Verdammtes Quietschen

von Franz Bujor
19.04.2014 23:18 Uhr

Ich glaube, in meinem ganzen Leben gab es nur wenige Momente, in denen ich so sehr genervt war wie heute. Wobei es genervt eigentlich nicht ganz trifft. Wütend, stocksauer und aggressiv beschreibt es vielleicht eher. Der Grund dafür war absolut banal, jedenfalls der oberflächliche. Vor ein paar Tagen hatte mein Wagen begonnen, bei jedem Schritt zu quietschen. Am Anfang habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht, denn das war schon öfter einmal vorgekommen. Meist wenn irgendwie Sand oder Schlamm in die Achse geraten war. Dann musste man ihn einfach nur auseinandernehmen, reinigen und alles war wieder still.

Der Sandfriedhof der Nonnen im Kloster "Counfent des Bernardine"

Der Sandfriedhof der Nonnen im Kloster "Counfent des Bernardine"

Doch diesmal war es anders. Ich hatte den Wagen bereits zwei Mal komplett zerlegt, gereinigt, geölt und neu wieder zusammengebaut. Jedes Mal war es hinterher ruhig gewesen und hatte am nächsten Tag bereits nach dem ersten Kilometer wieder angefangen. Die letzten Tage hatte ich mich immer wieder darüber geärgert, aber meist hatte es sich nach einiger Zeit zumindest für eine Weile wieder beruhigt. Heute jedoch quietschte es vom ersten Schritt am Morgen bis zu dem Moment, in dem wir unser Tagesetappenziel erreichten. Es war ein ekelhaft hoher Pfeifton, fast wie aus einer Hundepfeife, der in den Ohren schmerzte und an den man sich unmöglich gewöhnen konnte. Manchmal war er durchgängig, manchmal quietschte er in irgendeinem Rhythmus und dann hörte er für ein paar hoffnungsvolle Sekunden ganz auf, nur um sofort mit noch stärkerer Intension wieder zu beginnen. Ich legte mir einige Strategien zurecht, mit denen man das ekelhafte Störgeräusch unterbinden konnte.

Wenn man den Wagen hin und her wackelte hörte es für einen Moment auf. Wenn man die Bremsen leicht anzog, konnte man es sogar ganz unterbinden. Doch dann lief man natürlich immer gegen den Bremswiderstand an. Und nach einiger Zeit half auch das nicht mehr. Zunächst versuchte ich sachlich an das Problem heranzugehen. Dann versuchte ich, mich mit einer Meditation zur inneren Gelassenheit zu bringen oder mich auf die wunderschöne Aussicht zu konzentrieren, über die ich mich eigentlich hätte freuen sollen. Doch so sehr ich es auch versuchte, das verdammte Quietschen ließ mich nicht in Ruhe. Es regte mich immer mehr auf und machte mich schließlich so wütend, dass ich meinen Wagen am liebsten gepackt und in tausend Stücke zertreten hätte. In solchen Momenten versuchte ich mich abzureagieren, indem ich meinen Pilgeranhänger aus voller Kraft schüttelte oder die Bremse bis zum Anschlag zuzog. Das war nicht besonders Befriedigend, aber auch nicht so destruktiv und irgendwo steckte sogar die Hoffnung in mir, dass es vielleicht sogar helfen könne. Doch jedes Mal wenn ich das tat dauerte es nur Sekunden, bis der Quietschton wieder in meinen Ohren lag und mich noch mehr quälte als zuvor. Wenn Heiko weit genug weg war fluchte ich vor mich hin und wünschte den Wagen mit samt seinem Quietschen zur Hölle. Doch noch mehr als das Quietschen selbst ärgerte mich meine Unzufriedenheit und mein Ärger an einem Ort wie diesem.

Gestern Nachmittag hatten wir zum ersten Mal den Atlantik gesehen. Die Nonnen hatten uns in ihrem Kloster aufgenommen und von dort aus waren wir dann zum Strand geschlendert. Es war ein wunderschöner Küstenabschnitt mit tollen Sandstränden, die sich mit Steilküsten abwechselten. Im Hintergrund zeichneten sich die Pyrenäen ab und man konnte sogar die Nordküste Spaniens von hier aus sehen. Am Strand waren lauter Menschen, die Volleyball spielten oder sich sonnten und wir hielten zum ersten Mal auf unserer Reise die Füße ins Meer. Wie um alles in der Welt konnte man es schaffen, trotzdem so mies drauf zu sein? Ich konnte mich selbst nicht leiden, weil ich so ein Gesicht zog und versuchte immer wieder fröhlich zu sein, obwohl ich es einfach nicht war. Und je mehr ich es versuchte, desto mehr misslang es mir. Es dauerte nicht lange, bis Heiko meine Stimmung mitbekam und er versuchte mich aufzumuntern, was mich aber nur noch mehr ärgerte. Irgendwann war ich so wütend, dass mir fast die Tränen kamen. Und dass während ich oben an einer Steilküste entlangwanderte und auf das strahlendblaue Meer schauen konnte. Es war zum kotzen.

In den Pausen, die wir machten wurde es besser. Unser erstes Picknick veranstalteten wir an einem Leuchtturm, von dem aus man die gesamte Bucht überblicken konnte. Eine freundliche Dame von einem Imbissstand sponserte uns dazu zwei frische, warme Sandwiches, mit heißem Hühnchenfleisch, knackigem Salat und einer ordentlichen Portion Majonäse. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich den Tag sogar noch richtig genießen.

Als wir dann weiterzogen kamen wir nach Biaritz, einer Kleinstadt, die fast ausschließlich von reichen Parisern oder Rentnern bewohnt wird. Eine Joggerin, die für ihr Alter wirklich gut bei einander war und der man ansehen konnte, dass sie jeden Tag Sport trieb, sprach uns an und ging eine Weile mit uns mit. Sie erzählte uns, dass ein Grundstück am Meer hier rund 30.000€ pro Quadratmeter kostete. Sie selbst lebte normalerweise ebenfalls in Paris, hatte sich aber hier eine 80 qm Wohnung gekauft, um dem Großstadttrubel irgendwie zu entkommen. Als sie uns das erzählte, standen wir gerade an einer Straße, auf der so viele Autos fuhren, dass wir sie nur schwer verstehen konnten.

Die Stadt selbst war wunderschön und absolut grässlich zugleich. Wobei es natürlich sein kann, dass mein allgemeines Genervtsein den letzteren Eindruck verstärkte. Überall standen große und wirklich beeindruckende Villen, zwischen die sich moderne Hotelbunker gedrängt hatten.

„Wenn ich hier so ein Multimillionär wäre,“ meinte Heiko, „der eine Villa am Strand hat, die vielleicht schon seit Generationen im Familienbesitz ist, und dann kommt so ein Volldepp auf die Idee, mir so ein Hotel vor die Nase zu setzen, dem würde ich dann aber mal ordentlich die Leviten lesen!“

Unser erster Blick auf Strand und Meer

Unser erster Blick auf Strand und Meer.

 

Auffällig war vor allem, wie geschäftig diese Stadt war. Überall wuselte es vor Touristen und Einheimischen und das obwohl heute Karfreitag war. Es dauerte nicht lange und wir waren in den Straßenschluchten vollkommen verloren. Plötzlich tauchte die Frau wieder auf, die uns zuvor von der Stadt erzählt hatte, und fragte ob wir nicht etwas zu essen bräuchten. Es war paradox, denn am Vorabend hatten wir noch geglaubt, dass heute sicher ein Dürretag eintreten würde, weil ja der besagte Feiertag war. Doch plötzlich wussten wir kaum mehr, wie wir unser Essen transportieren sollten. Denn zunächst waren wir davon ausgegangen, dass wir im Kloster der Nonnen nur einen Schlafplatz aber kein Abendessen bekommen würden. Aus diesem Grund besorgten wir uns an diesem Abend noch etwas zu essen. Am Ende wurden wir doch eingeladen und nun hatten wir unsere Vorratssäcke mehr als nur prall gefüllt. Wenn wir sie bei der Hitze sicher zum Schlafplatz bringen könnten würde es heute Abend ein großartiges Festmahl geben.

„Ich hoffe nur, wir haben später eine Küche!“ sagte Heiko als er die Vorräte verstaut hatte, „sonst haben wir wirklich ein Problem!“ Wie sich später zeigen sollte, hatten wir eine Küche und wären außerdem fast noch zu einem Karfreitag-Reisessen ohne jede Zutat eingeladen worden. Jetzt hatten wir jedoch erst einmal das Problem, dass wir wieder den Weg aus der Stadt heraus finden mussten. Meine Karte war leider mehr als nur bescheiden und wir verfranzten uns zu allem Übel mehrere Male. Zusammen mit meinem Ärger über das ständige Quietschen brachte das meine Stimmung auf den Siedepunkt.

 

Ich wollte nicht mehr!

Am Liebsten hätte ich mich einfach irgendwo hingesetzt und Geschmollt.

Kurze Zeit später konnte ich das dann auch tun. Wir stellten unsere Wagen an einem Platz ab, von dem aus man über das Meer sehen konnte und Heiko wanderte umher um einige Fotos zu schießen. Ich passte in der Zeit auf unser Gepäck auf und fragte mich, warum ich den um Himmels willen so schlecht gelaunt war. Klar, der Wagen nervte zwar wie die Hölle, aber war das wirklich der wahre Grund? Neben mir saß ein Obdachloser der sich ein wahres Käsesandwitsch einverleibte. Man könnte auch sagen, dass der 500 Gramm Gauda von einem Stück Weißbrot umschlossen war. So schlecht lebte ein heimatloser in der Großstadt der Reichen wohl doch nicht.

 

Als wir weiterzogen stellte mir Heiko die gleiche Frage, die ich mir auch schon zuvor gestellt hatte: „Was regt dich eigentlich wirklich auf?“

„Dieser scheiß Wagen macht mich einfach wahnsinnig mit seinem elenden Gequietsche!“ gab ich zurück!

„Was genau stört dich daran?“ fragte Heiko.

„Keine Ahnung! Das er quietscht und das in einer Tonlage, die einfach unerträglich ist!“

„Du meinst, so wie mein Tinnitus, den ich seit einem Jahr versuche zu heilen?“

 

„Kann sein! Es ist einfach zum Kotzen, dass man machen kann, was man will und es einfach nicht aufhört!“ sagte ich.

„Mh, und dann kommt eine Angst auf, dass es vielleicht nie mehr weg geht und du deswegen nicht weitergehen kannst, weil du es dann nicht aushalten würdest?“

„Ja, ich glaube schon!“ gab ich zurück.

„Dann hast du jetzt wirklich verstanden, wie es mir mit den Ohrgeräuschen geht. Weißt du jetzt, warum ich manchmal gesagt habe, dass Selbstmord für mich eine Option wäre, wenn es wirklich niemals aufhören würde?“

„Ja, das kann ich echt verstehen. Ich war jedenfalls auch ein paar Mal kurz davor, einen Weltreiseselbstmord zu begehen und den Wagen die nächste Klippe herunterzuwerfen. Es ist so krass, weil es ja eigentlich eine winzig kleine Sache ist, die mich aber gerade völlig aus der Bahn wirft.“

„Glaubst du, dass es nur der Wagen ist?“ fragte er, „oder gibt es da vielleicht noch andere Gründe?“

„Wahrscheinlich schon!“ sagte ich etwas pampig, denn ich merkte, dass ich überhaupt keine Lust darauf hatte, über irgendwelche tieferen Ursachen nachzudenken. Ich wollte einfach nur sauer sein. Eigentlich wollte ich, dass dieses Gefühl einfach verschwand und ich in Ruhe die Sonne und das Meer genießen konnte.

Die Küstenstadt Biarritz

Die Küstenstadt Biarritz.

 

Als wir Guéthary erreicht hatten, wurde es mit meiner Stimmung etwas besser. Eine Nonne aus dem Kloster von gestern hatte bereits beim hiesigen Pfarrer angerufen und uns angekündigt. Dementsprechend war unser Schlafplatz bereits sicher. Es war außerdem der Pfarrer, von dem uns Claire bereits erzählt hatte. Guéthary war das Dorf, in dem ein Bekannter von ihr gelebt hatte. Dieser Mann hatte eines Tages eine Gottesbegegnung und daraufhin schrieb er seine Erfahrungen in einigen Büchern nieder. Es war also durchaus passend, dass wir an einem der wichtigsten christlichen Feiertage hier ankamen. Wir wurden von einer netten älteren Dame in ein Gemeindehaus geführt, in dem wir unser Nachtlager aufschlagen konnten. Gott sei Dank gab es auch hier auch eine kleine Küche, so dass wir unser Gepäck ein wenig erleichtern konnten. Doch zuerst fand hier noch eine Karfreitags-Zeremonie statt.

Wir nutzen die Zeit um noch einmal durch den Ort und hinunter zum Strand zu schlendern. Dort angekommen schauten wir einigen Surfern beim surfen zu und übten Kontaktjonglage mit der Glaskugel. Zunächst war meine Stimmung dabei wieder deutlich besser, doch von einem Moment auf den anderen kippte sie wieder und plötzlich kam in mir eine große, undefinierbare Traurigkeit auf. Wieder versuchte Heiko mich aufzumuntern oder mich zu motivieren, herauszufinden, woher diese Gefühle stammten. Doch ich wollte weder das eine noch das andere. „Glaubst du,“ fragte er, „es sind eher alte oder eher neue Gefühle, die gerade aufkommen?“

 
Der Strand von Biarritz

Der Strand von Biarritz.

 

„Keine Ahnung!“ sagte ich, „ich bin einfach traurig.“

Ich schaute mich um und dachte noch einmal an den die letzten Tage zurück. Gestern waren wir herzlich von den Nonnen aufgenommen worden, die uns ihr Kloster gezeigt und uns zu einem Gottesdienst eingeladen hatten. Wir hatten einen absolut beeindruckenden Friedhof sehen dürfen, der komplett aus Sand errichtet worden war und eine Pappmarsche-Skulptur, die ohne eine einzige Restaurierung seit 1849 in einer Kapelle aus Reisgräsern aufbewahrt wurde. Wir waren an einem wunderschönen Meer angekommen, ließen uns die Sonne auf den Bauch scheinen, konnten nach Wochen der Einsamkeit wieder einmal hübsche Mädels im Bikini sehen. Dazu hatten wir jede Menge gutes Essen, alle Zeit der Welt und es gab niemanden der uns stresste oder uns irgendwelche Vorgaben machte. Wo um alles in der Welt sollte hierin eine Ursache für Traurigkeit, Wut oder Ärger liegen?

„Ich glaube, dass es wirklich irgendetwas altes ist, was gerade in mir hochkommt,“ sagte ich.

„Das glaube ich auch“, erwiderte Heiko. „Hast du eine Idee, was es genau ist?“

Biarritz ist ein beliebtes Urlaubsziel.

Biarritz ist ein beliebtes Urlaubsziel.

 

„Nein! Keinen blassen Schimmer!“ brummte ich zurück.

„Ich frage mich nur, warum du es nicht wirklich raus lässt. Du versuchst es die ganze Zeit zu unterdrücken, auch wenn es dir nicht gelingt.“

Damit hatte er wohl Recht. Es waren schwelende Gefühle, die aber nicht ganz zum Ausbruch kommen durften. Warum auch immer.

Auf dem Heimweg sahen wir ein paar Jungs, die ein sonderbares Ballspiel spielten. Wir setzten uns an den Rand des Feldes und sahen ihnen eine Weile zu. Langsam fühlte ich mich wieder etwas besser. Auf der einen Seite war ich glücklich darüber dass es mir wieder besser ging. Doch auf der anderen Seite war mir aber auch klar, dass ich mich schon wieder wie immer nur ablenkte und die Traurigkeit im Meer meines tiefen Verdrängens verbannte.

 
Guethary ist ein beliebter Surfspot

Guethary ist ein beliebter Surfspot.

 

Als wir an unserem Platz ankamen, waren die Gemeindemitglieder gerade in der Kirche. Aus diesem Grund nutzte ich die Zeit um meinen Wagen noch einmal zu zerlegen und einen Gummiring einzubauen, der mit etwas Glück das Quietschen in Zukunft verhindern sollte. Ob es klappt, werde ich aber wohl erst morgen wissen.

Später kamen die Gemeindemitglieder zurück und aßen ein Karfreitags-Mahl, das ausschließlich aus Reis bestand. Ein paar Mal luden sie uns ein, mitzuessen, aber wir warteten lieber ab und kochten dann unser eigenes Gemüse.

Spruch des Tages: Stell dich deinen Gefühlen

 

Tagesetappe 18 km

Gesamtstrecke: 2149,47 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

Schreibe einen Kommentar:

Speichere Namen, Email und Webseite im Browser fur zukunftige kommentare