Tag 793: Abschied im alten Troia

von Heiko Gärtner
01.03.2016 23:54 Uhr

12.02.2016

Heute war der letzte Tag, an dem wir gemeinsam mit Heydi wanderten. Am Nachmittag musste sie in einen Bus nach Foggia einsteigen um von dort aus weiter nach Neapel zu fahren. Noch immer hatten wir keine Ahnung, ob es überhaupt einen Bus gab, den sie nehmen konnte. Denn im Internet konnte man keine Informationen darüber finden und auch die Einheimischen waren keine zuverlässige Hilfe.

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Unser Etappenziel trug den vielversprechenden Namen Troia, was jedoch verwirrend war, da es nichts mit dem antiken Troja aus der Odyssee zu tun hatte. Der Weg dorthin führte zunächst überwiegend bergab, bis wir in einem flachen Tal landeten, durch dessen Mitte ein kleiner aber doch beachtlicher Bach floss. Bei dem letzten Regen musste er zu einem reißenden Fluss angeschwollen sein, der einen Großteil des Weges mitsich gerissen hatte. Flussüberquerungen waren in Italien ja nicht ungewöhnlich, aber dieses Mal mussten wir sogar ein gutes Stück flussabwärts wandern, bis wir wieder aus dem eiskalten Wasser heraustreten konnten. Da ich bei der letzen Aktion dieser Art meinen Schuh verloren hatte, musste ich nun barfuß gehen. Nach dem die Fußreflexzonenmassage meine Füße ohnehin schon so sensibilisiert hatte, war das eine echte Herausforderung. Aber auch für Heydi und Heiko wurde das eiskalte Wasser zu einer anständigen Prüfung. Es war ein bisschen, als wollte uns der Weg extra zu Heydis Abschied noch ein kleines Abenteuer mitgeben. Zu diesem Zeitpunkt hätten wir jedoch nicht gedacht, dass die wahre Herausforderung erst auf der anderen Seite des Flusses beginnen würde. Denn hier bestand der Weg aus einem besonders hartnäckigen Lehm, der sich wie Pech an unsere Räder haftete.

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Nach wenigen Metern, war die Schlammschicht so dick, dass die Räder komplett blockierten und sich einfach nicht mehr drehen wollten. Einige Male versuchten wir, die Reifen vom Schlamm zu befreien. Doch es war zwecklos. Zehn Meter weiter standen wir erneut vor dem gleichen Problem. Es war, als wollte uns die Erde festhalten und daran hindern, rechtzeitig zum Nachmittag nach Troia zu gelangen. In Heydi gab es eine laute Stimme, die ihr sagte, dass sie eigentlich noch gar nicht wirklich wieder nach hause wollte. Lag es vielleicht daran? Uns blieb jedenfalls nichts anderes übrig, als die Wagen für die nächsten zweihundert Meter zu tragen, bis die Straße wieder mit Kies und Schotter bedeckt war. Dann ging es einen steilen Berg hinauf, ein paar schmale Gassen hindurch und schon standen wir vor der Kathedrale. Erst jetzt erfuhren wir, dass es wirklich einen Bus gab und das wir sogar noch relativ gut in der Zeit lagen. Wir konnten ganz in Ruhe alles auspacken und Heydi all jene Dinge mitgeben, die wieder in die Heimat sollten. Darunter auch meinen Laptop, den sie erst wenige Tage zuvor hier her gebracht hatte. So traurig es auch war, ihn gleich wieder abgeben zu müssen, so wie er war half er mir hier nicht weiter.

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Anschließend begleiteten wir Heydi zur Bushaltestelle. Wir hatten noch etwa zehn Minuten als Herde, dann kam der Bus und nahm unseren Gast mit. Wir winkten ihr nach und sie schaute sehnsüchtig zu uns zurück. Es war ein sonderbares Gefühl, dass wir nun diejenigen waren, die stehen blieben. In den letzten zwei Jahren hatten wir unzählige Abschiede gehabt, doch immer waren wir diejenigen gewesen, die weiterzogen. Jetzt fuhr Heydi davon und wir blieben zurück.

Kaum war sie verschwunden, kam auch schon ein dicker Mann auf uns zu, den wir bereits kannten. Er hatte uns beim Umpacken angesprochen und wollte uns eigentlich zu einer Übernachtung in seiner Pension überreden. Als er jedoch gehört hatte, dass wir ohne Geld reisten, hatte er beschlossen, uns als persönliher Führer zur Seite zu stehen. Er war ein netter Kerl und er meinte es gut, aber er war leider wieder einer dieser unglaublich anstrengenden Menschen, bei denen man sofort verstand, warum es ihnen schwer fiel, echte Freunde zu finden. Zu Beginn half er uns tatsächlich weiter, indem er uns zu einer Pilgerherberge führte, in der wir kostenlos schlafen konnten. Doch damit gab er sich nicht zufrieden. Jetzt wollte er uns eine Stadtführung geben, um uns an der spannenden Geschichte seines Heimatortes teilhaben zu lassen. Auch das wäre keine schlechte Sache gewesen, wenn es nicht zwei Haken gegeben hätte. Zum einen gab es keine wirklich spannende Geschichte dieser Stadt. Warum sie den gleichen Namen trug wie die Stadt mit dem tojanischen Pferd, war unklar. Einige vermuten, dass es wirklich einen gewissen Zusammenhang gibt. Nach der Zerstörung des Ortes durch irgendeinen Eroberer war der Legende nach ein Fürst auf den Berg gekommen und hatte so etwas gesagt wie: "Ach du Scheiße! Das sieht hier ja aus wie in Troja!" Wahrscheinlich verwendete er eine etwas andere Formulierung um seiner Verwunderung kund zu tun, aber das kommt ja aufs selbe hinaus. Andere Historiker halten diese Legende für Blödsinn und führen den Namen des Ortes auf andere Umstände zurück, die aber weder besonders interessant, noch spektakulär oder witzig sind. Leider hielt das unseren Füher nicht davon ab, uns jede einzelne von ihnen in allen Details zu erzählen. Das wäre vielleicht noch ganz in Ordnung gewesen, wenn er sich dabei nicht mit einer Geschwindigkeit bewegt hätte, bei der sogar Schnecken die Geduld verloren. Er war vielleicht vierzig Jahre alt, recht übergewichtig und ein passionierter Raucher. Das waren durchaus Gründe um nicht allzu fit zu sein, aber dass er so wenig Kondition hatte, hätten wir nicht erwartet. Die Strecke von unserer Herberge bis zur Kathedrale maß etwa 200 Meter und wir brauchten über eine halbe Stunde, um sie zurückzulegen. Der gute Mann war so außer Atem, dass er kaum noch richtig Rauchen konnte. Sprechen funktionierte hingegen aus irgendeinem hinterhältigen Grund noch sehr gut.

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Ich weiß nicht was mich davon abgehalten hat, ihm ehrlich zu sagen, dass ich kurz vorm Durchdrehen war, aber aus irgendeinem Grund tat ich es nicht. Auch Heiko war kurz vorm Platzen und hielt dennoch seinen Mund. Warum? War es Höflichkeit? Oder Harmoniesucht? Das einzige, was wir schließlich über die Lippen brachten war, dass wir ihm mitteilten, dass er sich auf das wesentliche Konzentrieren und all die unnötigen Fakten beiseite lassen sollte. Danach wurde es ein bisschen besser, doch es war leider noch immer unerträglich. Ich verstand nun wieder, warum der Geschichtsunterricht in der Schule oft so langweilig gewesen war. Eigentlich durfte das doch nicht sein, denn was gibt es spannenderes als Geschichten, die das Leben schreibt? Aber aus irgendeinem Grund schafften wir es immer wieder, die Geschichte unserer eigenen Kultur so trocken und öde zu präsentieren, dass einfach niemand wachbleiben konnte. Unweigerlich musste ich an die Erzählung in Harry Potter denken, wo der Professor für Zaubereigeschichte bei seinem eigenen Vortrag mitten im Unterricht gestorben war, ohne es zu merken. Er hatte dann einfach als Geist weiterreferiert und der Unterschied war ihm nie aufgefallen. So ähnlich verhielt sich nun auch unser Fremdenführer.

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Was den Umgang mit ihm besonders anstrengend machte, war jedoch die Tatsache, dass er für jeden Satz eine Bestätigung einforderte. Wenn man nicht permanent "Aha!", "Oh!", "Mhh!" oder "Ah, ja!" sagte, dann wiederholte er den letzten Satz noch einmal in der Annahme, man hätte ihn nicht richtig verstanden.

Als wir die Kathedrale dann endlich erreicht hatten, schleuste er uns innerhalb von Minuten und ohne ein weiteres Wort durch sie hindurch, während er Heiko befahl, was er zu fotografieren hatte und was nicht. So kam es, dass wir über das einzige Gebäude, das in dieser Stadt vielleicht sogar wirklich interessant sein konnte, nicht das geringste erfuhren. Doch langsam war uns das auch nicht mehr so wichtig. Es war eiskalt, wir frohren wie die Schweine und wir wollten nur noch rein und unsere Ruhe haben. Alle weiteren Angebote, die Stadtführung fortzusetzen lehnten wir nun entschieden ab. Stattdessen machte ich mich auf meine eigene Stadtführung und suchte nach etwas zum Essen. Als ich zurückkehrte erwartete mich Heiko bereits mit einem düsteren Gesichtsausdruck, der klar machte, dass er eine schlechte Nachricht hatte.

"Mein Computer ist nun ebenfalls wieder ausgefallen!" sagte er brummelig.

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Es war erneut das gleiche Problem, das wir bereits Heilig Abend hatten. Aus irgendeinem Grund hatte der Computer keine Energie mehr. Es dauerte mehrere Stunden, bis er sich wieder gefangen hatte und eingeschaltet werden konnte. Stunden, in denen wir bangten und beteten, dass er überhaupt wieder einen Mucks machen würde. So konnte es nicht weiter gehen! Irgendetwas stimmte mit diesen Produkten doch nicht! Wie sonst war es möglich, dass beide Computer zur gleichen Zeit mit unterschiedlichen Problemen ausfielen? Wieder mussten wir an das denken, was wir vor einigen Wochen über künstliche Obszoleszenz gelesen hatten. Wir waren in der Lage, Menschen auf den Mond zu schicken und wir konnten U-Boote bauen die bis in die Tiefen unserer Ozeane abtauchen konnten, ohne dass der Druck ihnen etwas anhaben konnte. Da konnte es doch nicht sein, dass wir nicht im Stande waren, Computer herzustellen, die länger als zwei Jahre hielten! Und die Computer waren ja nicht das einzige! Die Luftmattratzen, die wir vor unserer Reise gekauft hatten, hatten sich nach eineinhalb Jahren zeitgleich in Wohlgefallen aufgelöst. Die Packsäcke, viele Schuhe, die Regenkleidung alles hatte immer Zeitgleich und bereits nach nicht allzu langer Zeit den Geist aufgegeben. War das nicht auffällig? Irgendetwas passte hier doch gar nicht!

Später telefonierten wir mit einigen Reparaturdiensten für Computer. Einer teilte uns mit, dass er für MacBook Airs überhaupt keinen Reparaturservice mehr anbietet, da er dafür keine Ersatzteile mehr bekommen konnte. Diese erhielten nur zertifizierte Apple-Partner und wer die Gebühren für eine solche Lizenz nicht bezahlen konnte, der war außen vor. Bei einem anderen erfuhr ich mehr. Woran mein Display-Ausfall lag, konnte mir am Telefon natürlich niemand mit Sicherheit sagen. Doch die Vermutung ging auch hier entweder zum Verbindungskabel oder zur Hauptplatine. Allein das Kabel zu tauschen ist bei diesen Computern offenbar so aufwändig, dass es bereits rund 160€ kostet. Wenn der Fehler an der Hauptplatine liegt, dann ist man mit guten 600€ dabei. Ist das nicht ein Wahnsinn? Es geht hier noch immer um nichts weiter als eine LED-Beleuchtung. Also im Grunde um nicht mehr als einen Glühbirnentausch. Doch um den Vorzunehmen muss man das komplette Herzstück des Computers auswechseln, was fast so teuer ist, wie ein neuer Computer.

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Bei Heikos Laptop ging es ähnlich weiter. Die Diagnose lautete: Alterserscheinungen des Akkus. Nach zwei Jahren ist es nicht ungewöhnlich, dass die Akkus ihren Geist aufgeben. Nicht alle, aber in jeder Bauserie sind einige dabei, denen schneller die Puste ausgeht. Wie kommt das? Wie kann so etwas passieren? Alle werden gleich gebaut und müssten auch gleich überprüft werden. Zufällig dürfte eine solche Panne nicht auftreten. Auch hier liegt also wieder die Vermutung nahe, dass es sich dabei um Fehler handelt, die ganz bewusst eingebaut werden. Und noch etwas anderes ist auffällig. Früher waren Laptops so gebaut, dass sie entweder über den Akku oder über das Netzteil funktionierten. Man konnte die Akkus, wenn sie kaputt waren sogar ganz ausbauen und den Computer nur noch mit dem Netzteil betreiben. Unser MacBook hingegen funktionierte auch mit Stromversorgung nicht. Wenn der Akku also kollabiert, dann bleibt der Computer aus, selbst wenn er Strom aus der Steckdose bekommt. Warum? Technisch betrachtet gibt es dafür keinen Grund, denn es funktioniert ja auch anders. Aber wirtschaftlich gesehen ist das natürlich ein genialer Schachzug. Nur wenn der Akku funktioniert, funktioniert auch der Computer. Man kann einen altersschwachen Akku also nicht einfach ignorieren und beschließen, den Computer von nun an nur noch mit Steckdosenstrom zu betreiben. Man braucht einen neuen, sonst geht gar nichts mehr. So ein Akku kostet dann noch einmal weitere 100€. Mit Wartung, Reparatur, Umbau und Ersatzteilen sind wir dann für beide Computer also bereits bei rund 800€. Das ist teurer als viele neue Laptops und es ist noch immer nicht gesagt, dass man nach der Reparatur seine Ruhe hat. Denn mein Computer wurde ja bereits vor einem Jahr repariert und hat damals bereits eine neue Hauptplatine bekommen. Im schlimmsten Fall ist man also Jährlich mit 600€ bis 800€ dabei. Ist das wirklich unsere Vorstellung von Qualität?

Spruch des Tages: Ist dies jetzt das Troja mit dem Pferd oder nicht?

Höhenmeter: 120 m

Tagesetappe: 20 km

Gesamtstrecke: 14.120,27 km

Wetter: bewölkt und windig

Etappenziel: Bed & Breakfast Palazzo Sottile Mennini, via Abbrazzo D'Ales 11, 70024 Gravina in Puglia, Italien

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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