Tag 891: Die Geschichte Bulgariens

von Heiko Gärtner
11.06.2016 01:54 Uhr

Fortsetzung von Tag 890:

Nachdem wir den Ort verlassen hatten, gelangten wir auf einen verschlammten und matschigen Feldweg, der kaum noch begehbar war. Offensichtlich gab es in diesem Land nur zwei Alternativen. Entweder eine Straße war unbefahrbar, oder sie war befahren. Kleine Sträßchen auf denen man gut wandern konnte, ohne das ständig ein Auto vorbeifuhr, schien es nicht zu geben. Dieser Weg hier wurde fast ausschließlich von Schäfern benutzt, von denen wir einen auf der Hälfte trafen. Er war ein uriger Geselle, wie er mit seinem Schlapphut und dem langen Bart mitten in der Wiese saß. Wenn diese Hirten nicht ständig komplett besoffen und aggressiv wären, dann wären sie schon ein cooles Volk. Aber so verbauten sie es sich irgendwie. Kaum hatten wir den Hirten und seine Kuhherde hinter uns gelassen, sprang der Mann auf und begann wie wild herumzuschreien. Erst dachten wir er meinte uns, doch als wir uns umsahen erkannten wir, dass er auf eine seiner Kühe einschrie. Sie war einen falschen Weg gegangen und hatte damit den Zorn ihres Herren auf sich gezogen, der nun mit voller Wucht über ihr hereinbrach.

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Gleich im nächsten Ort trafen wir schon wieder auf einen Schlapphutträger. Er lief ein gutes Stück hinter uns her und wollte sich unbedingt mit uns unterhalten. Zunächst waren wir nicht besonders motiviert, denn die Anzahl der produktiven Kontakte, die wir in diesem Land auf offener Straße hatten, konnte man an einer geschlossenen Faust abzählen. Doch der kleine, zahnlose Mann mit dem zerrissenen Rucksack ließ nicht locker und bat uns schließlich, ein Foto von uns machen zu dürfen. Aus einer Umhängetasche holte er ein Smartphone heraus und schoss ein Foto nach dem anderen. Er sprach fließend Englisch und sehr gut Deutsch, ohne je in einem der beiden Länder gewesen zu sein. Erst nach einer Weile sickerte durch, dass er unter seiner verrückten und durchgeknallten Fassade ein belesener, intelligenter und gelehrter Mann war, der mit dem Leben in diesem Land einfach nicht zurecht kam. Letzteres konnte man ihm auch nicht unbedingt verübeln.

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Er war ein Dichter und hatte bereits mehrere Bände geschrieben, die er gerne veröffentlichen wollte, doch er konnte keinen Verleger finden, der seine Bücher ohne einen beachtlichen Vorschuss drucken wollte. Der kleine Mann war wie ein glasklarer Spiegel für uns, der uns noch einmal zeigte, was mit uns passiert wäre, wenn wir weiterhin versucht hätten, mit aller Macht erfolgreich sein zu vollen. Er hatte sich so sehr in die Idee verbissen, ein berühmter und reicher Dichter zu werden, dass er sich völlig in dieser Idee verloren hatte und fast wirkte, wie ein geisteskranker. Viele Jahre lang hatten wir auf die gleiche Weise gelebt, wollten die Wildnisschule und einen eigenen Fernsehsender immer größer ausbauen und so schließlich reich, berühmt und erfolgreich werden. Irgendwann hatten wir dann eingesehen, dass uns diese Verbissenheit nicht weiterbrachte und so hatten wir schließlich gelernt loszulassen. Dieser Schritt hatte uns auf diese Reise geführt und langsam begriffen wir nun, dass man Erfolg nicht erzwingen konnte. Wenn man selbst im Fluss war, dann begann auch alles andere zu fließen. Jetzt wo es uns egal war, ob wir mit etwas Geld verdienten oder nicht, weil wir ohnehin keines brauchten, kamen die Aufträge plötzlich von selbst. Nun dürfen wir ein neues Buch über die Heilkraft der Natur schreiben, bekommen Unterstützung von Sponsoren und erleben jeden Tag was es bedeutet, im Fluss mit dem Leben zu sein.

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Der Mann plapperte ohne Unterlass. Er hatte nun bereits an die 500 Fotos von uns geschossen und wollte auch noch einen kleinen Film von uns drehen. Wir sollten irgendetwas sagen, wer wir waren, warum wir reisten und so weiter. Doch er machte keine Pause um uns die Gelegenheit dafr zu geben. Als schließlich eine Lücke entstand hatte er das Filmen bereits wieder aufgegeben. Er war nun also stolzer Besitzer eines Kurzfilms von zwei irritierten Männern mit Pilgerwagen, die stumm auf der Straße standen und blöd schauten, wärend er selbst ununterbrochen Fragen stellte, auf die niemand antworten konnte. Mit etwas Glück ging das vielleicht als moderne Kunst durch und er konnte es auf einem Amateur-Film-Festival ausstellen. Dann aber fing er an, über die Geschichte seines Landes zu sprechen und nun wurde es wirklich interessant. Früher lebten im südöstlichen Teil des heutigen Europas verschiedene Nomadenvölker, die frei durch die Lande zogen. Dann kamen eines Tages die römischen Eroberer und machten sich große Teile des Landes zu eigen. Sie bekehrten einen Teil der Nomaden und überzeugten sie davon, sesshaft zu werden. Aus der Mischung der nomadischen Einheimischen und der römischen Eroberer entstand nun ein neues Volk: Die Rumänen. Im Deutschen merkt man den Zusammenhang nicht direkt, doch im Englischen und im Italienischen war uns die sprachliche Ähnlichkeit schon früher aufgefallen. Auf Englich, Italienisch und Spanisch heißt Rumäninen "Romania" und seine Bewohner sind "Romanian people", "Roma" oder "Romanos". Direkt übersetzt bedeutet dies nicht anderes als "Rom Leute". Auch die Sprachen haben noch heute eine erstaunliche Ähnlichkeit. Rumänisch klingt nach unserem ersten Eindruck wie eine Mischung auf Italienisch, Bulgarisch und der Sprache der Sinti.

Fortsetzung folgt...

Spruch des Tages: Diese EU fördert auch wirklich alles

Höhenmeter: 260 m Tagesetappe: 23 km Gesamtstrecke: 15.703,27 km Wetter: erst sonnig, dann bewölkt Etappenziel: Zeltplatz unter einem Walnussbaum, kurz vor 9482 Surnets, Bulgarien

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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