Tag 936: Tierquälerei

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Tag 936: Tierquälerei

Tag 936: Tierquälerei

30.06.2016

Es ist schon erstaunlich, was alles zur kompletten Normalität werden kann, wenn man es täglich sieht. Als wir im letzten Jahr Albanien erreichten, waren wir fasziniert von den vielen Pferdekutschen und Eselkarren, die uns ständig begegneten. Nun war es bereits so normal geworden, dass man auf der Straße mehr Kutschen als Autos sah, dass wir uns nicht einmal mehr Gedanken darüber machten. Auch die endlosen Felder nahmen wir kaum mehr wahr. Auffällig war nur noch, dass die Dörfer selbst hier bedeutend gepflegter waren als im Balkan. Dort schienen die Menschen vor allem praktisch veranlagt zu sein. Sie taten stets nur das, was nötig war und was ihnen wirklich etwas brachte. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Blumen in seinen Garten zu pflanzen, wenn man sie nicht essen konnte. Hier war das genaue Gegenteil der Fall. Die Menschen achteten auf die Ästhetik, verzierten ihre Häuser, strichen die Zäune und pflanzten ihre Gärten so schön sie nur konnten. Dafür hatten sie kein Gefühl für das Praktische und erschufen sich so selbst eine Armut die einfach nicht nötig war. Allein, dass so gut wie niemand Obstbäume besaß und dass das Obst, das es in diesem Land gab, weder gewässert noch geerntet wurde. Es verdorrte am Baum und viel ungenutzt herab, während jeder trauerte, dass es nur ein so kleines Angebot gab.

Auch heute war unser Idealplatz wieder einmal alles andere als ideal. Wir zelteten zwischen der Hauptstraße und einem Bahngleis für Güterzüge. Vor einem Jahr wäre so ein Platz absolut undenkbar gewesen, heute war es der beste Platz, den es überhaupt gab.
An diesem Nachmittag kam Heiko zum ersten Mal auf den Gedanken, dass vielleicht doch ein Tattoo zu mir gehören könnte. Ohne zu wissen, worum es ging testeten wir es aus und meine Muskeln sagten ganz bestimmt und eindeutig „Ja!“ dazu. Es ging nicht einfach um ein Tattoo, sondern darum, meiner Heilerkraft eine Präsenz zu verleihen und mir selbst ein Zeichen zu geben, dass ich nicht mehr verstecken konnte, so dass mich mein Verstandesgegner nicht länger austricksen konnte. Ich schluckte, an diesen Gedanken musste ich mich erst einmal gewöhnen.

01.07.2016

Heute ist unser Bergfest! Wir sind nun genau zweieinhalb Jahre unterwegs und haben somit auch genau zweieinhalb Jahre unserer ersten Etappe vor uns! Dann werden wir nach Amerika übersetzten und den nächsten Kontinent bewandern. Doch zunächst kommen mit Großbritannien, den Benelux-Ländern und Skandinavien noch wichtige und schöne Teile von Europa dran, auf die wir uns schon seit langem freuen.
Auf dem Weg zu unserem Zielort trafen wir heute ein Pärchen, das nach Deutschland oder genauer Gesagt nach Wiesbaden ausgewandert ist. Er betreibt dort eine Baufirma, bei der sie in der Buchhaltung etwas aushilft. So wie er es erzählte, liegt die Betonung dabei aber wohl auf „etwas“. Spannend war, dass die beiden zwei vollkommen unterschiedliche Wahrnehmungen von Deutschland und Moldawien hatten. Offiziell waren sie sich einig, dass Deutschland auf Dauer nichts für sie war und dass sie früher oder später hier her zurückkehren wollten. Doch es war deutlich, dass er dieser Ansicht war, weil es von ihm verlangt wurde. Deutschland war nicht perfekt, keineswegs und unsere stressige, arbeitswütige Mentalität ging ihm häufig auf die Nerven, doch es bot auch unglaublich viele Vorteile und er genoss die Zuverlässigkeit und die Grundfreundlichkeit, die die Menschen hatten. Seine Beschreibung von Moldawien begann er zwar mit den Worten, „Hier ist es schöner“, aber dann ließ er kein gutes Haar mehr an seiner Heimat. Die Menschen wären zu oft betrunken und insgesamt zu frustriert und daher unfreundlich. Das Land war durch die Felder komplett verstört worden und seit dem Verfall der UdSSR ging es immer weiter den Bach hinunter. Außer den familiären Verpflichtungen gab es nichts, das ihn hier hielt. Sie hingegen schwärmte davon, dass hier jeder alles selbst anbaute und erzählte uns von einem Moldawien, das wir selbst noch nirgendwo hatten sehen können. Man spürte deutlich, dass es ihr darum ging, mit ihren Freundinnen zusammenzusitzen und hier ein entspanntes Luxusleben mit dem Geld aus Deutschland führen zu können. Wenn sie nun hier in ihrem Heimatdorf eine Familie gründete, dann war sie der Star. In Deutschland hingegen war sie nur eine Ausländerin die im Büro ihres Mannes einige Aushilfsjobs erledigte. Als wir von unserer Reise erzählten, war er sofort hellauf begeistert und wäre am liebsten gleich mitgekommen. Die Idee eines freien Lebens ließ sein. Herz höher schlagen. Ihr hingegen machte es Angst und sie blockte den Gedanken sofort und vehement ab. Wandern war nichts für sie, ebenso wenig wie alles andere, das eine Anstrengung bedeutete. In seinen Augen konnte man deutlich sehen, wie sie dadurch für ihn an Attraktivität verlor. Auf den ersten Blick waren die beiden ein hübsches Paar und sie war eine wirklich attraktive junge Frau. Doch man spürte auch, dass die beiden keinerlei Bezug zueinander hatten. Wenn sie nicht immer wieder von „mein Mann“ gesprochen hätte, hätten wir die beiden wahrscheinlich für Geschwister oder Kollegen gehalten. Womit die junge Frau jedoch Recht hatte war, dass das Leben hier eindeutig entspannter war als in Deutschland. Die Menschen stressten sich wegen nichts, sondern gingen alles gelassen und in Ruhe an. Das war definitiv eine Qualität die man vermissen konnte.

Kurz bevor wir unseren Zeltplatz erreichten, kamen wir an der ersten Obstplantage vorbei, auf der es leckere, saftige Früchte gab. Seither sahen wir die gleichen Obstbäume immer wieder, doch kein einziges Mal mehr waren die Früchte saftig. Sie wurden nie gewässert und waren daher immer trocken und verdorrt, noch ehe sie reif wurden.
Obwohl wir unser Zelt bewusst außerhalb vom Ort aufbauten, ging es hier zu wie auf einem Marktplatz. Ständig fuhren Autos über den kleinen Lehmweg, Hunde bellten und mehrere Schafts- und Kuhherden wurden an uns vorbeigeführt. Beim Schreiben wurde ich heute von unzähligen Ameisen gepiesackt, die sicher auch nicht ohne Grund da waren. Soweit ich mich erinnere, standen sie für innere Zerrissenheit und dafür, dass man Teile von sich selbst nicht annehmen und akzeptieren konnte. Ein Umstand, der schon sehr bald, sehr präsent werden sollte.
Am Abend ging ich zum Stromzapfen noch einmal in den Ort. Auf dem Weg zum Minimarkt traf ich eine junge Frau, die mit hohen Stöckelschuhen über die unebenen Lehmpfade balancierte und dabei einen Kinderwagen mit viel zu kleinen Reifen schob. Schick war beides, aber praktisch war es ganz und gar nicht. Sie erzählte mir, dass in diesem winzigen Ort rund 1000 Menschen lebten. Für sie war das klein und eine Begründung, warum es nur einen einzigen Minimarkt gab, doch ich muss sagen, dass ich 1000 Einwohner schon sehr viel finde.

02.07.2016

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Die brütende Hitze warf uns bereits wieder am frühen Morgen aus dem Bett, denn in unserem Zelt wurde es innerhalb von Minuten so heiß wie in einer Dampfsauna. Beim Zusammenpacken mussten wir leider feststellen, dass doch nicht alle Moldawier entspannte und gechillte Leute waren. Auf der kleinen Schafsfarm neben uns war bereits jetzt die Hölle los und dies auf eine vollkommen verstörende und unnötige Art und Weise. Den ganzen Tag wanderten die Schafe gemütlich über die Wiese und fraßen vor sich hin. Jetzt aber wurden sie von sechs Männern in Todesangst versetzt, die sie mit Schlägen und lautem Geschrei zusammentrieben und in ein enges Gehege pferchten. Dort wurden dann immer wieder einzelne Tiere an den Beinen gepackt und kopfüber in einen Wassertrog gesteckt. Anschließend warf man sie über einen Zaun zurück auf die Wiese und packte das nächste Unglücksschaf. Was die ganze Aktion für einen Sinn hatte verstanden wir nicht wirklich, aber so wie es aussah, befand sich in dem Trog ein Chemiebad, das wahrscheinlich Impfstoffe, Antibiotika oder Milbengifte enthielt. Zur gleichen Zeit fuhr auf der anderen Seite ein Traktor durch sein Weinfeld und spritzte Gift auf seine Pflanzen. Seit Heiko in der Früh das erste Mal zum Pinkeln aufgestanden war, bis zu dem Moment, an dem wir den Platz verließen, spritzte er immer wieder nur einen einzigen Gang. Eineinhalb Stunden lang wurden also immer wieder die gleichen Weinreben mit Giftmitteln besprüht. Heiko erinnerte sich an einen Bericht über Weinherstellung, in dem es geheißen hatte, dass jede Pflanze bei jedem Durchgang rund 35 Mal mit den Pestiziden behandelt wurde. Damals hatte ihn die Zahl erschreckt, doch nun zu sehen, wie es live passierte war noch einmal etwas anderes. Es tat uns in der Seele weh zu sehen, wie viel Gift auf diesen leckeren Trauben verteilt wurde. Bei denen, die wir in Spanien gegessen hatten, war es ja wahrscheinlich nicht anders gewesen.

Der Tag wurde wieder so heiß wie seine Vorgänger und wir wanderten durch nichts als eine staubige Einöde. Moldawien war wie ein Wellblech aufgebaut und jede Straße musste ständig über den höchsten Punkt und durch das tiefste Tal führen. Auf diese Weise legten wir hier mehr Höhenmeter zurück, als in den griechischen Bergen.
Dass ich noch immer in meinem Robotter-Funktionierens-Prinzip war, spürte ich vor allem an meiner Unaufmerksamkeit und Unkonzentriertheit. Ich war noch immer vollkommen neben der Spur und wie immer führte dies dazu, dass ich ständig etwas kaputt machte. Um ein Haar hätte ich sogar unsere kleine Kamera fallen lassen. Am Abend kamen wir dann noch einmal auf eine harte Erkenntnis, die mir ebenfalls vom Buch und den dadurch entstandenen Lebenssituationen gespiegelt wurde. Seit meiner frühsten Kindheit war in mir der Glaubenssatz verankert, dass ich niemals Recht haben durfte. Es war immer die höchste Priorität, die Harmonie zu wahren. Jemandem zu widersprechen, bedeutete, ihn zu verärgern oder zu verletzen. Es durfte also stets nur eine Meinung geben. Da dies aber natürlich unmöglich war, entschied ich mich dafür, dass im Zweifel meine Meinung immer die falsche war. Ich konnte also entweder anderen zustimmen, oder aber ich konnte mich irren. Dieses Prinzip zog sich bereits durch mein ganzes Leben und es war auch einer der Gründe dafür, warum ich mich entschieden hatte, so unaufmerksam zu sein. Wenn ich nichts wahrnahm, konnte ich meine Meinung auch nicht mit faktischen Beobachtungen untermauern und somit war es deutlich leichter, sich zu irren und anderen Recht zu geben.

Der beste Platz, den wir heute zum Zelten finden konnten, befand sich an einem kleinen, stinkenden Tümpel unter einer Weide und direkt auf einer Müllhalde. Neben uns verwesten noch ein paar Skelettreste und wenn der Wind ungünstig kam, dann verätzte es einem die Nase, doch abgesehen davon war der Platz nicht schlecht. Er bot ausreichend Schatten und wenn man sich so setzte, dass das hohe Gras den Müllberg versteckte, dann hatte man sogar eine richtig schöne Aussicht. Passend zum Platz bestand unser Picknick heute aus einer Konservendose, die statt Fleisch nur Sehnen, Adern und Eingeweide enthielt. Wir waren ja einiges gewohnt, aber selbst wir zogen es vor, unser Brot ohne Belag zu essen. Die hiesige Fleischindustrie wusste wirklich, wie sie ihre Kunden zum Vegetariersein erzog. Nach einer traurigen Bilanz mussten wir feststellen, dass das einzige, was uns in diesem Land Kraft gab, unser tägliches Eis und der kleine Salat am Abend war. Alles andere war ein reiner Füllstoff, den man sich in den Mund steckte, ohne dass es einem etwas brachte. Wenn man irgendwo lernen konnte, dass am Ende alles Licht war und dass man mit der richtigen Geisteshaltung aus allem Lebensenergie gewinnen konnte, dann war hier der richtige Ort dafür.

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Spruch des Tages: Nun haben wir von unserer ersten Etappe durch Europa, genauso viele Tage vor uns wie hinter uns.

Höhenmeter: 380 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 16.638,27 km
Wetter: sonnig und heiß
Etappenziel: Zeltplatz in einer alten Bauruine, kurz vor 59111 Roztoky, Ukraine

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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2019-07-04T15:13:20+00:00 Moldawien, Rumänien, Ukraine|

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