Tag 792: Wandern ohne Sicht

von Heiko Gärtner
01.03.2016 23:20 Uhr

11.02.2016

Der Regen hatte sich nun in einen ausgewachsenen Nebel verwandelt. Ob die Landschaft heute schön war oder nicht kann ich leider nicht sagen, denn wir konnten sie nicht sehen. Es war ein bisschen, als gingen wir durch ein graues Nichts, das unsere Welt verschlungen hatte. Nach einer relativ ebenen Wanderung erreichten wir Faeto, einen Ort, der fast völlig ausgestorben war. Vor einigen Jahren hatten hier noch rund 6.000 Menschen gelebt. Heute waren es nicht einmal mehr 600. Auch hier trafen wir wieder keinen Pfarrer an. Im Rathaus bekamen wir eine 90% Zusage mit der Auskunft, dass man am Abend noch mit dem Bürgermeister sprechen müsse, um alles fest zu machen. Für Italien war das eine recht riskante Sache, denn wir hatten auch schon nach 100% Zusagen am Ende wieder auf der Straße gestanden. Doch es gab wohl keine Alternative. Fast keine. Die einzige andere Möglichkeit bestand in einem etwas absonderlichen Hexenhäuschen, dessen Inhaber unmengen an Gartenzwergen und Teddybären um sein Haus dekoriert hatte. Um sie herum hatte er einen kleinen, künstlichen Wald errichtet in dem unzählige Schildchen mit der Aufschrift "Willkommen" in allen Sprachen hingen. "In diesem Haus ist jeder Willkommen! Gäste, die Sonne, Freunde, Fremde, ..." stand auf inem großen Schild. Sollten wir vielleicht klingeln und nach einem Schlafplatz fragen? In Frankreich hätten wir das ohne zu Zögern getan, doch hier schreckte ich zurück. Was war, wenn sie ja sagte, aber so ein nervtötender Mensch war, wie wir es schon oft erlebt hatten? Wir beschlossen dem Rathaus zu vertrauen. Wenn es nicht klappen sollte, dann konnten wir ja immernoch an dieser Tür klingeln.

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Es klappte! Wir bekamen einen Platz für den Nachmittag und am Abend eine kleine Wohnung, in der wir übernachten durften. Hier ging sogar das Wasser und es hatte nicht reingeregnet, was auch irgendwie angenehm war. Trotzdem interessierte mich das Haus mit der seltsamen Verzierung und so klingelte ich später einmal an der Tür, um dort nach essen zu fragen. Die Frau, die mir öffnete hätte nicht besser in das Klischeebild passen können. Obwohl ich genau sie erwartet hatte, war ich im ersten Moment ein bisschen erschrocken, als mir wirklich eine Hexe öffnete. Sie hatte eine lange spitze Nase, ging ein wenig buckelig, trug kunterbunte Kleider und riesige, goldene Ohrringe. Dabei roch sie wie ein ganzer Parfümladen, gemischt mit einem Teehaus.

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Unbeachtet ihrer eigensinnigen Erscheinung war sie aber außergewöhnlich freundlich und bat mich sofort herein. Ihr Haus sah von innen noch kurioser aus als von außen. Die Wände waren voll von riesigen Gemälden und goldenen Schüsseln. Warum die Schüsseln dort hingen weiß ich nicht, aber die Gemälde waren größtenteils Protraits von der Frau selbst. Ein bisschen gruselig war es schon, gleichzeitig aber auch spannend. Auf dem Tisch stand eine riesige Wasserpfeife und alles roch muffig und alt, so wie ein Dachboden der für mehrere Jahrhunderte nicht mehr betreten wurde. Sie schenkte uns Eier, Wasser, Thunfischdosen und noch einige andere Konserven. Sogar das Küchenpapier in das sie die Eier wickelte roch muffig und alt. Sie erzählte, dass sie einen Folklore-Verein leitete und hier in der Gegend mit einem traditionellen Kulturprogramm auftrat. Ich nickte unwillkürlich, denn daran gab es absolut keinen Zweifel. Diese Frau war selbst eine lebende Folklore und ich konnte mir nicht vorstellen, dass es einen Unterschied zwischen ihrem Leben und ihren Auftritten gab.

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Nach dem Abendessen kümmerten wir uns wieder um die Fußmassage. Heute war der letzte gemeinsame Abend mit Heydi und wir wollten noch einmal alles dokumentieren, damit wir diese großartige Therapieform auch an euch weitergeben können. Die Anleitung mit allen Bildern und Grafiken folgen in Kürze.

Spruch des Tages: Man sieht ja die Hand vor Augen nicht

Höhenmeter: 90 m

Tagesetappe: 18 km

Gesamtstrecke: 14.100,27 km

Wetter: bewölkt und extrem windig

Etappenziel: Pfarrhaus, 70020 Poggiorsini, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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