Tag 355: Bella Italia

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Tag 355: Bella Italia

Tag 355: Bella Italia

 Noch 2 Tage bis Weihnachten

 

Es ist geschehen! Wir haben Frankreich wieder einmal verlassen, dieses Mal auf unbestimmte Zeit. Von nun an heißt unser neues Zuhause Italien und ähnlich wie damals beim Grenzübertritt nach Spanien sehen wir dem neuen Land mit sehr gemischten Gefühlen entgegen.

Der Tag war ohnehin voller Deja Vus, die uns an vergangene Grenzübertritte erinnerten. Zunächst war da die Angst vor der neuen Sprache. Italienisch ist anders als wir gehofft hatten doch wieder ein völlig neues Terrain und so waren wir mit unserem Latein schnell am Ende. Oder besser gesagt mit unserem unschlagbaren Mangel an Latein. Noch saßen wir auf einer Parkbank am Strand von Menton und beschäftigten uns nur mit dem Übersetzungsprogramm in unserem Handy. Doch selbst damit waren wir überfordert. Als wir am Abend dann in Italien den ersten Kontakt mit den Einheimischen aufnahmen stellten wir fest, dass unsere Angst nicht übertrieben gewesen war. Wir waren auf gut Deutsch gesagt am Arsch, was die Sprache betraf. Und das sage ich nicht nur so flapsig dahin, weil ich lange keine Schimpfwörter mehr verwendet habe, es war wirklich genau das Gefühl das in uns aufkam. Wir standen vollkommen auf dem Schlauch, waren gefangen in einem sprachlichen Nirvana und hatten nicht die leiseste Ahnung, wie wir uns zurechtfinden sollten. Selbst das Wort für Deutsch ist soweit von allen Sprachen die ich kenne entfernt, dass ich es mir noch immer nicht merken konnte.

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Es war nicht im Mindesten das Gefühl, dass wir diese Sprache nicht lernen konnten, zumindest was ihre Grundzüge anbelangte. Wir kamen am Ende mit Französisch zurecht und wer das geschafft hatte, für den dürfte auch Italienisch kein Problem sein. Doch es würde seine Zeit dauern und bis dahin wurde es auf jeden Fall komplex. Vor allem, weil wir gleich an der wahrscheinlich schwierigsten Stelle das Land betraten.

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Doch zunächst war es noch nicht so weit. Wie damals beim Grenzübergang nach Portugal wurden wir auch dieses Mal wieder eine ganze Weile davon abgehalten, den Schritt in das neue Land zu machen. Denn gerade als der ehemalige Grenzwachposten in Sicht kam trafen wir auf Christian, einen jungen Fahrradreisenden aus Österreich. Er war 23 Jahre alt, versuchte es so gut wie möglich zu vermeiden seine Uni abzuschließen hatte mit Ausnahme von Monaco, Andorra, Spanien und Portugal bereits ganz Europa besucht. Diese letzten blinden Flecken auf seiner Landkarte wollte er nun auch endgültig füllen. Vor 11 Tagen war er aufgebrochen und fuhr nun mehr oder weniger die Strecke rückwärts, die wir seit Porto hierher gewandert waren. Wenn er mit Europa durch war, hatte er größere Pläne. Der größte davon war es einmal vom Nordpol zum Südpol zu fahren und zwar mit einer Art Amphibienfahrzeug, das man an Land wie ein Dreirad und auf dem Wasser wie ein Tretboot fahren konnte. Doch das Reisen war nicht seine einzige Leidenschaft. Er saugte Wissen auf wie ein Schwamm und wollte so weit wie möglich hinter die Fassade unserer Gesellschaft schauen. Er hatte bereits viel verstanden und es war für ihn nicht mehr möglich, das Leid, die Manipulationen und die Angstkontrolle zu ignorieren, die überall in unserer Gesellschaft präsent waren. Daraus resultierte eine große Wut auf die Menschheit an sich und auf diejenigen, die die Macht haben und nutzen, um alles so zu kontrollieren, wie es gerade ist. Auch dies war ein Grund dafür, warum er das Radfahren liebte. Auf diese Weise konnte er einen Teil der Wut aus sich hinaus strampeln.

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Kurze Zeit später verstanden wir umso deutlicher, warum der Junge wütend war, denn wenn man für längere Zeit an der Straße entlangfahren oder wandern musste, die nun folgte, dann konnte man schon etwas aggressiv werden. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass der Grenzübergang mit einem Schlag alles besser machen würde, doch dass es noch so viel schlimmer werden würde, das hätten wir nie geglaubt. Das Problem war, dass der Straßenbelag auf der italienischen Seite der Küste in einem miserablen Zustand war. Er war rau und zerfurcht, so dass die Autoreifen darauf den doppelten Lärm machten. Obwohl die Straße hier kleiner und der Verkehr sogar etwas schwächer war, war es nun so unerträglich laut, dass wir uns nicht einmal mehr durch anschreien verständigen konnten. Und dann kamen noch die Tunnel. Die Straße war an mehreren Stellen geradewegs durch den Berg gebaut worden. Auf den ersten Blick sah das positiv aus, weil es uns die extremen Aufstiege ersparte. Doch die Tunnel selbst entpuppten sich als wahre Ausgeburt der Hölle. Wenn es eine Hölle gibt, dann besteht sie darin, ewig durch einen solchen Tunnel wandern zu müssen. Es war dunkel, stickig und so laut, dass selbst ich kurz vor dem Durchdrehen war. Heiko hielt es nur aus, indem er sich die Ohren fest mit beiden Händen zupresste. Alle paar Meter drang Wasser in den Tunnel ein und verwandelte den Boden in eine schwarz-schleimige Rutschbahn. Zunächst dachte ich, es wäre einfach Schlamm, der hier hereingespült wurde, dann jedoch wurde mir klar, dass es sich um nassen Feinstaub aus den Auspuffrohren handelte, der eine Zentimeterdicke Schleimschicht am Boden des Tunnels gebildet hatte. Als wir ihn nach endlosen Zeiten wieder verlassen durften, dröhnten unsere Schädel schlimmer als nach einem Diskobesuch.

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Vor unserem ersten Tunnel trafen wir jedoch wieder einmal auf einen Radreisenden. Diesmal war er Australier und gerade auf dem Weg nach London. Damit war er nun schon der dritte Radreisende in nur drei Tagen und das nachdem wir zuvor für Ewigkeiten keinen anderen Reisenden mehr getroffen hatten. Der junge Mann war von Australien nach Kirgistan geflogen und war von dort aus über den Iran bis nach Europa gefahren. Was er über die arabischen Staaten erzählte, machte uns den nahen Osten noch einmal um einiges sympathischer. Die Gastfreundschaft in diesen Ländern musste wirklich unglaublich sein.

Als wir dann schließlich in Ventimiglia, unserer ersten italienischen Stadt standen, wurde es bereits dunkel. Da waren wir nun. Völlig planlos inmitten einer lauten, fremden und verwirrenden Stadt in der wir die Sprache nicht beherrschten. Unsere ersten Versuche nach einem Pfarrer zu fragen endeten in einem Desaster. Dann schließlich trafen wir einige Menschen, die Französisch konnten und uns den Weg zu Kathedrale zeigten. Freundlich waren sie, das musste man ihnen lassen! Auch der Pfarrer war ein wahres Zuckerstück und half uns ohne eine Sekunde zu zögern. Das Pilger hier eine Unterkunft bekamen war keine Frage und zu unserem Glück war der Geistliche ein wahres Sprachengenie. Er sprach Englisch, Französisch und Spanisch.

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Unser erster Tag nahm damit also ein gutes Ende. Doch die Küstenregion in der wir uns entlang der Hauptstraßen durchschlagen mussten, war nach den Informationen von Christian noch gute 140km lang. Es bleibt also nur zu hoffen, dass die Straßen in dieser Zeit wieder besser werden. Sonst wird Weihnachten dieses Jahr alles andere als eine ‚Stille Nacht’.

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Spruch des Tages: Wenn man so ganz allein im Walde steht, begreift man nur schwer, wozu man in Büros und Kinos geht und plötzlich will man all das nicht mehr. (Erich Kästner)

Höhenmeter: 330 m

Tagesetappe: 15 km

Gesamtstrecke: 6601,37 km

Bewertungen:

 
2016-02-18T23:54:49+00:00 Frankreich, Italien, Tagesberichte|

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