Tag 5: Auf und Ab

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Tag 5: Auf und Ab

Tag 5: Auf und Ab

Heute bekamen wir schon mal einen ersten Eindruck davon, wie es ist mit dem Pilgerwagen im Gebirge unterwegs zu sein. Um dem Jakobsweg einen gewissen Abwechslungsreichtum zu verpassen, hat man ihn auf jeden Berg und durch jedes Tal geführt, das es in dieser Gegend gibt. Von Heilsbronn, wo wir uns nach einem gemeinsamen Frühstück vom Uli verabschiedeten, ging es über Großhaslach, Reckersdorf und Forst nach Weihenzell. Eine Dame die wir unterwegs trafen und die ein Stück durch den Walt neben uns her nordic-walkte, warnte uns bereits, dass die Gegend immer hügeliger werden würde. Damit hatte sie nicht untertrieben. Bereits nach den ersten paar Kilometern waren wir so nass geschwitzt, als hätten wir in voller Montur geduscht. Der schlammige Boden, in dem die Reifen unserer Pilgerwagen zum Teil zentimeterweit einsanken, machte die ganze Geschichte dabei nicht wirklich besser. Schließlich kamen wir sogar an einen Streckenabschnitt, der so voller Wurzeln, Steinen und Schlaglöchern war, dass wir die Wägen abhängen und vorsichtig über die Hindernisse bougieren mussten. Ben hatte also recht gehabt, als er sagte, dass man mit den Wägen 97% aller Wege gut befahren kann. Trotz aller Strapazen war die Landschaft heute bei weitem schöner und idyllischer als in den letzten Tagen. Gegen Mittag machten wir dann eine Rast an einem Friedhof auf einer Anhöhe und feierten das Überschreiten unserer 100km-Marke. Es ist ein gutes Gefühl, schonmal 100 Kilometer geschafft zu haben. Irgendwie fühlt es sich jetzt nicht mehr nach einem absoluten Anfang an, sondern so, als hätte man schon einiges geschafft. Dennoch wanderte unsere Stimmung auch heute wieder genauso steil auf und ab, wie der Jakobsweg auf den Hügelkämmen. Immer wieder spürten wir ein Gefühl der Freiheit und der Lebendigkeit auf dem Weg. Aber genauso oft kamen auch wieder Ängste, Zweifel und Anfälle von Melancholie, Traurigkeit und Gereiztheit auf. Doch der Weg wird immer mehr zu unserem Freund und beschenkt uns mit vielen sehr herzlichen Begegnungen. Gerade als wir schnaufend wie zwei alte Dampflokomotiven den Gipfel einer Anhöhe erreicht hatten, kamen zwei Frauen auf uns zu, die uns interessiert fragten, ob wir Pilger seien. Als wir bejahten, waren sie so begeistert, dass sie fast vor Freude in die Luft gesprungen wären. Sie erzählten uns, dass sie am Vortag den Film „Die Pilgerin“ gesehen hätten und sich schon seit Ewigkeiten wünschten, einmal echten Pilgern zu begegnen. Ihre Begeisterung und ihre Freude sprangen sofort auf uns über, wenn auch nur bis zu dem Moment, an dem wir am Fuße des nächsten Anstieges standen.

Als wir Weihenzell erreichten, erfuhren wir, dass der Pfarrer zur Verabschiedung des Landesbischofs nach Ansbach gefahren war und dass wir hier keinen aus der Gemeinde antreffen würden. Also machten wir uns auf um ins nächstgelegene Wernsbach zu wandern und dort unser Glück zu versuchen. Auch wenn wir noch nicht viele Kilometer zurückgelegt hatten, hatten uns die Höhenmeter doch schon ordentlich geschafft. Auch in Wernsbach trafen wir keinen Pfarrer an. Wie ich später erfuhr war er aber nicht nach Ansbach gefahren, sondern hatte sich an seinem ersten freien Tag nach dem Weihnachts-, Silvester- und Heilig-Drei-König-Trubel aufs Ohr gehauen. Er hatte unser Klingeln zwar unterbewusst wahrgenommen, aber beschlossen, dass es ihn heute mal nichts anginge. Wir hingegen beschlossen, dass wir die Zeit bis zu seiner vermeintlichen Rückkehr mit der Nahrungssuche verbringen sollten. In Weihenzell hatten wir eine Mango und eine Honigmelone im Container eines Supermarktes aufgetrieben, aber für ein Abendessen reichte das noch nicht. Wir folgten unserem Bauchgefühl und klingelten an der Tür zu einem Bauernhaus. Eine freundliche Frau und ihre Tochter öffneten uns und luden uns nach unserer Erklährung zu unserer Reise auf einen Kaffe und eine Brotzeit ein. Wir verbrachten den Rest des Nachmittages bei der Familie und hatten bei guten Gesprächen die Gelegenheit, unsere geschundenen Glieder wieder etwas zu entspannen. Abends versuchten wir es dann noch einmal beim Pfarrer, der uns den Gemeindesaal als Schlafplatz anbot. Er lud uns außerdem auf ein Bier in die Kneipe gegenüber ein, wo er mir später von seinem Entspannungstag berichtete. Er erzählte auch, dass er nicht nur Pfarrer, sondern darüber hinaus Seelsorger in der Palliativstation des Krankenhauses war. Auch er berichtete uns von den gleichen Problemen, im Medizinwesen, die wir bereits von anderen Stellen gehört haben. Obwohl er und die Schwestern sich seit dreißig Jahren immer gleichgut um die Patienten kümmern, wurde vor kurzen eine Qualitätssicherung eingeführt, die jeden Mitarbeiter verpflichtet, alles nicht nur einmal sondern dreimal zu dokumentieren. Das Ergebnis davon ist natürlich keine bessere Pflege, sondern mehr Stress für alle Mitarbeiter und weniger Zeit für die Patienten. Dafür werden dann aber als Ausgleich auch noch ein paar Gelder eingekürzt….

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Zum Abschluss erzählte er noch eine kurze Anekdote über den Jakobsweg in dieser Gegend. Er wurde erst vor einiger Zeit wiederentdeckt und von einem Vorgänger von Ulli bekannt gemacht. Es gab allerdings große Zweifel daran, dass der Weg eine Stadt wie Ansbach ausgelassen hatte und stattdessen hier oben herum führte. Doch als sich die Ansbacher Gemeinden beschwerten, war der Weg bereits als Pilgerweg anerkannt.

Spruch des Tages: Wo es bergauf geht, geht es auch wieder bergab.

Tagesetappe: 18,5km

Gesamtstrecke: 111,37km

 

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2019-03-12T01:32:34+00:00 Deutschland, Tagesberichte|

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