Tag 960: Endlich wieder Entspannung!

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Tag 960: Endlich wieder Entspannung!

Tag 960: Endlich wieder Entspannung!

04.08.2016

Am nächsten Morgen saßen wir noch lange mit unseren Gastgebern auf der Terrasse und frühstückten. Es war ein hervorragendes Frühstück, wie wir es schon seit Ewigkeiten nicht mehr hatten. Anschließend gab es noch ein paar Fotos mit unseren Gastgebern und unseren Wagen und dann brachen wir auf. Nach der Hetzfahrt durch die Ukraine war es zum ersten Mal wieder ein entspanntes und ruhiges Wandern, das wir richtig genießen konnten. Die ersten Kilometer gab es sogar einen Fahrradweg, der vollkommen eben auf einem Deich entlang führte und an den Autos nicht einmal auf hundert Meter heran durften. Das war Wandern, wie man es sich vorstellte! An einem schönen Platz im Schatten machten wir eine kleine Pause und testeten dabei aus, wie hoch meine Sanktion für die Zerstörung meines Pilgerwagens und alle anderen Schnitzer waren, die ich mir in den letzten Tagen geleistet hatte. Das Ergebnis war eindeutig: Es sollte eine 21 Minütige Brennessel-Behandlung geben. Sofort kam wieder die Angst in mir auf. Das letzte Mal hatten mich bereits drei Minuten für mehrere Tage ausgeknockt. Wie sollte es erst mit 21 Minuten werden? Gleichzeitig spürte ich aber auch eine Erleichterung darüber, dass mein Handeln nun wirklich eine fühlbare Konsequenz hatte. Es war ein bisschen, als hätte mein innerer Gedankensanktionator nun ein Memo mit der Nachricht bekommen: “Du kannst aufhören, dich zu dissen und zu hassen, die Sühne kommt gleich!”

An einem geschützten Ort im Wald suchte ich nun einige Sträuße an Brennesseln zusammen, die ich für das Ritual vorbereitete. Dann zog ich mich bis auf die Unterhose aus und ließ mich mit den Brennesseln von Heiko einreiben und auspeitschen, ähnlich wie man es nach einer Banja-Sauna mit den Birkenzweigen macht. Es war im Grunde keine harte oder gewaltvolle Aktion, doch sie löste einen gewaltigen Gefühlsschwall in mir aus. Alles, was ich an Gefühlen ständig in mir trug, aber immer unterdrückte, kam nun auf und wurde in der vollen Intensität fühlbar. Es war ein ständiger Wechsel zwischen Wut, Trauer und Verzweiflung. Dabei hatte ich immer wieder das Gefühl, hart und stark sein zu müssen, welches dann direkt von der Angst abgelöst wurde, es niemals durchstehen zu können. Immer wieder versuchte ich unbewusst auszuweichen um meiner Sanktion so zu entgehen. Ich verhielt mich also auch jetzt wieder genauso wie in den Fehlersituationen selbst. Scheiße bauen war ok, aber die Konsequenzen tragen nicht! 21 Minuten waren letztlich doch eine ganze Weile länger, als wir zunächst vermutete hatten und so gingen uns schließlich die Brennesseln aus. Während Heiko neue pflückte, übernahm ich einen Strauß, um mich damit selbst auszupeitschen. Kurz kam in mir der Impuls auf, dass ich nun schummeln und mich besonders sanft behandeln könnte, um die Sanktion etwas abzumildern. Doch mein Gefühl sagte etwas anderes und nach wenigen Minuten peitschte ich mich regelrecht in Rage. Ich hatte nun einen Weg gefunden, meinem Selbsthass ausdruck zu verleihen und es war ein befreiendes Gefühl, ihm nachgehen zu können.

Als die 21 Minuten vorrüber waren, heulte ich noch immer wie ein kleines Baby und wenn ich ehrlich bin, fühlte ich mich auch in etwa so. Heiko gab mir einen Moment für mich alleine, bis ich meine Gefühle wieder geordnet hatte. Dann zogen wir weiter. Die Folgen der Brennesseltherapie spürte ich jedoch noch den Rest des Tages, die Nacht und auch noch zwei Tage später. Aus irgendeinem Grund reagierte mein Körper wie die Seuche auf das Brennesselgift und nutzte es als Anstoß für eine ganze Reihe von Heilungs- und Ausleitungsprozessen. Im steten Wechsel war mir heiß und kalt. Ich frohr, obwohl wir mitten durch die sengende Sonne wanderten und nur wenige Minuten später begann ich wie wild zu schwitzen. Mein Keislauf spielte vollkommen verrückt und in regemäßigen Schüben begann mein Körper zu Jucken oder zu brennen. Dazu musste ich im Tackt von etwa fünf Minuten auf Klo. Langsam verstand ich, warum Brennesseln so erfolgreich zur Behandlung von Rheuma, Gicht, Verspannungen und Wassereinlagerungen angewendet wurden.

In unserem Zielort trafen wir an der Kirche auf einen evangelischen Pfarrer mit drei Kindern und einem Hund, der uns zum Essen und Übernachten einlud. Wir wurden herzlich aufgenommen und hätten sogar direkt mit im Haus schlafen können, doch das war uns ein wenig zu wuselig. Stattdessen zogen wir uns in das Veranstaltungshaus zurück, dass sich gegenüber des Pfarrhauses befand. Zuvor musste Heiko jedoch im Match gegen die Kinder noch einmal sein Können in Sachen Fußball unter Beweis stellen.

Spruch des Tages: Wenn wir gewusst hätten, dass Ungarn so eine Oase der Ruhe und Entspannung ist, wären wir doch schon viel früher hergekommen!

Höhenmeter: 80 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 17.310,27 km
Wetter: sonnig und heiß
Etappenziel: Ehemalige Grundschule, Michalok, Slowakei

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Bewertungen:

 
Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

One Comment

  1. Raphaela Lüttich 14. June 2019 at 3:31 - Reply

    Ich bin Krankenschwester und habe in meiner Nachtschicht euren Bericht gelesen. Köstlich! Ich habe mich sehr köstlich amüsiert. Ich werde öfter bei euch rein schauen.

    Raphaela lässt einen Gruß da

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