Tag 1464 bis 1467: Wandern in Lothringen

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Tag 1464 bis 1467: Wandern in Lothringen

14.11.2017

Muntere Nacht, müder Morgen

Meine Nacht war seit langem mal wieder produktiv und ich war fit genug, sie ohne Verschlafen oder Erstarren zu durchleben. Ich war schon richtig stolz auf mich, doch dann schaffte es mein Trägheits-und-Bequemlichkeits-Ich, mich doch noch einmal zu überlisten. Die letzte Viertelstunde vom Aufstehen wollte ich nur noch einen Text korrigieren und weil mein Zimmer über Nacht recht stark heruntergekühlt war, kuschelte ich mich dafür in mein Bettchen. Das ging zunächst auch gut, aber nachdem um 15 Nach Acht der Wecker klingelte machte ich den guten alten Anfängerfehler und stand nicht sofort auf. „Nur den einen Satz noch lesen!“ Dachte ich mir, fing damit an und war wieder in Trance-Zustand erstarrt noch ehe ich ihn beendet hatte. Auf diese Weise holte sich mein Trägheits-Ich dann doch noch seinen Triumph ab, genau in dem Moment, in dem ich dachte, für diese Nacht gewonnen zu haben.

Nicht gerade das Versicherungsbüro des Vertrauens

Nicht gerade das Versicherungsbüro des Vertrauens

Erwachen tat ich erst, als Heiko vor mir stand, der inzwischen gemerkt hatte, dass ich ihn nicht wecken kam. Es war bereits Viertel vor Neun und wir hatten weder gepackt noch gefrühstückt.

Laute, kalte Herbstwelt

Draußen herrschte finsterer Nebel und für einen kurzen Moment begann es sogar wieder zu regnen. Doch es machte keine Anstalten, wieder zu einem Dauerregen zu werden. Stattdessen wurde es einfach kalt, nass und ungemütlich.

Am Ufer reihen sich die verlassenen und verfallenen Fabrikhallen auf

Am Ufer reihen sich die verlassenen und verfallenen Fabrikhallen auf

Wir befanden uns nun nur noch etwa 30km von Nancy entfernt und an sich hätte man meinen können, dass der Rdweg hier am besten ausgebaut ist. Doch das Gegenteil war der Fall. Nicht nur, dass wir fast permanent direkt neben der Schnellstraße entlang geleitet wurden, der Weg selbst verwandelte sich auch von einem gut ausgebauten Radweg zu einem nahezu unzugänglichen Trampelpfad. Teilweise wanderten wir dabei durch eine zentimeterdicke Laubschicht. Das machte das Wandern nicht unbedingt leichter, erhöhte dafür aber die Herbststimmung, die durch den Nebel ohnehin schon auf dem Höhepunkt war. Nur den Ohren gönnte man mal wieder nichts zum Genießen. Der Verkehrslärm wollte nicht abklingen und wenn es wirklich mal einen Moment ruhiger war, kamen sofort die Flugzeuge auf den Plan, die über unseren Köpfen hinwegrauschten. Gab es schon immer überall so viele Flugzeuge? Ich kann es mir kaum vorstellen.

Wo ist die Idylle, die wir in Frankreich so geliebt haben?

Wo ist die Idylle, die wir in Frankreich so geliebt haben?

Wo ist das Lothringen, das wir lieben?

Auch insgesamt scheint die Welt seltsam verändert zu sein, so sehr sogar, dass wir sie kaum wieder erkennen. Als wir vor knapp vier Jahren das erste Mal nach Lothringen kamen, waren wir begeistert von der Landschaft wie auch von der Freundlichkeit der Menschen. Wohin wir auch kamen, wurden wir gegrüßt, beschenkt und eingeladen, obwohl wir nicht einmal ein einziges Wort Französisch konnten. An einem trüben Regentag hatte man uns verschlammt und verdreckt wie wir waren einfach von der Straße weg auf einen Tee vor dem prasselnden Kaminfeuer eingeladen. Nur weil man uns am Fenster hatte vorbeigehen sehen. Nun konnten wir im Jahrhundertregen und im heftigsten Hagelschauer des Jahres an einer Tür klingeln und bekamen als einzige Reaktion, dass man innen das Licht ausschaltete um so zu tun, als wäre man nicht daheim. Früher war ich mit einem knittrigen Zettel auf die erstbeste Person im Ort zugegangen und wurde von ihr zum Bürgermeister und von ihm zu einem Schlafplatz geleitet, ohne auch nur einen Satz sagen zu müssen. Heute hatten wir eine Presse-Mappe die sogar aktuelle Zeitungsberichte aus der Region enthielt und konnten unser Projekt bis ins Detail genau beschreiben. Dafür aber bekamen wir Reaktionen wie heute von einem stellvertretenden Bürgermeister, der einfach wieder auflegte, noch ehe ich überhaupt etwas erklären konnte. Ich rief natürlich sofort wieder an und machte klar, dass ich es nicht in Ordnung fand, wenn ich einen Bürgermeister über eine offiziell am Rathaus angepinnte Nummer anrief und daraufhin einfach abgewürgt wurde. Doch der Mann zeigte sich unberührt und legte gleich wieder auf. Auch ein dritter versuch änderte daran nichts, abgesehen davon vielleicht, dass ich bei dem kurzen aber hitzigen Gespräch etwas Frust abbauen konnte.

Die französische Bank Credite Agricole

Die französische Bank Credite Agricole

Wenn man alles noch einmal zusammenfasst und wirklich ehrlich beobachtet, dann wirkt es nicht, als wäre dies mit normalen Umständen und Veränderungen erklärbar. Seit unserem ersten Besuch waren keine vier Jahre vergangen und es war schwer vorstellbar, dass ein Volk vom offenherzigsten und freundlichsten in Europa in so kurzer Zeit zu einem Volk der Miesmuffel und Griesgrame mutiert. Viel mehr hatten wir das Gefühl, dass wir es waren, die den Unterschied ausmachten. Fast so, als trügen wir gerade eine Traumblase mit uns herum, die uns eine unfreundliche und abweisende Welt zeigt, weil es gerade Teil unseres Prozesses ist, diese Überzeugungen abzubauen.

Salle de´l´Ecolle. der alte Schulsaal.

Salle de´l´Ecolle. der alte Schulsaal.

Das gleiche gilt auch für den Geräuschpegel. Es ist einfach nicht nachvollziehbar, warum es plötzlich keinen Raum mehr geben darf, in dem so etwas wie Stille herrscht. Heute beispielsweise bekamen wir vom Rathaus einen schönen, neuen Saal, der gerade erst eingeweiht worden war. Er war warm, hell und rundum angenehm, wären da nicht die zwei Belüfungsanlagen gewesen, die permanent kalte Luft von außen in den Raum bliesen und an einer anderen Stelle wieder absaugten. Gemeinsam erzeugten sie ein Hintergrundrauschen, das in etwa dem eines laufenden Geschirrspühlers entsprach. Wie sollte man sich damit in einem Raum wohl fühlen? Wie sollte man damit zur Ruhe kommen?

Genau das waren die Fragen, um die es gerade ging: Wie kann man in einer Welt voller Störungen, Ablenkungen und Verführungen seinen Fokus halten und entspannt im eignen Rhythmus seinen Lebensweg voranschreiten? Wie also könnte uns das Universum ein noch deutlicheres Übungsfeld geben?

Noch etwas mehr verfallene Industrie

Noch etwas mehr verfallene Industrie

Spruch des Tages: Das ist nicht das Lothringen, das wir kennen.

Höhenmeter 15m / 13m / 15m / 11m

Tagesetappe: 14km / 16km / 12km / 14km

Gesamtstrecke: 27.544 ,27km

Wetter: Kälte, gelegentliche Schauer, reichlich Wind

Etappenziel 1: Jugend-Gästezimmer der Katholischen Kirche, Leer (Ostfriesland), Deutschland

Etappenziel 2: Evangelisches Gemeindehaus, Mittegroßefehn, Deutschland

Etappenziel 3: Gästezimmer der katholischen Kirchengemeinde, Blomberg, Deutschland

Etappenziel 4: „Haus am Hafen“, Neuharlingersiel, Deutschland

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