Tag 791: Via Francigena del Sud

von Heiko Gärtner
28.02.2016 23:39 Uhr

10.02.2016

So wie es aussah war der Frühling erst einmal wieder vorbei. Bereits beim Aufstehen regnete es in Ströhmen und es hörte sobald auch nicht wieder auf. Wir durchwanderten ein grünes Hügelland, das auf angenehme Weise wieder einmal an die Heimat der Hobbits aus Herr der Ringe erinnerte. Abgesehen vielleicht von den übertrieben vielen Windrädern, die das Landschaftsbild ein klein wenig verschandelten. Der Wind fegte wie sie Sau über uns hinweg und ließ uns einige Male sogar von der Straße abkommen. Die Windräder interessierte das jedoch relativ wenig. Sie drehten sich langsam bis gar nicht und machten nicht den Eindruck als wären sie besonders motiviert, was die Stromerzeugung anbelangte. Vielleicht hätten sie eigendlich Wasserkraftwerke werden wollen und wurden von ihren Eltern in diesen Job hier gezwungen, den sie nur ausübten, damit der Haussegen nicht schief hing. Vielleicht war es aber auch so eine Art Auffangstation für depressive Windräder, denn allein auf einem einzigen hügel Standen mehr als 700 Stück. Wenn die Italiener etwas konnten, dann war es übertreiben. Entweder es gab hier gar nichts, oder aber man versuchte gleich einen Weltrekord aufzustellen. Der Preis für die meisten Windräder auf engstem Raum mit den wenigsten Stromhäuschen war ihnen jedenfalls gewiss. Aber die Windräder haben ja auch etwas gutes. Sie produzieren zwar fast keinen Strom, dafür halten sie aber unsere Luft frei von Singvögeln, Greifvögeln, Fledermäusen und anderen fliegenden Wesen, die normalerweise so irritierend frei und unbeschwert über unseren Köpfen herumkreisen.

[AFG_gallery id='498']

Da die Via Frangigena für heute eine 30km Etappe vorgesehen hatte, entschieden wir uns, sie in zwei Etappen zu unterteilen und uns ein Zwischenziel zu suchen. Hier sollte es nach Angaben zweier Pilgervereinsmitglieder ein Heiligtum mit integrierter Herberge geben. Das stimmte zwar, doch half uns das leider nicht weiter. Denn das Heiligtum wurde von ein paar griesgrämigen Nonnen betreut und diese standen nicht allzu sehr auf Gäste in ihrem Gästehaus. Es sei nur für Pilger ihres eigenen Ordens, sonst dürfe dort niemand hinein. Da die Nonnen selbst grundsätzlich nicht pilgerten, stand das Haus leer. Das war schon immer so und das sollte auch so bleiben.

Der Pfarrer war außer Landes, das Rathaus hatte geschlossen und die einzige Pension, die uns sogar aufgenommen hätte, war ausgebucht. Guter Rat war also teuer. Doch wo es mir nicht gelang, zu einem Platz zu finden, dann fand der Platz eben mich. In diesem Fall traf ich auf ein junges Pärchen, das mich an der Hand nahm und durch den Ort führte, bis wir einen Verantwortlichen von der Stadt aufgetrieben hatten. Er versicherte uns, dass er sich um eine Schlafmöglichkeit kümmern würde und bat uns solange in einer Bar zu warten. Aus den zwanzig Minuten wurden 2,5 Stunden, doch am Ende hatten wir ein einigermaßen warmes Plätzchen für die Nacht. Es gab hier zwar kein fließendes Wasser, aber dafür hatte man die Fenster offen gelassen, so dass es beim letzten Unweter ordentlich herein geregnet hatte. Das gleichte das ja irgendwie wieder aus.

[AFG_gallery id='499']

Heute gab es keine Fußmassagen, sondern eine Gestalttherapie für Heydi. Seit Jahren schon trug sie einen noch immer ungelösten Konflikt in sich, der sie auf einer unterbewussten Ebene permanent belastete. Gemeinsam machten wir uns nun daran, diesen Konflikt aufzulösen, indem Heydi die alte Situation noch einmal in einem Rollenspiel durchlebte und dieses Mal alles klärte, was es zu klären galt. Ich miemte dabei ihren Ex-Freund, der die zweite Hauptrolle in diesem Konflikt spielte. Zwischenzeitig ging es dabei recht laut und ungestüm zu, weshalb es gut war, dass unser Schlafraum ein wenig abgelegen von den anderen Häusern war.

Spruch des Tages: Schrei nicht ganz so laut, sonst denken die Nachbarn noch, wir wären Italiener.

Höhenmeter: 150 m

Tagesetappe: 17 km

Gesamtstrecke: 14.092,27 km

Wetter: bewölkt und extrem windig

Etappenziel: Pfadfinderheim, 76014 Spinazzola, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

Schreibe einen Kommentar:

Speichere Namen, Email und Webseite im Browser fur zukunftige kommentare