Tag 377: Der Müll- und Überwachungsstaat

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Tag 377: Der Müll- und Überwachungsstaat

Es mag übertrieben klingen, doch wir sind in den drei Wochen, die wir nun in Italien sind durch keine einzige Ortschaft gekommen, an deren Eingangsschild nicht ein Hinweis mit der Aufschrift „Video-Überwachung“ angebracht war. Und wirklich, wer mit offenen Augen durch die Straßen geht, kann die kleinen Kameras an fast jeder Ecke erkennen. Eigentlich können wir mit der Dokumentation unserer Reise also aufhören. Wir müssen nur eine Nachricht an den italienischen Geheimdienst schreiben und um alle Aufzeichnungen mit zwei Reisenden mit Pilgerwagen bitten und schon haben wir einen lückenlosen Filmbericht seit unserem ersten Schritt in diesem Land. Wahrscheinlich sind sogar unsere Toilettenbesuche dokumentiert worden. Aufnahmen, bei denen wir irgendwo an den Straßenrand pinkeln gibt es auf jeden Fall. Solche auf denen wir picknicken, in der Nase bohren, uns am Hintern kratzen und unfreundlichen Mitmenschen heimlich im versteckten einen Stinkefinger zeigen wahrscheinlich auch. Es ist doch verrückt, dass man nirgendwo mehr hingehen kann, ohne überwacht zu werden. Das verrückteste dabei ist jedoch, dass es im Italienischen nicht als Video-Überwachung, sondern wörtlich übersetzt als Video-Beschützung deklariert wird. Es geht natürlich nur um die Sicherheit jedes einzelnen? Jeder ist so sicher, dass er sich nicht mehr in Ruhe die Unterhose zurechtrücken kann, ohne dass er dabei gefilmt wird.

Was für eine Angstkontrolle muss uns beherrschen, dass wir diese Dauerüberwachung nicht nur dulden, sondern sogar gut heißen. Es ist ja nicht nur die Stadt, die für die Kameras verantwortlich ist. Fast jedes Privatgrundstück hat noch einmal seine eigenen. Sonst gibt es keinen Wert im Haus, nur die Überwachungskamera. Sogar, wenn man auf eine Klingel drückt, wird man in siebzig Prozent der Fälle sofort als verzerrtes Digitalbild mit Riesennase an den Hausbewohner weitergesendet. Früher hat man eben einfach die Tür geöffnet, wenn man herausfinden wollte, wer einen Besuchte.

Die Frage ist jedoch, warum wir diesen ganzen Auffand betreiben. Die Städte sind dadurch nicht sicherer geworden. Es gibt deshalb nicht weniger Einbrüche und Diebstähle. Auch nicht weniger Überfälle. Dafür gibt es ein komplettes Bewegungsprofil jedes einzelnen Menschen, der irgendwann einmal eine Stadt betreten hat. Ich mag hinterwäldlerisch sein, was dieses Thema anbelangt, aber sicherer fühle ich mich dadurch nicht. Im Gegenteil, ich finde es eher beunruhigend. Klar, kann man wieder das alte Argument anbringen: „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten!“ Aber wer definiert, was verborgen werden muss und was nicht? In einem Staat, der auf Gerechtigkeit, Freiheit, bedingungsloser Liebe und Hilfsbereitschaft basiert, mag das Argument seine Berechtigung haben. Doch so sind unsere Staaten leider nicht aufgebaut. Und selbst wenn es nicht um die Frage nach erlaubt und verboten geht, dann gibt es doch trotzdem so etwas wie eine Intimsphäre, oder nicht? Was ist, wenn man einfach mal in der Öffentlichkeit Sex haben will, ohne anschließend gleich auf einer Porno-Film-Börse im Internet zu landen? Oder wenn man nicht pinkeln kann, wenn einen die ganze Zeit eine Kamera dabei beobachtet. Und was ist mit den armen Leuten, die sich stundenlang das Videomaterial anschauen müssen, auf dem sie Menschen sehen, die all die Dinge tun, die sie normalerweise nur im Verborgenen machen, weil sie vergessen, dass die Kamera sie überwacht. Doch vor allem: Wo soll uns das hinführen? Wollen wir wirklich eines Tages in einem totalitären Überwachungsstaat leben, in dem wir jeden unserer Schritte genauestens überdenken müssen? Nur zu unserer eigenen Sicherheit natürlich?

Neben den vielen Kameras stach uns vor allem der viele Müll in die Augen. Meistens im übertragenen Sinne, aber das eine oder andere Mal auch wörtlich. Denn in den Ortschaften und vor allem entlang der Straßen liegt, steht und hängt er überall und in allen Höhen. Wir hatten gedacht, dass die Spanier schon ein vermülltes Volk waren, doch diese Zustände hier sind bei weitem drastischer. Und das ist vor allem deshalb so schade, weil das Land an sich wunderschön ist. Eine Einheimische hat es neulich einmal mit den folgenden Worten ausgedrückt: „Hier in Italien gibt es so viel Natur, dass die Menschen nicht mehr darauf achten. Sie glauben, dass sie sie ohne Probleme zerstören können, denn es gibt ja noch immer genug davon.“

Langsam aber sicher ist von dieser Schönheit jedoch fast nichts mehr übrig. Es ist schwer nachzuvollziehen, denn es müsste nicht so sein. Heute beispielsweise kamen wir durch ein breites Tal, in dem es ohne Ende Platz gab. Dennoch zog sich nur eine einzige große Straße hindurch und es gab keine Ausweichrouten, weder für Autos, noch für Fahrradfahrer noch für Fußgänger. Für uns war das nervig und stressig, denn so mussten wir wieder einmal den ganzen Tag mitten durch den Autolärm wandern. Doch wir werden diese Strecke hinter uns lassen und es werden neu, schönere Etappen auf uns zukommen. Was aber ist mit den Menschen, die hier leben? Sie haben keine Möglichkeit einmal einen Nachmittags-Spaziergang zu machen, ohne dabei durch den Hauptverkehr zu laufen. Es gibt keine Flächen, wo sie sich in Ruhe erholen und entspannen können. Sie leben im Überschwemmungsgebiet zwischen einem großen Fluss, der Autobahn, einer Zuglinie und der Hauptstraße. Hier bauen sie in den freien Flächen zwischen den Industriegebäuden ihr Gemüse und ihr Obst an und gießen es mit der verdreckten Brühe aus einem kleinen Kanal. Was bringt einen Menschen dazu, sich für ein Leben an einem solchen Ort zu entscheiden, wo die Welt doch so viel zu bieten hat?

Einige Kilometer weiter kamen wir an einer anderen Kuriosität vorbei. Hier gab es eine Quelle, an der man frisches Wasser abzapfen konnte. Zunächst waren wir begeistert davon und wollten schon darauf zustürmen. Dann aber sahen wir, dass man neben der Quelle ein kleines Häuschen mit einem Geldautomaten errichtet hatte. Hier musste man ein paar Euro einwerfen, erst dann begann das Wasser zu fließen. Dass Wasser heute kein freies Gut mehr ist, war uns ja bereits klar, aber so offensichtlich wie hier, wurde es uns noch nicht vor Augen geführt.

Kurze Zeit später kamen wir an einem Einkaufszentrum vorbei. Hier entdeckten wir eine neue Sitzunterlage für Heiko, auf der er es sich bequem machen konnte, wenn er warten musste, bis ich von meinen Streifzügen zurückkehrte. Der Vorteil der neuen gegenüber der alten Matte, abgesehen von dessen miserablen Zustand war, dass man sie ausfalten konnte. Somit diente sie entweder als dickes Sitzkissen, als Zwei-Personen-Matte oder als Unterlage für ein Picknick oder ein Nickerchen. Langsam wurde unsere Ausrüstung immer perfektionierter! Dennoch tat es Heiko im Herzen weh, seine alte Sitzunterlage, die ihm ein Jahr lang so gut gedient hatte, in der Mülltonne zurück zulassen.

Im gegenüberliegenden Supermarkt machten wir eine weitere kuriose Entdeckung, die zu der Entwicklung mit dem Überwachungsstaat passte. Etwa die Hälfte aller Kassen, die es hier gab waren unbemannt. Man ging einfach selbst hin, steckte seine Kreditkarte in den Schlitz, scannte seine Waren ein und verließ das Kaufhaus. Heiko meinte, dass er solche Kassen bereits vor einigen Jahren in Kanada gesehen hatte. Nun gab es sie auch hier und wahrscheinlich verbreiteten sie sich weiter. Was das also die Zukunft der Supermärkte? Dass es nur noch Personal zum einräumen der Waren in die Regale gab und alles andere lief automatisch. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie finde ich das alles schon etwas gruselig.

In Sarzana endete unsere heutige Etappe. In dieser Stadt treffen wir nun auf die Via Frangigena, den alten Pilgerweg, der von London nach Rom führt und der die nächsten Tage unser Begleiter sein wird. Wir sind also wieder einmal Pilger, nur diesmal geht es offiziell nach Rom.

Spruch des Tages: Warum abwaschen, wenn man auch wegwerfen kann?

 

Höhenmeter: 60m

Tagesetappe: 15,5

Gesamtstrecke: 6874,87 km

Wetter: Bewölkt und eher frisch

Etappenziel: Gemeindehaus der Malteser, 19038 Sarzana, Italien

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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