Tag 378: Via Francigena

///Tag 378: Via Francigena

Tag 378: Via Francigena

Tag 378: Via Francigena

Seit gestern Abend befinden wir uns nun wieder auf einem richtigen Pilgerweg. Klar sind wir auch in den letzten Tagen und Wochen immer wieder dem einen oder anderen Camino ein Stück gefolgt oder zumindest parallel zu ihm gelaufen, doch dies waren immer mehr oder weniger zufällige Begegnungen. Jetzt befinden wir uns auf dem alten Römerweg, der von London bis in die Hauptstadt Italiens führt. Und wir sind wieder mit einem richtigen Pilgerführer ausgestattet, durch den wir wieder etwas mehr über unseren Weg erfahren können, als durch die gelegentlichen Pfeile an den Straßenlaternen. Dafür möchten wir uns zu allererst einmal beim Bergverlag Rother bedanken, dafür dass er uns auch dieses Mal wieder mit dem Reiseführer ausgestattet hat. Unser erster Eindruck vom „Rother Wanderführer Via Francigena“ ist sehr positiv. Der Weg ist gut erklärt und auch die Karten und Höhenprofile sind hilfreich. Es ist schon eine feine Sache, am Morgen einen Überblick darüber zu haben, was einen den Tag über an Steigung so erwartet. Das einzige, was etwas schade ist, ist das Fehlen der Informationen über die kostenlosen Herbergen, die von der Kirche gestellt werden. Sowohl die Malteser in Sarzana von gestern, als auch die kleine Herberge im Keller gegenüber der Kirche in Avenza, in der wir heute übernachten dürfen, blieben im Wanderführer unerwähnt. So bleibt dann aber doch noch ein bisschen Spannung.

Der Weg selbst war um einiges Schöner als die Wanderungen entlang der großen Straßen in den letzten Wochen. Dafür mussten die Wegmarkierer jedoch einiges auf sich nehmen, denn es ist wirklich nicht leicht, hier durchgängige Wanderrouten zu legen, die nicht durch die Hölle führen. So dauerte es keine zwei Minuten nach Verlassen unseres Nachtquartiers, bis der Pilgerweg eine steilen Kopfsteinpflasterstraße hinaufführte, die mit den Pilgerwagen fast unzugänglich war. Der Aufstieg war beschwerlich, wurde aber mit einer schönen Aussicht über das weite Tal belohnt, über das man bis hinauf aufs Meer blicken konnte. Später wurden wir dann noch einige male über kleine Trampelpfade und mitten über grüne Wiesen geschickt, weil es einfach keine Alternativwege gab.

„Wie schön könnte die Welt sein,“ meinte Heiko nach einer Weile, „wenn es eine internationale Vereinbarung gäbe, dass jedes Land mindestens zwei gutausgebaute Fernwanderwege pflegen muss. Einen von Ost nach West und einen von Süd nach Nord. Die Wege müssten natürlich so gelegt sein, dass sie an der Grenze an die Wege des Nachbarlandes anschließen. Überleg dir mal, was das für eine Freiheit wäre! Und was es auch den Ländern bringen würde. Ich glaube, dass es wirklich viele Menschen geben würde, die dann wieder wandern würden. Auch glaube ich, dass die Wege nicht einfach nur einmal durchs Land führen würden, sondern dass jedes Land sie so legen würde, dass sie an den schönsten Orten vorbeiführen würden. Denn jeder will ja Zeigen, was er hat.“

Die Aussage, der Weg verlaufe heute fast ohne Steigung, zeigt deutlich, dass der Wanderführer bereits in Lausanne beginnt und in dieser Etappe schon eine komplette Alpenüberquerung hinter sich hat. Verglichen mit dem was dort schon hinter einem lag, wenn man den Weg komplett gegangen war, waren die Steigungen heute wahrscheinlich wirklich lächerlich. Für uns reichte es aber trotzdem.

Das Wetter spielte uns leider nicht ganz so in die Tasche. Bis zum frühen Nachmittag regnete es in einer Tour durch. Erst als wir anfingen, es uns in unserer Herberge gemütlich zu machen, hörte auch der Regen auf. Wieder einmal typisch.

Avenza ist der größte Stadtteil von Carrara, jener Stadt, die für ihren Marmorabbau berühmt ist. Dementsprechend gibt es hier Marmor wie Sand am Meer. Dass das Gestein andernorts zu den teuersten und edelsten der Welt gehört, lässt sich hier kaum vermuten. Die Brücke, die uns über den kleinen Fluss Carrione zur Kirche führte, bestand komplett aus Marmor und die Uferböschung darunter war mit großen Marmorblöcken befestigt, die einfach achtlos an den Rand des Gewässers geworfen wurden. Am Fluss, den wir einige Kilometer zuvor überquert hatten, hatte man für die selbe Aufgabe alten Betonschutt verwendet. Auch die Bordsteine bestanden zu großem Teil aus Marmor, sowie die Treppen, die Einfassungen von den Beeten, die Bänke in den Parks, die Pflastersteine am Boden. Es war jedoch nicht so, dass dies der Stadt ein besonders edles Ambiente verliehen hätte. Es wirkte eher, als hätte man den Marmor eh über gehabt und musste ihn irgendwo wegschaffen. Teilweise gab es hab verrottete Betonbänke, auf die man einfach eine Marmorplatte gelegt hatte, damit man sich wieder auf sie setzen konnte. Es wirkte fast eher ein bisschen erniedrigend für das teure Gestein.

Wirklich beeindruckend waren aber die Steinbrüche, die man weiß leuchtend zwischen den Häusern hindurch sehen konnte. Es war ein kompletter Berg, der hier abgebaut wurde. Die Steinbrüche waren so unvorstellbar groß, dass ich zunächst nicht glauben konnte, dass es sich dabei überhaupt um Steinbrüche handelte. Ich dachte es seien einfach Klippen, auf denen noch etwas Schnee lag. Doch die Linien der Transportstraßen darin waren absolut eindeutig. Und die Wegweiser mit der Aufschrift „Marmorsteinbruch“ die in besagte Richtung zeigten, stellten auch ein deutliches Indiz dar.

Der Pfarrer von Avenza war ein kleiner, fröhlicher Mann, der sich riesig darüber freute, dass wir aus Nürnberg gestartet waren. Denn dort hatte er als junge Mann selbst einmal gelebt und für 18 Monate gearbeitet. Auch eine Freundin hatte er dort gehabt und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er die Stadt niemals verlassen. Doch leider ging es nicht nach ihm. Das italienische Militär zog ihn ein und hätte ihn in Ketten abgeführt, wenn er sich geweigert hätte. So musste er in seine Heimat zurückkehren und das Mädchen seines Herzens verlassen. Er sagte es nicht direkt, doch es war deutlich, dass diese Erfahrung maßgeblich dazu beigetragen hatte, dass er sich für den Weg als Pfarrer entschieden hatte. Spannend ist auch, dass er noch immer eine Rente von 1€ pro Tag von Deutschland bekommt. Das klingt erst mal nicht viel, aber 30€ im Monat, dafür dass man einmal 18Monate im Ausland gearbeitet hatte, das war kein schlechter Deal.

Spruch des Tages: Alle Wege führen nach Rom! Und dieser ganz besonders.

 

Höhenmeter: 170 m

Tagesetappe: 22

Gesamtstrecke: 6896,87 km

Wetter: Durchgängiger leichter Regen bis zum Nachmittag

Etappenziel: Pilgerherberge Avenza, 54033 Carrara, Italien

Bewertungen:

 
Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

2 Comments

  1. Beate und Carlos 31. January 2015 at 10:47 - Reply

    Hallo Ihr Beiden,
    …..toll !!!!!!!!!
    Geschafft !!!
    Nun habt Ihr endlich die VIA FRANCIGENA erreicht!

Leave A Comment

Translate »