Der Nachtfalter

 „Hast du eigentlich den Nachtfalter bemerkt?“ hatte Heiko am Abend gefragt, als wir unser Essen vorbereitet hatten.

„Nein!“ sagte ich, „was war mit ihm!“

„Er kam gestern, als wir uns von Paulina getrennt haben und hat uns den ganzen Weg begleitet, bis wir unser Zelt aufgebaut haben. Dann, heute Morgen, war er wieder da und auch heute ist er immer neben mir hergeflogen. Den ganzen Weg, bis hier her! Und jetzt sitzt er dort auf meinem Wagen!“

Ich hatte hinüber geschaut und wirklich einen kleinen unscheinbaren Nachtfalter erblickt. „Meinst du, er möchte uns vielleicht etwas sagen?“

Später hatten wir dann einmal die Botschaft des Nachtfalters nachgeschlagen und sind dabei auf folgende Informationen gestoßen:

„Der Nachtfalter weißt dich auf dunkle, schattige Energien hin, die dein derzeitiges Wohlbefinden aber auch deine geistige, psychische uns physische Entwicklung beeinträchtigen. Dabei handelt es sich nicht um eine bösartige, dunkle Macht, sondern eher um eine Art energetischen Müll, der möglicherweise durch die energetische Arbeit mit dir selbst oder mit anderen Menschen entstanden ist. Du kannst es dir ein bisschen so Vorstellen, als wäre dein Energiehaushalt eine Schreinerwerkstatt, in der du fleißig gearbeitet aber nie sauber gemacht hast. Der viele Staub und die Sägespäne behindern nun den reibungslosen Ablauf deiner Arbeit und stören dein Vorankommen. Vielleicht ist dir selbst aufgefallen, dass du in letzter Zeit mit dem was du erreichen willst, nicht wirklich vorankommst. Vielleicht hast du das Gefühl, irgendwie zu stagnieren und nicht richtig voranzukommen, so als würdest du immer wieder auf der Stelle treten oder im Kreis laufen. Dies liegt daran, dass der energetische Ballast, den du entweder aus deiner eigenen Vergangenheit mit dir herumträgst, oder den du als eine Art Mülldeponie von anderen auf dich geladen hast, wie Sand in deinem Getriebe funktioniert und dich innerlich lahm legt.

Wahrscheinlich stehst du gerade kurz vor einer großen, seelischen und geistigen Wandlung und das möglicherweise schon seit langer Zeit, ohne damit wirklich weiter zu kommen. Der Nachtfalter weist dich darauf hin, dass es an der Zeit ist, dein Energiefeld einmal gründlich zu reinigen und die dunklen, schweren Energien aus deiner Aura, deinen Chakren und deinem ganzen Energiekörper zu entfernen. Wenn du den dunklen Ballast aus deinen energetischen Körper entfernt hast, wirst du die Wandlung und die Weiterentwicklung spüren, die sich bereits seit langem in dir angebahnt hat. Dann stehen dir wieder all deine Sinne und all deine Kräfte in vollem Umfang zur Verfügung.“

Das war mal eine Ansage. Und der Nachtfalter hatte vollkommen Recht. Seit Paulina da war hatten wir auf so vielen Ebenen gearbeitet, hatten Schritte für sie angeleitet, ihre Vergangenheit bearbeitet, ihre Blockaden und Glaubensmuster angesehen und teilweise aufgelöst und waren so in eine Art Dauertherapie geraten. Gleichzeitig waren ihre Themen immer auch unsere eigenen Themen und so befassten wir uns nun seit einem Monat stärker mit uns selbst als wir es zuvor getan hatten. Dass da einiges an Ballast liegen bleiben musste war absolut logisch. Wie man so schön sagt, wo gehobelt wird, das fallen Späne. Und so, wie wir schon lange nicht mehr dazu gekommen waren uns körperlich zu reinigen, hatten wir auch schon lange keine geistige, seelische und energetische Hygiene mehr betrieben. Daher begannen wir den heutigen Tag mit einer Meditation zur Chakrenreinigung.

Anschließend brachen wir auf und wanderten weiter durch das Tal nach Pribojska Banja.

„Eine Sache ist wirklich seltsam!“ sagte ich auf dem Weg durch ein kleines, uriges Waldgebiet. „Wir werden doch ständig davor gewarnt, dass hier überall in den Wäldern Bären und Wölfe leben, die manchmal sogar in die Orte kommen und wenn wir irgendwo zelten, dann werden wir sofort gefressen und so weiter.“

„Ja!“ sagte Heiko, „diese Panikmache ist echt großartig, aber worauf willst du hinaus?“

„Ich meine“, begann ich, „bei uns heißt es doch immer, dass man die Wölfe und Bären ausgerottet hat, weil sie den Bauern und Schäfern das Vieh wegfressen, so dass ein Zusammenleben mit zivilisierten Menschen und Raubtieren einfach nicht möglich ist. Aber das ist doch Blödsinn! Ich habe noch nie zuvor so viele freilaufende Ziegen, Schafe, Kühe, Hühner, Gänse und Schweine gesehen wie hier und selbst wenn sie eingezäunt sind, besteht der Zaun meist aus nicht mehr als einem kleinen, kniehohen Draht. Trotzdem haben wir noch kein einziges Mal gehört, dass ein Tier gerissen wurde. Es passiert einfach nicht, obwohl die Räuber jede Chance dazu hätten. Aber sie wissen, dass es sicherer für sie ist, wenn sie im Wald jagen gehen. Warum also sollte dieses System nicht auch bei uns funktionieren? Klar sind hier mehr Waldflächen, aber auch in Deutschland gibt es einige wirklich große Wälder in denen ohne Probleme Bären, Wölfe und Vielfraße leben könnten. Wir haben nur einfach viel zu viel Angst und ballern deswegen auf jeden, der sich dort blicken lässt. Wie Bruno zum Beispiel.“

Kurz darauf erreichten wir Pribojska Banja. Von unserer Seite aus gelangte man über einen Bergpass in die Kleinstadt, von dem aus man einen wunderschönen Blick über das Tal und den sich darin befindlichen Stausee hatte. Das Wort Banja im Ortsnamen kam tatsächlich von Bad, denn es gab hier einige Thermalquellen und auch ein kleines Schwimmbad, direkt neben einem Kloster. Zum ersten Mal in seinem Leben konnte sich Heiko zunächst nicht darüber freuen, dass es hier heiße Quellen gab. Nach dem anstrengenden Aufstieg über den Bergkamm in der brütenden Hitze freute er sich bereits riesig darauf, sein pinkelwarmes Wasser gegen eine kalte Erfrischung tauschen zu könne. Ihr könnt euch sicher sein Gesicht vorstellen, als er merkte, dass die Quelle Wasser ausspuckte, das sogar noch wärmer war als das, was er gerade ausgegossen hatte. Dafür eignete sich die Quelle dann aber hervorragend zum Haarewaschen, was übrigens nicht nur wir so sahen sondern gleich eine ganze Schlange an Männern und Frauen, die sich halbnackt auszogen und sämtliche Körperteile unter den warmen Wasserstrahl hielten. Irgendwie paradox, wenn man bedenkt, dass nur 10 Meter weiter überall Schilder herumhingen, die es einem verbaten, auch nur mit unverdeckten Knien oder Schultern herumzulaufen.

Eigentlich hatten wir gedacht, dass wir vielleicht wieder einmal im Kloster übernachten könnten, doch diesen Gefallen taten uns die Schwestern nicht. Auf unsere Frage nach einem Schlafplatz wies uns die Nonne lediglich daraufhin, dass auch das Zelten auf dem Klostergelände verboten war. Gastfreundschaft schrieb man hier wohl nicht allzu groß, aber das war auch nicht weiter verwunderlich, denn die komplette Klosteranlage mitsamt der Quellen war eine reine Touristenattraktion. So war das Zelten auf dem Klostergelände zwar verboten, das Aufstellen von Imbissbuden jedoch nicht.

Wie so häufig an Orten, die rein für den Massentourismus ausgelegt sind, fühlten wir uns auch hier nicht besonders wohl und schauten, dass wir so bald wie möglich weiter kamen.

Am unteren Ende der Stadt erwartete uns wieder eine Hauptstraße, weshalb wir beschlossen, uns einen Schlafplatz etwas außerhalb aber auf halber Höhe zu suchen. Schließlich entschieden wir uns für eine kleine Wiese neben einem Friedhof, auf dem es sogar einige Bänke und Tische unter einer Überdachung gab. Ein idealer Ort also, um sich ein Kurzzeitbüro einzurichten. Das einzige Problem war der Strom, denn heute war es bereits zum dritten Mal in Folge fast vollständig bewölkt. Eine schwierige Kiste, wenn man auf Solarenergie angewiesen ist. Während ich so dasaß und an meinem Tagesbericht arbeitete, fiel mein Blick auf einen der Grabsteine. Ich konnte nicht genau sagen, was es war, aber irgendetwas störte mich daran. Irgendetwas war komisch. Der Grabstein war schwarz und enthielt die Inschriften sowie die Fotos von drei Menschen, bei denen es sich augenscheinlich um Vater, Mutter und Sohn handelte. Bis dahin schien alles in Ordnung zu sein. Was mich irritierte waren die Jahreszahlen. Unter dem Bild des Sohnes stand sein genaues Geburts- und Sterbedatum, unter seinen Eltern jedoch stand jeweils nur das Geburtsdatum und dann die Zahl 20. Was sollte das bedeuten?

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Die Eltern waren noch überhaupt nicht tot! Es war eine Art Vorbeerdigung, weil man auf diese Weise Geld sparen konnte. Der Sohn war verstorben und deshalb musste der Familiengrabstein eh erstellt werden. Es war also günstiger, alles in einem Abwasch machen zu lassen und dann nur noch die genauen Sterbedaten hinzuzufügen, als mit der Widmung zu warten, bis die anderen wirklich verstorben waren. Zugegeben, das mochte wirklich praktischer sein, aber ist es nicht eine ziemlich makabrere Art um Geld zu sparen? Ich jedenfalls würde als Vater eines verstorbenen Sohnes nicht jedes Mal mein eigenes Foto und den Schriftzug „Tobias Krüger, 25.07.1985 - 20               Möge er in Frieden ruhen!“ auf dem Grabstein lesen. Da fühlt man sich doch selbst auch schon halb tot! Außerdem lege ich mich damit ja bereits auf das Jahrhundert fest und wer sagt denn überhaupt, dass ich nicht älter als 125 Jahre werde?

Am späten Nachmittag machte ich mich dann noch einmal auf die Essenssuche. Zunächst geriet ich dabei an einen jungen Mann, der zusammen mit seiner Familie weitgehend autark hier draußen lebte. Er hatte Beete von der Größe eines halben Fußballfeldes auf denen er unterschiedlichste Gemüsesorten anpflanzte. Jedenfalls dachte ich, dass er es war, der sich um die Nahrung aus dem eigenen Garten kümmerte, doch das erwies sich sehr bald als Irrtum. Er ging mit mir hinaus und ließ mich alles mögliche aussuchen, gab dabei jedoch zu, dass er bei den meisten Sachen selbst keine Ahnung hatte, worum es sich dabei eigentlich handelte. Er verbot mit sogar, eine große Cucchini mitzunehmen, nicht weil er sie mir nicht schenken wollte, sondern weil er unsicher war, ob man sie schon essen konnte. Er hatte Angst, dass seine Frau ihn deswegen rügen würde, nicht im Sinne von: „Wie kannst du unsere Cucchini einfach einem Fremden schenken?“ sondern „Wie kannst du dem Mann eine unreife Cuchini mitgeben? Die hätte doch noch drei Wochen gebraucht!“ Stattdessen gab er mir eine Art Kürbis, bei dem er mich aber darauf hinwies, dass er eigentlich für die Schweine angebaut wurde.

Beim Essen gingen uns noch einige Gedanken durch den Kopf. Zum einen waren da Paulinas Bedenken und auch die vieler anderer, ob es wirklich eine gute Idee war, private und persönliche Themen in einem Internetblog zu schreiben, wo sie jeder lesen konnte. Ging unsere Offenheit in diesem Bereich vielleicht wirklich manchmal ein bisschen zu weit?

Auf der anderen Seite war ein solcher Blog jedoch ein ideales Übungsmedium, wenn es darum ging, die Masken fallen zu lassen und wirklich ehrlich zu werden. Auf eine gewisse Art hatten wir Menschen schon eine sonderbare Doppelmoral. Auf der einen Seite haben wir nichts dagegen, dass man uns permanent überwacht, dass es an fast jeder Straßenecke eine Überwachungskamera gibt, dass man mit unseren Kreditkartentransaktionen, unserem Onlineshopping und Onlinebanking, unserem Mailverkehr und so weiter, einen digitalen Fingerabdruck zeichnete, mit dem wir für jeden, der es wollte absolut durchschaubar und manipulierbar wurden. Es stört uns nicht, dass wir immer mehr zu gläsernen Bürgern werden und das nicht einmal mehr unser Sexualleben eine Privatsache ist. Im Gegenteil! Auf Facebook stellen wir gerne und bereitwillig alles ein, was wir über uns selbst wissen. Sogar unsere politische Gesinnung und unsere sexuellen Vorlieben. Der CIA-Vizepräsident Christopher Sartinsky sagte einmal in einem Interview: “Nach Jahren der geheimen Überwachung der Öffentlichkeit sind wir erstaunt, dass so viele Menschen willens sind zu offenbaren wo sie wohnen, was ihre religiösen oder politischen Ansichten sind, dass sie alphabetische Listen ihrer Familie und Freunde anlegen, deren E-Mail-Adressen und Telefonnummern auflisten, sowie hunderte Fotos von sich selbst dort einstellen würden, nebst Statusmeldungen darüber, was sie in jedem Moment machen. Für die CIA ist das ein Traum, der wahr geworden ist.”

Solange all diese Dinge unüberlegt und unbewusst geschehen, finden wir sie ok, doch wenn wir uns bewusst dazu entscheiden, wir selbst zu sein und öffentlich zu uns zu stehen, dann kommt sofort die Frage auf, ob das nicht zu intim, zu privat, zu persönlich ist. Warum haben wir so eine Angst davor, offen zu sagen, was wir denken, meinen und fühlen? Es ist für uns OK, wenn die CIA all diese Dinge über uns weiß, aber unsere Eltern, Freunde und Kollegen dürfen es nicht wissen. Wie kommt das?

Einer der beliebtesten Sprüche um den Überwachungsstaat zu rechtfertigen lautet: „Wer keine Geheimnisse hat und nichts illegales tut, hat ja auch nichts zu verbergen und folglich nichts zu befürchten.“ Wie aber kommt es dann, dass wir nicht einmal unseren besten Freunden gegenüber ehrlich sein können? Wieso haben wir das Gefühl, dass wir etwas verbergen müssen, selbst dann wenn es überhaupt nicht illegal und nicht einmal in irgendeiner weise verwerflich ist? Wenn es im Gegenteil nichts geringeres ist, als unser eigenes, wahres Selbst? Wieso sind wir zu einer Gesellschaft aus Schauspielern geworden, in der jeder versucht, jedem etwas vor zu machen, vor allem aber sich selbst?

Fortsetzung folgt ...

Spruch des Tages: Wer keine Geheimnisse hat, hat auch nichts zu befürchten

Höhenmeter: 40 m

Tagesetappe: 17 km

Gesamtstrecke: 11.423,27 km

Wetter: teils sonnig, teils bewölkt

Etappenziel: Zeltplatz auf einem Feld, kurz vor Mollaj, Albanien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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