Tag 779: Das Antiquariat

von Heiko Gärtner
16.02.2016 23:23 Uhr

21.01.

Um Punkt neun Uhr in der Früh stand der Pfarrer vor unserer Tür und holte uns zum Frühstück ab. Solche Pünktlichkeit waren wir in Italien überhaupt nicht gewohnt und sie überraschte und fast ein bisschen. Wenngleich auch auf eine angenehme Art. Don Francesco, der nach unterschiedlichen Angaben seiner Gemeindemitglieder vielleicht auch Don Franco hieß, hatte uns bereits am Vorabend auf eine Pizza und eine Antipastiplatte eingeladen. Nun gingen wir gemeinsam in eine Bar und schafften es zum ersten Mal seit langem, dabei ein vollkommen zuckerfreies Frühstück zu bestellen. Es bestand aus einem Kamillentee, je einer Orange und einer Schale mit Erdnüssen. Das war mehr als jedes normale italienische Frühstück beinhaltete.

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Der Wirt der Bar schenkte uns dann sogar noch eine Tüte mit Erdnüssen für den Weg. Bevor wir aufbrachen drehten wir noch eine kleine Runde durch die Ortschaft gemeinsam mit dem Pfarrer der uns noch einiges an Proviant besorgen wollte. Fast jeder, mit dem wir dabei in Kontakt kamen, schenkte uns auch noch etwas von sich aus, weil wir ja offensichtlich Freunde des Pfarrers waren. Es war schon verrückt in diesem Land. Entweder man hatte einen Befürworter in einem Ort, dann bekam man alles und jeder half einen weiter, oder man hatte niemanden und dann half einem auch keiner. An diesem Morgen hatten wir jedoch Glück und sogar der Dorfpolizist schenkte uns eine Kleinigkeit. Die beste Begegnung hatten wir jedoch in einem kleinen Supermarkt, in dem uns der Pfarrer zwei Brötchen für den weg kaufen wollte. Eine junge Frau stand hinter dem Tresen und entschuldigte sich: "Es tut mir leid, aber ich kann ihnen leider keine Brötchen fertig machen. Dafür bin ich nicht ausgebildet! Ich kann nur Fertigware aus den Regalen verkaufen. Wenn ihr ein belegtes Brötchen haben wollt, dann müsst ihr leider warten, bis der Chef zurück ist. Der kommt so in einer Stunde." Was unsere gute Laune betraf waren wir durch diesen Satz eigentlich schon bestens versorgt. Doch unsere Mägen hatten ebenfalls Glück, denn eine Kollegin erbahmte sich, uns die Brötchen auch ohne Fachabschluss in diesem Bereich zu belegen. Ich weiß, dass war eine riskannte Sache, denn so eine Scheibe Käse ist nicht ungefährlich, aber ob ihr es glaubt oder nicht, sie hat es hinbekommen!

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Jeder, den wir nach dem Wetter gefragt hatten, hatte uns für heute Sonne prophezeit. Das Wetter wollte sich aber leider nicht daran halten und schenkte uns einen ungemütlich kalten Tag mit viel Wind und noch mehr Regen. Am Ende der Wanderung erreichten wir Castelluccio Inferiore, ein Dorf dessen Kirche leider nicht von einem Pfarrer sondern von einem Oger betreut wurde. Wobei ich mich an dieser Stelle wohl bei den Ogern für diesen Vergleich entschuldigen muss. Der alte Mann ließ sich zunächst dreimal verläugnen, bis er dann doch ans Telefon ging. Dabei vermied er es jedoch, mir zuzuhören und legte mitten im Gespräch wieder auf. Man solle sich ans Rathaus wenden, er könne uns nicht helfen, auch wenn er nicht wisse, worum es uns ginge. So unterschiedlich konnten die Menschen sein! Der eine gab rund 160€ für unsere Beherbergung aus und freute sich riesig über unseren Besuch, für den anderen waren zwei Minuten Telefongespräch bereits zu viel. Als wir eine Frau nach möglichen Ansprechpersonen fragten meinte sie nur: "Der Pfarrer? Ach, den könnt ihr vergessen! Der taugt hier überhaupt nichts, ein elender Griesgram ist das! Dass der euch nicht helfen würde, dass hätte ich euch gleich sagen können! Den Bürgermeister müsst ihr finden! Der ist ein guter Mann!"

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Leider war der Bürgermeister nicht so leicht zu finden, denn das Rathaus hatte heute geschlossen und der gute Mann war nicht zu hause. Dafür trafen wir seine Schwester, die uns seine Nummer gab und versuchte uns irgendwie zu helfen. Doch er hatte eine Konferenz und war nicht erreichbar. Gerade als wir die Stadt verlassen wollten hielt die kleine, kräftige Frau mit dem Auto neben uns an. Sie hatte ihren Bruder doch noch erreicht und er lud uns in ein Hotel ein, wo wir auch zu Abend essen durften. Und dass obwohl er nicht einmal selbst mit uns gesprochen hatte!

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22.01.

Heut kam die Sonne dann doch aus ihrem Wolkennest hervorgekrochen. 18km lagen vor uns, von denen es fast die Hälfte bergauf ging. Rechts von uns tauchte immer wieder die Autobahn auf, die wie mit dem Lineal gezogen mitten durch die Berge führte. Unser Ziel lag in einer größeren Ortschaft in der wir wieder ein Cappucciner-Kloster zum übernachten bekamen.

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23.01.

Heute durften wir eine antike Kirchenbibliothek besuchen. Eigentlich wollten wir nur einen Platz, um nicht in der Kälte stehen zu müssen, bis wir um 17:00 Uhr ins Kloster können. Doch zu unserer Überraschung wurden wir vom Freund des Pfarrers nicht in eine normale Bücherrei geführt, sondern in einen kleinen Raum voller antiker Bücher. Das älteste von ihnen war ein riesiger Wälzer aus dem 12. Jahrhundert. Es war ein altes Gesangsbuch, das noch von Hand geschrieben worden war. Es gab aber auch einige Werke über Medizin, Chemie, Physik, Biologie und Geographie, die vier- bis sechshundert Jahre alt waren.

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Der Bibliothekar war ein etwas eigenartiger Vogel, der vollkommen in diesen alten Büchern zuhause war und seine Begeisterung binnen Sekunden auf uns übertrug. Das Spannende in dieser Bibliothek war, dass die Bücher nicht in Vitrinen oder Glasschubladen aufbewahrt wurden, sondern einfach im Regal. Man durfte sie anfassen und sogar darin herumblättern. Dies wäre wohl in keinem anderen Land möglich gewesen, da jeder um den Erhalt der Bücher besorgt wäre. Doch hier ist einfach nichts heilig. Wenn man auf den Erhalt von Kirchen, Schlössern, Burgen, Brücken und Denkmälern keinen Wert legt, warum sollte man es dann bei Büchern anders halten. In diesem Fall kam uns das natürlich zu gute, denn es war wirklich spannend in den alten vergilbten Seiten zu schmökern und sich die Operationszeichnungen aus dem 17. Jahrhundert anzuschauen.

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Am Vormittag wanderten wir durch die sonnigen Berge, bis zu einem kleinen See. Hier machten wir ein Picknick, fütterten zwei drollige Gänse und beobachteten drei Kormorane, die oben auf den Zweigen eines Baumes saßen und sich ebenfalls sonnten.

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Wie sich herausstellte war das Kloster bereits vor Monaten geschlossen worden. Zuvor hatten hier drei Mönche gelebt, die bereits in die Jahre gekommen waren und die am Ende nicht mehr für sich alleine leben konnten. Deswegen waren sie auf drei andere Kloser verteilt worden. Doch der Pfarrer hatte nicht ganz gelogen. Um 17:00 Uhr kam wirklich ein Mönch vorbei, der die Messe vorbereitete. Es war einer der Brüder aus dem Kloster, das wir am Vorabend besucht hatten. Er freute sich uns wieder zu sehen und hatte nichts dagegen, dass wir in dem alten Gebäude übernachteten. Einen Moment hielt er inne, dann schlug er uns folgenden Deal vor: "Wisst ihr was, wir machen das anders! Ich halte die Messe ab und in der Zwischenzeit bereitet ihr schonmal etwas zum Essen vor. Dann heißzen wir den Ofen in der Küche ordentlich ein, essen zusammen und machen uns nen gemütlichen Abend. Ihr habt es dann schön warm und ich muss nicht den immergleichen Kram im Kloster mit meinen missmutigen Brüdern essen. Was meint ihr?"

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Wir waren einverstanden und durchstöberten die Speisekammer des verlassenen Klosters nach Lebensmitteln. Die Mönche mussten hier Hals über Kopf aufgebrochen sein und hatten einfach alles stehen und liegen lassen. Zwei riesige Kisten mit Kiwis standen noch im Regal, die nun langsam vor sich hinfaulten. Aber es gab auch große Kisten mit Kartoffeln, Zwiebeln, eine Regal voller Liköre und mehrere Flaschen Tomatensauce. Daraus zauberten wir eine gelungene Portion Country-Potatoes mit schrafer Sauce. Unserem Mönch war das allerdings nicht ganz so gehäuer. Er mochte das Essen zwar, aber weil er es nicht kannte, war es ihm leicht suspekt. Vor allem der Umstand, dass wir die Kartoffeln mit Schale aßen, machte ihm zu schaffen.

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Am hinteren Ende der Küche befand sich ein großer steinerner Kamin, der aus irgendeinem Grund eine Holzplatte oben als Abdeckung hatte. Das dies wohl keine besonders gute Idee war, dachten wir uns gleich und wie sich später herausstellte, sollten wir wohl auch damit Recht behalten. Ein Freund des Bruders heizte ihn ein und wir ließen das Feuer den ganzen Abend brennen. Wir verschürten wohl gut einen ganzen Baum, ohne dass es in dem Raum wesentlich wärmer wurde. Auf Dinge wie Türdichtungen, Fensterdicktungen, Doppelverglasung oder Wände ohne große Lüftungslöcher standen die Italiener nunmal einfach nicht. Von Überall zog kalte Luft in den Raum und bekämpfte die Wärme, die von dem Ofen ausging. Das ganze hatte also mehr etwas von Lagerfeuer-Atmoshpäre als von einem Kaminabend. Trozdem wurde es direkt vor den Flammen ganz gemütlich. Als wir uns Schlafen legten, war der Raum jedoch noch immer fast so kalt wie am Anfang. Mitten in der Nacht schreckten wir durch einen lauten Knall auf. Ein kurzer Blick zur Orientierung genügte um zu wissen was los war. Durch die Hitze hatte sich das Holzbrett oben auf dem Kamin verzogen und die Spannung war so groß geworden, dass es aus seiner verankerung gesprungen war. In der Früh drückten wir es so gut es ging wieder hinein. Es war wohl nicht zum ersten Mal passiert und wie verstanden nun, warum es bereits zuvor so seltsam improvisiert ausgesehen hatte.

Spruch des Tages: In einem so alten Buch zu blättern ist ein bisschen, als würde man eine Zeitreise machen.

Höhenmeter: 310 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 13.856,27 km

Wetter: windig und bewölkt

Etappenziel: Franziskanerkloster, 71015 San Nicandro Garganico, Italien

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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