Tag 9: Unendliche Vorgärten

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Tag 9: Unendliche Vorgärten

Tag 9: Unendliche Vorgärten

Das Wandern wird nun langsam zur Routine. Es fühlt sich nicht mehr wie ein Urlaub an, sondern wird immer mehr zu einer Art Alltag. Nur cooler! Unsere Füße traben gemütlich über die Straßen dahin und langsam haben sie einen Rhythmus gefunden, der zu ihnen passt. Wenn es auf die 20km-Marke zugehen spüren wir noch immer deutlich, dass sie mit jedem Schritt platter und ausgelaugter werden, aber wir merken auch, dass unser Körper langsam Muskeln und Kondition ausbildet. Ganz offensichtlich hat er auch langsam eingesehen, dass wir es mit dem Wandern ernst meinen und ihn nicht nur kurz Gassi führen, bevor er wieder für Stunden am Computer hocken darf.

Heute morgen haben wir von der Pfarrersfrau in Schorzberg vor unserer Abreise noch ein Frühstück bekommen. Beide, sie und der Pfarrer, waren unglaublich hilfsbereit und zuvorkommend. Auch das Frühstück war ganz hervorragend. Trotzdem war die Atmosphäre etwas eigenartig. Irgendwie ein bisschen unterkühlt und distanziert. Sonst haben wir immer sehr tiefe und bereichernde Gespräche mit unseren Gastgebern geführt, aber diesmal haben wir eigentlich gar nichts über sie erfahren. Ein bisschen ist es schade, denn das was wir von ihnen mitbekommen haben, erweckte den Eindruck, als wären es wirklich liebe und interessante Menschen. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch gestehen, dass wir uns auf dem Weg nach Schrotzberg gewünscht hatten, den Abend in Ruhe für uns alleine verbringen zu können, um weiter am Blog zu arbeiten und um uns um Heikos Ohren und unsere verspannten Rücken kümmern zu können. Wir hatten also wieder genau das bekommen, was wir uns gewünscht hatten. Komisch, dass so eine Wunscherfüllung trotzdem manchmal ein Gefühl der Enttäuschung auslösen kann…

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Gestern haben wir übrigens noch zwei Jakobspilger getroffen. Die ersten Pilger, denen wir auf unserer Reise begegnet sind. Sie hatten den Weg von Speyer nach Rothenburg ob der Tauber zurückgelegt und waren gerade an ihrem Ziel angekommen. Einer von ihnen bot uns sogar einen Schlafplatz an, wenn wir in Speyer ankommen. Der Austausch mit den beiden steigerte auch unsere Begeisterung für´s Wandern nochmal um bedeutend. Irgendwie haben solche Gespräche mit Jakopspilgern aber immer auch so einen Touch von Ego-Vergleich. „ich bin schon diese Wege gegangen und du?“ Es fühlt sich ein bisschen so an, wie diese alten Quartettspiele mit den Feuerwehrautos: „Mein Auto hat 230PS, Stich!“ Wir haben uns selbst auch dabei ertappt, wie wir sofort darauf eingestiegen sind. Dabei geht ja jeder seinen eigenen Weg aus den eigenen Gründen.

Bis auf einen kleinen Actionteil war unser Weg heute sehr angenehm. Die meiste Zeit ging es geradeaus und fast alle Wege waren so gut befestigt, dass wir unsere Wägen kaum spürten. Eine Passage jedoch hatte es wirklich in sich. Sie führte auf einer alten Rüttegasse quer durch einen Wald und war so verschlammt, dass wir zum Teil knöcheltief einsanken. Meine Schuhe hatten bereits nach den ersten zwei Schritten die Farbe des Schlamms angenommen und nach rund fünf Metern schwappte der erste Schwall eiskaltes Schlammwasser über die Oberkannte ins Innere. Meine Füße freute das gar nicht. Auch der Wagen war nicht allzu erfreut über den Morast, durch den wir ihn zogen. Einmal währe er um ein Haar gekippt und hätte unsere ganze Ausrüstung ins braune Moor geworfen. Zum Glück konnten wir ihn mit einem gekonnten Griff nach hinten gerade noch aufhalten. Das deprimierendste an der ganzen Geschichte war jedoch, dass wir am Ende der Schlammwüste wieder auf exakt den gleichen Fahrradweg trafen, von dem sich der Jakobsweg zuvor getrennt hatte. Wir hätten uns die Passage also ohne Probleme sparen können!

Auch heute führte uns unsere Wanderung fast ausschließlich durch Agrarflächen. Die Felder ersteckten sich zum Teil bis zum Horizont. Auf den einundzwanzig Kilometern unserer Tagesetappe kamen wir gerade einmal an 5 Dörfern vorbei, von denen das Größte 1000 Einwohner hatte. Keiner von uns hätte gedacht, dass es in Deutschland noch so große Bereiche mit so dünner Besiedelung gibt. Die Ausmaße der enormen Mengen an Nahrung die unsere Bevölkerung verbraucht, sind uns nie so bewusst vor Augen geführt worden wie heute. Das paradoxe an der Sache ist jedoch, dass wir diese Feldflächen gemeinhin als Natur betrachten. Immerhin sind es keine Städte und es sind ja Pflanzen darauf. Doch mit Natur hat diese Landschaft so wenig zu tun, wie Massentierhaltung mit artgerechter Lebensweise. Die „Wildnis“ in Deutschland ist ein Vorgarten geworden! Ein gewaltiger Vorgarten, mit Ausmaßen die man sich nur dann wirklich vorstellen kann, wenn man über Stunden und Tage durch sie hindurchwandert.

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Am Nachmittag kamen wir dann nach Mulfingen. Hier änderte sich die Landschaft dann nochmal ein wenig. Zwar ist auch hier fast alles von Feldern übersäht, aber der Ort liegt in einem langgezogenen Tal durch dessen Mitte sich ein kleiner Fluss schlängelt. Hier fragten wir diesmal an der katholischen Pfarrei nach einem Schlafplatz. Dabei lernten wir Elisabeth und Franz kennen, die uns zu sich nach Hause einluden.

Spruch des Tages: Die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind keine Dinge

Tagesetappe: 21 km

Gesamtstrecke: 199,37km

 

Bewertungen:

 
51
2019-03-12T06:03:56+00:00 Deutschland, Tagesberichte|

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2 Comments

  1. Christoph Heymann 11. Januar 2014 at 18:06 - Reply

    hallo ihr beiden, seid ihr über le puy diesmal unterwegs, ich hab zwei ganz gute donativos hinter moissac für euch. grüsse und gute reise

    • info@naturspirit.de 11. Januar 2014 at 19:07 - Reply

      Hey! Danke sehr!

      Über Le Puy reisen wir diesmal jedoch nicht. Wir wandern über Vézeley.
      Liebe Grüße

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