Tag 693: Kosovo – ein unterschätztes Reiseziel

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Tag 693: Kosovo – ein unterschätztes Reiseziel

Tag 693: Kosovo – ein unterschätztes Reiseziel

Den ganzen letzten Tag über war es bewölkt gewesen und auch heute morgen war der Himmel wieder von dicken Wolkenschleiern bedeckt. Nur in der Nacht hatten wir einen sternenklaren Himmel, so dass es wieder ordentlich abkühlen konnte. Wie funktionierte das eigentlich, dass die Wolken nachts plötzlich verschwanden und am nächsten Morgen sofort wieder da waren?

Als ich mir die Strecke durch den Kosovo herausgesucht habe, habe ich auch darauf geschaut, ob wir bei unserer Wanderung vielleicht an einigen Sehenswürdigkeiten vorbeischauen konnten. Nichts großartiges, nichts, das einen Massentourismus anziehen würde, aber vielleicht einige Orte, die es sich anzuschauen lohnte. Einen von ihnen sollten wir laut Plan an diesem Tag erreichen. Es waren ein paar Wasserfälle, die aufeinander folgen sollten und die zumindest auf den Bildern im Internet ziemlich beeindruckend gewirkt hatten. Auf dem Weg dorthin mussten wir jedoch zunächst einmal wieder an einigen Müllfeldern vorbei. Es war wirklich schade, dass all dieses stinkende Zeug hier herumlag, denn die Gegend wäre ohne den Müll durchaus schön gewesen. Was veranlasste uns Menschen nur dazu, es uns in unserem eigenen Lebensraum immer so unangenehm wie möglich zu machen? Das ergab doch keinen Sinn!

Wie wir uns fast hätten denken können, brauchte es für einen anständigen Wasserfall auch etwas, von dem das Wasser herabfallen konnte. Es war also nicht verwunderlich, dass das Gebiet heute noch hügeliger wurde als am Vortag. Schließlich erreichten wir die Stelle, an der sich laut Karte die Wasserfälle befinden sollten. Sehen konnten wir sie jedoch nicht. Es gab nur eine alte, verfallene Brücke, die zu Fuß gerade noch passierbar war. Darunter floss zwar ein Bachlauf, aber er floss ruhig und gemütlich dahin und wollte sich beim besten Willen einfach nicht von irgendeiner Klippe stürzen. Entlang des Ufers gab es einige kleine Trampelpfade, denen wir ins Unterholz folgten, nur um festzustellen, dass sie alle nach einigen hundert Metern irgendwo im Dornengestrüpp endeten. Von einem Wasserfall gab es keine Spur. Schließlich gaben wir es auf und kehrten zur Brücke zurück. Der Weg führte nun wieder steil bergauf, bis auf eine Anhöhe, auf der sich ein weiteres Dorf befand. Sofort als wir dies Dorfgrenze überschritten, wurden wir als neue Maskottchen erkannt. Die Kinder schauten uns wieder fassungslos an, die Frauen blickten schüchtern und verstohlen zu uns herüber, wenn sie sich gerade unbeobachtet fühlten und die Männer begrüßten uns mit freundlichem Lächeln und netten Worten. Es war fast schon ein bisschen viel und wir waren froh, das wir zu zweit waren. Es war natürlich nett gemeint und man fühlte sich auch auf eine etwas ungewohnte Art gewertschätzt und willkommen geheißen, aber trotzdem hatte es so einen leicht unheimlichen Beigeschmack. Ein alter Mann kam auf uns zu, begrüßte uns mit Handschlag und bat uns eine Schachtel Zigaretten an. Nicht eine Zigarette, sondern die ganze Schachtel als eine Art Gastgeschenk für die Besucher seines Dorfes. Sicher hätte er uns auch etwas anderes angeboten, aber die Schachtel war das einzige, was er gerade Griffbereit hatte. Wir lehnten die Zigaretten freundlich an, nahmen aber die Geste dankbar an.

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Al wir den Ort wieder verlassen wollten merkten wir, dass wir uns verlaufen hatten. Die Straßen passten einfach nicht mit der Karte überein und da es hier keine Straßennamen und nicht einmal angeschriebene Ortsnamen gab, waren wir alleine etwas aufgeschmissen. Doch die Menschen waren wirklich so hilfsbereit, wie sie sich zeigten und der Mann den ich nach dem Weg fragte nahm uns gleich mit und führte uns bis an die richtige Stelle. Er sprach sehr gut Deutsch, da er während des Kosovo-Krieges als Asylbewerber nach Deutschland gekommen war. Eine Weile hatte er im Anschluss als Türsteher in einer Diskothek gearbeitet, doch dann war er wieder abgeschoben worden und musste hierher zurückkehren. Seine Tochter hatte er noch immer nicht angemeldet, da er hoffte, dass ihre Chancen auf eine deutsche Staatsbürgerschaft stiegen, wenn sie keine vom Kosovo hatte.

Unser Zelt bauten wir wieder etwas außerhalb des Ortes auf, so dass wir ungestört blieben aber dennoch leicht nach Essen und Wasser fragen konnten. Kaum hatte ich das Dorf erreicht, war ich auch schon in eine Traube aus Kindern gehüllt, die mich belagerten und unbedingt alles über mich wissen wollten. Ganz unanstrengend waren sie nicht, aber sie bemühten sich, so respektvoll und höflich zu sein, wie es ging. Schließlich halfen sie mir sogar bei der Essenssuche und fragten ihre Eltern und Nachbarn, ob sie mich unterstützen würden.

Als ich das Dorf schließlich wieder verließ, verabschiedeten sie sich von mir. Innerhalb des Ortes konnten sie sich frei bewegen, aber verlassen durften sie ihn nicht. Auch dies war etwas, was ich im Vergleich zu Montenegro als sehr angenehm empfand.

„Hast du gut geschlafen?“ fragte Heiko am nächsten Morgen mit einem vielsagenden Blick.

„Geht so!“ sagte ich, „ich fühle mich noch immer etwas gerädert.

„Das glaube ich gerne!“ antwortete er, „du hast dich auch die ganze Nacht gewälzt und sogar immer wieder im Schlaf geredet.“

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„Echt jetzt?“ fragte ich überrascht, „das mache ich sonst eigentlich nie!“

„Ich weiß,“ antwortete er, „aber heute hattest du wohl ordentlich was zu erzählen! Ich hab leider kein Wort verstanden aber du hast richtig Laut gesprochen. Irgendetwas scheint dich ganz schön zu beschäftigen.“

Das stimmte tatsächlich. Am Vortag hatte ich den Bericht über die Tage geschrieben, als wir Serbien verlassen und Montenegro erreicht hatten. Es waren die Tage mit den Beinahe-Vergewaltigungen gewesen und beim Schreiben hatte ich sie im Geiste noch einmal durchlebt. Vielleicht hatte ich mich dabei sogar so sehr in sie hineinversetzt, dass sie auch im Schlaf noch in mir arbeiteten. Auf jeden Fall spürte ich, dass ich noch lange nicht wach war und selbst beim Losgehen stand ich noch ein gutes Stück neben mir. Erst als wir am Fluss eine kleine Pause einlegten, hatte ich wieder das Gefühl, am heutigen Tag angekommen zu sein.

Unsere Wanderung wurde heute zu einer Art Wechselspiel zwischen uriger Bauernhofidylle und verwahrlosten Wohnvierteln, die eher den Charakter von Slums hatten. Gerade als wir wieder auf eine Hauptstraße einbiegen mussten, wurden wir von einem Polizeiauto angehalten. Dieses Mal verlief die Kontrolle jedoch ganz anders, als wir es aus Bosnien gewohnt waren. Dort hatten einem die Beamten jedes Mal das Gefühl gegeben, dass man ein Schwerverbrecher sei, nur weil man zu Fuß spazieren ging. Hier war es fast eher eine Art Willkommensgruß. Die Polizisten sprachen uns auf Englisch an und fragten, ob alles in Ordnung sei, oder ob wir etwas brauchten. „Hatten Sie Probleme? Wurden Sie zu irgendeiner Zeit in unserem Land belästigt?“ fragte einer der Beamten.

„Nein!“ antwortete Heiko, „alles in Ordnung. Wir können uns nicht beklagen!“

„Schön zu hören!“ sagte der Mann, „wenn es doch einmal irgendwelche Probleme geben sollte, meldet euch einfach bei uns. Wir kümmern uns um alles!“

Dann bat er uns um unsere Pässe, da er sie registrieren wolle, um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung war. Natürlich kam es im Endeffekt auf das selbe hinaus, wie in Bosnien, aber die ganze Abwicklung war deutlich angenehmer und man fühlte sich weit mehr willkommen.

Mit unserem Zeltplatz hatten wir dieses Mal hingegen weniger Glück, denn am Ende unserer Etappe stießen wir auf eine Hauptstraße, die wir nicht umgehen konnten. Der einzige Platz, den wir finden konnten, lag in einem engen Tal unterhalb der Straße, direkt hinter den Häusern. Versteckt war das nicht, aber außer ein paar Kuhhirten, die uns von weitem grüßten und einem Mann, der uns am Abend besuchte und sogar noch neues Öl für uns besorgte, blieben wir dennoch weitgehend ungestört.

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Für unsere Strom und Internetversorgung durfte ich wieder eines der anliegenden Häuser besuchen. Dieses Mal wurde ich sogar zum Abendessen eingeladen. Das heißt, eigentlich nicht direkt. Ich saß nur einfach in dem Raum, in dem das Abendessen serviert wurde und plötzlich stand es auf dem Tisch. Da ich ebenfalls an diesem Tisch saß, bekam ich auch einen Teller obwohl ich eigentlich gar nicht bleiben wollte.

„Keine Angst, wir geben dir für deinen Kollegen auch etwas mit!“ meinte die Frau, die die Einladung ausgesprochen hatte. Sie war es auch, die das Essen zubereitet hatte, doch selbst nahm sie nicht daran Teil. Nur die Männer aßen, sowie die Großmutter. Es gab eine albanische Spezialität, die aus einer Art Pfannkuchen bestand, der in schmalen Pizzastücken in einer riesigen Pfanne angeordnet wurde, so dass das Gebilde am Ende an eine Sonne erinnerte. Die Pfanne wurde dann im Hof auf einem Feuer erhitzt. Das Gebäck aß man dann mit den Fingern und dippte es entweder in Marmelade, Käse oder andere Dinge ein, die auf dem Tisch standen. Besonders fasziniert war ich davon, dass das Essen in kompletter Stille abgehalten wurde. Niemand sprach und das einzige, was man hörte, waren die Kaugeräusche und der Fernseher, der ganz leise im Hintergrund lief. Verglichen mit den lautstarken Essensgelagen, die hier in Italien abgehalten werden, war es der reine Segen. Es gab einiges, was ich an der albanischen Kultur bis heute nicht verstand und vielleicht niemals verstehen werde. Doch ihre Essenstradition sowie das strickte Alkoholverbot waren mir von vornherein sympathisch. Vor allem nach Ländern wie Kroatien, Serbien und Montenegro, in denen eine halbe Flasche Slivovic oder Raki bereits zum Frühstück mit dazu gehörte, war es sehr angenehm, in ein Land zu kommen, in dem Trunkenheit nahezu ein Fremdwort war. Alkohol verändert die Menschen, vor allem bei dauerhaftem gebrauch, und es war spannend zu sehen, was es mit einem Volk machte, wenn es konsequent darauf verzichtete.

 

 

Spruch des Tages: So viel wird erzählt und so wenig steckt dahinter

 

Höhenmeter: 330 m

Tagesetappe: 15 km

Gesamtstrecke: 12.363,27 km

Wetter: bewölkt und kühl

Etappenziel: Kloster San Antonio, 87010 Terranova Da Sibari, Italien

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