Wespenstich

von Heiko Gärtner
06.09.2016 04:52 Uhr

05.08.2016

Wie ich bereits erwartet hatte, wurde die Nacht für mich nicht besonders schlaf intensiv. Ich wälzte mich wie ein Aal und war auch nach kurzer Zeit etwa genauso glitschig, vor lauter Schweiß. Dann hatte ich wieder Kälte- oder Juckattacken und mehrere Male musste ich hinaus zum Pinkeln. Zum ersten Mal verstand ich Heiko, wenn er mir von derartigen Heilungsphasen berichtete. Klar hatte ich auch zuvor mitbekommen, dass es ihm in diesen Phasen schlecht ging, doch so richtig einfühlen konnte ich mich bislang nicht. Wenn etwas heilte, dann musste es doch positiv sein, auch wenn es sich vielleicht negativ anfühlte. Nun wurde mir klar, was für ein Vertrauen man in diesen Phasen brauchte, dass es sich wirklich um eine Heilung handelte. Wenn man das nicht hatte, musste man durchdrehen und in Panik geraten. Beim Frühstück wurde es dann wieder etwas besser, wenngleich mein Rücken und mein Bauch noch immer heftig juckten und brannten. Die Würstchen und der scharfe Senf, den wir bekamen, machten aber einiges wett. Auch heute gab es nach dem Frühstück noch ein kleines Fotoshooting, bevor wir aufbrachen. Wir kamen kaum einen Kilometer weit, da endete unser Weg in einer Schlammwüste, wie wir sie das letzte Mal in Bulgarien erlebt hatten. Gute fünf Kilometer mussten wir uns durch den Schlamm wühlen, bis wir wieder auf trockenen Boden kamen. Danach sahen wir wieder einmal aus wie die Säue, was in diesem Land natürlich überhaupt nicht praktisch war. Wenn ich ehrlich zu mir war, dann wäre dieses Schlammdesaster anhand der Googlekarten absehbar gewesen. Trotzdem hatte ich es nicht bemerkt und uns hinein gelotst, weshalb es schon wieder eine Sanktion dafür geben musste. Ganz allmählich wurde mir bewusst, dass ich mit dem Glaubenssatz: "Alles was ich mache ist falsch" tatsächlich nicht verkehrt lag. Die Sanktionen reichten für mich noch immer nicht aus, um wirklich etwas ändern zu können, doch sie reichten um mich selbst einmal genau zu betrachten und zu erkennen, was ich alles Tag für Tag verpatzte.

Direkt nach der Schlammschlacht kamen wir in eine kleine Ortschaft, in der sich Heiko an einem der öffentlichen Wasserhähne ein wenig von dem Schmutz befreien wollte. Dabei hatte er jedoch einen recht unsanften Kontakt mit einer Wespe. Sie kam auf ihn zu und ehe er auch nur wusste, wie ihm geschah, stach sie ihm direkt über dem rechten Auge ins Gesicht. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihn. Kaum hatte die Wespe ihren Stachel aus der Haut gezogen, kam sie erneut und stacht gleich noch ein zweites Mal an die gleiche stelle. Und als wäre dies nicht genug, flog sie um Heiko herum und stach ein drittes Mal zu, dieses Mal in den Rücken, etwas unterhalb des rechten Schulterblattes. Es war ein vollkommen untypisches Verhalten für eine Wespe und sicher geschah es nicht ohne Grund. Zunächst war Heikos Auge nur leicht gerötet und schmerzte wie nach einem Boxkampf. Im Laufe des Tages wurde es dann aber immer dicker und gegen Abend war es fast vollständig zu gequollen.

Bevor wir unsere Zielstation erreichen konnten, mussten wir mit einer Fähre einen Fluss überqueren. Eigentlich hätte der Transport einige ungarische Forint gekostet, doch als der Fährmann von unserem Projekt hörte, schenkte er uns stattdessen sogar noch eine Cola. Der Fluss war nicht besonders breit und an sich war die Überquerung auch nicht besonders spektakulär, doch die Technik mit der sich das Schiff auf die andere Seite bewegte, faszinierte uns zu tiefst. Die Fähre war mit zwei dicken Stahlseilen an einem dritten Seil befestigt, das einmal komplett über den Fluss gespannt war. Als wir ablegten, stellte der Kapitän das vordere Seil mit Hilfe einer Kurbel so ein, dass es deutlich kürzer war, als das hintere. Dann gab er dem Schiff mit einem langen Holzstecken einen Stoß, damit es sich vom Ufer löste. Das war alles an Arbeit und Energie, was er in die Fahrt stecken musste. Den Rest übernahm der Fluss. Durch die Schrägstellung des Bootes, wurde die Strömung nun nach hinten geleitet und schob das Schiff ganz von selber an. Dies reichte aus, um bis auf die andere Seite hinüber zu gelangen. Wenn er nun zurückfahren wollte, musste er nur das eine Seil verlängern und das andere verkürzen, und die Strömung trieb das Schiff wieder in die Gegenrichtung. Unser letzter Gastgeber hatte bereits in der Früh versucht, den hiesigen Pfarrer anzurufen und von uns zu erzählen. Leider hatte dies nicht funktioniert, und so mussten wir ihn erst eine Weile überreden, bis wir einen Platz im Jugendraum der Gemeinde bekamen. Dann taute er jedoch wieder auf und versorgte uns auch noch mit Essen, Trinken und einem frisch geputzten Bad. Am Abend testeten wir noch einmal mein Sanktionskonto aus. Es hatte sich schon wieder auf 17 Minuten Brennesseltherapie und 39 Weidenrutenhiebe aufgebaut. Dieses Mal waren es an sich keine groben Verstöße gewesen, sondern nur die vielen Kleinigkeiten, die über den Tag verteilt zusammenkamen. Das Problem war, dass mich die Heilungsphasen, die durch die Brennnessel Behandlungen entstanden noch unaufmerksamer werden ließen, als ich es ohnehin schon war. Und genau hierin bestand meine Aufgabe: Trotz der Schwäche, den Schmerzen und dem Jucken aufmerksam, konzentriert und effektiv zu bleiben. Eine Aufgabe, die mir unlösbar erschien und mich schon wieder in die Verzweiflung trieb. So viele Jahre meines Lebens hatte ich meine Gefühle fast vollständig verdrängt. Nun kamen sie mit voller Wucht an die Oberfläche und schwankten wie ein Tretboot auf dem Atlantik. Es fühlte sich nicht immer gut an, aber es war ein gutes Gefühl, dass sie da waren.

Spruch des Tages: So einfach kann man eine Fähre bauen!

Höhenmeter: 480 m Tagesetappe: 36 km Gesamtstrecke: 17.346,27 km Wetter: sonnig und heiß Etappenziel: kleines Motel an der Hauptstraße, 10 km vor Stulany, Slowakei

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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