Tag 1576 bis 1579: Wandern in Norddeutschland

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Tag 1576 bis 1579: Wandern in Norddeutschland

Tag 1576 bis 1579: Wandern in Norddeutschland

7.-11.01.2018

Hilfe ist Ehrensache

Nach unseren eher gemischten Erfahrungen in Holland haben wir uns so richtig darauf gefreut, wieder in unser Heimatland zurückzukehren. Langsam müssen wir jedoch zugeben, dass auch Deutschland weit davon entfernt ist, ein geheiligtes Land für Wanderer zu sein. Das Problem bei uns ist einfach, dass wir verglichen mit vielen anderen europäischen Ländern eine überdurchschnittlich Hohe Bevölkerungsdichte haben. Nur zum Vergleich. Pro Quadratkilometer leben in Frankreich rund 80 Menschen, in Deutschland hingegen 250. Das macht sich vor allem dadurch bemerkbar, dass man selbst auf den schönsten Wanderwegen nahezu immer in der Nähe einer größeren Straße oder Autobahn ist. Wirkliche Ruhe gibt es daher so gut wie nie und nach unserer langen Zeit in Frankreich ist dies nun besonders auffällig.

Ein häufiges Bild im Norden Deutschlands: Windräder und Agrarflächen.

Ein häufiges Bild im Norden Deutschlands: Windräder und Agrarflächen.

Dennoch hat Deutschland auch viele Vorteile, denn anders als in vielen andren Ländern ist das Leben und Reisen ohne Geld hier ein regelrechtes Kinderspiel. Das liegt vor allem daran, dass es für fast alles eine Regelung gibt. In Deutschland scheint es eine Art Ehrenkodex zu geben, der besagt, dass man niemanden verhungern oder erfrieren lässt. Das mag jetzt vielleicht für viele wie eine Selbstverständlichkeit klingen, aber das ist es ganz und gar nicht. Wenn ihr nun sagt, dass dies doch ganz normal sei, dann bestätigt ihr vor allem diese These. Denn wir Deutschen haben wirklich das Gefühl, dass es unsere Menschenpflicht ist, anderen Menschen zumindest ein Grundmaß an Hilfsbereitschaft zukommen zu lassen. Das heißt nicht, dass wir deshalb freundlich sein müssen oder gerne helfen. Wir sind vielleicht sogar die einzige Nation in Europa, in der man Menschen findet, die einen gleichzeitig unterstützen und verachten können. Die Regel ist eigentlich eher, dass man jemandem hilft, weil es einem gerade Freude macht, oder weil man ihn sympathisch findet.

Eine kleine Landkapelle

Eine kleine Landkapelle

Nahe der Heimat

Beim Blick auf die Karte ist mir aufgefallen, dass wir nun gerade noch rund 150km von meiner früheren Heimat entfernt sind. So nah an „zuhause“ war ich seit meiner Abreise vor vier Jahren nicht mehr. Ich muss zugeben, dass es sich komisch anfühlt und das nicht auf positive Weise. Alles scheint im Moment verrückt zu spielen, so als spürte das ganze Universum, dass es beim Gedanken an meine alte Heimat noch immer in mir brodelt wie bei einem Vulkanausbruch. Seit Tagen nun foppt uns das Wetter mit einem kalten und heftigen Sturm, der einen sofort wieder ins Haus zurück treibt. Heiko fragte vorhin, ob das hier früher schon immer so war und ich musste tatsächlich eine Weile überlegen. An das Gefühl, permanent Gegenwind zu haben, egal in welche Richtung ich gehe, konnte ich mich erinnern, aber nicht daran, dass einem ein permanenter Eissturm vollkommen die Lust am Draußen Sein nahm. Woran ich mich aber sehr wohl erinnerte waren die endlosen Felder und das fast vollständig Fehlen jeglicher Besonderheiten im Umfeld. Warum ich schon als kleines Kind immer in die Welt hinausziehen wollte, verstand ich nun auch wieder. Wer hier aufwuchs, dem musste einfach klar werden, dass dies noch nicht alles gewesen sein konnte.

So ein geräumiges Wohnmobil kommt unseren Vorstellungen für ein Begleitfahrzeug schon recht nahe.

So ein geräumiges Wohnmobil kommt unseren Vorstellungen für ein Begleitfahrzeug schon recht nahe.

Jetzt wo ich wieder hier war spürte ich, dass mich nichts mehr mit dieser Region der Welt verband. Im Gegenteil hatte ich eher das Gefühl, hier besonders kraftlos und unkontrolliert zu sein, so dass mir das Einhalten von wichtigen Routinen noch schwerer fiel als sonst.

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Atomkraft in der Nachbarschaft

Was mir bislang auch nicht bewusst war ist die Tatsache, dass es von meiner früheren Haustür aus gerade einmal 150km bis zum nächsten Atomkraftwerk waren. Klar gab es diese Dinger überall in Deutschland, aber ich hätte nicht gedacht, dass wir sogar im inneren Gefahrenradius wohnten. Für mich hatte dies immer so weit weg gewirkt.

Der Maarktplatz

Der Maarktplatz

Lingen an der Ems, ein Ort auf unserem Weg, hat aber sogar gleich drei Kraftwerke nebeneinander. Zwei davon sind Atomkraftwerke, eines ist ein Erdgaskraftwerk. Heute ist nur noch eines der Kernkraftwerke aktiv, was aber natürlich nicht heißt, dass im zweiten nicht noch immer Brennstäbe herumliegen, die langsam abklingen müssen, bevor sie wirklich unschädlich werden.

Spannend war aber vor allem, dass es auch hier, genau wie in Frankreich, rings um das Kernkraftwerk von Landschafts- und Naturschutzflächen nur so wimmelte. Auch Naherholungsgebiete gibt es und das obwohl Lingen eine unscheinbare kleine Stadt ist. Es scheint fast, als gäbe es hier ein Muster, mit dem die Aufmerksamkeit der Menschen von den Kraftwerken abgelenkt werden soll.

Ein Krafteerk zur Stromgewinnung

Ein Krafteerk zur Stromgewinnung

Ab in den Norden

Unser Weg führte uns zunächst durch das Münsterland, das wir uns ehrlich gesagt etwas idyllischer vorgestellt hatten. Später folgten wir der Ems dann teilweise auf der Deutschen und teilweise auf der Holländischen Seite in Richtung Norden, wo auf Ostfriesland zusteuerten um herauszufinden, was die Deutsche Nordseeküste im Vergleich zu den anderen Küstengebieten in Europa so zu bieten hatte.

Spruch des Tages: Nur weil man an einem Ort aufgewachsen ist, muss dies noch nicht die eigene Heimat sein.

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Höhenmeter 150m / 140m / 90m / 240m

Tagesetappe: 32km / 25km / 29km / 18km

Gesamtstrecke: 29.455,27km

Wetter: Überwiegend sonnig, Schneeschmelze bricht herein, viele Wege noch unpassierbar aufgrund der Schneemassen

Etappenziel Tag 1576: Private Gästehütte, Tufsingdal, Norwegen

Etappenziel Tag 1577: Private Gästezimmer, Narbuvoll, Norwegen

Etappenziel Tag 1578: Ferienhütte auf dem Campingplatz, Os, Norwegen

Etappenziel Tag 1579: Privates Gästezimmer, Röros, Norwegen

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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