Tag 1125: Zöllibat als Weg der Heilung

Heiko Gärtner
17.02.2017 02:06 Uhr

Fortsetzung von Tag 1124:

In meinem Fall kam jedoch noch etwas anderes hinzu, das die Sache für mich komplexer machte. Das Heroin eine gefährliche und gesundheitsschädliche Droge ist, ist allgemein bekannt und man wird kaum einen Menschen finden, der etwas gegenteiliges behauptet. Bei Sexualität hingegen ist das anders. Es kann etwas sehr heilendes und kraftgebendes sein oder in meinem Fall etwas sehr zerstörerisches. Spannend dabei war, dass es bei Heiko und Heidi eben genau den gegenteiligen Effekt hatte. Bei ihnen war es gerade die Sexualität, die sie näher zu ihrem Sein brachte. Es war der Weg, des Miteinander-Verschmelzens, des Eins-Werdens, der ihre größten Kräfte und ihr volles Potential zum Vorschein brachte. Und weil ich dies wusste, glaubte ich, dass es auch für mich irgendwann, irgendwie etwas positives sein musste. Anstatt also mein Zölibat anzunehmen und die Kraft darin zu entdecken und zu entfalten, suchte ich noch immer nach einem Weg, um für mich doch auch die Sexualität heilsam zu machen. Wieder einmal brauchte ich gefühlte Tage um dahinter zu kommen, wie absurd es war, was ich hier tat.

Ein Sinnbild, das Heiko für mich malte, half mir dabei am meisten: "Stell dir einmal vor, da ist ein grüner Knollenblätterpilz. Für dich ist er tödlich giftig, schon ab einer kleinen Menge und das ist dir auch vollkommen bewusst. Jetzt siehst du aber eine Schnecke, die auf den Pilz zukriecht und einen ordentlichen Bissen davon nimmt. Sie kaut ihn genüsslich und man sieht ihr förmlich an, wie er sie stärkt und energetisiert. Das kann sie, denn für die Schnecke ist der Pilz eine optimale Nahrung. Jetzt kommst du aber auf die Idee, dass der Giftpilz nun auch für dich lecker und kraftbringend sein müsste, weil er es ja für die Schnecke ist. Du willst einfach nicht verstehen, dass du keine Schnecke bist, sondern ein Mensch. Und deshalb versuchst du es immer und immer wieder, ihn von irgendeiner Seite zu essen, in der Hoffnung, dass er dir irgendwann Kraft geben wird. Du hast schon versucht, offen auf ihn zuzugehen und einfach hineinzubeißen, aber das hat dir nicht gut getan. Jetzt versuchst du dich von hinten anzuschleichen und ein wenig am Stiel zu nagen. Aber ein Giftpilz bleibt ein Giftpilz, egal von welcher Seite du ihn isst. Das wird sich nicht verändern!"

Es stimmte. Ich wusste, dass Sexualität mit mir nichts zu tun hatte und doch hatte ich noch immer das Gefühl, dadurch etwas zu verpassen und so versuchte ich unbewusst immer wieder einen Weg zu finden, sie für mich doch noch nutzbar zu machen. Und gleichzeitig sah ich es noch immer als einen Verlust an und nicht als ein Geschenk, durch das ich mich auf einer ganz anderen Ebene entfalten kann. Wir stellten noch einmal die Frage, was ich an der Sexualität überhaupt vermisste und kamen erneut auf ein etwas verstörendes Ergebnis. Weil ich selbst Sex als Rache an meiner Mutter ansah, hatte ich das Gefühl, dass es allen anderen auch so gehen müsste. Wenn ich mitbekam, das jemand Sex hatte und ich nicht, dann war ich also nicht neidisch, weil ich eine positive Erfahrung verpasste, ich war neidisch, weil ich glaubte, dass sich andere an ihren Eltern rächen durften, ich aber nicht. Die Beziehung zwischen Heidi und Heiko war dabei eine Ausnahme, denn hier verstand ich ganz eindeutig, dass es nicht um Rache ging. Und genau das war es, was ich am Ende nicht verstehen konnte. Wie konnte das sein? Um was ging es dann? Es gab vieles, was mir hier Angst machte und daher kam auch immer wieder ein seltsames Gefühl in mir auf. Ich liebte unsere Herde und ich liebte es, wenn wir zu dritt zusammen waren. Aber wenn die beiden für sich waren, dann wollte ich am liebsten nichts davon mitbekommen, weil es irgendein fahles Gefühl in mir auslöste.

Ein Gefühl der Angst vor dem Unbekannten und gleichzeitig das Gefühl, selbst irgendwie falsch zu sein. Anders als bei den beiden, die ihre Schöpferkraft gerade in der gemeinsamen Verschmelzung finden, ist Sexualität in meinem Fall das, was mich am meisten von meinem Erschaffensprozess, von meiner inneren Kraft und meinen Talenten abhält. Und doch hatte ich das Gefühl, dass alle gleich sein müssten. So etwas wie Talente, spezielle Aufgaben und Fähigkeiten, Gaben oder besondere Eigenschaften gibt es nicht. Alle Menschen sind gleich, wollen das gleiche, können das gleiche und brauchen das gleiche. Das war seit Kindesbeinen an eine Überzeugung in mir, die ich bis heute hartnäckig hielt, auch wenn ich nie eine Bestätigung dafür finden konnte. Wieder stellte sich die Frage: Kann es so sein? Kann ich wirklich sicher sein, das alle gleich sind? Oder liegt der Reichtum und die Magie der Welt vielleicht gerade darin, dass jeder Aspekt des Gottbwusstseins einzigartig und damit auch vollkommen anders als alle anderen ist? Ich hatte immer das Gefühl, dass ich so sein müsste, wie die anderen. Wenn jemand etwas hatte, wollte ich es auch haben. Wenn jemand etwas konnte, wollte ich es auch können. Wenn jemand etwas brauchte, glaubte ich, es auch zu brauchen. Aber war das nicht vollkommener Blödsinn? Wenn ich mich auf etwas konzentriere und es visualisiere, kann ich es erschaffen, aber eben nur dann, wenn ich im bewussten Vertrauen die Gedanken in die Wirklichkeit bringe. Bislang habe ich meine Visualisierungskraft aber stets nur für erotische Phantasien genutzt, die ich ganz bewusst nicht wahr werden lassen wollte, weil sie mir Angst machten und ich Leid und Schmerz mit ihnen verband. Somit war Sexualität in meinem Fall das, was mich Blockierte, einengte und von meiner Kraft anhielt. Wenn ich dies nun wusste, war es dann überhaupt etwas Negatives, dass meine verengte Vorhaut schon immer verhindert hatte, dass ich eine erfüllte Sexualität leben konnte? Oder war es viel mehr ein Schutz meines Körpers, der mich davor bewahrte, zu sehr in eine Sucht abzugleiten, die mir nur schadete? War das Trauma, mit dem Revierverlustskonflikt in der Kamillenbadewanne durch meine Mutter überhaupt etwas Negatives? Oder war auch dies nur eine Vorbereitung auf meinen Weg, der keine Strafe und kein Weg des Verzichts sondern viel mehr ein Weg der Erfüllung und des Reichtums war?

Und doch konnte ich auch jetzt noch immer nicht loslassen und das Geschenk des Mönchslebens voller Freude annehmen. Noch immer gab es etwas, das mich davon abhielt. Zum einen war es die Sucht, die noch immer in mir verankert war. Vor allem aber war es die Angst. Angst davor, dem Druckkörper nicht standhalten zu können, wenn ich ihn wirklich annahm. Ich wusste, wenn ich mich ohne Netz und doppelten Boden für den Weg zu meinem Sein entschied, dann kam einiges an Konsequenzen auf mich zu. Ich habe mein Leben lang immer wieder irgendeinen Scheiß gebaut, der mich und andere ins Leid gebracht hat und wenn das geschah, dann war ich den Konsequenzen stets ausgewichen, hatte die Verantwortung abgegeben oder hatte mir eine Ersatzbefriedigung gesucht, wie die Flucht in die sexuelle Phantasie. Was also war, wenn ich nun die Konsequenzen meiner Handlungen, aber auch meiner Gedanken und Überzeugungen komplett selbst tragen musste? Würde ich dem standhalten? War es da nicht besser, doch hin und wieder einmal etwas Druck in einer sexuellen Rachephantasie abbauen zu können? Wieder half mir Heiko mit einigen gezielten Fragen auf die Sprünge. "Wenn alles eins ist, kann es dann überhaupt einen Druckausgleich auf Kosten anderer geben? Oder hast du nicht viel mehr ohnehin schon alles alleine überstanden, nur in dem glauben, es abgegeben zu haben?" Fakt war, dass es keine Handlungen ohne Konsequenzen gab und dass man stets den Druckkörper bekam, den man benötigte. Je weiter man von seinem Weg abkam, desto stärker wurde er, je mehr man ihm nachgab und ihm folgte, desto eher konnte man damit tanzen. Der Unterschied bestand also nicht wirklich darin, dass ich ihm ausweichen konnte oder nicht. er bestand viel mehr in der Frage, ob ich bereit war, die Verantwortung zu übernehmen oder ob ich sie weiterhin nach außen abgeben wollte. Ich war ja ohnehin bereits für alles verantwortlich, was mir passierte, im guten, bzw. angenehmen wie im schlechten, bzw. leidvollen. Nur tat ich so, als wäre dies nicht der Fall. Ich gab die Verantwortung an das Außen ab und glaubte, dass es an den Menschen, der Region, den Umständen oder wem auch immer lag, wenn etwas nicht gut lief. Ich habe also stets andere für alles Unangenehme in meinem Leben verantwortlich gemacht und mir so immer noch mehr Gründe gegeben, warum ich mich rächen sollte. Somit diente alles, was ich aktiv getan habe nicht der Liebesausdehnung und dem Erschaffen, sondern der Rache, also dem Zerstören. Hier war sie wieder, die Enge, die mir nicht zuletzt durch die Vorhaut gespiegelt wurde. Ich fühlte mich klein, machtlos und unfähig, wärend ich meinem Umfeld widerstandslos ausgeliefert war. Zum ersten Mal erkannte ich nun wirklich, dass dies ein Irrtum war. Ich war nicht der kleine unbedeutende Taugenichts, weil mich irgendjemand dazu machte, sondern weil ich mich dafür entschied und weil ich mich selbst so sah. Ich hatte meine Gabe, mein persönliches Geschenk nicht sehen können, weil ich mich stets zu sehr auch meinen Rachefeldzug konzentriert hatte. Was aber, wenn ich nun aufhörte, stets allen anderen die Schuld zu geben und begann, selbst die Verantwortung zu übernehmen? Wenn ich erkannte, dass ich größer war, als ich glaubte und nicht nur für meine eigenen Handlungen verantwortlich war, sondern für alles, was irgendwie in meinem Leben stattfand. Wenn ich in der Lage war, alles bewusst zu Erschaffen und wenn genau darin das Geschenk lag, dass mir mein Leben als Mönch brachte. Der Gedanke machte mir noch immer Angst, weil ich noch immer fürchtete, das Vertrauen zu verlieren und meiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Die Versuchung, dann wieder anderen die Schuld zu geben und meine Gaben erneut zu vergraben war groß, aber zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass es machbar war, einen echten Schritt zu gehen. Der Druckkörper würde mir zeigen, wenn ich vom Weg abkam und außerdem waren ja auch noch Heiko und Heidi da, die mich unterstützen konnten.

Wir beendeten den Abend mit einem Ritual, in dem ich symbolisch die nächsten Heilungsschritte ging. Ich nahm den Druckkörper an, auch wenn ich Angst hatte, nahm ihn auf die Schultern und lud ihn ein, mir meine Ängste zu zeigen und mich stets auf der rechten Spur zu halten. Von diesem Moment an, bis in alle Ewigkeit werde ich ihn bewusst tragen. Mit disem Gefühl konnte ich nun auch die Enge abstreifen um wirklich loszulassen. Ich erkannte, dass es kein Verzicht war, meine Zeit nicht mehr mit destruktiven, sexuellen Phantasien zu verschwenden, die mich krank machen und in einer Schleife der Nichtentwicklung gefangen halten, sondern viel mehr ein Geschenk, da ich de Zeit nun zum Visualisieren nutzen und damit zum Schöpfer und Heiler werden konnte. Der Weg, den ich eingeschlagen habe, ist ein Weg, der mir unglaublich viel eröffnet und der mir mein persönliches Geschenk, meine Gabe mitbringt. Zum ersten Mal erkannte ich meine Schöpferkraft und spürte bewusst, dass ich sie nutzen kann. ein starkes Gefühl des Bedauerns kam in mir auf, darüber, dass ich meine Gabe so lange misachtet und verschmäht hatte. Ich schaute das persönliche Geschenk an, entschuldigte mich bei ihm und bedankte mich aus tiefstem Herzen, dass es noch immer da war und auf mich wartete. Ich versprach ihm, von nun an bei ihm zu sein es anzunehmen und zu leben. Wenn ich Angst bekomme und davon weg will, habe ich nun gute Freunde und den Druckkörper, die mich zu ihm zurück führen. Klar, die Angst wird kommen, und ich werde immer wieder ins Stolpern geraten. Aber ich weiß nun, wohin ich gehe und ich weiß zu einem großen Stück mehr, wer ich bin.

Spruch des Tages: Wenn man den Mut hat, eine Tür zu schließen, entdeckt man hinter einer anderen eine neue Welt.

Höhenmeter: 390 m Tagesetappe: 32 km Gesamtstrecke: 20.584,27 km Wetter: überwiegend bewölkt und kalt Etappenziel: Mehrzweckraum der Gemeinde, 31800 Lodes, Frankreich

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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