Tag 1072: Warum schmerzen Muskeln?

///Tag 1072: Warum schmerzen Muskeln?

Tag 1072: Warum schmerzen Muskeln?

01.12.2014

Bereits beim Aufstehen hatte Heiko starke Schmerzen im Ischias, die einfach nicht verschwinden wollten. Normalerweise wurde es nach den ersten Kilometern beim Wandern immer besser, wenn ihm der Steißbeinbereich weh tat. Es fühlte sich dann ein bisschen so an, als wären die Muskeln eingerostet und müssten erst wieder warm und geschmeidig werden, damit sie richtig funktionierten. Heute aber änderte sich zunächst einmal gar nichts. Es tat einfach weh und das nicht wenig. Wahrscheinlich war die ständige Kälte in den letzten Tagen, kombiniert mit der teilweise doch sehr großen Belastung, die unsere Lendenwirbelsäulen aushalten mussten, einfach ein bisschen zu viel gewesen.

Auf der seelischen Ebene sind Schmerzen in diesem Bereich häufig mit der Angst bzw. dem Glaubenssatz „Ich kann es nicht durchstehen!“ in Verbindung. Auch hier fand Heiko sich gerade in den letzten Wochen häufig wieder, wenn seine Ohren gegen die permanente Lärmbelastung rebellierten. So schön diese Gegend auch auf Fotos und Bildern aussah, so unangenehm war sie oft in der Realität. Nicht, dass es hier nicht schön wäre, das ist es definitiv. Aber man hatte sich wie bereits erwähnt alle Mühe gegeben, alles auf irgendeine Weise zu zerstören und die einst so friedlichen Alpen mit einem Netz aus Lärmquellen zu bedecken. Es gab teilweise kaum noch eine Sekunde, in der nicht irgendwo ein Rauschen, Klappern, Scheppern, Hupen oder Brummen zu hören war. Selbst für mich war das bereits anstrengend, aber für Ohren, die alles dreimal so laut hörten wie normal und die von sich aus bereits Geräusche produzierten, die dann auch noch durch den Lärm verstärkt wurden, war es fast nicht zu ertragen. Kein Wunder also, dass sie immer wieder zu Pfeifen begannen und dass gemeinsam mit dem schrillen Ton auch die alte Angst wieder hoch kam, dieses Kopfklingeln nicht aushalten zu können. Es war bei weitem nicht mehr so stark und überwältigend wie früher, aber es reichte noch immer aus, um eine Wirkung auf den Körper zu erzielen. Hinzu kamen natürlich weitere Ängste, von denen einige auch im Zusammenhang mit dem Aufbau einer heiligen Beziehung zu Heidi in Verbindung standen.

Zunächst einmal blieb ihm jedoch nichts anderes übrig, als den Schmerz anzunehmen und mit ihm zu wandern. Die heutige Tagesetappe führte uns am Thunersee entlang nach Thun. Wieder einmal hatten wir das Timing auf unserer Seite, denn zu jeder anderen Jahreszeit wäre dieser Trip die absolute Hölle geworden. Mit den Pilgerwagen hatten wir keine andere Wahl, als der Uferstraße zu folgen, denn der Jakobsweg schlängelte sich wieder einmal über schmale Pässe bergauf und bergab an den Steilhängen entlang. Auch er hatte lediglich die Aufgabe, von einem Seeufer ans andere zu führen, schaffte es jedoch dabei mehr als 500 Höhenmeter anzuhäufen.

Nicht wenige davon über steile Treppen. Im Sommer und mit Rucksack war es sicher eine tolle strecke, aber bei Minusgraden und mit 60kg Gepäck, die einem am ohnehin schon schmerzenden Rücken hingen, wäre es reiner Selbstmord gewesen. Innerhalb der Saison war die Küstenstraße hier so stark befahren, dass man es keine Minute an ihr ausgehalten hätte. Um diese Zeit jedoch war zumindest auf den ersten 20km nahezu überhaupt nichts los. Hin und wieder kam uns ein LKW mit frisch geschlagenen Steinen entgegen, die aus einem Steinbruch stammten, den man hier wie eine Art Kessel in den Felsen gehauen hatte. Darüber hinaus gab es nur ein paar Einheimische, die das schöne Wetter genießen wollten und daher irgendwo entlang der Küste einen schönen Platz suchten. Die Beatushöhlen, die normalerweise ein beliebtes Touristenziel darstellten, waren geschlossen und ein Teil der Straße war auch noch aufgrund einer Baustelle gesperrt worden. Idealbedingungen also, um die Straße für die meisten Autofahrer unattraktiv zu machen.

Auch heute wurde es ein sonniger und schöner Tag, an dem man das Wandern genießen konnte. Erst kurz vor Thun nahm der Verkehr dann sehr stark zu, doch hier hatten wir dann recht bald die Möglichkeit, auf eine Nebenstraße auszuweichen. Oberhalb der Hauptstraße in einem kleinen, erstaunlich ruhigen Wohnviertel trafen wir eine alte Dame, die gerade mit ihren beiden Enkeln unterwegs war. Der kleinere lag im Kinderwagen und ließ sich spazieren fahren, der größere war bereits voll motiviert als Boby-Car-Fahrer mit dabei. Wir kamen ins Gespräch und irgendwie fiel das Thema dabei auch auf meine Familiensituation. Spannend war, dass sie sich aufgrund eigener Erfahrungen gut in die Elternsituation einfühlen konnte, dabei aber eine völlig andere Meinung vertrat. Ihr Sohn war Paraglider und als Mutter hatte es sie fast um den Verstand gebracht, sich vorzustellen, wie er irgendwo mit einem kleinen Gleitschirm von einem Berg sprang. Für sie war es zunächst nicht nachvollziehbar gewesen, warum ihr Sohn tat, was er tat, doch ihr war klar, dass sie es auch nicht verstehen musste. „Die Kinder gehen immer ihren eigenen Weg, ob uns dies nun passt oder nicht!“ meinte sie, „Aber wenn wir sie davon abhalten oder sie deswegen verurteilen und verstoßen, dann wird irgendwann eine Phase kommen, in der wir dies bereuen!“
Ich weiß noch nicht genau, was mir diese Begegnung spiegeln und zeigen sollte, aber zufällig geschah sie sicher nicht.

Während ich mich in Thun auf die Suche nach einem Schlafplatz machte, setzte sich Heiko auf eine Bank am Rathausplatz, wobei es zu einer weiteren spannenden Begegnung kam. Bereits in den letzten Tagen war uns aufgefallen, dass es hier in der Schweiz erstaunlich viele Natur- und Alternativheilpraxen gibt. Fast jeder kleine Ort hat mindestens ein oder zwei Heilpraktiker und Energietherapeuten, selbst dann, wenn es nicht einmal einen herkömmlichen Arzt gibt. Thun war hier keine Ausnahme und die Dame, die nun auf Heiko zu kam, um ihn über unser Reise zu befragen, war ebenfalls aus dem Metier. Sie war Physiotherapeutin, hatte sich aber auch allerlei andere Heilverfahren angeeignet, die bei schmerzenden Muskeln halfen.

„Du kommst ja wie gerufen!“ meinte Heiko und erzählte von seinem schmerzenden Ischias. Daraufhin entwickelte sich ein Gespräch, bei dem er einiges über Muskeln im allgemeinen und auch über mögliche Heilung oder Linderungen seiner Steißbeinschmerzen erfuhr.
Obwohl es heute kaum noch einen Menschen auf der Welt gibt, dem nicht immer wieder für kurze oder lange Zeit der eine oder andere Muskel schmerzt, hat unsere moderne Medizin kaum eine befriedigende Antwort darauf, woher diese Schmerzen eigentlich kommen. Warum tun unsere Muskeln manchmal weh und manchmal nicht? Viel mehr als „das ist eben so!“ können wir dazu meist nicht sagen. Dabei ist die Antwort gar nicht mal so kompliziert. Ein Muskel schmerzt dann, wenn er überlastet wurde, also mehr leisten musste, als er eigentlich leisten konnte. Bis hier hin ist es also noch ganz einfach. Die Frage ist nur, ab wann ist ein Muskel überlastet und warum? Wenn man Powertraining macht und seine Muskeln dabei an die Leistungsgrenze bringt, spürt man diesen Schmerz häufig als Muskelkater. In diesem Fall weiß man aber meist, was man getan hat und kann die Schmerzen daher gut zuordnen. Oft kommt es jedoch auch vor, dass ein Muskel schmerzt, obwohl man ihn zuvor gar nicht wirklich benutzt hat. Auch dafür gibt es eine einfache und spannende Erklärung.

Wie ja bereits auch die Kinesiologie bestätigt, sind unsere Muskeln sehr stark mit unserer Psyche und unserem Seelen Geflecht verbunden. So wie allein der Gedanke an einen unangenehmen Moment unsere Muskeln schwächt, so können seelische Blockaden oder Traumata auch ganze Muskelgruppen außer Gefecht setzen. Wenn dies passiert kann es bereits bei kleinen körperlichen Bewegungen zu einer Überforderung einzelner Muskeln kommen. Gehen wir der Einfachheit halber mal davon aus, dass wir in jedem Bein 10 Muskelgruppen haben, die dafür sorgen, dass wir gehen, springen und rennen können. Wenn nun aufgrund einer seelischen Blockade 6 von ihnen ausgeschaltet werden, bedeutet dies, dass die übrigen nun mehr als das doppelte leisten müssen. Die sechs blockierten Muskelgruppen hingegen laufen nur mit, ohne aber einen Beitrag zu leisten. Mann kann es sich ein bisschen vorstellen wie bei einem Tandem. Wenn beide Fahrer gleichmäßig treten, teilen sie sich die Anstrengung, so dass jeder entspannt bleiben kann. Beginnt jedoch einer von ihnen, seine Beine nicht mehr aktiv zu bewegen, sondern sie einfach mit den Pedalen herumlaufen zu lassen, hat nun der andere die doppelte Anstrengung und ist damit auch wesentlich schneller aus der Puste.

Wenn wir also Muskelschmerzen bekommen, ohne uns richtig angestrengt zu haben, dann sollten wir uns fragen, welche Blockaden möglicherweise die umliegenden Muskeln außer Gefecht setzen. Spannend ist, dass in diesem Fall nicht der schmerzende Muskel darauf hinweist, wo die Seelenursache zu finden ist, sondern die blockierten, die man gar nicht spürt.

Neben dieser Erklärung gab sie Heiko auch gleich noch ein paar Behandlungstipps mit, die wir gleich am Abend umsetzten. Wichtig dabei war, zunächst einmal die blockierten Muskelgruppen ausfindig zu machen. Hierbei kann einem auch wieder der kinesiologische Muskelfest weiterhelfen. In Heikos Fall gab es zwei Punkte, die miteinander in Verbindung standen. Zum einen den Ischias und zum anderen der Brustwirbel, der mit Beziehungsthemen in Verbindung steht. Zwischen diesen beiden Punkten sollte nun ein energetischer Ausgleich stattfinden. Dazu massierte und beklopfte ich beide Punkte und legte anschließend meine Hände als Energiekanal darauf. Wäre man gut im Fühlen, hätte man nun intuitiv spüren können, was wo hinfließen muss, damit es wieder passt. Leider bin ich darin nicht besonders gut. Deshalb habe ich mich einfach mal dafür entschieden, mich selbst rauszunehmen und alles so fließen zu lassen, wie es fließen will. Am Ende spürten wir beide, dass meine Hände und Heikos Rücken warm wurden und ein klein wenig besser wurde auch der Ischias dabei. Auch wenn ich natürlich gerade noch keine Ahnung habe, was ich da eigentlich gemacht habe.

Nach dem Treffen mit der Muskeltherapeutin lernte Heiko noch einen Soldaten der Schweizer Armee kennen, der ihm eine Tafel Schokolade schenkte. Er gehörte einer Gruppe von rund 500 Soldaten an, die heute hier auf dem Rathausplatz ihr alljährliches Militärfest veranstalteten. Er selbst, wie auch der Rest seiner Einheit waren genaugenommen keine richtigen Soldaten, sondern viel mehr Logistiker, da sie nicht für den Kampf sondern für Versorgung und Organisation zuständig waren. Ihre Militärzeit bestand aus drei Wochen im Jahr und wurde daher häufig scherzhaft „grüner Urlaub“ genannt. Man bekam drei Wochen bezahlten Urlaub, den man bei seiner Einheit verbrachte und kehrte dann ganz normal in seinen Job zurück. Dies Zeit als Soldat bestand aber in der Regel aus einem geselligen Beisammensein, bei dem natürlich auch das Bier nicht fehlen durfte. Das man in dieser Zeit Soldat war, merkte man hauptsächlich daran, dass man eine Uniform trug. Daher auch der Spitzname „Urlaub in Grün“.

Mit der Übergabe der Fahne bei der Feier heute Abend endete nun seine Militärzeit wieder. Und zum krönenden Abschluss seines Dienstes für sein Land, hatte er die ehrenvolle Aufgabe bekommen, Schokolade an Passanten zu verteilen. Wenn so doch nur alle Armeen dieser Welt wären!

In der Zwischenzeit hatte ich zu meinem eigenen Erstaunen schnell und unkompliziert einen Platz für die Nacht aufgetrieben. Nach dem ersten Eindruck von der Stadt hatte ich befürchtet, dass wir uns hier die Zähne ausbeißen würden, doch am Ende konnten wir sogar wieder zwischen einem Seminarraum bei der evangelischen und einem kleinen Pilgerherbergszimmer bei der katholischen Gemeinde wählen. Die evangelische lag hoch oben auf dem höchsten Punkt des Berges, weshalb wir uns für die katholische entschieden.

Spruch des Tages: Man zerstört halt was man kann! (mutmaßliches Motto der Schweizerischen Bauunternehmen)

Höhenmeter: 110 m
Tagesetappe: 43 km
Gesamtstrecke: 19. 606,27 km
Wetter: bewölkt, Temperaturen um 0°C
Etappenziel: privates Jugendzimmer, 1024 Ecublens, Schweiz

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

Schreibe einen Kommentar: