Tag 385: Stachelschweinfährte

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Tag 385: Stachelschweinfährte

Tag 385: Stachelschweinfährte

Habt ihr je in eurem Leben ein Stachelschwein in freier Wildbahn gesehen? Wir nicht und bis heute hätte ich nicht einmal gedacht, dass sie in Mitteleuropa überhaupt Heimisch sind. Doch heute haben wir ein paar klare Beweise dafür gefunden.

Die Via Francigena führte uns zunächst einmal wieder an einer Straße entlang und dann im Zickzack durch einen kleinen Wald. Es musste für die Routenleger wirklich nicht einfach gewesen sein, den Weg so zu legen, dass er ein angenehmes Wandern ermöglicht. Es gibt zwar immer wieder wirklich schöne Flecken, doch dazwischen wurde durch die Straßen und Städte fast alles an Natur zerstört. Es blieb also nur die Möglichkeit, die Pilger entweder mitten durch die Verkehrshölle zu jagen, oder sie in wilden Schlangenlinien kreuz und quer durch die Gegend zu schicken um allem auszuweichen, was an Zivilisationsmüll irgendwo im Weg stand. Es macht zwar schon immer ein etwas komisches Gefühl, wenn man nach gut zwei Stunden Wanderung an eine Straße kommt, auf der ein Schild mit „Startort 4km“ steht, aber wir waren trotzdem froh über die Wegführung. Die schlammigen Waldwege erinnerten uns sogar ein bisschen an die Wälder in Deutschland und brachten irgendwie ein richtig heimeliges Gefühl mit sich. Und dann lagen plötzlich diese eigenartigen Dinge auf dem Boden. Heiko hielt sie zunächst für die Stiele von Ackerschachtelhalm und ich tippte auf Wildschweinborsten, wohlweißlich, dass ich damit auf jeden Fall falsch lag. Es sah eher aus wie Federkiele, die keine Federfasern hatten und auch nie welche besaßen. Sie waren schwarz-weiß gefärbt und nach eingehender Untersuchung waren wir uns absolut sicher, dass sie von einem Tier stammen mussten. Sie waren unglaublich spitz, so spitz, dass man sie als Nadel hätte verwenden können oder als Dolch. Gleichzeitig waren sie sowohl äußerst stabil als auch sehr flexibel. Auf dem Weg verteilt lag ein ganzer Haufen dieser natürlichen Haarnadeln. Es gab keinen Zweifel. Dies war ein Tatort. Was also war hier passiert? Wer war das Opfer und was war ihm zugestoßen? Eine Leiche fanden wir nicht. Auch keine Blutspuren. Nur etwas Fell von einem Wesen mit grauen und sehr langen Haaren und natürlich die Stacheln. Die Sträucher waren links und rechts des Weges frisch abgeknickt worden. Es führte eine beachtliche Tierstraße hier hindurch, die oft benutzt wurde. Plötzlich hatten wir die zündende Idee.

Unser Opfer musste ein Stachelschwein gewesen sein. Etwas anderes kam nicht in Frage. Vollkommen fasziniert nahmen wir die Stacheln genauer unter die Lupe. Anders als zunächst angenommen waren sie nicht hohl, sondern mit einer Art weißem Schwamm gefüllt. Dadurch erhielten sie ihre unglaubliche Stabilität und Flexibilität. Wahrscheinlich führten auch Nervenbahnen hindurch. Wenn das so war, dann hatte das Stachelschwein sogar Empfindungen in den Stacheln. Doch was war ihm hier zugestoßen? Gehörten auch die langen Haare zu ihm? Oder waren dies die Haare des Täters? Beides war denkbar. Wir hatten das Bild eines Stachelschweins nicht gut genug im Kopf um sicher sagen zu können, was für ein Fell es hat. Denkbar war auch, dass es beim Überqueren der Straße von einem galoppierenden Pferd erwischt wurde. Kurz zuvor waren wir an einem großen Reiterhof vorbeigekommen und links von uns befand sich eine Rennstrecke für Sulki-Reiter. Doch würde das Stachelschwein bei einem solchen Zusammenstoß einfach seine Stacheln verlieren?

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Wir konnten das Rätsel nicht auflösen und es wird wohl auch zu den Akten mit dem Zeichen XY-Ungelöst wandern.

Kurze Zeit später kamen wir in eine kleine Ortschaft mit einer kleinen Kirche und einem großen Pfarrhaus. Hier fragten wir nach einer Unterkunft. Der Pfarrer selbst war nicht da aber, die beiden Frauen, die in der Gemeinde aushalfen kümmerten sich sofort um uns. Ein Platz war kein Problem, wir mussten nur den Schlüssel dafür bekommen. Dieser wurde von einer Familie betreut, die am anderen Ende des Ortes lebte.

Auf unserem ganzen Weg durch Spanien haben wir uns immer wieder vorgestellt, dass wir in Italien sicher von den typischen, dicken italienischen Mamas aufgenommen werden, die man aus Filmen über das Land kennt. Bislang hatten wir solche Mamas noch nicht gesehen und langsam glaubten wir nicht mehr daran, dass es sie überhaupt gab. Doch heute änderte sich auch das. Statt eines Schlüssels bekamen wir zunächst einmal eine Mittagessenseinladung. Dann wurden wir in unseren Schlafraum gebracht und für heute Abend und morgen Früh wurden wir ebenfalls wieder eingeladen. Außerdem wurden wir gleich noch mit frischer Unterwäsche und einer heißen Dusche versorgt. So hatten wir uns das vorgestellt.

Spruch des Tages: Schön ist es auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem Stachelschwein

 

Höhenmeter: 110 m

Tagesetappe: 10 km

Gesamtstrecke: 7003,87 km

Wetter: größtenteils bewölkt, regnerisch. Am Nachmittag und in der Nacht Dauerregen

Etappenziel: Pfarrhaus, 50054 Galleno, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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