Tag 842: Unvorhersehbarkeit

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Tag 842: Unvorhersehbarkeit

Tag 842: Unvorhersehbarkeit

07.04.2016

Wenn man sich in diesem Land auf eine Sache verlassen kann, dann ist es die absolute Unvorhersehbarkeit. Hier kann einfach alles passieren und man weiß nicht woran man ist. An einem Tag landet man in einem Ort, an dem er vor Infrastruktur nur so wimmelt, schläft aber trotzdem im Zelt, weil einem niemand weiter hilft. Am nächsten Tag ist man mitten in der Pama und bekommt ein eigenes Haus oder wird fast adoptiert. Einmal wird man wie ein Terrorist behandelt, ein anderes Mal wie das Ortsmaskottchen oder zwei lang vermisste Söhne. Dabei hat beides jedoch keine Auswirkungen darauf, wie gut man durchkommt. Gestern bestand unsere Ernährung wieder einmal aus einem Apfelreis und einer Brotsuppe und das obwohl wir vom ganzen Ort als internationale Ehrengäste angesehen wurden. Heute hingegen bekamen wir innerhalb von wenigen Minuten ein Festessen geschenkt und das obwohl es den Anschein machte, als wollte uns unser Gastgeber aus dem Land jagen.

Nach einer 22km-langen Wanderung entlang der Autobahn erreichten wir eine Gemeinde, die sich aus drei Orten zusammensetzte. An einer Tankstelle trafen wir auf eine junge Frau, die durch ihr ganzes Äußeres klar machte, dass ihr nichts ferner lag, als an einer Tankstelle zu arbeiten. Sie war ein Hippie und eine Naturfrau bis in die Zehenspitzen. Man hätte sie an vorderster Front bei jeder Demo-Aktion gegen jeden beliebigen Ölkonzern dieser Welt erwartet, aber nicht als freundliche Servicekraft an einer Zapfsäule. Doch der Grund warum sie hier stand war eindeutig. Die Tanke gehörte ihrer Familie. Ihre Mutter saß an der Kasse, ihr Vater kümmerte sich um Reparaturarbeiten und Autowäsche, die Oma saß auf der Terrasse und schaute dem Hund zu und der Opa komentierte alles gemütlich von einer Bank aus. Die junge Frau hatte also einen steinigen Weg vor sich, wenn sie aus dem System ausbrechen wollte und offensichtlich hatte sie den Versuch schon vor langer Zeit aufgegeben. Trotzdem hatte sie sich ihre Freude und Begeisterung für das Abenteuer erhalten und sie setzte alles daran, uns mit einem Schlafplatz weiterzuhelfen. Eine gute halbe Stunde später trafen wir uns mit einem älteren Herren vor der alten Schule, die heute zu unserem Zuhause wurde. Jetzt ging es an die Nahrungssuche und die wurde heute so abstrakt wie noch nie.

Als ich an der Haustür meines Vertrauens klingelte, machte niemand auf. Ich wollte schon gehen, da kam eine junge Frau aus dem Garten hervor, die von ihrer Mutter begleitet wurde. “Was zu essen?” fragte sie, “kein Thema, ich komme in einer Stunde bei euch vorbei und bringe euch ein warmes Mittagessen!”
Ich war fast ein bisschen komplex, denn dass es gleich so gut klappen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Nun wollte ich noch etwas Brot und ein paar Zutaten für ein Abendessen auftreiben. Doch gerade als ich mich auf dem Dorfplatz für eine Richtung entscheiden wollte, hielt ein Mann in einem weißen Kastenwagen neben mir an.
“Was du willst hier?” fragte er so grimmig, dass ich etwas ins Stocken geriet.
“Ich schaue nur nach etwas zu essen?”
“Wo dein Kollege?”
Ich erklärte, dass wir in der alten Schule schlafen durften.
“Was du willst in diese Dorf?” fuhr er mich an. Ich versuchte es ihm zu erklären, aber er war so grantig, dass ich kaum eine Chance dazu hatte. Noch einmal sagte ich, dass ich auf der Suche nach etwas zum Essen war.
“Was essen?” wollte er wissen.

“Brot, Obst, Gemüse, Käse, Wurst, Eier, vollkommen egal! Irgendetwas zum Essen eben”, sagte ich.
“Brot kannst du haben! Bin Bäcker!” antwortete er. Ich erklärte, dass wir kein Geld hatten, aber er zuckte nur mit den Schultern. “Machst du Tür auf! Nimmst du zwei kleine Brot! Tust du in Tüte!”
Ich folgte seinen Anweisungen, wobei “klein” an dieser Stelle nicht ganz angebracht war.
“Was noch essen? Willst du zwei Tomate? Hier Fisch!” Er reichte mir das Gemüse und eine Dose mit Sardienen und fragte dann noch einmal “Was noch essen?”
Ich fragte ob es einen Minimarkt in der Nähe gäbe, bei dem ich nach Wurst, Käse und Gemüse fragen konnte.
“Ist bisschen weit, MiniMarkt. Steigst du ein!”
Noch immer war ich mir anhand seines Tonfalls sicher, dass er mich eigentlich gerne verhaften lassen wollte, aber stattdessen fuhr er mich nun zu einem kleinen Supermarkt. “Hast du nix Geld, kannst du nix kaufen!” kommentierte er und kaufte Käse, Wurst, Möhren, Paprika und Zwiebeln im Wert von rund vier Euro. Dann fuhr er mich wieder zurück in den Ort und machte noch einmal bei seiner eigenen Bäckerei halt. Hier lernte ich seine Mutter kennen und bekam noch einen riesigen Berg mit Orangen. Dann war der Mann wieder verschwunden.

Spruch des Tages: Alles kommt, wie es kommt

Höhenmeter: 90 m
Tagesetappe: 23 km
Gesamtstrecke: 14.879,27 km
Wetter: sonnig
Etappenziel: Kleine Kapelle, außerhalb des Dorfes, 57011 Mikrokampos, Griechenland

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Bewertungen:

 
Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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