Wandern im Regen

 

Das Wandern im Regen ist nicht sehr vielversprechend

Der gestrige Abend wurde dann doch noch etwas länger als geplant. Bis nach Mitternacht saßen wir mit unseren beiden Gastgebern zusammen und ließen den Abend in gemütlicher Runde ausklingen. Für die beiden Franzosen gab es Wein und Champagner, für uns Wasser und Saft. Dazu Kuchen und eine selbstgemachte Süßigkeit aus etwas, was wahrscheinlich Quittenmarmelade war, oder aus Orangen. Auf jeden Fall war es lecker. Nachdem wir etwas Französisch gelernt und von unserer Reise erzählt hatten, erfuhren wir noch etwas über die wirtschaftliche Lage von Frankreich. Da ahnten wir noch nicht, das der nächste Tag ein Wandern im Regen vorsah.

In letzter Zeit hatte die Arbeitslosigkeit vor allem in dieser Region sehr stark zugenommen. Früher wurde hier hauptsächlich Kohle abgebaut und es gab einiges an Großindustrie. Heute war die Gegend eher arm, da fast alle Firmen abgewandert waren. Daher waren auch unsere Gastgeber nach Lion umgezogen. Dies brachte einige kuriose Umstände mit sich. In Elsas-Lothringen gibt es deutlich weniger Feiertage als in anderen Regionen Frankreichs. Anders als bei uns sind die Feiertage hier aber nicht regions-, sondern firmenabhängig. Da der Hauptsitz von seiner Firma noch immer hier ist, muss unser Gastgeber also auch dann arbeiten, wenn alle seine Nachbarn frei haben. Noch kurioser als diese Regelung sind aber die Französischen Autobahnsteuern. Nachdem die Autobahnen zunächst von den Steuergeldern der Menschen gebaut wurden, hat man sie dann eines Tages privatisiert. Seither gibt es eine Autobahnmaut, die willkürlich von den privaten Firmen festgelegt werden kann. Das bringt zwar den Autobahnen nicht allzu viel, dafür aber den Firmen, die sich so ohne viel Aufwand eine goldene Nase verdienen können. Dann merkte allerdings der Staat, dass er seit der Privatisierung an den Straßen ja gar nichts mehr verdient und so führte er eine Autobahnsteuer ein. Die Bürger dürfen nun also doppelt zahlen!

So sieht der Fernwanderweg beim Wandern im Regen aus

So sieht der Fernwanderweg beim Wandern im Regen aus

So gut wie unsere Nacht war, so wenig vielversprechend war der Morgen. Es regnete bereits als wir aufwachten und es sah nicht so aus, als wollte es jemals wieder aufhören. Zugegeben, man hätte damit rechnen können, wo uns der Wetterbericht eine Regenwahrscheinlichkeit von 80% angekündigt hatte, aber wir hatten es nicht wahrhaben wollen. Auch während des Frühstücks blieben wir optimistisch, dass die Sonne noch durchkommen würde, bis wir fertig waren. Doch die Sonne hatte offenbar komplett verschlafen und so wappneten wir uns mit allen verfügbaren Regensachen für das Wandern im Regen und stellten uns unserem Schicksal.

Wandern bei Dauerregen und Gegenwind ist und bleibt ungemütlich!

Tapfer wie zwei junge Pudel wanderten wir durch die überschwemmten Straßen und ließen uns weder vom Regen noch von der Kälte abschrecken. Ohne jedes Murren ertrugen wir die widrigen Bedingungen und trotzten dem Wind, der uns erbarmungslos ins Gesicht wehte. Dann erreichten wir das Ende der ersten Straße und schon wünschten wir uns, das eben verlassene zu Hause zurück. Mal im Ernst! Da kann man noch so hart und wildniserprobt sein, aber wandern bei Regen und Gegenwind ist und bleibt ungemütlich. Selbst die zwei Tafeln Schokolade, die nach und nach in unseren Mäulern verschwanden, konnten dagegen kaum etwas ausrichten. An dieser Stelle möchten wir übrigens einmal alle Outdoorkleidungs Ladenfachverkäufer grüßen, die uns geraten haben, eine dünne aber winddichte Hose zum Wandern mitzunehmen, da diese vollkommen ausreichen würde. Dieser Tipp ist Blödsinn! Wenn man eine Hose anhat, die so dick ist wie eine Mülltüte, dann hat sie auch in etwa den gleichen Wärmeeffekt. Egal wie winddicht sie ist. Zum ersten Mal seit unserem Reisebeginn, haben wir heute nämlich nicht unsere doppelt gefütterten Winterhosen, sondern nur unsere Regenhosen angehabt um zu vermeiden, das wir vollkommen durchweicht werden. Der Plan ging insofern auf, das wir bis zum Abend trockene Beine hatten. Doch was die Wärme anbelangte mussten wir immer mal wieder an uns herabschauen, um uns daran zu erinnern, dass wir überhaupt Hosen anhatten. Leider aber waren die Regenhosen der einzige Bestandteil unserer Ausrüstung, der den Regendichtigkeitstest für das Wandern im Regen bestanden hat. Unsere Jacken waren am Abend fast vollständig durchweicht und selbst durch die großen Packsäcke war Wasser eingedrungen. Ein trauriges Fazit für Material, dass an sich für deutlich größere Unwetter ausgelegt sein sollte.

Wandern im Dauerregen macht weniger Spaß

Wandern im Dauerregen macht weniger Spaß

Tatsächlich regnete es den ganzen Tag konsequent durch. Es wurde weder stärker noch schwächer und machte keine einzige Pause. Nur der Wind wechselte stetig. Mal blies er von vorne, mal von der Seite. Mal wehte er stärker und mal wehte er noch stärker.

Welches Wetter sollte man sich für seine Wanderungen auswählen? Egal welches Wetter auch ist, viele Outdooraktivitäten locken sportlich ambitionierte in fantastische Gegenden! Hauptsache die richtige Outdoor Kleidung ist mit an Bord. Auch geführte Wanderungen werden in Regen zum einmaligen Erlebnis. Viele Wanderführer bringen den Wanderern die Natur auf ganz besondere Art und Weise näher. Ob man nun die sächsische Schweiz, die Wanderwege Schweinhütt oder ganz NRW beim Wandern erkunden möchte, der Regen ist mit seinen Wanderführern nicht weit entfernt davon.

Ein Kuchen ist kein anständiges Frühstück

Gerade als wir drauf und dran waren, den Tag wegen seines schlechten Geschmacks in Sachen Wetter zu verfluchen, rief eine laute Stimme hinter uns: „Wollen Sie einen Kaffee?“ Erstaunt drehten wir uns um und erblickten eine Frau, die ihren Kopf aus einem Fenster streckte und uns zuwinkte. „Wollt ihr einen Kaffee?“ fragte sie erneut. Und jetzt, wo sie das fragte, war es tatsächlich genau das was wir wollten. Wir stellten unsere Wägen unter ein Vordach und eilten in die warme und vor allem trockene Stube. Unser Wunsch nach Kaffee wurde nun bei genauerer Befragung noch einmal in einen Wunsch nach einer heißen Schokolade abgewandelt und wo wir gerade da waren, gab es noch Baguette mit Spiegeleiern, Käse und Salami dazu. „Ihr habt Kuchen zum Frühstück gegessen? Das ist kein richtiges Frühstück! Da braucht ihr noch etwas Anständiges!“ sagte die Frau uns verschwand in der Küche. Außer ihr waren noch ihre Eltern anwesend, die beide ebenfalls recht gut deutsch sprachen. Ehe wir uns versahen, war schon wieder ein großer Teil des Vormittages rum. Wir waren nun aufgewärmt, satt und wieder trocken. Aber draußen regnete es noch immer und auch wenn es uns schwer fiel, mussten wir früher oder später wieder aufbrechen.

Auch ein Fernwanderweg kann mitten im Feld enden

Die Straßen bestanden nun fast nur noch aus Wasser. Zumindest am Anfang was das Wandern im Regen betraf. Später gesellte sich noch eine respektable Portion Schlamm dazu. Schließlich kamen wir nach Raville und beschlossen, dass dieser Ort ein guter Platz zum Schlafen sei. Der Ort selbst sah das jedoch anders und verweigerte uns jeglichen Kontakt mit Menschen. Wo niemand ist, kann man auch niemanden fragen und so blieb uns nichts anderes übrig, als weiterzupilgern. Der Jakobsweg führte geradewegs über eine alte Asphaltstraße auf das nächste Dorf zu. Nach zwei Kilometern verwandelte sich die Straße dann in einen Fluss. Nach weiteren 500 Metern in eine Schlammpiste und nochmals 200 Meter weiter, endete sie ganz. Jeder der jetzt denkt, dass ein internationaler Fernwanderweg nicht einfach so im nirgendwo mitten auf einem Feld enden kann, der kennt den Jakobsweg schlecht. Wir dachten natürlich das gleiche und sahen uns ungläubig um, ob wir hier irgendetwas verpasst hatten. Das nächste Dorf lag noch immer etwa 2 km Luftlinie entfernt und die konnten wir mit unseren Pilgerwägen unmöglich auf einem komplett durchtränkten Feld überwinden. Also blieb uns nichts anderes als der Rückzug beim Wandern im Regen. Dabei überprüften wir genau, ob wir nicht irgendwo ein Hinweisschild übersehen hatten, aber wir wurden enttäuscht. Die Wegweiser führten tatsächlich genau in die verschlammte Sackgasse.

Wieder in Raville probierten wir eine neue Taktik aus. Wir klingelten bei den Häusern, bei denen wir das Gefühl hatten, dass uns die Menschen vielleicht aufnehmen würden und zeigten ihnen unseren Zettel mit der Bitte um einen Schlafplatz. Diese Taktik funktionierte überraschend viel schlechter, als man vermuten würde. Völlig unerklärlicherweise wollte niemand zwei verschlammte und regendurchnässte Fremde aufnehmen, mit denen man nicht einmal sprechen kann... Komisch, im nachhinein kommt mir die Idee gar nicht mehr ganz so genial vor, wie sie sich in diesem Moment der Nasskälte angefühlt hat.

Ganz erfolglos blieb sie jedoch auch wieder nicht. Ein Bauer, der gerade dabei war alte Abfälle in einem riesigen, stinkenden Feuer zu verbrennen, bot uns einen Schlafplatz in einem alten Schuppen an. Einer seiner Arbeiter führte uns daraufhin in ein dunkles Gemäuer, dessen Boden so voller Müll und Schutt lag, dass man nirgends hintreten konnte, ohne sich den Knöchel zu verstauchen. Damit wir trotzdem einigermaßen eben liegen konnten, brachte er uns dann noch eine große Portion nassen, schimmligen Strohs als Unterlage. Wir sahen uns an und überlegten. Klar, das Angebot war verlockend und die Chancen standen gut, dass wir uns in der Nacht ein paar Ratten für unser Frühstück fangen konnten. Doch der Gemütlichkeitsfaktor dieser Behausung lag noch immer deutlich unter dem einer Bushaltestelle oder eines Zeltes im Wald und so lehnten wir das Angebot schließlich dankend ab.

Extremes wandern - einen Outdoor erprobten hält keine Schlammpiste auf

Extremes wandern - einen Outdoor erprobten hält keine Schlammpiste auf

Wie nutzlos einem das Geld erscheinen kann

Der zweite Erfolg, den wir verzeichnen konnten, bestand in einer weiteren Einladung auf einen Kaffee von einer Frau, die leider keinen Platz für Übernachtungsgäste hatte. Auch der Kaffee war verlockend, aber er hätte unser Schlafplatzproblem nicht gelöst. Im Gegenteil, er hätte dazu geführt, dass wir zweifeldfrei im Dunkeln hätten suchen müssen und das hätte die ganze Angelegenheit nur noch komplizierter gemacht. Wir lehnten also auch dieses Angebot dankend ab und wandten uns zum gehen. Sie bat uns jedoch noch eine Minute zu warten, verschwand in der Tür und kam kurz darauf mit einem 10 € Schein zurück, den sie uns schenkte. Es war eine super liebe Geste und wir freuten uns riesig, aber gleichzeitig wirkte es auch ein bisschen paradox. Später würde uns das Geld mit Sicherheit einmal weiterhelfen, doch in diesem Moment befanden wir uns in einem Dorf, in dem es keine Hotels oder Herbergen gab. So wertvoll Geld in unserer Gesellschaft normalerweise ist, so nutzlos erschien es uns in diesem Moment. Es war weder wasserdicht noch groß genug um sich damit zuzudecken und es erhöhte auch nicht unsere Chance einen Menschen zu finden beim Wandern im Regen, der uns aufnahm.

Da Raville offenbar keinen Platz für uns hatte verließen wir das Dorf und gingen entlang der Hauptstraße in Richtung Metz. Der nächste Ort war nicht weit entfernt und so starteten wir kurze Zeit später, unseren letzten Versuch. „Wenn wir hier nichts finden, dann bauen wir auf einer Wiese unser Zelt auf!“ sagten wir uns und marschierten schnurstracks auf eine Frau zu, die gerade mit einer Katze an der Leine Gassi ging. Sie war zwar irgendwie ulkig, konnte uns aber nicht helfen. Der junge Mann, der nur auf der Durchreise war und eigentlich in Metz wohnte, auch nicht. Ebenso wenig die Frau, die gerade vom Einkaufen zurückgekommen war und uns für verrückt hielt.

Die Hoffnung kommt zuletzt

Und dann, als wir wieder einmal jede Hoffnung aufgegeben hatten, klappte es doch noch nach unserem Tag beim Wandern im Dauerregen. Wir entdeckten einen Mann, einen Jungen und eine junge Frau, die gerade von der Jagd zurückkamen. Sie sahen freundlich aus und sie wussten was es bedeutete, einen ganzen Tag im Regen zu verbringen. Als wir sie fragten und ihnen unseren Zettel zeigten, erzählte uns der Mann, dass sein Vater ebenfalls nach Santiago wanderte. Zunächst boten sie uns an, unser Zelt in ihrem Garten aufzustellen. Später  bekamen wir sogar ein Gästezimmer und ein warmes Abendessen. Der Mann, der sich als Sylvain vorstellte lebte zusammen mit seiner Mutter Agnes, seinem Vater Roland und seinem Sohn. Siylvain und Agnes sprachen in etwa so gut Deutsch wie wir Französisch, aber es reichte für eine erste Verständigung. Dann holten wir uns wieder den Google-Translater zur Hilfe und so konnten wir sogar ein richtiges Gespräch führen.

Nach dem Essen vergrößerte sich unsere Runde sogar noch um vier weitere Personen. Sylvains Bruder kam mit seiner Frau, seiner Tochter Manon und seinem Sohn zu besuch. Manon sprach fließend Spanisch und so wurden wir dazu auserkoren für alle anderen zu dolmetschen. Es wurde eine gesellige und lebhafte Runde, die uns viel Freude bereitete.

So schnell konnte es manchmal gehen. In einem Moment steht man noch beim Wandern im Regen und im nächsten ist man teil einer kleinen Familienfeier.

Spruch des Tages: Wer Sonne im Herzen trägt ist nicht vom Wetter abhängig!  (Anja Wagner)

Tagesetappe: 18,5 km

Gesamtstrecke: 669,27 km

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