Tag 797: Mundraub

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Tag 797: Mundraub

Tag 797: Mundraub

17.02.2016
Bis nach San Giovanni Rotondo sind es nun nur noch gut 9km. Gerade befinden wir uns in einem alten Kloster, das aufgrund seiner Nähe zu dem berühmten Wallfahrtsort auch schon einiges an Touristen abbekommt. Dementsprechend wurde er sorgfältig renoviert und herausgeputzt, um den Eindruck zu erwecken, dass alle Klöster so schön gepflegt sind. Wie üblich auf Pilgerwegen wälzten alle anderen Einrichtungen, die einem normalerweise helfen würden, ihre Zuständigkeit auf diejenigen ab, die sich dafür bereit erklärten. In diesem Fall war das dieses Kloster hier. Die Stadt, die eigentlich unser Ziel hätte werden sollen, lag gute 3km von hier entfernt, doch die Pfarrer zeigten nur müde in diese Richtung und sagten: „Geht zum Kloster! Die kümmern sich um sowas!“

Das stimmte auch, nur war die Voraussetzung dafür, hier einene Schlafplatz zu ergattern, dass man überhaupt erstmal einen Mönchen antraf. Das Kloster war zwar für Touristen geöffnet, doch außer einem frisch verliebten Pärchen war es wie ausgestorben. An einer Tür hing ein Schild mit der Aufschrift „Klingel Portier“. Praktischerweise befand sich darunter tatsächlich eine Klingel. Ich drückte drauf und stellter ernüchtert fest, das nichts passierte. Gegenüber befand sich eine weitere Tür mit einer weiteren Klingel über der „Klosterdirektion – Drei Mal klingeln“ stand. Ich drückte erst einmal, dann nochmal und dann ein drittes Mal. Wieder gechah nichts.
„Ciao! Bongiorno!“ rief ich, woraufhin sich das verliebte Pärchen entgeistert umdrehte. Sie waren gerade damit beschäftigt gewesen herumzuknutschen und da sie ihre abrupten Kopfdrehungen nicht koordiniert hatten, stießen sie kräftig mit den Stirnen aneinander. Ich erinnerte mich an die Notfallstrategien der weisen Pinguine aus dem Film Madagascar, schaute sie lächelnd an und winkte. So etwas half in diesen Fällen immer.

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Doch mein Problem löste es nicht, denn weder mein Rufen noch der Knall den die Kopfnuss des Pärchens verursacht hatte, konnte die Mönche aus ihrem Versteck hervorlocken. Ich beschloss auf eigene Faust nach einem Ansprechpartner zu suchen, durchstreunerte das ganze Kloster und klopfte an jede Tür die ich finden konnte. Sogar die Tür zur Garage und die zum Heizungskeller ließ ich nicht aus. Doch alles blieb ohne Erfolg. Also begann ich noch einmal von Vorne. Das Kloster war offen, im Privatbereich brannte Licht und irgendwo mussten sich diese Brüder doch herumtreiben. So schnell gab ich jedenfalls nicht auf. Der Pfarrer hatte mir eine Telefonnummer gegeben, die ich nun bereits zum drittem Mal erfolglos wählte. Dann klingelte ich links, dann rechts und schließlich wieder links. Erst einmal, dann dreimal, dann Sturm, dann noch einige Male in kürzerem Abstand.
Nichts!

Das konnte doch nicht wahr sein! Langsam wurde ich ungedultig und ärgerlich. Man konnte doch nicht überall Klingeln aufhängen, wenn man sie dann einfach ignorierte!
Ein letzter Versuch! An der Tür zum Privatbereich des Klosters hing ein großer, schwerer Türklopfer. Wenn klingeln nicht half, dann ja vielleicht das.
BUMM! BUMM! BUMM!
Der Knall des kalten Eisens, das aneinander Schlug hallte im gesammten Kloster wieder und mein verliebtes Pärchen zuckte so sehr zusammen, dass ich fürchtete, sie würden an einem Herinfarkt sterben. Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass ich ebenfalls nicht damit gerechnet hatte, dass dieses Ding gleich so laut ist.
„Wer ist da?“ rief eine Stimme vom anderen Ende des Gangs. Kurz wunderte ich mich darüber, dass der Mann aus der hinteren Tür kam, wenn an der vorderen geklopft wurde, aber dann freute ich mich, dass überhaupt jemand aufgetaucht war.

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„Oh!“ rief ich mit aufrichtig überraschter Freude und grüßte ihn aus der Ferne. Auf dem Weg zu ihm legte ich vorsichtshalber schon einmal mein friedensstifterliches Pinguinlächeln auf, denn wir hatten nicht gerade den besten Start gehabt. Ich war noch immer leicht ärgerlich, dass er mich so lange ignoriert hatte und er war etwas brummelig, weil ich so ein penetranter Bimmler war.
„Hast du so oft geklingelt?“ fragte er brummig, nachdem ich ihm den Grund für meine Anwesenheit erklärt hatte.
„Ja!“ sagte ich, „es hat keiner Aufgemacht und da dachte ich, ihr habt mich vielleicht nicht gehört!“
„Aha!“ sagte er und schaute missmutig zu einer Lampe im Flur. „Und an den Lichtschaltern hast du auch überall herumgespielt!“
„Nein!“ widersprach ich wahrheitsgemäß und grinste, „Das waren die da!“
Erschreckt schaute das verliebte Pärchen zu uns herüber, blickte dann schuldbewusst zu Boden und verschwand so schnell es konnte in der Kirche.

Einige Minuten später kehrte ich mit Heiko und den Wagen zum Kloster zurück. Wieder wurden wir von drei Hunden begrüßt, die alle auf ihre eigene Art vollkommen gestört waren. Einer lief permanent im Kreis um uns herum und kläffte uns an. Der zweite kam sofort auf uns zu, schnupperte an unseren Hoden und versuchte sich zwischen unsere Beine zu quetschen. Der dritte hingegen hatte mit Menschen abgeschlossen und versuchte vollkommen unsichtbar zu werden und sich zu verstecken, was auf einem leeren Parkplatz keine leichte Sache war und bemerkenswert lächerlich wirkte. Doch so drollig die kleinen Biester auch erschienen, so faustdick hatten sie es hinter den Ohren. Kaum hatten wir unsere Wagen auch nur zwei Minuten aus den Augen gelassen um mit den Mönchen zu sprechen, schlichen sie sich auch schon heran und stahlen unsere Wurst und unseren Käse.

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Spruch des Tages: Halt! Er klaut unseren Käse!

Höhenmeter: 110 m
Tagesetappe: 21 km
Gesamtstrecke: 14.201,27 km
Wetter: bewölkt und windig
Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 70015 Noci, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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