Tag 96: Schlangenbändiger

von Franz Bujor
08.04.2014 08:26 Uhr

Noch 4 Tage bis zum 100tägigen Jubiläum unserer Weltreise!

In der Nacht erreichte Heikos Lunge ihren Höchststatus. Zeitweilig hustete er so stark, dass ich fast glaubte, er würde sie jeden Moment ausspucken. Es war vielleicht auch kein Wunder, denn die Pollen hatten nun ebenfalls ihr Rekordhoch erreicht. Die Birken verstäubten ihren Samen überall in der Luft und die Kiefern, Hasel und Fliedersträucher taten es ihnen gleich. Heute hatten wir zum Teil so dicke Staubschichten auf unseren Sachen, dass wir deren eigentliche Farbe kaum mehr erkennen konnten. Falls ihr jetzt denkt, ich übertreibe, dann schaut euch einmal das Bild mit den Pollen im Wasser an. Meine Brille war so sehr eingestaubt, dass ich die Pollen auf den Gläsern sehen konnte. Wenn wir das gleiche Zeug auch einatmeten, brauchte man sich nicht zu wundern, wenn die Lunge dabei rebellierte. Diese ungeheure Menge an Blütenstaub kam in dieser Gegend vor allem auch deswegen zustande, weil es hier kein natürliches Gleichgewicht unter den Pflanzen mehr gab. Der Mensch hatte alles fein säuberlich sortiert und war wie so oft seinem Hang zur Übertreibung nachgegangen. Wenn es irgendwo Kiefern gab, dann gab es davon nicht nur ein paar, sondern Kiefernwälder bis zum Horizont. Alle in einer Linie. Das gleiche war es mit den Birken, den Pappeln und jeder anderen Art von Pflanze, die irgendeinen Nutzen für ihn hatte.

„Ich glaube aber, das noch etwas anderes hinzukommt“, sagte Heiko, „Ich denke, dass wir gerade auch wieder in einen neuen Prozess eintauchen. Wir haben jetzt den Winter hinter uns gelassen und mit ihm auch die Phase des Loslassens. Nach dem Medizinrad ist der Winter ja die Zeit der inneren Einkehr, des Träumens und des Todes. Wir haben uns viel mit der Vergangenheit beschäftigt, haben herausgefunden, was wir nicht mehr wollen und haben vieles los gelassen. Der Frühling ist die Phase der Wiedergeburt, des Neuanfanges und des Wachstums. Ich denke, dass jetzt gerade die Zeit ist, in der wir und immer mehr mit der Natur aussöhnen. Und wird glaube ich immer mehr bewusst, dass es keine Tour ist, die wir hier machen, sondern wirklich unser Leben.“

„Oh, ja!“ sagte ich, „das stimmt! Am Anfang hat es sich wirklich nicht so angefühlt. Da war immer das Gefühl da, dass wir nur einen kurzen Spaziergang machen und dass es so ähnlich wird wie auf unserer Landstreichertour oder der Blindentour. Jetzt fühlt es sich ganz anders an. Langsam ist es von unseren Köpfen glaub ich wirklich bis ins Herz durchgedrungen, dass wir dabei sind, als Nomaden zu leben.“

„Ich denke,“ fuhr Heiko fort, „dass es jetzt wirklich immer stärker darum geht, wo wir eigentlich hinwollen und was wir in unserem Leben erschaffen wollen. Und das beschäftigt uns schon recht ordentlich.“

Einige Zeit später hatten wir unsere erste besondere Tierbegegnung an diesem Tag. Es war ein Wasservogel, der links vom Weg in einem kleinen Tümpel am Rande einer riesigen Pappelplantage saß. Wir hatten nicht den Hauch einer Ahnung, um was für einen Vogel es sich handelte, denn keiner von uns hatte je zuvor so einen gesehen.

Unsere zweite Tierbegegnung war wieder mit einer Schlange. Diesmal war es eine Zornnatter und zwar eine lebende. Diese Begegnung war noch deutlich intensiver, als die mit dem unbekannten Vogel. Denn die Schlange war mit ihren 1,30m Länge nicht nur äußerst beeindruckend, sie war auch ausgesprochen zutraulich. Sie ließ sich ohne murren fotografieren und nach einiger Zeit trauten wir uns immer dichter an sie heran.

„Meinst du, sie lässt sich streicheln?“ fragte Heiko, der langsam übermütig wurde.

„Keine Ahnung!“ gab ich zurück, „Wie sicher bist du dir, dass es eine Zornnatter ist und nicht doch irgendeine Giftschlange?“

„Absolut sicher! Ich hab schon viele von ihnen gesehen und auch schon viele Fotos gemacht! Sie haben zwar kleine Giftzähne aber die sind nur dafür da, um Kleintiere zu lähmen. Sie fressen ihre Beute lebend und Menschen können sie nicht beißen. Eine Gefahr geht nicht von ihr aus, es sei denn du hast Angst, dass sie dich in einem Stück verschlingt.“

Noch immer flößte mir die Schlange einen ordentlichen Respekt ein, aber meine Neugier war größer. Vorsichtig stupste ich ihr mit dem Finger gegen den Schwanz. Sie zuckte ein bisschen, machte aber keine Anstalten zu verschwinden oder uns anzugreifen.

Langsam wurden wir immer mutiger und schließlich trauten wir uns sogar, sie auf den Arm zu nehmen. Naja, zumindest in die Hand.

„Wichtig ist, dass man sie direkt hinter dem Kopf anfasst, damit sie einem nicht in die Finger beißen kann!“ unterrichtete mich Heiko in Schlangendressur.

„Moment mal, du hast doch gesagt, sie kann gar nicht beißen!“ protestierte ich.

„Schon, aber sicher ist sicher!“

Vorsichtig nahm ich sie mit einer Hand am Hals und mit der anderen am Bauch und Hob sie auf. Dann übergab ich sie an Heiko, und schließlich setzten wir sie wieder auf dem Boden ab. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, eine so große, wilde Schlange in der Hand zu halten, selbst wenn sie nur eine Natter war.

„Wir sollten auf jeden Fall einmal nachschauen, für was Nattern als Tierboten stehen“, meinte Heiko als wir weiter in Richtung Bougue gingen. „Klar, sie kommen hier häufig vor und es ist wahrscheinlich nicht ungewöhnlich eine zu treffen. Aber sie war jetzt bereits die 5. Natter, der wir begegnet sind und normal war diese Art der Begegnung nicht!“

Dem konnte ich nur zustimmen, wenngleich die Schlangen nicht die einzigen Tiere waren, die sich uns gegenüber in letzter Zeit außergewöhnlich verhielten. Angefangen hatte es mit den Kühen, Pferden und Eseln, die uns immer hinterhergeschaut hatten, wenn wir an ihren Weiden vorbeigegangen waren. Später ist uns das gleiche auch bei Schafen, Ziegen und anderen Weidentieren aufgefallen. Nach einiger Zeit schauten sie jedoch nicht nur, sondern standen auf und kamen zu uns herüber. Nicht nur vereinzelte, sondern alle. Und noch ein paar Tage später begannen sie damit, uns hinterherzulaufen, soweit sie es innerhalb ihrer Weidefläche konnten. Wenn wir stehen blieben, kamen sie zu uns, schnupperten und schleckten an uns. Sogar die Kühe taten dies, die normalerweise immer auf Abstand bedacht waren. Ziegen und Schafe waren vorsichtiger, kamen aber auch bereits bis auf wenige Meter an uns heran. Und nun begannen sogar die wilden Tiere damit, unsere Nähe zu suchen. Sogar Schlangen.

Als wir Bougue erreichten, dauerte es nicht lange, bis wir einen Schlafplatz hatten. Hier in der Region wurde mit Pilgern wieder vollkommen anders umgegangen als noch vor ein paar Tagen. Alle kleineren und größeren Ortschaften hatten Pilgerherbergen, in denen man umsonst oder gegen eine selbstgewählte Spende nächtigen konnte. Dazu musste man lediglich den Schlüssel abholen, der meist in einem Café oder im Rathaus hinterlegt wurde. Auf diese Weise profitierten beide, die Pilger und die Ortschaften. Die Pilger, weil sie hier willkommen geheißen wurden und die Dörfer, weil sie durch die Pilger zum ersten Mal einen Tourismus aufbauen konnten, der Menschen hier her brachte. Damit eröffnete sich ein völlig neues Feld, denn zuvor waren die kleinen Städtchen für Besucher von außerhalb nicht besonders interessant gewesen. Als wir uns gerade eingerichtet hatten, wurden wir sogar noch vom Bürgermeister höchst persönlich besucht. Er begrüßte uns in seiner Stadt, wünschte uns einen angenehmen Aufenthalt und brachte uns etwas zu Essen mit. Besser konnten wir es uns eigentlich nicht wünschen.

Nun hatten wir auch genügend Zeit, um unsere Aufzeichnungen nach der Botschaft der Natter durchzusehen. Was wir dort lasen, ließ uns beide mit offenen Mündern da sitzen.

In vielen Kulturen gelten Nattern als Schutztiere und boten der Heilung. Dies ist auch der Grund, warum sie bis heute als Symbol von Apothekern und Ärzten verwendet werden. Die Schlange, die sich um den Apothekerstab auf den meisten Eingangsschildern von Apotheken schlängelt ist eine Natter. In der Mythologie vieler Naturvölkern und alter Hochkulturen wie den Maya, den Aborigines, dem alten China und Indien, werden Schlangen außerdem als Schöpfer der Erde und des Lebens an sich angesehen. Sie gelten als die Hüter der Portale zu anderen Welten und werden tragen viel Magie, Weisheit und Heilung in sich. In einigen Kulturen, wie beispielsweise bei den Kelten waren sie außerdem Schutztiere, die besonders dann gern gesehen waren, wenn Kinder geboren wurden.

Wenn dir eine Natter auf außergewöhnliche Weise begegnet, dann hast du wahrscheinlich gerade einen neuen Weg eingeschlagen, der dich zu einer geistigen Öffnung und Entwicklung hinführt. Dieser neue Weg mag vielleicht zunächst noch sehr unscheinbar wirken und nach außen hin fast nicht wahrnehmbar sein. Vielleicht hast du eine anstrengende Zeit hinter dir, bei der du viel Schmerz und viele Verletzungen erfahren hast, von denen du jetzt merkst, dass du sie immer auch selbst zugelassen hast. Die Botschaft der Schlange lautet auch, dass wir sowohl für unseren Wandlungen und unser Wachstum, wie auch für unser Leid und unsere Rückschläge selbst verantwortlich sind. Schlangen häuten sich mehrmals in ihrem Leben. Dies ist ein natürlicher zugleich aber auch aktiver Prozess, bei dem die Schlange ihre alte Haut bewusst abstreift. Diese alte, verwelkte Haut löst sich, reißt auf und darunter kommen die Schlangen als verjüngtes aber gewachsenes Wesen neu zum Vorschein. Auch wenn es bei dir anders aussehen mag, machst du vielleicht gerade genau den gleichen Prozess durch. etwas altes, abgestorbenes, einengendes muss abgestiffen werden, damit Platz für etwas Neues entsteht. Dass ist ein schöner, wertvoller und wichtiger Prozess, der aber durchaus auch schmerzvoll sein kann. Denn durch deine geistige Öffnung werden aber auch deine Schattenseiten deutlicher. Es kann sein, dass alte Wunden aufreißen, um nun neu verheilen zu können. Es kann sein, dass du immer wieder von großer Trauer, von Wut, Angst, Panik oder Unruhe übermannt wirst, ohne dass du dir recht erklären kannst, woher sie kommt. Dein neuer, mutiger Schritt führt auch dazu, dass du sensibler für die Einflüsse deiner Umgebung, deiner Mitmenschen und der Umwelt wirst. Daraus erwächst große Kraft, aber es macht dich auch verwundbarer. Es kann sein, dass Dinge, die dir zuvor nichts aufgemacht haben, plötzlich extrem störend oder belastend für dich sind. Je mehr du wächst, desto stärker öffnen sich auch deine Sinne, sodass du alles schöne und angenehme auf der Welt viel intensiver wahrnehmen und spüren kannst. Aber du spürst natürlich auch alles unangenehme, belastende und krank machende deutlich intensiver. Dadurch wirst du gegenüber Stress, Lautstärke, Reizüberflutung, negativen Stimmungen und ähnlichem immer sensibler. Es ist also tatsächlich nicht so, dass dich nun plötzlich Dinge schädigen, die dich zuvor nicht geschädigt haben, sondern viel mehr, dass du ihre schädigende Wirkung nun wahrnehmen kannst. Wenn das so ist, erscheint dir die Schlange auch als ein Schutztier. Sie ist gekommen, um dir mit ihrer Kraft zu helfen und dich auf geistiger Ebene zu schützen. Sie fordert dich aber auch auf, gut auf dich selbst zu achten. Vermeide unnötige Konflikt- und Streitsituationen, sowie Orte und Tätigkeiten, die dich belasten oder die deine Sinne überfordern. Achte aber auch darauf, ob dich Situationen und Beziehungen unterschwällig belasten. Oft braucht es eine offene Konfrontation, damit dann im Anschluss eine echte Harmonie eintreten kann.

Darüber hinaus sind Schlangen, als Tiere, die sich wie fließend fortbewegen, auch Boten, die dir zeigen wollen, dass du dabei bist, zurück in den Lebensfluss zu finden. Es ist an der Zeit, in deine eigenen Fähigkeiten, aber auch in die Schöpfung und in das Leben selbst zu vertrauen. So wie die Natter dich gefunden hat, wirst auch du deinen Weg und all das finden, was du brauchst um auf deinem Lebensweg voranzukommen. Vertraue darauf, dass du geleitet und geführt wirst. Alles kommt zur rechten Zeit.

Wir schauten uns an und waren sprachlos. Besser hätte man unsere aktuelle Situation kaum beschreiben können.

Spruch des Tages: Vertraue auf die Führungskraft des Lebens

 

 

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 1969,97 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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