Tag 889: Bulgarische Hochzeit

von Heiko Gärtner
11.06.2016 01:27 Uhr

15.05.2016

Am Morgen ging es uns wieder etwas besser, doch das Schlechtigkeitsgefühl steckte noch immer in uns. Auch das Energielevel war weit unter dem Normalstand und jede noch so kleine Bewegung wurde zu einer sportlichen Höchstleistung. Nachdem wi das Zelt zusammengepackt hatten, waren wir so erschöpft, dass wir es am liebsten gleich wieder aufgebaut hätten. Wie zwei Mordopfer schleppten wir uns durch die Felder. Es waren riesige Felder, die von ebenso riesigen Landwirtschaftsmaschinen bewirtschaftet wurden. Erst jetzt vestanden wir, wieso dieses Land gleichzeitig so reich und so arm sein konnte. Die ganzen großen Agrarflächen gehörten alle entweder dem Staat oder einem multinationalen Unternehmen. Alles was hier angebaut wurde, floss in die Taschen einiger weniger Menschen, während alle anderen mit dem zurecht kommen mussten, was übrig blieb. Es war schon ein paradoxes Bild, auf der einen seite die riesigen Industrie-Traktoren zu sehen, die ein gigantisches Feld innerhalb von Minuten umwühlten und auf der anderen Seite an den Kleinbauen vorbeizugehen, die ihre Minifelder mit Hilfe von Eselkarren und rostigen Handwerkzeugen bestellten. Alles, war hier an Reichtum entstand wurde offenbar sofort abgeschöpft, so dass die meisten Bürger nichts davon mitbekamen.

[AFG_gallery id='848']

Es dauerte nicht allzu lange, bis unsere Energie wieder vollkommen aufgebraucht war. Völlig erschöpft machten wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz, was sich als weitaus schwieriger heausstellte, als wir es uns erhofft hatten. So schön und wild dieses Land auf der einen Seite auch war, so viele Tücken und Schwierigkeiten barg es auf der anderen. Nicht nur mein eigener Energielevel war am Boden, sondern auch der von meinem Computer. Da die Sonne gerade einmal genug für Heiko abwarf, wandete ich zurück in den letzten Ort und suchte mir dort einen Platz in einer Bar. Kaum hatte ich mich hingesetzt, kamen auch schon zwei Leute auf mich zu. Einer von ihnen war ein Junge um die 14 und der andere war sein Vater. Der Vater wollte wissen wer ich war und was ich hier trieb. Der Sohn wollte eigentlich überhaupt nichts wissen, doch er musste als Dolmetscher herhalten, weil sein Vater kein Englisch sprach. Nach einer kurzen Erklärung gingen sie wieder, kehrten dann jedoch noch einmal zurück und teilten mir mit, dass ich hier leider doch nicht arbeiten könne.

[AFG_gallery id='849']

Die Familie habe das gesamte Café gebucht, um hier den Geburtstag zweier Zwillinge zu feiern und es war ihnen nun aufgefallen, dass es ihnen nicht Recht war, wenn ein Fremder in der Ecke saß und Arbeitete. Ich solle mich stattdessen draußen auf die Terrasse setzen, wo es ebenfalls eine Steckdose gäbe. Auf der einen Seite muss ich sagen, dass ich den Rauswurf schon etwas unverschämt fand, vor allem, weil sie damit gewartet hatten, bis ich alles aufgebaut hatte, so dass ich nun noch einmal vollkommen von Vorne beginnen musste. Auf der anderen Seite war ich aber auch ganz froh, draußen auf der Terrasse meine Ruhe zu haben. Schließlich kamen Vater und Sohn ein drittes Mal. Dieses Mal plagte sie das schlechte Gewissen und sie stellten mir einen Teller mit Reis und einer Art Rippchen hin. Es war ein äußerst fettiges Essen und für meinen Magen sicher nicht die Idealkost nach der letzten Nacht, aber es war warm und lecker und so kam ich nicht umhin trotzdem den ganzen Teller zu essen. Einen wirklichen Bezug konnte ich zu meinen Restaurantnachbarn nicht aufbauen. Irgendwie fand ich sie seltsam mit ihrer Mischung aus Faszination und Ablehnung, Freundlichkeit und Zurückweisung. Am frühen Nachmittag begann es wieder zu regnen. Erst nur ein paar Tropfen, aber dann schüttete es wieder wie aus Kübeln. Irgendwo im Ort wurde heute eine Hochzeit gefeiert, die nun wohl ein bisschen ins Wasser fiel. Offensichtlich wollten die Hochzeitsgäste ihren Frust an ihren Mitmenschen auslassen, denn sie fuhen vier Mal durch den Ort und Hupten dabei wie die Wahnsinnigen. Es war nicht das übliche Hochzeitshupen, das in etwa klingt wie: "Halloho, schaut mal alle her! Wir haben geheiratet!" Es war eher ein Agrohupen, das soviel sagte wie: "EY ihr Arschgeigen! Hier ist ne verdammte Hochzeit am Gange also schaut gefälligst her, sonst gibts was auf die Fresse!" Besonders romantisch kam mir die Sache nicht vor, aber vielleicht sieht man das hier ja anders.

[AFG_gallery id='850']

Erst um 10 Minuten vor acht hörte der Regen auf und gab mir die Gelegenheit, zu unserem Zelt zurückzukehren. Heiko wäre in der Zwischenzeit fast abgesoffen, so sehr hat die Sintflut auf unser Zelt geprasselt. Rings um unseren Lagerplatz hatten die Blitze eingeschlagen. Einen Moment lang überlegte Heiko, ob er sich deswegen Sorgen machen sollte. Dann entschied er sich jedoch dagegen. Wenn ein Blitz uns treffen wollte, dann konnte er ohnehin nichts machen. Doch warum hätte ein Blitz und teffen wollen?

Spruch des Tages: Langsam spielt das Wetter wirklich verrückt!

Höhenmeter: 310 m Tagesetappe: 22 km Gesamtstrecke: 15.658,27 km Wetter: überwiegend sonnig und warm Etappenziel: Zeltplatz auf einer Wiese am Berghang, kurz hinter 9963 Valnari, Bulgarien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

Schreibe einen Kommentar:

Speichere Namen, Email und Webseite im Browser fur zukunftige kommentare