Tag 872: Heydis Heimreise

von Heiko Gärtner
25.05.2016 01:25 Uhr

03.05.2016

Der Wecker klingelte bereits um Punkt acht Uhr und riss uns aus den Federn. Die Bushaltestelle an der Heydis Bus nach Drama fuhr, lag gut zweieinhalb Kilometer entfern, wir durften also nicht trödeln. Gerade als wir dabei waren, unsere Sachen zusammenzupacken, verfinsterte sich der Himmel und es wurde fast wieder so schwarz, wie es in der Nacht gewesen war. Blitze zuckten über den Himmel und fast zeitgleich grollte ein Donnerschlag los, der uns alle drei zusammenzucken ließ. Ein Weltuntergang war ein Dreck dagegen. Doch beim Gewitter alleine blieb es nicht. Wenige Minuten später prasselten erst dicke Regentropfen und dann noch dickere Hagelkörner auf uns ein. Die Eiskugeln waren so dick wie handelübliche Murmeln und wir waren froh, dass wir noch ein Dach über dem Kopf hatten.

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Kurz bevor wir mit Heydi zum Bus aufbrechen mussten, war der Spuk zum Glück vorbei. Nur noch ein gewöhnlicher wenn auch ungemütlicher Regen war übrig geblieben. Die Bushaltestelle befand sich außerhalb der Ortschaft an der Hauptstraße, rund 200m von der Stelle entfernt, an der wir am Vortag die Riesenschlange entdeckt hatten. Kurz nachdem wir angekommen waren hielt ein Auto neben uns, aus dem eine junge Frau ausstieg, die ebenfalls den Bus nach Drama nehmen wollte. Es war ein beruhigendes Gefühl für Heydi, dass sie nun wusste, dass der Bus auf jeden Fall fahren würde. So ganz alleine in der Einöde, konnte man da schon ins Zweifeln kommen.

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Wir verabschiedeten uns und kehrten in den Ort zurück, um unseren Weg von dort aus nun wieder zu zweit fortzusetzen. Der Regen hatte weitgehend aufgehört und als wir unseren Zielort erreichten schien sogar wieder die Sonne, als wäre nichts gewesen. Nur die Hagelkörner die teilweise noch an schattigen Grasflächen herumlagen, verrieten das Unwetter vom Morgen.

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In einer Schlachterei trafen wir auf eine freundliche Halbgriechin, die ihr halbes Leben in Hamburg verbracht hatte und sich sofort um einen Schlafplatz für uns kümmerte. Wie fast immer in diesem Land wurde der Schlüssel dafür von einem Mann gehütet, der sich gerade nicht im Ort aufhielt und so wurden wir erst einmal auf einen frisch gepressten Orangensaft in ein Café eingeladen. Der Saft war großartig, aber der Rest war grausam. Das Café befand sich im Stadtzentrum an einem Platz direkt an der Hauptdurchgangsstraße, so wie eigentlich alle Cafés, die es in diesem Land gab.

Hinter unserem Rücken fuhren permanent Autos vorbei, die Menschen um uns herum brüllten wie Marktschreier und irgendein gefühlsloser Depp hatte seine Mofa direkt vor der Café-Terrasse abgestellt und den Motor laufen lassen. Was veranlasste nur all die Menschen dazu, ihre Freizeit freiwillig an so einem Ort zu verbringen und sich dann auch noch mit stinkendem Zigarettenrauch unf bitterem Kaffee zuzuschütten? Vielleicht waren wir durch unsere Reise spießig oder abstrakt geworden, aber wir konnten diese Tradition einfach nicht mehr nachvollziehen. Vor allem, wo es doch so viele wunderschöne Plätze auf der Welt gab, an denen man seine Zeit verbringen konnte.

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Ein Mann setzte sich neben Heiko, so dass ihre Oberkörper gerade einmal drei Zentimeter von einander entfernt waren und begann ein Gespräch. Er stellte die üblichen Fragen, die eigentlich immer gestellt wurden und wir gaben die üblichen Antworten. Kaum hatte sich der Standartgesprächsstoff erschöpft, verschwand der Mann und machte Platz für einen neuen Gast, der sich an die gleiche Stelle im gleichen Abstand setzte und die gleichen Fragen stellte. Vor einiger Zeit hatten wir einmal ein Interview mit einem Weltreisenden gelesen, der seit vielen Jahren alleine und fast ohne Geld unterwegs war. Seine Antwort auf die Frage: "Was hat dich auf deiner Reise am meisten genervt?" hatte gelautet: "Ständig und immer wieder das gleiche erzählen zu müssen!" Damals hatten wir diese Antwort nicht verstehen können, da wir uns nur selten mit Menschen unterhielten und wenn dann meistens neue oder andere Geschichten erzählten. Doch nun verstanden wir es. Wie lange war es her gewesen, dass wir wirklich einmal etwas über unsere Reise oder unser Leben berichten konnten, das über die Länge der Tagesetappen und die grobe Länderauswahl hinaus ging?

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Wir waren froh, als wir schließlich in unseren Raum durften und für den Rest des Tages unsere Ruhe hatten. Erst am Abend tauchte noch einmal die Frau aus Hamburg auf und brachte uns eine typisch griechische Riesenpizza vorbei. Aber üder diesen Besuch freuten wir uns aufrichtig.

Spruch des Tages: Heydi, komm bald wieder!

Höhenmeter: 90 m Tagesetappe: 14 km Gesamtstrecke: 15.323,27 km Wetter: Vormittags sonnig, nachmittags bewölkt, abends wieder sonnig Etappenziel: Zeltplatz auf einer Wiese, kurz hinter 4369 Kurtovo, Bulgarien

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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