Langzeitreise vs. Kurzurlaub

von Franz Bujor
15.01.2014 22:23 Uhr
 

Heute war ein sonderbarer Tag. Eigentlich kann ich gar nicht so genau sagen warum, aber die Gesamtstimmung und das Gefühl, wenn ich an den Tag zurückdenke ist sonderbar. Dabei begann er, wie er besser eigentlich nicht hätte beginnen können. Wir bekamen ein absolutes Mega Frühstück mit Kiwis, Brezeln, selbstgemachter Marmelade und Brötchen von der kleinen Dorfbäckerei, die wir gestern Nachmittag bereits besucht hatten. Als wir mit unserer Wanderung begannen, strahlte die Sonne vom Himmel. Zum ersten Mal seit Tagen, hatten wir nicht nur ein fades Einheitsgrau, sondern herrliches Wetter. Unter diesen Umständen nicht in Hochstimmung zu sein, war reiner Hohn und wir kamen uns deswegen richtig undankbar vor. Doch wie sehr wir uns auch selbst dafür anmeckerten, die Stimmung wurde einfach nicht besser. Sie war und blieb sonderbar. Erst später kamen wir darauf, was mit uns los war.

Heute war unser vierzehnter Tag. Unsere bisherigen Projekte, wie die Obdachlosentour oder die Blindentour, die mit dieser Reise vergleichbar waren, hatten immer nur zwei Wochen gedauert. Der 14. Tag war also immer derjenige gewesen, der alles wieder Verändert hatte. Heute jedoch veränderte sich nichts. Zumindest nicht äußerlich. Im Inneren hingegen begreift nun langsam auch der letzte Fetzen unseres Unterbewusstseins, dass dies kein Kurzurlaub, sondern eine Lebensweise ist. Passend dazu haben wir kurz hinter Herboltsheim einen Mann getroffen, der uns den Unterschied zwischen eine Auszeit und dem Nomadenleben noch einmal deutlich vor Augen führte. Er begrüßte uns mit der Frage, wie viele Kilometer wir denn am Tag laufen würden. Dann nahm er seine Kopfhörer aus den Ohren und erklärte uns, dass er ebenfalls vorhatte, den Jakobsweg über Frankreich zu wandern. Er arbeitete im Bergwerk und konnte sich deshalb jedes Jahr drei Monate am Stück freinehmen. In den letzten Jahren hatte er so die halbe Welt bereisen können. Er war in Afrika, in Südamerika, umrundete Kuba und vieles mehr. Bislang war er dabei immer mit dem Rad unterwegs gewesen, diesmal wollte er nun wandern. Doch um Santiago in den 90 Tagen zu erreichen, musste er einen Tagesdurchschnitt von 35 km schaffen.

sonnenstrahlen

Endlich strahlte die Sonne wieder vom Himmel, so lässt es sich gleich viel schöner wandern.

 

Bringt ein Zeitplan wirklich die gewünschte Freiheit?

Als wir uns von ihm verabschiedet hatten, wirkte das Gespräch noch lange nach. Wir waren absolut fasziniert, von dem, was der Mann erlebt hatte. Und dennoch spürten wir deutlich, dass es nicht unser Weg war. Wie würde es sich für uns anfühlen, wenn wir ebenfalls einen Zeitplan zu erfüllen hätten? Beide waren wir einer Meinung. Die Vorstellung, jeden Tag eine bestimmte Strecke schaffen zu müssen, fühlte sich sehr beengend an. Wie dankbar waren wir dafür, jederzeit Pausen machen, verweilen und rasten zu können, so wie wir es wollten. Zeitlosigkeit war eines der größten Geschenke, die der Weg für uns bereithielt. Nur deshalb konnten wir die vielen Begegnungen und Erlebnisse annehmen, die oftmals viel Zeit in Anspruch nahmen. Nur deshalb konnten wir auf unser Bauchgefühl und unsere Körper hören, die uns immer wieder zum Anhalten und Entspannen oder zu Umwegen überredeten.

Kurz darauf mussten wir uns dann von der Jagst verabschieden. Die letzten Tage hatte sie uns immer Treu den Weg gewiesen und war ein wichtiger Begleiter geworden. Jetzt floss sie in den Neckar und dieser floss irgendwo hin, aber nicht mehr in unsere Richtung.

Stattdessen führte uns der Jakobsweg nach Bad Wimpfel, eine sehr schöne, mittelalterliche Kleinstadt mit Beeindruckendem Burgturm und vielen kleinen Gässchen. Die Stadt hatte nur einen Nachteil. Sie lag auf dem Gipfel einer Anhöhe. Und wir befanden uns im Tal. Oben angekommen waren wir in etwa so durchnässt, wie durch den Regenguss zwei Tage zuvor. Nur, dass heute noch immer die Sonne schien.

Eigentlich hatten wir uns Bad Wimpfel als Tagesetappenziel ausgesucht. Doch wie in allen größeren Gemeinden war es auch hier wieder kein leichtes Unterfangen, das Pfarrhaus zu finden. Als wir es schließlich fanden, standen wir vor verschlossenen Türen. Dafür stand das Fenster sperrangelweit offen, aber das half uns leider wenig. Wir hätten ja schlecht einfach einsteigen und es uns gemütlich machen können. Die Pfarrerin hätte sich wahrscheinlich gewundert und wir hätten echte Probleme gehabt, die Wägen durchs Fenster zu hieven. Um nicht zu riskieren am Ende im Dunkeln, ohne Bleibe dazustehen, setzten wir unsere Reise in das 4 km entfernte Bad Rappenau fort.

 
reparatur

Das Quietschen und Klappern durfte heute repariert werden.

Unsere Pilgerwagen brauchten heute etwas Pflege

Doch zunächst brauchten unsere Wägen etwas Pflege (auch ohne sie durch ein Fenster gehievt zu haben). Meiner hatte es sich angewöhnt bei jeder noch so kleinen Erschütterung zu klappern und Heikos Wagen hatte sich lautes Quietschen als neues Hobby zugelegt. Das Quietschen konnte mit einer Grundreinigung und etwas Öl beseitigt werden. Das Klappern nicht. Das gab sich dann etwa eine halbe Stunde später von alleine.

Anders als angenommen war Bad Rappenau auch keine kleine Ortschaft, sondern ein Ansehnliches Städtchen. Hier lag das Gemeindehaus mit Pfarrei jedoch direkt neben der Kirche. Als ich das Gemeindehaus betrat, hörte ich sofort einen angeregten Tumult aus einem der Seminarräume. Ich klopfte und fragte nach dem Pfarrer. Ein älterer Herr schickte mich eine Tür weiter, während die Jugendlichen im Hintergrund aufgeregt durcheinander liefen und -riefen.

Eine Tür weiter links hingegen herrschte Totenstille, so dass ich zunächst dachte, der Mann hätte sich geirrt. Als ich dann jedoch durch die Tür blickte, sah ich etwa die gleiche Anzahl an Jugendlichen, die alle mucksmäuschenstill auf ihren Stühlen saßen und ihre Aufmerksamkeit auf den Pfarrer richteten. Dieser erhob sich und kam zur Tür, um mir mitzuteilen, dass er gerade Konfirmandenunterricht gebe und für Jakobspilger daher keine Zeit habe. Ich möge mich aber an die Dame im Büro auf der gegenüberliegenden Seite des Gebäudes wenden. Diese führte mich daraufhin in die Jugendräume im Untergeschoss, wo wir unsere Nacht nun auf bequemen Sofas verbringen dürfen. Falls uns langweilig wird, haben wir außerdem noch einen Kickertisch zur Verfügung.

 

Spruch des Tages: Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.

Tagesetappe: 16,5 km

Gesamtstrecke: 290,87 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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