Tag 151: Der Traum

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Tag 151: Der Traum

Tag 151: Der Traum

Die verlorenen Stunden des Nachmittages hingen uns noch lange nach. Unsere Stimmung war angeschlagen und wir waren irgendwie gereizt. Das Treffen mit den Frauen in der Stadt hatte uns schon wieder aufgebaut, aber irgendwie hing jetzt ein unbestimmbares Stressgefühl im Raum. Es war, als wollten wir versuchen, die verlorene Zeit wieder einzuholen. Doch dadurch machten wir es nur noch schlimmer und konnten auch die Zeit nicht mehr genießen, die wir noch hatten.

In der Nacht hatte Heiko einen intensiven Traum.

Vor ein paar Tagen hatten wir eigentlich ein Ritual zum Thema Wut machen wollen. Sabine, eine Heilerin aus Österreich hatte es uns mit auf den Weg gegeben und meinte, dass es vor allem jetzt für uns wichtig wäre. Es ging darum, die eigene innere Wut und Aggression anzunehmen und ihr nachzuspüren. All jene Gefühle, die wir normalerweise tief in uns verdrängen dürfen aufkommen und sollen als das gefühlt und akzeptiert werden was sie sind. Anschließend werden sie losgelassen und an die Liebe des Universums abgegeben, so dass man sich selbst und den Personen oder Ereignissen, auf die die Wut gerichtet war, vergeben kann. Wir sollten für das Ritual eine Neumondnacht wählen, da dies die Phase ist, in der das Loslassen am leichtesten fällt. In der betreffenden Nacht hatten wir uns dann jedoch zu lange mit den anderen Pilgern verquatscht und irgendwann war es so spät, dass wir einfach eingeschlafen waren.

Heute in der Nacht machte sich das Ritual dann mit Heiko von ganz alleine.

In seinem Traum stellte er sich seinen wütenden Gefühlen auf eine sehr intensive und eindringliche Weise. Das erste, woran er sich erinnerte war, dass Jesus irgendwie in seinem Traum herumlief. Es war der Jesus mit den offenen Wunden gewesen, über die wir uns zuvor schon viele Gedanken gemacht hatten.

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Plötzlich befand sich Heiko inmitten aller Menschen, die ihm am nächsten standen. Jeder, den er liebte und mochte war dabei. Doch es war keine angenehme Situation. Die Menschen schrien, redeten wirr durcheinander und machten einen unerträglichen Lärm. Deutlich spürte Heiko, dass die anderen sich selbst nicht fühlen konnten. Sie waren wie Zombies, die nur noch das glaubten und fühlten, was man ihnen vorlebte. In ihm kochte eine unbändige Wut auf und er begann aggressiv auf die anderen einzuschreien. Immer stärker und stärker wurde die Wut und im gleichen Maße wuchs auch die Menge der Menschen, gegen die sie sich richtete. Es waren nun nicht mehr nur diejenigen, die ihm nahestanden. Es waren auch viele Menschen darunter, die er nur flüchtig oder gar nicht kannte. Menschen, die wir in Spanien getroffen hatten, denen er bei der Arbeit, in der Schule oder an anderen Stellen in seinem Leben getroffen hatte. Schließlich kam noch eine ungezielte Wut gegen die Menschheit an sich hinzu, ein Hass für alles, was der Mensch dem Planeten, den anderen Spezies und auch sich selbst antat. Er fühlte sich wie ein Amokläufer, nur dass er niemanden tötete, sondern schreiend von Mensch zu Mensch rannte, sie packte, schüttelte und zur Vernunft bringen wollte. Schließlich ließ er alles hinter sich. Er wollte nichts weiter, als einen größtmöglichen Abstand zwischen sich und die Menschen bringen. Doch je größer der Abstand wurde, desto schlechter fühlte er sich. Waren es nicht die Menschen, die er am meisten liebte, auf die er gerade so einen Hass hatte? Er fühlte sich schuldig und begann gleichzeitig die Wut auch gegen sich selbst zu richten.

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Plötzlich saß er wieder dem verwundeten Jesus gegenüber. Sie hielten sich an den Händen und bildeten so einen Kreis. Mit einem Mal konnte er die andere Seite sehen und fühlen. Auch Jesus hatte das Leid gesehen, dass die Menschen in die Welt brachten. Doch er konnte ihren Schmerz und ihre Schuld annehmen, ohne sie selbst als seine eigene fühlen zu müssen. Er konnte sie sehen und verstehen, konnte dabei aber in Liebe und in Vergebung bleiben. Er konnte akzeptieren, dass jeder Mensch frei ist, sich zu entscheiden, was er aus seinem Leben machen will und dass er sich dabei auch für seinen eigenen Tod entscheiden konnte. Wenn es der Wunsch der Menschheit war, auszusterben, dann war das in Ordnung. Heiko jedoch konnte diese Entscheidung nicht akzeptieren. Vor allem nicht bei den Menschen, die er am meisten liebte. Deswegen versuchte er ihr Leid auf sich zu nehmen, versuchte soviel Energie und Kraft aufzuwenden, wie er nur konnte um sie doch noch zu retten. Irgendwie musste er es doch schaffen, dass sie verstanden! Sie mussten doch von ihrem Weg ins Verderben abzubringen sein. Doch je mehr von seiner eigenen Kraft und Energie er opferte, desto mehr schädigte er sich selbst, bis er schließlich sein eigenes Sein zerstörte. Was übrig blieb, war der blanke Hass auf diejenigen, denen er nun die Schuld an seinem Leid gab. Plötzlich verstand er, dass er nur dann helfen und heilen konnte, wenn er in Liebe blieb. Und das gelang ihm nur, wenn er die anderen so akzeptierte, wie sie waren, selbst wenn das bedeutete, dass sie für ihre Entscheidung in den Tod gingen.

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Er versuchte seine Wut anzunehmen und loszulassen, indem er gemeinsam mit Jesus eine Lichtsäule aufbaute, an die er die Gefühle abgeben konnte. Doch die Lichtsäule wollte einfach nicht entstehen und aus lauter Ungeduld kam bereits eine neue Wut in ihm auf. Schließlich gelang es ihm, auch hier die Kontrolle abzugeben und den Wunsch des Loslassens ebenfalls loszulassen. Erst jetzt kam ein Gefühl der Erleichterung auf.

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Dann wachte er auf.

Den ganzen Vormittag unterhielten wir uns über diesen Traum und darüber, was er bedeutete. Es stand außer Frage, dass es kein normaler „Ich-verarbeite-meinen-letzten-Tag-Traum“ war, sondern dass mehr dahinter stand. Es war eine wichtige Lektion, die es zu lernen galt.

„Vielleicht ist unsere Verbindung zu den ganzen Geistwesen ja inzwischen doch schon um einiges stärker, als wir dachten“, überlegte Heiko, „Nur warum muss es ausgerechnet immer Jesus sein?“

„Naja“, sagte ich, „wir befinden uns immerhin auf einem christlichen Weg, da ist er doch relativ naheliegend.“

„Schon“, warf Heiko ein, „aber das war ich beim ersten Jakobsweg auch und da ist mir der Kerl ja auch nicht ständig begegnet.“

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„Das ist richtig,“ fuhr ich den Gedanken fort, „aber damals hast du auch die meiste Zeit im Wald gelebt. Diesmal halten wir uns ständig in Kirchen auf. Wir quatschen mit jedem Pfarrer, fühlen uns wie Mönche und pennen sogar in den Kirchen. Wir haben sogar schon direkt unter und über dem Altar geschlafen. Dass uns Jesus da mal nen Besuch abstattet ist doch naheliegend. Allein durch die ganzen Bilder und Statuen von ihm, die überall herumhängen und stehen.“

„Da ist etwas dran!“ murmelte Heiko nachdenklich.

Nach Mondeñedo führte uns der Jakobsweg ins Bergland von Galizien. Hier war die Zeit im 17. Jahrhundert stehengeblieben. Die Felder wurden noch mit der Hand bestellt, die Dörfer bestanden aus Schiefer und waren selten größer als drei oder vier Häuser und fast das ganze Land wurde von einem urwaldartigen Dschungel bedeckt.

Einige Kilometer hinter der Stadt stand ein kleines Haus mit der Aufschrift „Casa abierta“ – Offenes Haus. Orangen lagen vor der Tür und auf dem Schild stand, dass man sich bedienen durfte, wenn man es wollte. Auch ein warmes Essen und einen Schlafplatz konnte man hier bekommen. Alles gegen eine freiwillige Spende. Leider war es noch zu früh um schon wieder einzukehren. Am Abend erfuhren wir von Rose und Monika, die wir an der Pilgerherberge wiedertrafen, dass sie in diesem Haus gefrühstückt hatten. Es gehörte eine Künstlerin, die lange Zeit in Südamerika gelebt hatte. Nun hatte sie sich hierher zurückgezogen um zu malen und um den Pilgern etwas gutes zu tun. Sie sei eine liebenswürdige Frau mit großem Herzen und einer spannenden Geschichte. Rose erzählte jedoch auch, dass die Pilger am Morgen nach ihrem Aufbruch ein absolutes Chaos zurückgelassen hatten. Gespendet hatte kaum einer. Beim Aufräumen half ihr niemand. Es war nicht selten, dass sie für ihr Angebot und ihre Hilfe so entlohnt wurde und doch empfing sie jeden neuen Gast mit offenem Herzen. In unseren Augen war dies absolut bewundernswert.

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Am Nachmittag erreichten wir Gontán, die mit 300 Einwohnern größte Stadt im Umkreis. Der nächste Ort mit Übernachtungsmöglichkeiten war dann erst wieder Villalba und der lag noch gut 16km weiter. Da es weder Hotels noch sonstige Einrichtungen gab, fragten wir in der Pilgerherberge. Die Herberge war städtisch und wurde daher wie jede andere in der Region auch durch Steuergelder bezahlt. Dennoch bestand die Herbergsverwalterin darauf, dass wir nur gegen Bezahlung übernachten dürften. Diesmal ließ ich mich jedoch nicht so leicht abwimmeln und fragte sie nach den Steuergeldern, der alten Pilgertradition und dem Auftrag der Kirche und der Kommunen, die Pilger bei ihrer geistigen Einkehr zu unterstützen. Ich konnte meinen Ohren kaum trauen! Sie behauptete, dass es auf dem ganzen Jakobsweg keine Herberge geben würde, die subventioniert wurde und dass jede von den Pilgern bezahlt werden musste. Kostenfreie Herbergen gäbe es daher nicht. Das stand für sie fest. Auch meine Aussage, dass wir erst vor drei Tagen in einer genächtigt hätten, änderte daran nichts. Schließlich sagte sie mir sogar in mein Diktiergerät als offizielles Interview, dass der Jakobsweg zu 90% eine rein touristische Angelegenheit sei, die nichts mehr mit Religiosität oder geistiger Einkehr zu tun habe.

Dennoch blieb meine Unterhaltung mit ihr nicht ohne Erfolg. Sie erlaubte uns schließlich, unser Zelt auf der Wiese vor der Herberge aufzubauen und sogar die Toiletten der Herberge zu benutzen. Nur duschen wurde uns verboten. Aber das wird ja eh überbewertet.

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Kurz darauf trafen Rose und Monika ein, die uns im einzigen Café des Ortes auf einen Tee einluden und uns bei dieser Gelegenheit von der Künstlerin erzählten. Später trafen wir noch auf eine alte Dame aus dem Ort, die uns ansprach, weil sie sich über Pilger freute. Wenn sie noch jünger wäre, dann würde sie den Weg selbst gerne pilgern, meinte sie. Als ich ihr sagte, dass sie das ja täglich tat, sobald sie nur die Straße hinunterlief, musste sie lachen. Wahrscheinlich hatte sie bereits mehr Kilometer auf dem Jakobsweg zurückgelegt, als jeder Pilger, den sie im Laufe ihres Lebens hatte vorüberziehen sehen. Und sie hatte es nicht einmal gemerkt.

Spruch des Tages: Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln

 

Höhenmeter: 620 m

Tagesetappe 16 km

Gesamtstrecke: 3022,07 km

 

Bewertungen:

 
2016-03-02T00:50:08+00:00 Spanien, Tagesberichte|

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