Tag 994: Hungrig bei vollen Läden

von Heiko Gärtner
20.09.2016 21:02 Uhr

08.09.2016

"Ich muss dich schon wieder rügen!" meinte Heiko, als ich von der Rezeption zurück in unsere kleine Baracke kam, wo ich den Nachmittag über das Internet genutzt hatte. Einen Moment lang konnte ich mir nicht vorstellen, was mir jetzt wieder passiert sein sollte, doch dann wurde es mir klar. Ich hatte den ganzen Nachmittag unseren Rucksack mit allen Wertsachen und der Kameraausrüstung draußen vor der Tür stehen lassen und das auf einem Gelände mit gut 60 Jugendlichen, die sich langweilten. Schlau war das wirklich nicht gewesen und es ärgerte mich, dass ich schon wieder nicht darauf geachtet hatte. Noch immer war meine Aufmerksamkeit auf einem Tiefpunkt und ich schaffte es einfach nicht, meine Präsenz zu erhöhen. Es dauerte noch ein paar Tage, bis ich den Grund dafür herausfinden sollte.

Unsere kleine Holzhütte hatte ihre gewissen Tücken. Eine davon war ein zentimeterdicker Spalt unter der Tür, der sich bei den heimischen Mücken einiger Beliebtheit erfreute, die mit ihrem Schlabberlätzchen um den Halz in unsere Hütte stürmten. Heiko versuchte das Problem zu lösen, indem er eine Decke davor legte, aber der Erfolg hielt sich in Grenzen. So waren wir relativ stark zerstlochen, als wir am nächsten Morgen in den Tag starteten. Die Sonne hatte den Regen wieder verdrängt und es wurde einer der heißesten Tage des Jahres. Ein kleines Stück mussten wir entlang der Straße laufen. Dann kamen wir in einen Ort, in dem uns eine Schmale Gasse bis weit auf einen Berg hinauf führte. Laut Googlemaps sollte es hier eine Straße geben, die am Berghang entlang bis in die nächste Stadt führte, doch wie sich herausstellte, waren wir zunächst einmal von Privatgärten eingekeilt. Die Straßen, die es hier geben sollte gab es tatsächlich, aber die Anwohner hatten sie alle mit Zäunen versperrt, weil sie über ihre Grundstücke liefen. In einem der Grundstücke trafen wir zwei Männer, die wir baten, ihren Garten durchqueren zu dürfen. Doch obwohl sie unsere verschwitzten Gesichter sahen, blieben sie kalt und sagten, dass wir noch einmal ganz den Berg hinunter und dann die Parallelstraße wieder hinauf müssten. Erst der vierte Anwohner, der ganz das letze Haus oben am Berg hatte, ließ uns durch seinen Garten hindurch und zeigte uns den Weg den wir einschlagen mussten. es war wie immer in diesem Land. Auf 10 Menschen, die einen sterben ließen, kam ein hilfreicher. Langsam ergab sich also ein System.

Die Stadt in die wir kurz darauf erreichten machte auf uns einen seltsamen und abstrackten Eindruck, den ich nicht weiter beschreiben kann. Sie war nicht hässlich, nicht laut und auch nicht unangenehm, nur irgendwie abstrakt. Man hatte in dem ganzen Land immer wieder das Gefühl, dass man ein Ausgestoßener war. Man kam nicht hinein, wurde nicht warm mit den Menschen und der Kultur. In Moldawien und Rumänien hatten wir fast keinen Kontakt zu den Einheimischen und schliefen so gut wie jede Nacht im Zelt. Und trotzdem fühlten wir uns dort mehr willkommen und besser aufgenommen als hier in diesem Land, das wirkte als wäre es Deutschland und das doch so vollkommen anders war.

Am fiesesten war jedoch die Essenssituation. Von Bulgarien bis zur Ukraine hatten wir uns fast ausschließlich von Eis, Brot, Plastikwurst, Gurken und Tomaten ernährt, einfach weil es dort nichts anderes gab. Natürlich wünschten wir uns die heimischen oder auch exotische Spezialitäten immer wieder herbei, doch es war klar, dass es das gab, was es gab und somit war es auch in Ordnung. Hier jedoch gab es theoretisch alles. Es gab Pizzerien, Asia-Restaurants, Schlachtereien, Bäckereien, die weitaus mehr boten, als eingetütetes Schlabberbrot, Dönerstände und Supermärkte. Doch niemand wollte uns etwas geben. nicht einmal bei den Bäckereien waren wir besonders erfoglreich. Ja, nicht einmal mit dem Versuch, Wasser aufzutreiben waren wir besonders erfoglreich. Die Menschen beeindruckte einfach nichts, egal was man ihnen auch berichtete. Keine Geschichte über 18.000km, keine Informationen über die Unterstützung von sozialen Projekten, keine lustigen Anekdoten. Nichts. Es gab ein müdes Kopfnicken und dann eine Absage. Immer und immer wieder. Das war natürlich in Ordnung, niemand war ja verpflichtet, uns auch nur irgendetwas zu geben, aber all die leckeren Lebensmittel sehen und riechen zu können, aber nicht an sie heranzukommen, war schon irgendwie hart. Ein Pizzabudenbesitzer brachte die Gebefreundlichkeit der Tschechen so sehr auf die Spitze, dass es fast schon wie eine Parodie wirkte. Auf meine Frage, ob er uns etwas zum Essen geben könne, wählte er aus dem vollen Lager seines Restaurants zwei alte, trockene Brötchen aus, die er mir in die Hand drückte und fühlte sich dabei wie der heilige Samariter. Wie gesagt, niemand muss etwas geben und doch machte es ein komisches Gefühl, die wie hier mit Scheinfreundlichkeit umgegangen wurde. Dennoch muss man sagen, dass es uns irgendwie gelang, trotzdem durchzukommen, ohne zu hungern. Hier in der Stadt reichte unsere Beute am Ende doch noch für ein kleines Picknick. Kein Laden unterstützte uns, aber dafür eine junge Frau, die sich erst als Dolmetscher angeboten hatte und die die Absage der Verkäuferin auf gewisse Weise persönlich nahm. Wieder war es das altbewehrte Prinzip. Man musste nur einen einzigen netten und hilfreichen Menschen finden und schon kam man weiter, selbst wenn einem alle anderen die kalte Schulter zeigten.

Was uns jedoch trotz allem am meisten störte, war die viele Zeit, die dieses Land kostete, ohne dass man voran kam. Die Essenssuche dauerte eine Ewigkeit, war aber immerhin mit Erfolg gekrönt. Bei der Schlafplatzsuche war es anders. Hier verbrachte ich Stunden damit, in Ortschaften herumzulaufen ohne am Ende auch nur zu einer Person zu kommen, die uns überhaupt hätte helfen können. Pfarrer waren so gut wie nie auffindbar, die Rathäuser hatten meist geschlossen oder schickten einen in den nächsten Ort und alle anderen redeten ohne Unterlass auf Tschechisch, ohne dass am Ende auch nur eine hilfreiche Information dabei herum kam. Irgendwo wollten sie teilweise schon helfen, doch im Endeffekt passierte nichts, außer dass die Zeit verstrich. Und Zeit war ohnehin schon mein Thema. Ich wollte es in diesem Moment natürlich nicht wahrhaben und schob die ganze Schuld den Menschen zu. Doch wenn ich ehrlich war, spiegelten sie mir nur deutlich das wieder, was ich auch selbst den ganzen Tag tat: Zeit verdaddeln, weil der fokus fehlte und man nicht konsequent und zielorientiert war. Am deutlichsten zeigte dies der Besitzer einer kleinen Pension. Erst ließ er mir durch seine Mitarbeiterin ausrichten, dass ich zehn Minuten warten solle, bis er überhaupt Zeit hätte, um mit mir zu reden. Dann ließ er mich noch einmal warten, hörte sich schließlich meine Bitte an, las unseren kompletten Präsentationsordner und meinte schließlich: "Das ist je gute Sache, was ihr da macht! Aber hier wird gezahlt!" Es war genau die Antwort gewesen, die er gleich von Beginn an schon ausformuliert und vorbereitet hatte, gleich in dem Moment, in dem ihm seine Mitarbeiterin eine kurze Zusammenfassung gegeben hatte. Er hätte uns also keine einzige Minute warten lassen müssen, denn seine Entscheidung hatte längst festgestanden. Er hatte uns also ganz bewusst warten lassen nur um uns zu foppen. Und wenn ich ehrlich bin, hatte ich dies bereits von Anfang an gespürt. Ich vertraute diesem Gefühl nur nicht und sah bis zum Schluss eine Chance, dass es klappen könnte. Und genau dies sollte ich aus der Situation lernen. Spüre deine Intuition und vertraue ihr. Warum nur fiel mir das noch immer so schwer?

In den folgenden Orten versuchten wir es wieder und wieder, doch es brachte nichts. Schließlich gaben wir es auf und suchten uns einen Zeltplatz auf einem Feld, direkt hinter dem größten Scheißhaufen, den ich je gesehen hatte. Das mag nicht klingen, als wäre es ein besonders guter Schlafplatz gewesen und das war er auch nicht. Aber er war der beste, den wir hatten finden können. Nach dem Zeltaufbau machten wir uns daran, die Bremsen unserer Wagen zu kontrollieren und zu reparieren. Meine hatten bereits vor Kilometern den Geist aufgegeben und ich hatte wieder einmal einen großen Teil des Plastiks abgerieben, ohne es zu merken. Bis alles einigermaßen passte, war es bereits dunkel.

Spruch des Tages: So nah an Deutschland und doch so weit weg!

Höhenmeter: 290 m Tagesetappe: 18 km Gesamtstrecke: 18.140,27 km Wetter: Bewölkt, windig, hin und wieder sonnig Etappenziel: Gasthof zum grünen Jäger, 2123 Unterolberndorf, Österreich

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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