Tag 778: Winterwunderland

von Heiko Gärtner
16.02.2016 22:30 Uhr

19.01.

Wir hatten mit Vincenzo verabredet, dass wir ihn am Rathaus treffen, um ihm dort den Schlüssel zu übergeben und uns zu verabschieden. Das funktionierte soweit auch sehr gut, doch dann wollte er unbedingt noch, dass wir uns auch vom Bürgermeister verabschiedeten. Dies hatte zur Folge, dass noch drei weitere Begegnungen der peinlichen art entstanden, bis wir schließlich doch ohne ein Treffen mit dem Bürgermeister aufbrachen. Vincenzo versuchte noch eine Weile Schritt zu halten und bemühte sich immer wieder uns zum Kaffeetrinken oder Bleiben zu überreden. Es war schade, denn trotz all seiner Macken mochten wir ihn eigentlich recht gerne. Doch je länger er versuchte bei uns zu bleiben, desto anstrengender und nerviger wurde er, bis wir am Ende nur noch froh waren, ihn endlich hinter uns lassen zu können. Er erinnerte uns an den kleinen Hund, den wir zu retten versucht hatten. Er hatte in uns das gleiche Gefühl hinterlassen. Obwohl wir die Liebe in seinem Herzen sehen konnten, blieb am Ende nichts anderes Übrig, als den Wunsch, so viel Distanz wie möglih zwischen uns zu bringen.

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Der Wind hatte heute etwas nachgelassen. Dafür war es aber noch kälter als gestern und nach wenigen Metern begann es sogar zu schneien. Wir wanderten durch eine wunderschöne Berggegend, direkt zwischen den vernscheiten Gipfeln hindurch. Vor uns lag Morano Calabro, die wohl abgefahrendste Stadt, die wir in Italien gesehen haben. Sie bestand aus einem Maulwurfshügelartigen Berg, der dicht an dicht mit Häusern überzogen wurde. Oben thronte eine alte, trotzige Burg. Vor dem Stadteingang befand sich ein Cappucciner-Kloster, in dem wir herzlich aufgenommen wurden. Es war ein Noviziat, also ein Kloster, in dem die Jungmönche ausgebildet wurden. Daher war es anders als die meisten anderen Klöster noch richtig belebt. 16 Novizen lebten hier und vier Altmönche. Wir aßen gemeinsam und das sogar in einer verhältnismäßig angenehmen Atmosphäre. Anschließend durften wir das Klostergelände besichtigen. Es gab mehrere Stallungen mit Schweinen, Kanninchen, Hühnern, Schafen und anderen Tieren. Der Schnee lag nun bereits zentimerterhoch und die Mönche waren darüber genauso begeistert wie wir. Es gab Schneeballschlachten und Rutschpartien und das obwohl einige der Brüder nichts weiter an den Füßen trugen, als offene Sandalen ohne Socken.

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Besonders sympathisch war uns ein Bruder aus Syrien. Er schien der einzige zu sein, der wirklich gerne hier war und er hatte eine angenehme Mischung aus Selbstironie, humorvoller Lockerheit und Tiefe. Seine Familie lebte aufgrund der Unruhen in Syrien nun vorrübergehend als Flüchtlinge in Deutschland. Er war bereits zuvor nach Italien gezogen um hier Mönch zu werden. Nach seinem Jahr als Novize kehrte er zurück in den Libanon um dort Philosophie zu studieren und dann in einem Kloster entweder im Libanon oder in Syrien zu leben. Syrien war ein Land, das zur hälfte aus fruchtbaren Bergen bestand, in denen ein ähnliches Klima herrschte, wie hier in Italien. Die andere Hälfte bestand aus Wüste und war reich an Ölreserven. Auch für ihn bestand kein Zweifel, dass diese Recourcen der Gund für den Krieg waren. Der Libanon hingegen ist ein kleiner Zwergstaat, der fast nur aus Bergen besteht. Er ist etwa 200km lang und nur wenig mehr als 100km breit. Man durchreist ihn zu Fuß also in rund 10 Tagen.

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Später am Nachmittag kam ein anderer Bruder in unser Zimmer. Er wollte uns nur kurz besuchen, um uns zu sagen, wie sehr ihn unsere Reise inspirierte und beschäftigte. Er konnte nicht einmal richtig seinen Mittagsschlaf halten, weil er so viel an uns denken musste. Gerne wollte er uns etwas schenken, das uns auf der Reise half, doch als Bruder besaß er nichts. er hatte weder Geld, noch Essen, noch andere Gegenstände, die sein Eigentum waren. Das einzige, was wirklich ihm gehörte waren zwei Probepäckchen mit Duschgel und drei kleine Proben eines Schmerzmittels. Diese wollte er uns als persönliches Geschenk mitgeben. Wir waren gerührt. Wir nutzen zwar weder Schmerzmittel noch chemisches Duschgel, aber die Geste war einfach gigantisch! Er hatte sich wirklich viele Gedanken gemacht, hatte das einzige verschenkt, das er besaß und das obwohl er uns fast nicht kannte.

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Um 19:00 Uhr begann eine Stillemeditation in der Kirche, gefolgt von einem halbstündigen Gebets- und Gesangskreis. Vor Messen hatten wir uns ja immer gerne gedrückt, aber eine Stillemeditation klang nicht so übel. Aufgrund der Kälte in der Kirche wurde es dann in erster Linie eine Wärmemeditation, aber das muss ja auch nicht unbedingt schlecht sein. Die Mönche saßen über uns in einem separaten Bereich und waren anscheinend nicht unbedingt die größten Fans vom ruhigen Sitzen. Alle paar Minuten knarrten die Holzdielen, weil einer aufstand und aufs Klo musste. Die klirrende Kälte und das Treiben über uns regte auch unsere Blasen an, aber wir hatten leider keinen direkten Zugang zu einer Toilette. Wir hätten über den Altar aus der Kirche gemusst, um zurück ins Kloster zu gelangen und das wäre doch etwas sehr unpassend gewesen.

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Heilig Abend hatte Heiko das erste Mal in seinem Leben bei einer Meditation die Aura seiner eigenen Hand gesehen. Er war in eine Begeisterung ausgebrochen, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht richtig nachvollziehen konnte. Heute aber gelang es auch mir, einen hellen Schein um meine Finger zu sehen, der rein physikalisch oder optisch nicht erklärbar war. Zuerst konnte ich es nicht richtig glauben, aber dann fühlte ich, dass auch ich irgendeinen Teil meines Energiekörpers sah. Jetzt verstand ich Heikos Begeisterung, denn ich freute mich wie ein Schneekönig und konnte gar nicht mehr damit aufhören.

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Den ganzen Nachmittag und Abend schneite es weiter, bis die Welt vollkommen weiß war. Nachts gingen wir noch einmal hinaus um uns die volle Pracht anzuschauen. Es war unbeschreiblich. Die Bäume waren mit einer weißen Schicht bedeckt, die auf jedem einzelnen Ast glitzerte. Im Hintergrund erhob sich die Stadt, die uns bereits am Nachmittag beeindruckt hatte. Nun waren alle Dächer weiß und dazwischen funkelten die Lichter der Wohnzimmerfenster.

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20.01.

Das hätten wir von Süditalien niemals erwartet! Am Morgen war zwar ein Teil des Schnees wieder geschmolzen und die Bäume hatten ihre weiße Pracht verloren, doch das ganze Land war noch immer über und über mit Schnee bedeckt. Es war einfach wunderschön und wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Auch die Mönche konnten sich kaum bremsen, was ihre Begeisterung über den Schnee betraf. Zumindest einige von ihnen. Andere sahen ihn wohl eher als Ärgernis an, aber die nahm man kaum wahr. Die Stadt vor uns wirkte wie aus einem Märchen und rings herum ragten die weißen Berggipfel in den Himmel empor. Die Wolken hingen tief und lagen teilweise sogar unter uns im Tal. Dazwischen lugte immer wieder die Sonne hindurch. Wir verabschiedeten uns von den Mönchen und brachen auf in die Berge.

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Trotz der Kälte wanderten wir die ersten sechs Kilometer im T-Shirt, weil der Aufstieg wieder einmal mächtig anstrengend war. Anschließend wurde es dann aber wirklich kalt. Hier oben auf 1000m lag der Schnee nun gute 10cm dick. So schön hatten wir Italien selten erlebt. Erst als wir den Zielort erreichten, wurde die Kälte unangenehm. Um kurz vor drei kamen wir an und aus irgendwelchen Gründen, die ich noch immer nicht richtig verstehe, war es sechs Uhr als wir schließlich unser Nachtquartier betreten konnten. Dafür hatten wir aber wieder eine kleine Frühstückspension mit Heizungen und einer richtig heißen Dusche! Und wir durften uns zuvor die Krypta unter der Kirche anschauen, was ebenfalls ganz spannend war. Das Highlight dabei war jedoch unser Führer, ein kleiner alter Mann mit einer blauen Zipfelmütze, der in einem so fiesen Dialekt sprach, dass ihn selbst die Italiener nicht verstehen konnten. Er war schon recht tatterig und fand sich in der Kirche selbst nicht mehr so richtig gut zurecht. Er führte uns in ein Untergeschoss hinter der Sakristei und blieb dann verwirrt stehen.

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Seine Worte waren für unsere Ohren nur sinnloses Gebrabbel, aber sein Gesichtsausdruck sagte in etwa das folgende: "Verdammter Scheißdreck, wo ist den jetzt schon wieder diese verfluchte Krypta hin? Ich weiß ganz genau, dass sie beim letzten Mal noch hier war, aber kann sie einfach nicht finden! Hinter dieser Tüt vielleicht? Nein, da ist nur das Klo. Hier? Verdammt die Tür ist abgeschlossen! Wo hab ich nur den Schlüssel? Gerade hatte ich ihn doch noch und jetzt ist er nicht mehr da! Habe ich ihn vielleicht in der Krypta liegen gelassen? Aber wo ist denn nun schon wieder diese verdammte Krypta?"

Spruch des Tages: Walking in the winter wonder land...

Höhenmeter: 50 m

Tagesetappe: 14 km

Gesamtstrecke: 13.840,27 km

Wetter: windig und sonnig

Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 71011 Apricena, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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