Tag 890: EU-Förderprojekte

von Heiko Gärtner
11.06.2016 01:40 Uhr

16.05.2016 Nochimmer waren unsere Energiereserven so am Boden, dass wir uns kaum aus dem Bett wälzen konnten. Auch das flaue Gefühl im Bauch war noch da, aber immerhin waren der Durchfall und die akute Übelkeit verschwunden. Die Natur hatte offenbar erkannt, dass es nicht schaden konnte, uns ein wenig aufzumuntern und so schickte sie uns einen Feldhasen, der gleich in der Früh vor uns über das Feld hoppelte. Es war ein bisschen als wollte er sagen: "Schaut mal Jungs, so agil kann man sein! Bei euch wird das auch wieder und dann könnt ihr wieder genauso herumtollen wie ich!" Wenn der Hase damit Recht behalten sollte, brauchten wir auf jeden Fall erst einmal was zum Essen. Gleich im nächsten Ort hatten wir Glück. Im Minimarkt trafen wir auf eine ältere Dame, die recht gut Englisch sprach, weil sie mehrere Jahre lang in Miami-Beach gelebt hatte. Solange sie jung und hübsch war hatte sie dort als Haushälterin und Kindermädchen für reiche Leute gearbeitet. Später war es mit den Jobs dann schwieriger geworden und so war sie in ihr Heimatdorf zurückgekehrt. Wie musste man sich wohl fühlen, wenn man nach einem so langen Zeitraum in Amerika wieder in dieses schäbige Nest kam?

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Mit dem geschenkten Brot und Käse machten wir eine Picknickpause im Park gegenüber, wodurch wir ein bisschen was vom Stadtleben mitbekamen. Zwei junge, dicke Putzfrauen waren dabei, die Straße vom Müll zu reinigen, während sie von einer schlanken, älteren Frau überwacht wurden. So wie es aussah, war das nicht ihr Beruf, sondern viel mehr eine Strafarbeit, die sie sich wegen Fehlverhaltens in der Schule oder etwas in der Art eingebrockt hatten. Eine Sinti-Frau mit einem kleinen Jungen kam die Straße entlang. Beide hatten ein Eis in der Hand und die Mutter warf den Verpackungsmüll achtlos auf die Straße, genau dorthin, wo die beiden anderen Frauen gerade sauber gemacht hatten. Die wütenden Blicke der Frauen nahm sie nicht einmal wahr. Wenn das ihre Vorstellung von einem respektvollen Miteinander war, dann verwunderte es langsam wirklich nicht mehr, dass die Sinti und Roma so unbeliebt waren. Vor allem, wenn man bedachte, was dies auch für eine Wirkung auf das Kind haben musste. Wie sollte es jemals so etwas wie Achtung, Wertschätzung oder Respekt lernen, wenn seine Mutter es ihm nicht vorlebte. Erstaunlicher Weise ließ sich der Junge von seiner Mutter nicht anstecken, sondern behielt das Papier in der Hand, bis er an einen Mülleimer kam, in den er es hineinwerfen konnte.

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In diesem Teil von Bulgarien waren die Orte noch einmal anders aufgebaut als noch vor einigen Kilometern. Sie waren noch immer arm und heruntergekommen, doch sie waren deutlich sauberer und auch gepflegter. Man konnte hier plötzlich erkennen, dass es wirklich einmal eine Kultur gegeben hatte und das diese tatsächlich auch reich und stabil gewesen war. Besonders weit reichte die Konsequenz der Gepflegtheit allerdings noch nicht, denn der Müll, der aus den Ortschaften entfernt wurde, wurde nun wieder draußen in die Natur gekippt. Wie wir so über die kaputten Straßen an den Betonblocks vorbeiwanderten, fragten wir uns, nach welchen Kriterien ein Land wohl in die EU aufgenommen wurde oder nicht. Warum hatte es Bulgarien geschaft, Serbien und Montenegro aber nicht? Rein von der äußeren Betrachtung machte das überhaupt keinen Sinn, denn Montenegro war bei weitem fortschrittlicher gewesen und auch die sozialen Unterschiede waren bedeutend kleiner. Gab es da überhaupt einen nachvollziehbaren Sinn? Oder ging es eher darum, dass man Bulgarien besser aussaugen konnte, was Landwirtschaft und Rohstoffe anbelangte?

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Auffällig war auch, dass es hier an jeder Ecke Tafeln gab, die bezeugten, dass irgendetwas ein EU-Förderprojekt war. Es gab Trimmdich-Geräte in kleinen verwilderten Stadtparks, die niemals genutzt wurden, die man aber mit EU-Fördergeldern hier aufgestellt hatte. Es gab neue Bürgersteige in einem Ort, die so sinnfrei gebaut worden waren, dass man sie weder zu Fuß noch mit dem Fahrrad richtig nutzen konnte, ohne gegen Straßenschilder zu laufen oder sich die Beine an einem tiefen Graben zu verknacksen, der direkt in der Mitte erbaut worden war. Auch diese Fehlkonstruktion war ein EU-Förderprojekt. Noch mehr wunderten wir uns jedoch über Landwirtschaftsbetriebe und andere Privatfirmen, die ebenfalls von der EU gefördert worden waren. Wie kam so etwas zu stande? Kontrollierte eigentlich niemand, ob so ein Projekt auch irgendeinen Nutzen bringt? Oder ging es bei diesen Projekten einfach nur um die schöne Statistik, so nach dem Motto: "Schaut mal wie toll wir sind, wir fördern Sportplätze und Schulen in Bulgarien!" Vor Wahlen macht sich das bestimmt gut, auch wenn es darüber hinaus niemandem hilft.

Fortsetzung folgt...

Spruch des Tages: Diese EU fördert auch wirklich alles

Höhenmeter: 230 m Tagesetappe: 22 km Gesamtstrecke: 15.680,27 km Wetter: erst sonnig, dann plötzlich dichte Wolkendecke und Gewitter Etappenziel: Zeltplatz im Wald, kurz hinter 9492 Zheglartsi, Bulgarien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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