Tag 6: Urvertrauen

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Tag 6: Urvertrauen

Tag 6: Urvertrauen

Heute wurden wir beim Aufstehen von der Sonne begrüßt, die durch die Jalousien in unseren Gemeindesaal schien. Nachdem wir uns vom Pfarrer verabschiedet hatten, machten wir uns auf den Weg nach Röshof. Dummerweise liegt Wernsbach in einem Tal und so startete unsere Tagesetappe gleich wieder mit einem ordentlichen Aufstieg. Oben jedoch fanden wir eine Bank auf einem Aussichtspunkt, die von der Sonne beschienen wurde und uns auf ein Frühstück einlud. Für einen Moment hatten wir wirklich ein Gefühl von Frühling. Auch die Vögel zwitscherten so, als hätten sie den Winter bereits hinter sich. Dann zog es sich jedoch wieder zu und die Sonne verschwand für die nächsten Stunden im gleichen tristen Einheitsgrau, das uns auch schon die letzten Tage begleitet hatte. Trotzdem danken wir dem Wetter für seine großartige Unterstützung! Denn das Wolkengrau hilft zwar nicht unbedingt dabei, einen in Hochstimmung zu versetzen, aber im Vergleich zu dem, was ein Winter sonst an Wetterbedingungen zu bieten hat, ist es im Moment ein absoluter Traum! Wir hatten heute ca. 9°C, es war trocken und es gab weder Tiefschnee, noch Glatteis, noch Hagel, Sturm oder Gewitter. Zum Laufen ist das Wetter damit optimal.

Dennoch fällt es uns im Moment noch oft schwer, wirklich dankbar für die Geschenke zu sein, die wir tagtäglich  von allen Seiten bekommen. Noch immer ist unser Fokus zu großen Teilen auf das Negative ausgerichtet. Wir gehen durch einen großartigen Wald und meckern über den Schlamm auf den Wegen. Wir haben morgens und abends Sonnenschein und jammern über die Wolken am Mittag. Obwohl wir in den vergangenen fünf Tagen immer mehr als genug zu Essen erhalten haben, steckt trotzdem noch die Angst in uns, eines Tages einmal hungern zu müssen. Wo war das Urvertrauen, das wir in unseren vergangenen Projekten gewonnen hatten? Wo war unser Optimismus? Nicht einmal dumme Sprüche zum Auflockern der Stimmung wollten uns mehr einfallen! Wir beschlossen, dass es so nicht weitergehen konnte und dass wir es irgendwie schaffen mussten, unsere Gedanken wieder mehrheitlich ins Positive zu lenken.Denn Gedanken sind wie Magnete, die Ihresgleichen anziehen. Wer mehr als 50 % an Negatives denkt, der wird dadurch immer mehr negative Gedanken anziehen. Die Gedanken aber bestimmen unser Weltbild und wer ein negatives Weltbild hat, wird auch negative Ereignisse anziehen, die eben dieses Weltbild verstärken. Das war nicht unbedingt unser Ziel! Also mussten wir es irgendwie schaffen, zumindest ein bisschen mehr dankbare und freudige Gedanken zu haben als, zweifelnde, traurige und gereizte. Diesmal half uns der Weg auf seine eigene Weise. Er schickte uns einen Berg, der so steil war, dass wir vor lauter keuchen überhaupt nicht mehr denken konnten. Damit lag unsere Negativquote dann schon Mal bei 0 %.

Auf der anderen Seite des Berges lag der Ort Lehrberg, der vielleicht nicht ohne Grund so hieß. Denn hier lernten wir bereits innerhalb kürzester Zeit wieder in unser Urvertrauen und unsere Dankbarkeit zurückzufinden. Von einem Schlachter und einer Bäckerei bekamen wir eine großartige Brotzeit geschenkt, mit der wir uns genussvoll stärken konnten. Kein Festessen der Welt, dass wir mit Geld gekauft hätten, hätte diese Hochgefühle, diese Dankbarkeit und diese Zufriedenheit in uns auslösen können. Je mehr unser Vertrauen in das Leben zurückkehrte, desto stärker wurde auch unsere Verbindung zu jener Macht, die ihre schützende Hand über unsere Reise hält. Kurz vor Colmberg überlegten wir gemeinsam, was wir uns für diese Nacht für einen Schlafplatz wünschten. Am liebsten war uns etwas in der Richtung wie der von gestern Abend: groß, viel Platz, ein ebenerdiger Eingang für unsere Wagen, viel Ruhe und Ungestörtheit, eine Möglichkeit unsere Würstchen und einen Tee zu kochen, ein Internetzugang und – als absolutes Tageshighlight – eine Dusche. Und jetzt, wo ich diesen Bericht hier schreibe, sitzen wir im Gemeindehaus von Colmberg an eine Heizung gelehnt und haben bis aufs letzte Detail genau das bekommen, was wir uns gewünscht haben.

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An der Bäckerei in Lehrberg hatten wir übrigens noch eine sehr lustige Begegnung, die wir euch nicht vorenthalten möchten: Als ich mich gerade mit der Bäckerin unterhielt, kam eine Frau herein, die mich fassungslos anstarrte. Als ich sie ansah, schaute sie so schnell sie konnte zu Boden. An jeder einzelnen Zelle ihres Körpers konnte man erkennen, dass sie darauf brannte mich zu fragen, was ich da tat und warum mir die Bäckerin einfach etwas schenkte. Doch sie sagte kein Wort. Als ich draußen meinen Wagen wieder aufsattelte, verließ sie den Laden und ging an mir vorbei um in ein Auto einzusteigen. Dann stieg sie wieder aus, schaute leicht beschämt und sagte: „Oh, das war das falsche! Irgendwie hat es sich komisch angefühlt!“ Anschließend stieg sie in ein Auto von einer anderen Marke und in einer anderen Farbe und fuhr Kopfschüttelnd davon.

Spruch des Tages: Gib acht auf deine Gedanken!

Tagesetappe: 19,5 km

Gesamtstrecke: 130,87km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

10 Comments

  1. Corinna Konrad 8. Januar 2014 at 15:23 - Reply

    Habt ihr vor durch Schwäbisch Hall zu laufen oder daran vorbei? Wie wird eure Rute gehen? 🙂
    Liebe Grüße
    Corinna

    • info@naturspirit.de 9. Januar 2014 at 0:45 - Reply

      Hi Corinna,

      nein Schwäbisch Hall liegt leider nicht auf unserem Weg. Wir laufen nördlich daran vorbei nach Speyer und von dort weiter nach Metz in Frankreich. Dann wird es über Vézelay und Saint Jean Pied de Pont nach Santiago de Compostela. Das ist dann das Ziel unserer ersten Etappe. Dort schauen wir dann weiter… 🙂

      lg
      Tobi

  2. Teresa 8. Januar 2014 at 19:48 - Reply

    Hallo ihr Weltenwanderer,

    Ich möchte mich bei euch bedanken, dass ich hier über euren Blog an eurer Reise teilnehmen kann. Ich wünsche euch beiden viel Kraft und Geduld und viele positive Gedanken! Ich bin schon sehr gespannt, wie es euch weiterhin ergehen wird!

    Viele Grüße aus Regensburg!

    Teresa

    • Heiko Gärtner und Franz Bujor 22. November 2019 at 16:37 - Reply

      Ich Danke dir Teresa, dass du uns mit deinem Lesen unterstützt. Jeder Leser ist für uns eine Person mehr, der unsere Erfahrungen mit im Herzen trägt.

  3. Frau aus Colmberg 10. Januar 2014 at 19:57 - Reply

    Hallo ihr Wanderer,
    danke dass ihr so ausführlich von eueren Erlebnissen berichtet. Das ist für mich eine große Freude das zu lesen. Hattet ihr in Colmberg tatsächlich einen Internetzugang?
    Weiterhin gute Pilgerschaft
    wünsche ich aus Colmberg

    • info@naturspirit.de 15. Januar 2014 at 23:22 - Reply

      Ja hatten wir! Unsere Berichte stehen offenbar unter einem guten Stern, denn bislang hat es mit dem Internet an 13 von 14 Tagen geklappt! 🙂

    • Heiko Gärtner und Franz Bujor 22. November 2019 at 16:34 - Reply

      Ja hatten wir. Es freut uns sehr, das wir dir mit unseren Worten eine Freude bereiten können.

  4. Wolfgang Schmidtbauer 12. Januar 2014 at 20:45 - Reply

    Hallo Ihr zwei

    meine Frau und Ihre Freundin haben sich mit Euch diese Woche
    in Neusitz bei den Fischweihern sehr schön unterhalten.
    Ich finde es verdient sehr großen Respekt so etwas durch zuziehen.
    Wir wünschen Euch alles Gute und immer eine brauchbare Schuhsohle
    unter den Füßen.

    es grüßt Euch auch Neusitz
    Rosa,Hannelore u.Wolfgang

    • info@naturspirit.de 15. Januar 2014 at 23:20 - Reply

      Vielen Dank für die lieben Grüße und Wünsche!

    • Heiko Gärtner und Franz Bujor 22. November 2019 at 16:31 - Reply

      Danke für die Blumen, ich hoffe, ihr verbringt eine schöne Winterzeit und habt viel Freude an den kühlen Tagen. Bei uns steht nun eine Winteralpenüberquerung an, mal sehen wie das so wird. LG Heiko

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