Tag 823: Eine Jagdhütte in den Bergen

von Heiko Gärtner
13.04.2016 18:37 Uhr

24.03.2016 In der Nacht regnete es ohne Unterlass. Mehrere Male wurde es schwächer, dann wieder stärker, doch aufhören wollte es nie. Auch am Morgen wurden wir noch von einem heftigen Prasseln auf unserem Zeltdach geweckt. Aufstehen hatte jetzt ohnehin noch keinen Sinn, also drehten wir uns um, und schlummerten noch einmal weiter. Irgendwann hörte das Prasseln auf und wir nutzten die Chance, um unsere Sachen zusammenzupacken. Es gelang uns sogar, einigermaßen trocken wegzukommen, ehe es wieder richtig zu Schütten anfing. Den kompletten Tag über wanderten wir weiter im Regen. Wir waren nun mitten in den Bergen und es ging ordentlich weiter nach oben. Ich weiß nicht, was uns mehr durchnässt hat, der Regen, der von außen durch unsere Kleidung nach innen drang oder der Schweiß der von innen nicht nach außen konnte. Irgendwie ist es ja schön, dass diese Regenkleidung immerhin in eine Richtung dicht ist, aber warum muss es ausgerechnet diese sein? Auf halber Strecke kamen wir an einem Schild vorbei, das auf ein Kloster hinwies, etwas abseits des Weges lag. Vielleicht war dies ja eine Chance, heute doch noch einen trockenen Schlafplatz zu bekommen. Wir beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen, stellten unsere Wagen ab und bogen in die kleine Schotterstraße ein. Das Kloster war winzig und wurde wohl nie von mehr als einem Mönch zur gleichen Zeit bewohnt. Dass es auf dem Friedhof hinter dem Haus genau ein Grab gab war also kein besonders gutes Zeichen. Tatsächlich war hier alles vollkommen ausgestorben. Dennoch war der Weg nicht umsonst, denn das Kloster lag inmitten von lauter kleinen Wasserfällen, die sich malerisch in die Umgebung einbetteten.

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Das nächste Dorf war ähnlich tot wie das Kloster. Die meisten Häuser standen leer und nur wenige Menschen waren hier zurückgeblieben. Einer von ihnen war ein grimmiger, unfreundlicher und frustrierter Mann, der fließend Deutsch sprach, uns aber trotzdem weder helfen noch informieren wollte. Er wirkte gleich vom Beginn an recht suspekt, doch noch dachten wir uns nichts weiter dabei. Wir schrieben ihn als sonderbaren Kautz ab und versuchten unser Glück bei seinen Nachbarn. Hier trafen wir auf eine junge Frau und ihre Mutter, die ebenfalls weder besonders hilfreich noch freundlich waren. Sie besaßen zwar eine Gartenhütte in der man schlafen könnte, wollten uns aber nicht hier haben. Auch unser Zelt durften wir nicht in der Nähe ihres Grundstückes aufstellen. Der Grund dafür war wieder der gleiche wie immer in diesem Land. Es hatte nicht wirklich etwas mit Unfreundlichkeit zu tun, sondern hauptsächlich mit Angst. Langsam fragten wir uns, wie all diese Geschichten über die unglaubliche Gastfreundschaft der Griechen entstanden waren. Vielleicht hatte es diese Gastfreundschaft wirklich einmal gegeben, aber spätestens die Angst vor der angeblichen Terrorbedrohung hatte sie getötet. So wie wir es wahrnahmen war es hier sogar noch schlimmer als in Italien. Dort hatten sich die Menschen wenigstens schlecht gefühlt, wenn sie einen bei so einem Sauwetter im Regen stehen ließen. Hier war es ihnen tatsächlich vollkommen egal. Es gab kein Gefühl dazu. Wichtig war nur, dass wir verschwanden. Und genau das wollten wir auch gerade tun, als sich das Blatt doch noch einmal wendete. Heiko hatte bei einer Erkundungstour durch den Ort einen Mann getroffen, der mit seinem Sohn unterwegs war. Diese beiden fuhren nun mit ihrem Jeep auf das Grundstück der beiden Damen. Anders als seine Frau und seine Schwiegermutter wirkte der Mann sehr freundlich und offen. Leider sprach er unsere Sprache nicht und so wurde die Kommunikation relativ schwierig. Dennoch schafften wir es, ihm zu erklären, wer wir waren und was wir brauchten. Dank der Hilfe seines Sohnes, der in der Schule bereits ein paar Wörter Englisch gelernt hatte und dem wir ebenfalls sympathisch waren, bot er uns schließlich seine Hilfe an. Er stieg in seinen Jeep und forderte uns auf, ihm zu folgen. Eine ganze Weile ging es zurück den Berg hinauf, in genau die Richtung aus der wir kamen. Dann hielt er vor einer kleinen, steinernen Jagdhütte. Dieses Haus war sein Rückzugsort, wenn ihm das Familienleben zu viel wurde und für heute durften wir uns hier einrichten. Sogar einen Kamin gab es, in dem wir uns ein Feuer entzünden durften. Da alles Nass und schlammig war, ließen wir die meisten Sachen vor der Tür. Draußen tobte noch immer das Unwetter, aber vor dem Kamin wurde es nun wieder gemütlich. Jedenfalls fürs erste. Nach etwa einer Stunde hörten wir Stimmen draußen vor der Tür. Zuerst dachten wir, dass unser Gastgeber noch einmal nach uns schauen wollte und wir spekulierten sogar schon auf eine kleine Essenseinladung. Doch die Stimmen stammten nicht von unserem Gastgeber. Sie stammten von vier bewaffneten Polizisten, die die Tür aufrissen und ohne anzuklopfen in unser Haus stürmten. Auch sie trieften vor Regennässe und ihre dicken Springerstiefel waren schlammverschmiert. So sehr wir zuvor darauf geachtet hatten, dem freundlichen Mann keinen Dreck ins Haus zu tragen, so rücksichtslos gingen nun die Wachleute mit dem fremden Hab und Gut um. Sie vorderten uns auf, unsere Ausweise vorzuzeigen und verlangten sogar, dass wir unsere Taschen und Packsäcke leerten, damit sie kontrollieren konnten, was wir dabei hatten. Es gab keine Straftat, keinen Verdachtsmoment und keine Begründung für diesen Überfall und trotzdem fielen sie bei uns ein wie die Berserker. Sie liefen über den Teppich, lehnten sich mit ihren nassen Jacken an die Wände und beschmutzten die Tischdecke. Ständig rissen Sie die Tür auf, so dass der kalte Wind hereinkam, Regen und nasses Laub ins Innere wehte und die ganze Kaminwärme wieder hinaus trug. Einer der Polizisten steckte sich sogar eine Zigarette an und begann im Haus zu rauchen. Wenn es unser Haus gewesen wäre, dann wäre dies eine absolute Frechheit gewesen, aber so überstieg es einfach alles. Wie kann es sein, dass eine Gruppe von Polizisten ohne triftigen Grund in ein Haus stürmt und so derartig verhält, obwohl der Besitzer nicht anwesend ist? Dabei ermahnten sie uns dann auch noch immer wieder, dass wir in diesem Haus auf keinen Fall etwas stehlen oder zerstören dürften. Als ob wir ohne diese Ermahnung nicht selbst auf die Idee gekommen wären, wie man sich einem Gastgeber gegenüber verhält.

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Das Beste war jedoch, dass sie dabei nicht einmal den Hauch einer Ahnung hatten, wie sie ihren eigenen Job verrichten sollten. So durchsuchten sie die Seiten unserer Reisepässe mehrfach nach einem griechischen Einreisestempel. Unsere Versuche, ihnen zu erklären, dass sowohl Deutschland als auch Griechenland in der EU waren und es daher schon seit Jahrzehnten keine Stempel mehr gab, blieben erfolglos. Stattdessen wollten sie nur wissen, wie lange wir schon im Land waren und versuchten uns Anschließend weiß zu machen, dass unsere Aufenthaltsgenehmigung nicht länger als einen Monat gültig war. Zunächst wollten wir das richtig stellen, aber dann entschieden wir uns dagegen. Es würde ohnehin nichts ändern und unser Ziel war es ja nicht, die Polizisten auszubilden, sondern sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Auch das Kontrollieren unserer Taschen war alles andere als professionell. Nicht nur, dass sie keine Befugnis dazu hatten, sie machten es auch noch so schlampig, dass sie es sich gleich hätten sparen können. Wären wir tatsächlich Terroristen gewesen, die den Ort hätten sprengen wollen, dann hätten wir es trotz ihres Besuches wie geplant durchführen können. Die ganze Aktion war also nicht nur nervig und unangemessen, sondern auch noch vollkommen lachhaft. Schließlich gelang es uns aber trotzdem, zu einem der Beamten einigermaßen durchzudringen und ihn zu fragen, was der ganze Aufzug hier eigentlich sollte. Ein Mann aus dem Ort hatte uns angeschwärzt und aus lauter Angst die Polizei gerufen. Erst am nächsten Morgen erfuhren wir von unserem Gastgeber, dass es der Mann gewesen war, den wir gleich nach unserer Ankunft im Ort um Hilfe gefragt hatten. Er hatte, trotz unseres Gesprächs befürchtet, wir könnten Terroristen von der ISIS sein.

Fortsetzung folgt...

Spruch des Tages: Es gibt doch nichts schöneres als ein Kaminfeuer, wenn draußen das Unwetter tobt!

Höhenmeter: 490 m Tagesetappe: 19 km Gesamtstrecke: 14.613,27 km Wetter: sonnig und warm, mit Schnee am Straßenrand Etappenziel: Festsaal, 44200 Milea, Griechenland

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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