Tag 1201: Zwischen Himmel und Hölle

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Tag 1201: Zwischen Himmel und Hölle

Tag 1201: Zwischen Himmel und Hölle

 13.04.2017

 

Ich weiß, ich habe schon über viele Länder geschrieben, dass sie ambivalent sind und gleichzeitig unglaubliche Schönheit und abgrundtiefe Hässlichkeit bieten. Aber auf keines trifft das so sehr zu, wie auf England.

Größere Straßen sind unerträglich

Das letzte Mal, als ich uns die Strecken rausgesucht habe, habe bei dem Abschnitt für heute nicht richtig aufgepasst und einen längeren Abschnitt über kleine Landstraßen mit Mittelstreifen gelegt. In Frankreich waren wir ja bereits stets versucht gewesen, solche Straßen zu meiden, aber hier sind sie ganz und gar unerträglich. Aus irgendeinem Grund sind sie befahren wie bei uns die Bundesstraßen, dazu aber schmal und eng, so dass man jedes Mal den Fahrtwind im Nacken spürt, wenn man überholt wird. Der Asphalt ist größtenteils rauer als ein Kiesbett und reflektiert den Schall der Autos wie ein Megafon. Und doch leben hier Menschen. Keine Slums oder Wohnblöcke, bei denen man sagen könnte, die Menschen leben dort einfach, weil sie sonst nirgendwo etwas finden konnten Nein, gut gepflegte und größtenteils wunderschöne Familienhäuser mit erstklassigem Rasen, tollen Gärten, teilweise sogar Baumhäusern oder Spielhütten für Kinder, Parkanlagen und noblen, teuren, blank polierten Schlitten vor der Tür. Was in Bezug auf die Beliebtheit m Balkan das Tucktuck war, ist hier der Jaguar.

Und dann kam man wieder auf die kleinen Straßen, auf denen fast niemand mehr fuhr, schlängelte sich durch verwunschene Wälder, kam an einsamen,

Auf halbem Wege kamen wir in ein Gespräch mit einer Frau, die uns einiges über ihre Heimatregion erzählen konnte. Es sei bei weitem nicht die schönste Gegend von England, meinte sie und begründete dies ebenfalls hauptsächlich mit der Besiedlungsdichte. Je weiter man in Richtung Westen und Norden kam, desto schöner und angenehmer wurde es. Nur im Südosten sei es so schlimm.

Der überfüllte Süden

„Warum?“ wollte Heiko wissen, „Liegt es am Wetter? Kommen die Menschen, weil es hier warm ist und eine schöne Küste gibt?“

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„Nein!“ antwortete die Frau, „Die Menschen kommen zum Arbeiten. Mit den Schnellzügen ist man von hier aus in gerade einmal einer halben Stunde in London. Man gibt dann zwar unsinniger Weise ein Zehntel seines Gehaltes rein für den Zug aus, aber das ist es, was die Menschen hier machen.“

Und tatsächlich ist es von den verfügbaren Möglichkeiten sogar noch eine der humaneren. „Für eine kleine Einzimmerwohnung in London kann man sich hier ein ganzes Haus kaufen. Und dies ist eine wirklich teure Gegend! Im Norden Englands bekommt man eine ganze Straße mit Häusern für den gleichen Preis.“

Das erklärte natürlich auch, warum hier so viel Verkehr war. Fast jeder pendelte von irgendwo, nach irgendwo und wenn es nur zum Bahnhof für den Speed-Train war.

Sie selbst hatte mit ihrem Mann zusammen eine Firma, die viel mit dem Europäischen Ausland korrespondierte. Aufgrund der aktuellen politischen Lage waren sie jedoch gerade dabei, ihr Geschäft zu verkaufen, denn sie waren mit der Idee, das England aus der EU aussteigen wollte ganz und gar nicht einverstanden. Genau wie der Mann, den wir vor drei Tagen getroffen hatten, waren hatten auch sie bereits ihr Haus verkauft um nach Irland auszuwandern.

Englands Austritt aus der EU

Sie konnte uns jedoch ein paar Hintergrundinformationen erzählen, die uns bislang nicht bekannt waren. So wie es nach außen hin präsentiert wird, war die Entscheidung, sich von der EU zu trennen eine Entscheidung des Volkes. Das offizielle Ergebnis lautete 52% für die Trennung, 48% dagegen. Bedachte man jedoch, wie gering die Wahlbeteiligung bei der Entscheidung gewesen war, dann waren gerade einmal 37% der Gesamtbevölkerung für den Austritt. Im Grunde gab es also drei recht gleichgroße Parteien: Dafür, dagegen und egal. Die Wahlen waren dabei wohl etwas ähnlich abgelaufen, wie bei dem amerikanischen System. Das heißt, nicht jede Stimme wurde gleich bewertet, sondern es gab verschiedene Regionszugehörigkeiten, die sich jeweils anders auf das Ergebnis auswirkten. Kurz: Das System wurde bewusst undurchsichtig gehalten, so dass am Ende niemand so recht wusste, wer welche Meinung hatte und wer nicht. Das Ergebnis war, dass es nun eine Wahlentscheidung gab, die eigentlich die des Volkes sein sollte, hinter der aber niemand wirklich stand. Vor allem in Schottland musste die Unzufriedenheit mit dem Ergebnis wohl enorm sein. So groß sogar, dass in Schottland gerade über eine Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich diskutiert wurde. Ähnlich erging es den Nord-Iren. Nach der langen Zeit der Konflikte hatte Irland nicht das geringste Interesse daran, die kleine Insel wieder mit einer echten Grenze in zwei Hälften zu spalten. Daher wurden hier nun Diskussionen über eine Wiedervereinigung als Komplett-Irland angeregt, die dann aus dem vereinigten Königreich austreten und der EU erhalten bleiben würde.

 

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Campen in der Kirche

Zum übernachten bekamen wir heute zum dritten Mal in Folge ohne größere Komplikationen die Kirche angeboten. Leider teilen wir sie uns auch heute wieder mit dem Chor, was nicht unbedingt zur Entspannung beiträgt. Internet, Wagenreparaturen und Waschen scheinen Dinge zu sein, die hier noch mehr zu einem Problem werden, als in Frankreich. Aber man muss sagen, dass wir bislang immer eine schnelle Lösung gefunden haben. Und langsam gewöhnen wir uns auch daran, dass wir in Kirchen wohnen. Eine Frau vom Chor gestern hatte ihren Mitsängerinnen erklärt: „Das sind Pilger, die campen in der Kirche!“ Irgendwie eine nette Beschreibung. Lustig war aber vor allem ihre Verabschiedung: „Gute Nacht und bis nächste Woche!“ sagte sie und meinte damit, dass sie fest davon ausging, dass wir nun immer hier in der Kirche wohnen würden, so dass wir noch da waren, wenn der Chor das nächste Mal probte. 

Spruch des Tages: Der Himmel für die Augen, die Hölle für die Ohren

Höhenmeter: 610 m

Tagesetappe: 39 km

Gesamtstrecke: 22.050,27 km

Wetter: heiter bis wolkig und windig

Etappenziel: Kirche, TN22 Fletching, England

Bewertungen:

 

About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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