Tag 464: Urlaub auf dem Bauernhof

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Tag 464: Urlaub auf dem Bauernhof

Tag 464: Urlaub auf dem Bauernhof

Es gibt Abende, die sind gemütlicher als andere. Der von vorgestern gehörte leider nicht dazu. Obwohl Cervignano del Friuli eine verhältnismäßig große Ortschaft war, gab es hier von der Kirche offensichtlich nur einen einzigen Raum, der für verschiedene Zwecke genutzt werden konnte. Dazu gehörte nicht nur die Unterbringung von Pilgern, sondern auch die Lagerung der Sachspenden für einen Wohltätigkeitsmarkt, sowie die Veranstaltung von drei unterschiedlichen Tanzkursen. Die ersten beiden waren Zumba-Kurse für Kinder und die waren sogar echt niedlich. Der dritte Kurs war ein Cha-Cha-Cha-Formations-Tanzkurs für Erwachsene und fand zwischen 20:30 und 22:00 Uhr statt. Der Tanzlehrer war es offensichtlich nicht gewohnt, Menschen in seinem Salon vorzufinden, wenn er seinen Kurs begann. Er hatte einen genau einstudierten Ablaufplan, wann er was wo hinstellte und was er wie danach machte. Doch heute standen plötzlich zwei Kochtöpfe und eine Tupperdose mit Küchenutensilien darin. Natürlich hätte er uns einfach bitten können, sie zur Seite zu stellen, doch da er mit der Situation nicht gerechnet hatte war er damit offensichtlich überfordert. Er stand einfach da, starrte auf unsere Sachen und taute erst wieder auf, als wir alles beiseite geräumt hatten. Anschließend beschlossen wir, den Tanzenden Platz zu machen, um nicht noch mehr Verwirrung zu stiften.

Eine weile streiften wir durch die Stadt, doch die wirklich sehenswerten Punkte hatten wir bereits innerhalb von zwei Minuten abgegrast. Wobei „wirklich sehenswert“ eine höflicher Übertreibung ist. Da es außerdem langsam kalt wurde, setzten wir uns in den Bahnhof und schauten uns einen Teeny-Film auf dem Laptop an. Es erinnerte uns ein bisschen an die letzte Phase auf dem Jakobsweg, als wir uns nur Filme anschauen konnten, wenn wir uns am Abend aus den Herbergen schlichen und darauf achteten, pünktlich wieder zurück zu sein. Irgendwie hatte das auch etwas abenteuerliches. Nur besonders gemütlich war es eben nicht. Wir hatten ganz vergessen, was in einem Bahnhof alles so herumwuselt. Vor allem, wenn es ein italienischer Bahnhof ist. Sind wir eigentlich durch unsere Reise so übersensibel geworden, oder ist in Deutschland wirklich vieles leiser, als in anderen Ländern. An Fahrkartenautomaten, die lauter Brummen als ein Händetrockner auf einer öffentlichen Toilette, kann ich mich in deutschen Bahnhöfen einfach nicht erinnern. Gibt es sie, oder ist das eine Eigenart der Südländer?

Was es aber auf jeden Fall gibt, sind die unverständlichen Ansagen. Zum ersten Mal in meinem Leben verstand ich wirklich, woher der Spruch „Ich verstehe nur Bahnhof“ kommt. Wie soll man denn dabei in Ruhe einen Film schauen? Da war es schon spannender die Menschen zu beobachten, die ihre Zeit mit uns in dem Bahnhofsgebäude verbrachten. Ein junger Mann mit einem sehr maskulin wirkenden blassblauen Rollköfferchen saß zwei Bänke weiter und wartete auf seinen Zug. Von seinem Platz aus hatte er sämtliche Gleise im Blick. Also alle beide. Trotzdem sprang er bei jeder Ansage auf, lief hektisch zum ersten Gleis, schaute sich um, blieb einen Moment stehen, wartete die nächste Durchsage ab und setzte sich dann wieder. Dabei zog er jedes Mal seinen Rollkoffer hinter sich her, der laut über den Boden schepperte. Warum er das machte blieb uns ein Rätsel, aber ich schätze, zu den Zeiten in denen ich selbst noch mit der Bahn gefahren bin, war ich wohl auch nicht entspannter.

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Der Rest des Abends und auch der folgende Tag blieben weitgehend ereignislos, wenn man einmal davon absieht, dass ich eine neue Sitzunterlage gefunden habe, die mir das Picknicken nun wieder deutlich angenehmer macht.

Doch so eintönig, die Wanderung durch die Flachebene auch war, so entspannt war sie doch auch. Null bis zehn Höhenmeter am Tag zurückzulegen ist einfach eine feine Sache, wenn man zwei Wagen hinter sich herzieht. Als wir gestern noch durch dieses Flachland wanderten, konnten wir uns nicht einmal vorstellen, wie schnell es damit schon wieder vorbei sein sollte. Nach knapp 20km erreichten wir Staranzano, eine kleine Vorstadt von Monfalcone. Hier trafen wir wieder auf einen überdurchschnittlich freundlichen Pfarrer, der uns sogar zu sich ins Pfarrhaus einlud, wo wir ein Gästezimmer bekamen. Dafür wollte er uns jedoch unbedingt dazu überreden, dass wir die Messe besuchen, worauf wir ehrlich gesagt keine wirklich spürbare Lust hatten. Die letzten Male, wenn wir danach gefragt wurden, konnten wir unser Wegbleiben immer recht gut damit erklären, dass Heiko die Lautstärke nicht aushielt, doch dieser Pfarrer war für derartige Ausreden gewappnet.

„Kein Problem!“ meinte er, „Kommt mit, ich will euch etwas zeigen!“

Er führte uns in die Kirche und von dort in die Sakristei, wo sich ein riesiger Flachbildschirm befand. „Hier!“ sagte er dann, „das ist unsere neuste Errungenschaft. All unsere Messen werden live über das Internet übertragen und ihr könnt einfach hier im Nebenraum dabei sein, dann ist es leiser aber ihr bekommt trotzdem alles mit!“

Das war ein Todschlagargument, vor allem, weil er uns nicht einmal zur Messe, sondern nur zum Gebets- und Gesangskreis davor einlud.

So kamen wir in den zweifelhaften Genuss unseres ersten Online-Live-aus-dem-Nebenraum-Gesangs-Konzert einer Kirchengemeinde. Wenn man selbst in der Kirche saß und versuchte, die unverständlichen Zeilen irgendwie mitzuträllern, dann bekam man gar nicht mit, wie schrecklich sich die schiefen Arien anhörten. Kaum zwei Menschen sagen das gleiche zur gleichen Zeit und Töne wurden noch seltener getroffen, als ein einzelnes Korn auf der Flucht vor einem blinden Huhn. Jetzt leuchtete mir plötzlich ein, warum Kirchen immer so dicke Mauern haben. Ob sich Gott wohl einen solchen Gesang bis zum Ende anhörte? Anders als wir hatte er ja die Möglichkeit, auszuweichen und sich lieber einer Gruppe Zen-Buddhisten zuzuwenden, die gerade eine Schweigemeditation machten. Wir hingegen, saßen in dieser Kammer fest. Einen Hinterausgang gab es nicht und selbst die Fenster waren vergittert.

Unweigerlich musste ich an einen Gottesdienst denken, den ich vor Jahren einmal per Zufall auf dem Kirchentag in Hannover besucht hatte. Damals war eine afrikanische Gruppe nach Deutschland gereist, die dabei eine Präsentation aufführte. Dazu gehörte jedoch auch, dass die Gemeinde mitsingen sollte. Als wir das erste Lied angestimmt hatten, dauerte es keine 30 Sekunden und die füllige dunkelhäutige Gospelsängerin, die uns durch das Programm führte, ergriff das Mikro: „STOPP!“ schrie sie mit einer solchen Power in der Stimme, dass sofort alle ängstlich verstummten. „Das kann sich ja kein Mensch anhören! Das soll singen sein? Das ist eine Tortur für jedes Geschöpf dieser Erde! Wir beginnen nun noch einmal und ihr macht genau das, was ich euch sage!“

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Sie begann den Leuten klar zu machen, dass singen nicht daraus bestand, Worte in einem einzigen Brei hintereinander wegzunuscheln und darauf zu hoffen, dass die anderen einen schon übertönen würden. Es dauerte keine 15 Minuten und sie hatte es geschafft, dass die komplette Gemeinde nicht nur zum ersten Mal in ihrem Leben Spaß am Singen in der Kirche hatte, sondern auch wirklich Klänge von sich gab, die man Musik nennen konnte. Am Ende des Abends hörte es sich richtig gut und voll an und jeder hatte das Gefühl, teil eines riesigen Gospelchors zu sein. Wo sind solche Leute, wenn man sie braucht?

Nach einer halben Stunde hatten wir es geschafft. Auf dem Bildschirm konnten wir bereits den Pfarrer sehen, wie er auf unsere Tür zukam. Auf seine Frage, wie es uns denn gefallen hatte, brachten wir es dann aber doch nicht übers Herz, ihm die Wahrheit zu sagen.

„Wollt ihr bei der Messe auch mit dabei sein?“ fragte er dann, „Sie beginnt sofort und dauert nur eine halbe Stunde!“

Heiko versuchte ihm pantomimisch und mit einigen italienischen Worten klar zu machen, dass wir kurz vor dem Verhungern waren und lieber erst einmal etwas essen würden.

„Ah,“ sagte daraufhin der Pfarrer, „ja klar, den Leib Christi zelebrieren wir natürlich auch. Dann bleibt ihr einfach hier sitzen und kommt dann nach nebenan, wenn ich die Oblaten verteile!“

Ehe wir etwas erwidern konnten, war er auch schon verschwunden und wir starrten eine weitere halbe Stunde auf den Bildschirm. Diesmal jedoch mit einer kurzen Unterbrechung, bei der wir uns unsere in Likör getränkte Oblate abholten. Eines stand danach fest. Nur wegen dem kleinen Stückchen Esspapier in die Kirche zu gehen lohnte sich definitiv nicht.

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Unsere Zeit in Italien nähert sich nun dem Ende. Heute haben wir nun die Flachebene verlassen und sind zum ersten Mal seit Rimini wieder in die Berge gekommen. Noch sind es eher Hügel, doch es wird nun nicht mehr lange dauern, bis es auch ernstzunehmende Berge zu überwinden gilt.

Italien ist nun nur noch ein dünner Schlauch, der zwischen Slowenien und dem Meer eingequetscht ist. Das hat wieder einmal zur Folge, dass sich alles auf einen Punkt konzentriert. Wir verlassen den Stiefelstaat, wie wir ihn betreten haben. Links von uns ist das Meer, dann die Schnellstraße, dann die Zuglinie und dann die Autobahn. Doch irgendwo dazwischen ist es uns gestern wirklich gelungen, ein kleines Paradies zu finden. In den Bergen kurz vor der Grenze gibt es noch immer ein paar idyllische Dörfer, die von der Zivilisationsübermannung verschont geblieben sind. Hier fanden wir die Allegra Fattoria, einen kleinen Abenteuerhof mit Pensionen, in dem wir die Nacht verbringen konnten. Seit dem ersten Hotel damals an der Küste von Spanien haben wir keine Unterkunft mehr gesehen, die so viele schöne Details und so viel Herz hatte wie diese. Wer immer den Spruch „Das Leben ist kein Ponnyhof“ erfunden hat, der hat sicher noch nie hier Urlaub gemacht. Denn hier ist es das wirklich. Wir durften Esel und Pferde streicheln konnten über die Wiesen spazieren gehen und hatten nach dem Tag in der Verkehrshölle zum ersten Mal wirklich Stille um uns herum.

Hier in Malchina trafen wir auch die ersten Slowenen und schauten dabei gleich einmal mit dem Ofenrohr ins Gebirge. Französisch war am Anfang eine Herausforderung gewesen und Italien auch, aber was uns nun erwartete, das war definitiv noch einmal eine Stufe härter.

 

Spruch des Tages: Gegen die Nacht können wir nicht ankämpfen,

aber wir können ein Licht anzünden. (Franz von Assisi)

Höhenmeter: 50

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 8478,77 km

Wetter: sonnig

Etappenziel:

Allegra Fattoria,
Loc. Malchina 23/a,
Tel.: +39 040 299939
Mail: allegra.fattoria@hotmail.it
34011 Duino Aurisina, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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