Unser Haustier

von Franz Bujor
17.04.2014 08:49 Uhr

Pünktlich um zehn nach sechs standen wir vor der Tür des Pfarrhauses. Vor der verschlossenen Tür des Pfarrhauses, um genau zu sein, denn von einem Pfarrer war weit und breit keine Spur. Niedergeschlagen sahen wir uns um. Hatten wir jetzt wirklich den Nachmittag über hier gewartet, um dann doch keinen Schlafplatz zu bekommen? Hätten wir also doch weiterwandern sollen? Das eigentliche Problem bestand aber viel weniger in dem Mangel an Schlafplatzoptionen, sondern viel mehr darin, dass wir wieder einmal am Ende unserer Nahrungsreserven angelangt waren. Wenn wir jetzt noch um die Häuser zogen, um Nahrung zu erfragen und dann aufbrachen, um entweder ins nächste Dorf oder aber weit genug nach außen zu gelangen, um unser Zelt aufbauen zu können, dann würde es ordentlich spät werden.

Weder Heiko noch ich waren besonders motiviert für derartige Aktionen. Eigentlich wollten wir uns am liebsten irgendwo hinsetzen, etwas essen, entspannen und den Tag ausklingen lassen. Doch wie es aussah, war uns das wohl nicht vergönnt. Wir warteten noch eine Viertelstunde und verließen dann die Einfahrt des Pfarrhauses. Als wir knapp 50 Meter gegangen waren, kam uns ein Auto mit zwei Männern entgegen, die uns freundlich ansahen. Wir schauten ihnen nach, und sie bogen tatsächlich in Richtung Pfarrhaus ab. Damit lösten sich alle Sorgen in Luft auf. Wenige Minuten später hatten wir einen kleinen Raum zum Schlafen und eine Einladung für ein wirklich leckeres Abendessen. Es war schon eine ganze Weile her, seit wir das letzte Mal zu einem richtigen französischen Essen mit anschließenden Käsespezialitäten, mit Nachtisch, Obst und Abschlusstee eingeladen wurden. Umso mehr konnten wir es nun genießen. Obwohl unser Gastgeber nur Französisch sprach, verstanden wir uns doch sehr gut und konnten sogar einiges voneinander erfahren. Es war wieder einmal erstaunlich, wie viel Verständigung möglich war, wenn man es wollte. Wie vielen Menschen waren wir begegnen, mit denen jede Form der Unterhaltung unmöglich war. Und dann kamen wieder andere, bei denen wir das Gefühl hatten, dass wir fast problemlos über alles sprechen konnten. Da kann doch keiner mehr sagen, dass das etwas mit der Sprache zu tun hat.

Unsere Pilgerunterkunft in Saint Martin

Unsere Pilgerunterkunft in Saint Martin.

 

Heute morgen machten wir uns dann frisch gestärkt mit einem guten Frühstück wieder auf den Weg. Kurz nachdem wir den Ort verlassen hatten, wurde aus unserem Weltreise-Duo zum ersten Mal seit wir Agnes zurückgelassen hatten, wieder ein Weltreise-Trio. Unser neues Herdenmitglied hatte eine schneeweiße, zottelige Mähne, liebevolle Augen und ein sehr entspanntes Gemüt. Er war ein großer, fast löwenähnlicher Hund, der offenbar keinen besonders engen Bezug zu seinem zuhause hatte. Als wir an ihm vorrübergingen, schnüffelte er uns kurz an und hatte uns dann sofort als seine neuen Herrchen akzeptiert. Von diesem Moment an trottete er neben uns her. Wenn wir ihm zu langsam waren, lief er ein Stück vorweg, wartete dann aber wieder auf uns. Seit wir in Frankreich waren hatten wir eher ein gemischtes Verhältnis zu Hunden. Die meisten, denen wir begegneten, waren nervende Tölen, die einen von ersten bis zum letzten Moment der Begegnung laut ankläfften. Oft fragten wir uns dabei, warum sich die Menschen hier überhaupt solche Hunde anschafften. Es waren meist wunderschöne, ruhige Orten an denen die Stille durch nichts gestört wurde, außer durch das Kläffen der Hunde. Uns störte es schon gewaltig und wir konnten einfach an ihnen vorbeigehen. Wie musste es da erst für die Besitzer sein, die das den ganzen Tag hörten. Denn die Hunde kläfften ja nicht nur wegen uns, sondern wegen allem, was am Gartenzaun vorrüberkam. Dass es auch den Besitzern nicht gefiel merkte man allein daran, wie sie mit ihren Hunden umgingen. Sobald sie zu bellen begannen, schien die Herrchen und Frauchen nach ihren vierbeinigen Bewachern und versuchten sie zur Ruhe zu bringen. Meistens mit wuterfüllten Gesichtern. Doch die Hunde kümmerte das in aller Regel nicht. Auch war uns nicht entgangen, wie viele Hunde in diesem Land einen Teletakter trugen. Das sind Halsbänder, durch die man mittels einer Fernbedienung Stromstöße jagen kann, um den Hund abzurichten. Ruhiger wurden die Hunde dadurch in aller Regel nicht, wobei ich zugeben muss, dass es Momente gab in denen wir selbst einmal gerne auf die Fernbedienung gedrückt hätten um einem besonders lauten Kandidaten den Spaß am Bellen zu vermiesen. Auch wenn uns ab und an solche Wutgedanken kamen, so wussten wir doch, dass die Hunde im Endeffekt nichts dafür konnten. Viele von ihnen wurden in enge Zwinger gesperrt, mit besagten Stromschlägen geschockt oder bekamen wirkliche Schläge mit Rohrstöcken und anderen Instrumenten. Oder aber sie wurden überhaupt nicht erzogen und langweilten sich zu Tode. Die meisten Hunde, die uns anbellten, um uns einzuschüchtern, wedelten dabei zeitgleich mit dem Schwanz. Sie zeigten also, dass sie sich eigentlich über uns freuten und gerne mit uns gespielt hätten. Einen Gefallen, denen wir ihnen in den meisten Fällen natürlich nicht tun konnten.

Die Pilgerwagen sind wieder gepackt und bereit zum Loswandern.

Die Pilgerwagen sind wieder gepackt und bereit zum Loswandern.

 

Einen wirklich liebevollen Bezug zwischen den Hunden und ihren Herrchen oder Frauchen sahen wir hingegen nur selten. Auch unser neuer Freund war ein deutliches Zeichen, dass Hundebesitz hier oftmals nur wenig mit Hundefreundschaft zu tun hat. Denn kein Hund, der eine positive Verbindung zu seiner Heimat und seinem Rudel hat, läuft mit dem ersten Wanderer mit, der ihm ein bisschen Zuneigung gibt. Doch genaugenommen war dieser Hund ja bereits der zweite der das tat. Den ersten hatten wir kurz vor Limoges in der Nähe des Klosters getroffen. Von dort an war es bis zum Kloster mit uns mitgelaufen und dann wieder heimgekehrt. Unser neuer Freund setzte dem ganzen aber eine Krone auf. Er begleitete uns für knapp 10 Kilometer und machte nicht ein einziges Mal Anstalten, wieder zurückzukehren. Wenn er auf andere Hunde traf, verquatschte er sich kurz und rannte uns dann wieder hinterher, bis er uns eingeholt hatte. Solange er bei uns war bellte er nur zwei Mal und beide Male versuchte er damit Autos zu vertreiben. Er schien den Autolärm also genauso wenig zu mögen wie wir und da er auch ansonsten ein sehr sympathischer, knuddeliger und relaxter Zeitgenosse war, hatten wir ihn sofort ins Herz geschlossen.

Wahrscheinlich hätte er uns auch weiterhin begleitet und würde noch immer neben mir im Schatten liegen und dösen, wenn nicht der Zwischenfall mit den zwei Bauern gewesen wäre.

Als wir sie zum ersten Mal trafen, standen sie auf einem Feld und begutachteten das Land. Kurze Zeit später fuhren sie dann mit dem Auto an uns vorbei, hielten und kurbelten die Scheibe herunter.

„Ihr wisst schon, dass ihr Hunde hier anleinen müsst, oder? Wenn er vor ein Auto läuft und einen Unfall verursacht, dann seit ihr haftbar!“ belehrte uns der Fahrer.

Unser neuer Reisegefährte.

Unser neuer Reisegefährte.

 

Wir erklärten ihm, dass der Hund nicht eigentlich zu uns gehöre und nur ein Stück mit uns mitgehe. Daraufhin folgte eine etwas komplizierte Auseinandersetzung über die Haftung von Hundehaltern, die Herkunft unseres Freundes und die Frage, was nun aus ihm werden solle. Schließlich viel dem Fahrer ein, zu welchem Hof der Hund gehörte. Er stieg aus und versuchte den weißen Teddy in sein Auto zu locken. Als das nicht klappte, holte er ein Seil und machte sich daran, den Hund einzufangen. Das ganze gab ein ziemlich lustiges Bild ab, denn der Hund wusste genau was der Mann von ihm wollte und er wusste auch, dass er darauf keine Lust hatte. Er strengte sich nicht groß an und lief auch nicht davon. Er wich immer nur gerade so weit aus, dass der Mann ins Leere griff. Irgendwann beschlossen wir, dass wir genug gesehen hatten und dass es an der Zeit war, wieder aufzubrechen. Genau in diesem Moment änderte auch der Hund seine Einstellung zu der ganzen Situation und trat den Heimweg an.

Wir gingen mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite war es natürlich das Richtige, dass das kleine Zotteltier wieder zu seinem Zuhause zurückkehrte. Auf Dauer hätte er nicht bei uns bleiben können und hier war er noch nahe genug, um den Weg zurückzufinden. Doch auf der anderen Seite hatten wir ihn bereits in unser Herz geschlossen und auch wenn die Idee, mit einem Hund zu reisen unrealistisch war, so hatten wir doch eine Weile mit dem Gedanken gespielt.

Pilgern mit Hund

Pilgern mit Hund.

 

Die Straße, der wir heute folgten, führte uns auf einem Bergkamm entlang, von dem aus wir einen guten Blick auf die Pyrenäen hatten. Auch wenn die Berge hier nicht mehr ganz so hoch und fast vollständig schneefrei waren, waren sie doch noch immer beeindruckend und machten uns ein leicht mulmiges Gefühl. Sie von hier aus zu sehen war wunderschön, aber der Gedanke, sie überqueren zu müssen gefiel uns noch nicht so ganz. Vor allem, wenn wir daran dachten, wie schwer wir bereits beim erklimmen dieser kleinen Hügelkette ins Schwitzen geraten waren.

Die Kirche von Saint Barthelemy

Die Kirche von Saint Barthelemy

Doch nicht nur die Landschaft hatte sich verändert. Auch die Dörfchen hatten nichts mehr mit denen aus Zentralfrankreich gemein. Es waren keine charmanten, urigen Mittelalterorte mehr, die einem das Gefühl geben, in längst vergangene Zeiten gereist zu sein. Hier hatte man viel eher das Gefühl in einem TUI-Katalog zu leben. Alles war akkurat und gleichförmig. Viele Häuser glichen einander wie Hühnereier aus einer Legebatterie. Man spürte deutlich den Einfluss des nahegelegenen Flughafens. Es waren die perfekten Orte, in denen man sich ein luxuriöses Sommerhaus kaufte: Leicht erreichbar, wo immer man auch wohnt, nur weniger Kilometer bis zum Meer, perfekte Aussicht auf die Pyrenäen, ruhig gelegen und man ist schnell in der Stadt.

Saint-Barthelemy, der Ort in dem wir unser Nachtlager aufschlugen, machte da keine Ausnahme. Der eigentliche Ort bestand nur aus einer Kirche und drei Häusern, oben auf einem Berg und einem Rathaus sowie zwei weiteren Häusern unten im Tal. Dann kam eine Weile nichts und danach folgen die Neubauten, die genauso akkurat gestaltet waren, wie überall sonst.

Spruch des Tages: Hunde sind auch nur Menschen

 

Tagesetappe 17 km

Gesamtstrecke: 2120,47 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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