzimmer zu verbannen, wenn er mit irgendeiner neuen Sache ankam und sich direkt vor den Herd stellte. Seine Idee für das Abendessen war ein halbes Kilo Nudeln mit einem gehäuften Esslöffel voll Sauce. Zum ersten Mal verstanden wir dabei, wie hier in Italien "gekocht" wurde. Ihr kennt sicher alle die Gläser mit Fertigsauce á la Bolonese, Arabiata oder Napoli, mit denen man innerhalb weniger Minuten ein Nudelgericht zusammenstellen kann. In Deutschland verwendet man dabei meist ein oder zwei Gläser für ein Gericht für zwei Personen. Hier reicht ein solches Glas jedoch ungefähr eine Woche. Wir haben uns oft gefragt, warum die Nudeln nie wirklich mit Sauce bedeckt sind, sondern immer nur so aussehen, als hätten sie einmal kurz daran gerochen. Mehr ist es auch wirklich nicht. Ein großer Teller Pasta bekommt nicht mehr als einen Löffel Sauce ab. Wie gesagt, die Menschen stehen hier eben einfach nicht so auf Geschmack.

Obwohl er unserer Art zu kochen äußerst skeptisch gegenüberstand war er von dem Ergebnis letztlich hellauf begeistert. Er schlang in sich hinein was das Zeug hielt und war kaum mehr zu bremsen. Die drei Tage alten Bohnen und den matschigen Reis vom Mittag, die er selbst zubereitet hatte, hatte er aus irgend einem Grund nicht so würdigen können.

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Nach dem Essen hatten wir eigentlich gedacht, dass wir uns wieder auf unser Zimmer zurückziehen und den Abend gemütlich ausklingen lassen können. Doch Vincenzo hatte andere Pläne. Zunächst einmal wollte er uns nun endlich in eine Bar oder ein Café einladen um einen Wein oder einen Kaffee trinken zu können. Viele Male lehnten wir diesen Vorschlag ab. Schließlich erwischte er uns dann jedoch mit einer Finte: "Vergessen wir den Kaffee und gehen ein bisschen in der Altstadt spazieren! Sie ist nachts wirklich schön!" Das war schon eher nach unserem Geschmack, zumal wir vielleicht noch ein paar Fotos machen konnten. Also Jacken an, Rucksack auf und raus in die Kälte. Viel Unterschied machte das nun eh nicht mehr, denn Vincenzo hatte es für eine gute Idee gehalten, das Fenster in unserem Zimmer aufzureißen und es die komplette Zeit in der wir gekocht und gegessen haben, offen stehen zu lassen. Ein bisschen Frischluft war ja nicht verkehrt, aber draußen hatte es Minus drei Grad und Vincenzo besaß keine Heizung. Es wäre also zumindest nett gewesen, uns zu fragen ob wir etwas gegen klirrende Kälte in unserem Schlafraum einzuwenden hatten.

Kaum standen wir auf der Straße änderten sich die Pläne schon wieder. Wir würden schon gleich zu Fuß durch die Altstadt schlendern, doch zuvor mussten wir dem Bürgermeister noch einen Besuch abstatten. Der Mann war steinreich und Vincenzo wollte ihn überzeugen, unsere Reise mit ein paar Euroscheinen zu unterstützen. Die Idee war wieder einmal nett gemeint und er wollte uns damit wirklich helfen, doch es war bereits vom ersten Moment an klar, dass sie nicht umsetzbar ist. Wie sollte der Bürgermeister positiv darauf reagieren, dass ihn jemand beim Essen störte, ungebeten in sein Haus platzte und ihn aufforderte, ihm Hundert Euro zu schenken? Trotzdem quängelte Vincenze so lange, bis wir in sein Auto stiegen und er uns an die höchsten Punkt des Ortes fahren konnte. Dort waren wir dann aber nicht am Haus des Bürgermeisters, sondern vor einer kleinen Bar, die gerade Feierabend machte. Die Frau hinter dem Tresen hatte die Kasse bereits geschlossen und war damit beschäftigt, alles zu säubern. Eine zweite Frau wischte den Boden. Beiden konnte man bereits durch die geschlossene Tür am Gesicht ablesen, dass si keine Lust auf irgendwie geartete Kundschaft mehr hatten. Doch Vincenzo störte das wenig. "Ich habe zwei Freunde aus Deutschlan dabei, die heute meine Gäste sind! Sie sind Doktoren und wollen einen Kaffee!"

Heiko und ich lächelten etwas peinlich berührt und fügten hinzu: "Eigentlich sind wir keine Doktoren und eigentlich wollen wir auch keinen Kaffee!"

"Gut!" sagte die Barfrau, "denn unsere Kaffeemaschine ist auch schon aus!"

Heiko und ich bestellten einen Saft. Vincenzo drängelte hingegen so lange auf seinen Kaffee, bis die vollkommen genervte Frau die Maschine wieder anwarf, ihm einen Espresso zubereitete und dann noch einmal von vorne mit dem Putzen begann.

Fortsetzung folgt...

Spruch des Tages: Nur ein Kleingeist hält Ordnung. Das Genie überblickt das Chaos!

Höhenmeter: 70 m

Tagesetappe: 21 km

Gesamtstrecke: 13.794,27 km

Wetter: kalt, windig, hin und wieder sonnig

Etappenziel: Caritas, 71036 Lucera, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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